VW - Flexibilisierung mit Kündigungen

Ralf Streck 18.04.2004 09:53 Themen: Globalisierung
Einem Arbeitskampf sieht sich VW bei der spanischen Tochter Seat ausgesetzt. VW droht mit Kündigungen, wenn die Arbeitszeit nicht weiter flexibilisiert wird. Am Freitag hat die Belegschaft gestreikt. CGT hat vier weitere Streiktage angekündigt.
Die Verhandlungen um den Tarifvertrag bei der spanischen VW-Tochter Seat sind festgefahren und treten heute (Freitag) in eine neue Phase. Die großen Gewerkschaften haben zu einem 24stündigen Streik aufgerufen, um Druck auf VW auszuüben. Wie überall im spanischen Staat versucht der Autokonzern auch hier eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit durchzusetzen. Sollte sich die Belegschaft einer Flexibilisierung ohne Kostenexplosion widersetzen, wären 600 Arbeitsplätze überflüssig, sagte das Mitglied der Firmenleitung Ramon Paredes. Seat hat die Entlassung von etwa vier Prozent der spanischen Belegschaft beantragt. Noch etwa 19.000 Menschen beschäftigt die VW-Tochter im spanischen Staat.

Bei den Verhandlungen am Mittwoch wurde erneut keine Annäherung erzielt. Wie aus Teilnehmerkreisen zu vernehmen war, macht man sich gegenseitig Vorwürfe. Die Firma habe sich „keinen Millimeter bewegt“ sagte Matías Carnero, Verantwortlicher der Arbeiterunion (UGT) bei Seat. VW wolle die Arbeitszeiten weiter auf dem Rücken der Beschäftigten flexibilisieren. Das bedeutet den Wegfall von Zuschlägen, Pausen und die Möglichkeit seinen Urlaub in einem bestimmten Zeitkorridor zu nehmen, sagte Carnero.

Tatsächlich soll, eine flexible Produktion ganz nach Bedürfnissen des Marktes eingeführt werden. Die Arbeiter sollen zwischen vier und sechs Tagen die Woche arbeiten. Mit Arbeitszeitkonten entfielen Überstundenzuschläge, die würden durch Freizeit entgolten, wenn die Nachfrage sinkt. Eine bezahlte 40minütige Pause und andere Errungenschaften entfielen. Damit will VW konkurrenzfähiger werden. Weltweit sollen 5000 Stellen gestrichen und vier Milliarden Euro eingespart werden.

Seat folgt damit dem Beispiel anderer Autofirmen. Auf die großen spanischen Gewerkschaften fällt nun zurück, dass sie bei Mercedes und VW der Flexibilisierung zugestimmt haben. Bei Mercedes im baskischen Gasteiz (spanisch Vitoria) wurde sie gegen den massiven Widerstand der baskischen Gewerkschaften zugedrückt. Mercedes hatte gedroht, die Produktion ausgerechnet ins ostdeutsche Werk Ludwigsfelde zu verlegen, wo doch die Lohn- und Lohnnebenkosten angeblich so hoch sind.

Drastisch ging auch VW im Tarifkonflikt im Werk Pamplona vor. Dort hatte die Firma bei der Regionalregierung von Navarra die Schließung des Werks während 21 Tagen vor den Verhandlungen beantragt. Betroffen vom Lohnausfall wären etwa 5000 Beschäftigte gewesen. Nachdem die spanischen Gewerkschaften, erneut gegen den Widerstand der Basken, der Flexibilisierung zustimmten, wurde der Antrag zurückgenommen. Die Spirale nach unten war in Gang gesetzt und so pocht nun auch die spanische Regierung im heftigen Konflikt mit den Werftarbeitern auf eine Flexibilisierung. Für die Verhandlungen bei Seat wurde im Vorfeld eine Drohkulisse aufgebaut. So hat VW im letzten Jahr zehn Prozent der Produktion des Ibiza aus dem katalanischen Werk Martorell ins neue Werk im slowakischen Bratislava verlegt.

Spanische Gewerkschaftsvertreter waren gestern in Wolfsburg, um mit der IG-Metall und dem Gesamtbetriebsrat zu reden. Der UGT-Verantwortliche Carnero erklärte, die Kollegen in Deutschland sollten davon überzeugt werden, die Rückverlagerung der Produktion nach Martorell und die Forderungen in den Tarifverhandlungen zu unterstützen: „Es hat mit den Abkommen von vor drei Jahren schon eine Flexibilisierung und Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit gegeben”, argumentierte Carnero in Wolfsburg.

Die kleinere anarchosyndikalistische Gewerkschaft CGT, die aus Tarifverhandlungen und der Deutschlandreise ausgeschlossen wurde, hat gestern zum Streik an den nächsten vier Samstagen aufgerufen. Die CGT beteiligt sich auch heute am Streik, kritisiert aber die Haltung der Arbeiterkommissionen (CCOO) und der UGT. Es sei wichtig die Verhandlungen und Mobilisierungen gemeinsam zu führen, argumentiert sie. Offenbar hat sie eine große Unterstützung in der Seat-Belegschaft. In einer Abstimmung im größten Seat-Werk in Martorell hat die CGT eine Mehrheit von etwa 90 Prozent für die vier Streiktage erhalten.

© Ralf Streck, Donostia-San Sebastian den 16.04.2004
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Bratislava

Norbert 18.04.2004 - 11:53
Jeder gegen jeden. Das Kapital gegen Alle.

Carnero erklärte, „es hat mit den Abkommen von vor drei Jahren schon eine Flexibilisierung und Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit gegeben”. Erbärmlich genug. Und wahrscheinlich haben die Gewerkschaften noch nicht genug für die "Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit" ihres Standorts getan.

Abgesehen davon, sind doch die Arbeiter in Bratislava auch darauf angewiesen, sich für das Kapital zu verdingen, um überleben zu können. Es ist also wurscht, wo VW produzieren lässt - oder wollen die spanischen Gewerkschaftler (inkl. der Anarcho-Syndikalisten), die so geil auf ihre Arbeitsplätze in Spanien sind, diese "auf Kosten" der slowakischen ArbeiterInnen erhalten, denen es - da wahrscheinlich arbeitslos/einkommenslos - noch schlechter geht.

Und das soll "solidarisch" oder radikal "anarcho-syndikalistisch" sein?

Es ist doch nur die alte und erbärmliche Standortlogik und die Unfähigkeit, den Klassenkampf als eine globale Einheit zu begreifen. Als ob es zwischen den ArbeiterInnen in Spanien und der Slovakei einen Unterschied gäbe.


Norbert

Recht hast du Norbert

Ralf 18.04.2004 - 12:55
Hallo Norbert.

Recht hast du. So wie die großen spanischen Gewerkschaften die Konflikte angehen, wird das nur immer weiter zur Spaltung führen. Sie haben ja schon ihre kämpferichen baskischen Kollegen abgewürgt.
Ab heute Abend gibts ne Aktualisierung des Artikels bei der jungen Welt oder bei Indy Schweiz und Österreich. Ich poste ihn hier nicht, damit sich einige Fundamentalisten sich nicht über das angebliche "crosspointing" aufzuregen brauchen. Nur soviel, 415 Leute hat VW gekündigt.

Billige Schnacks

Brian 18.04.2004 - 14:27
So etwas schreibt sich leicht, wenn es nicht um den eigenen Arbeitsplatz geht und man keine Familie zu ernähren hat. Radikalität die nichts kostet halt.

Radikale baskische Gewerkschaften?

no borders. no nations 18.04.2004 - 15:17
Was soll denn das Gerede von den angeblich irgendwie radikaleren "baskischen Gewerkschaften". Gewerkschaftliche Organisierung entlang von künstlichen Nationalitäten ist lediglich ein weiteres Instrument der Klassenspaltung. Die beiden baskisch-nationalistischen Gewerkschaften unterscheiden sich in ihrer täglichen Praxis kaum von den zahnlosen sozialdemokratischen Zentralverbänden UGT und Comisiones Obreras (CC.OO.). Wer den einen vorwirft, sie würden eine "Spanische Arbeitsplätze zuerst!"-Politik betreiben, kann mit noch viel mehr Recht den anderen nachsagen, dass sie diese Maxime durch ein noch dümmlich-kleinstaatlicheres "Baskische Arbeitsplätze zuerst!" ersetzt haben. Richtig übel wird das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ein Großteil der Opfer des baskischen Nationalismus (der lange Zeit ausschließlich eine Erfindung der baskischen Bourgeoisie zur Verbesserung der eigenen Geschäftsfähigkeit war) die überwiegend spanischsprachigen, aus dem Süden Spaniens immigrierten ArbeiterInnen sind. Spass an Folklore ist noch lange kein Grund, den baskischen Nationalismus zu verklären.

Es gibt einen Unterschied

Diskutant 18.04.2004 - 15:37
Die spanischen Gewerkschaften haben sich da selbst ins aus gespielt, keine Frage und ich hoffe, dass sie da wieder raus kommen, das klappt ja auch in Deutschland ganz gut, siehe IG-Metall und die optionale 40-Stunden Woche. Bei all diesen selstzerstörerischen Tendenzen in einer vermeintlich solidarischen Protestbewegung aus Interessengruppen, Parteien und Gewerkschaften, gibt es einen Unterschied zwischen dem einem Standort und einem Anderen. Die Arbeitsbedingungen, Produktionskosten und damit die Löhne der Arbeiter sind unterschiedlich.
Eine Egalhaltung an dieser Stelle ist fatal, sie befördert die sich stetig verschlechternden Arbeitsbedingungen, geringeren Löhne der Arbeiter und steigenden Gewinnen der Unternehmen. Das kann nicht unser Ziel sein oder glaubt jemand daran, dass dann die Revolution ein paar Tage früher losgeht?

@ Brian

Norbert 18.04.2004 - 15:44
Wenn es um den "eigenen" Arbeitsplatz geht und man eine Familie - und sich selbst wahrscheinlich auch noch - zu ernähren hat, also wenn man ein ganz normaler Arbeiter ist, dem nichts anderes übrig bleibt, als zu versuchen, seine Arbeitskraft zu verkaufen, dann ist es wohl vollkommen O.K. "Ausländer raus", denn je weniger Ausländer, desto mehr "freie" Arbeitsplätze und Arbeitsplätze "zuerst für mich, zuerst für uns Deutsche, Spanier, Basken ..." zu fordern?

Das ist eine Radikalität, die die Verewigung der Lohnarbeit, der Klassengesellschaft und des Staates kostet.

Es ist klar, dass es keine einfachen Antworten gibt und es für die ArbeiterInnen sehr schwierig ist, mit der Sitaution der Standortkonkurenz "umzugehen". Es wird uns aber nnichts anderes übrig bleiben, als eine internationalistische, besser antinationalistische Perspektive zu entwickeln.

Norbert

@Norbert

Brian 19.04.2004 - 01:42
Durch deine polemische Überspitzung machst du es dir etwas zu leicht. Kein Mensch hat etwas von "Ausländer raus" geschrieben, es ging um die Verlegung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer und die Kritik von Gewerkschaften als "Nationalistisch", die dagegen protestieren.