Großdemo in Stuttgart: Bilder & Bericht

indread 18.04.2004 18:49 Themen: Biopolitik
Für den 18.4.2004 hat das "Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft" zu einer Großdemo in Stuttgart aufgerufen. Ab diesem Tag wird die Kennzeichnug von Lebensmitteln mit gentechnisch verändertem Zutaten in der EU eingeführt.
Alles beginnt damit, dass der geneigte Aktivist um 2 Uhr 30 am Morgen ins Bett geht, wenig später (8 Uhr 45) wieder aufsteht, sich erstmal einen Kaffee kocht und eine Kippe dreht. Dann geht es daran, die Mitstreiter aufzuwecken, die den Wecker frech überhört haben. Doch nach lautstarkem Klopfen und Dancehall-Musik auf Regler-ganz-nach-rechts-dreh-Lautstärke dringen auch aus den Betten der Kollegen erste Verbalaktivitäten. Nachdem alle aufgestanden und mit Wasser in Berührung gekommen sind, gibt es erstmal Frühstück und eine weitere Zigarette für jeden. Jetzt noch schnell die Kamera in den Rucksack gepackt und ab ins Auto. Auf der Straße gen Stadtmitte treffen wir auf erste versprengte Teilnehmer der Treckersternfahrt. Sieht ja ganz manierlich aus, denken wir uns, suchen einen Parkplatz und bewegen uns in Richtung des Aufmarschorts Marienplatz / Tübingerstraße. Selbige Straße ist auch so ziemlich zugestellt mit Traktoren. Nicht schlecht. Doch am Marienplatz selbst stellt sich erstmal Ernüchterung ein. Es sind noch nicht viele da, und die meisten von denen, die schon da sind, wollen überteuerte Buttons loswerden. Also erstmal ein paar Transparente fotografieren und über das Hungergefühl im Bauch sinnieren. Ich würde jetzt gerne rauchen, wenn ich nicht zu faul zum drehen wäre. Ausserdem verbringen wir die meiste Zeit damit, kleinen, enthusiastischen Button-Verkäufern zu erklären, dass wir nur über geringe Geldreserven verfügen und wirklich keine der gelben Anstecker wollen. Inzwischen ist es fast 11, der Platz ist schon weitaus besser gefüllt, der Zug müsste gleich beginnen. Die Polizisten bereiten sich vor, indem sie schonmal martialisch gucken. 20 Minuten später ertönt dann endlich die Stimme des Chefordners, der mit geringem Erfolg versucht, die Zugreihenfolge zu erörtern. Trecker, Fronttranspi, Imker, Bauern, Verbraucher. Das klappt allerdings nicht so ganz, und es bricht Chaos aus. Bauern, Imker, Verbraucher, Greenpeace, Attac, alles durcheinander. Stört allerdings bis auf den Chefordner niemanden. Schliesslich, mit immerhin einer halben Stunde Verspätung, setzt sich der Zug unter den Klängen der Trommler in Bewegung. Einige Rastas haben sich hinter das Fronttranspi geklemmt und hüpfen ekstatisch und barfuß über die Straße. Selbige bleiben auch alle 100 Meter stehen, lassen sich von irritierten Imkern und Biobauern anrempeln, um dann unter Indianergeheul und nach Countdown wieder nach vorne zu rennen. Beim ersten Mal finden wir das ganze noch durchaus amüsant, doch beim fünften Mal haben auch wir genug. Bis auf die Rastas und die Trommler ist der ganze Zug auch ziemlich friedlich und geordnet, bis auf ein paar ältere Damen, die frustriert und unrhythmisch auf Kochtöpfe einschlagen. Einige Kiddies entdecken ein Reuters-Kamerateam und grinsen debil in die Kamera. Ausser Reuters konnte ich auch noch ein ZDF-Team, einen SWR-Radio-Van und ein paar Pressefotografen ausmachen. Es bleibt abzuwarten, wie die Medienresonanz sein wird.
Als der Zug das Stuttgarter Rathaus erreicht, ist der vor diesem gelegene Marktplatz bereits mit Treckern zugestellt, von denen einige mit Statements, andere mit eher bildnerischen Mitteln verziert sind.
Als wir schliesslich den Schlossplatz, an dem die Abschlusskundgebung stattfindet und auch die Infostände zu finden sind, erreichen, herrscht da noch ziemlich tote Hose. Ein Sprecher verkündet, dass sich die Kundgebung verschiebt, da der Zug länger als erwartet (die Zahl 20.000 macht die Runde) ist. Dann beginnt eine Band das Stück „Watermelon Man“, und im Schatten einer riesigen Gentomate stauben wir noch Aufkleber und anderen Lesestoff ab.
Nach einigem Verweilen gehen wir in Richtung Vegi Voodoo King, essen ein paar leckere Falaffeln, ziehen Resume und gehen wieder nach Hause.

Abschliessend kann man sagen, dass die Demo zwar kleiner, dafür aber (zumindest am Anfang des Zuges) auch um einiges lauter war als die am 3. April. Wie gesagt sollte man zuerst die Resonanz abwarten, aber ich denke, dass zumindest die Schleppersternfahrt (vielleicht auch wegen der Uhrzeit) auf recht wenig Interesse gestoßen ist. Uns hat das Ganze aber erheblich mehr Spaß gemacht wie im Zug bei den DGBlern am 3. April...
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Ergänzungen

Demo-Größe

GP 19.04.2004 - 17:55
20 000 ist übertrieben, laut offiziellen Greenpeace-Angaben waren es 10 000. trotzdem enorm, dass so viele auf die Straße gehen, um gegen diese unnötige Manipulierung zu demonstrieren.