Brüllende Kontraste im anhaltendenden Krieg
Wie kontrastreich im Irak Fähigkeit zur Verständigung und Unversöhnlichkeit aufeinander prallen, zeigt sich auch an den jüngsten Entwicklungen bei den Geiselnahmen. In krassem Kontrast zur Freilassung der drei Menschen aus Japan steht im Augenblick die Tötung des italienischen Söldners Fabrizio Quattrocchi
Die drei japanischen Geiseln, um die wegen der Bilder, die sie zunächst unter schwerster Bedrohung zeigten, so gebangt wurde, kamen bedingungslos frei. Die Aufnahmen, die ihre Freilassung zeigen, beeindrucken. Tränen, die nicht nur Freudentränen zu sein scheinen, Verbeugungen, die nicht allein der Form halber stattfinden, ein nicht sehr orientalischer Händedruck, der aber ehrlich aussieht, so verlassen die Geiseln ihre Entführer. "Geht in Frieden und kommt wieder, wann immer ihr wollt" sollen die Entführer den Geiseln gesagt haben. "Wir erwarten euch in Fallujah, dann werdet ihr der Welt erzählen können, welches Gemetzel die Amerikaner provoziert haben". Das berichtet eine italienische Zeitung. Es mutet seltsam an, ist es aber nicht, auch nicht, wenn es woanders zur Tötung einer Geisel gekommen ist. Die Geiseln zeigen sich ausgesprochen selbstbewusst. Als Erstes weigern sie sich, das Land in dem für sie bereit gestellten C 130 Regierungsflieger zu verlassen. "Wir sind als freie Bürger ins Land gekommen und wollen dieses auch als freie Bürger verlassen", heißt es lapidar.
Noriaki Imai ist ein junger Forscher, der nach Irak gekommen war, um die Auswirkungen der Verseuchung durch abgereichertes Uran auf die Bevölkerung zu untersuchen. Nahoko Takato, die Kindergärtnerin ist, war in einem Projekt für Straßenkinder aktiv und Soichiro Kuriyama, freier Fotograf, wollte die Kriegsgräuel dokumentieren. Die Aussage der Drei sitzt. Die japanische Regierung hat sich schon wegen der Haltung der Angehörigen mächtig geärgert, die Weigerung der Drei, nun das Staatsflugzeug zu benutzen muss sich wie ein Affront angefühlt haben. Die Medien, die am Flughafen Narita schon warten, können die Bilder für die Inszenierung des vermeintlichen Sieges der Staatslinie nicht schießen. Eine der drei Geiseln konnte nur mit Mühe überzeugt werden, das Land überhaupt zu verlassen. Sie wollte gar nicht weg und alle drei wollen später offenbar wieder kommen.
Die Regierung Koizumi, deren Unnachgiebigkeit also nur scheinbar, bzw. offiziell gesiegt hat, hat in Wahrheit weit weniger, wenn nichts zur Freilassung der dreien beigetragen. Wesentlich etwas beigetragen könnten hingegen die Angehörigen der Geiseln, die sich gegen den Willen der Regierung in Bewegung setzten haben und direkte Kontakte zu den Entführern herstellten. Die Feststellung der wahren Identität der Geiseln und der Beweis, dass sie nicht in schmutzigen Besatzungsangelegenheiten verwickelt sind scheinen ein konkretes Kriterium der Geiselnehmer zu sein. Das mit allen Mitteln und zwar ganz direkt den Entführern gegenüber klarzustellen bemühten sich die Familien der drei offenbar von Anfang an, während die Regierung lautstark ihr Programm der Unbeugsamkeit verkündete.
Die Angehörigen der Geiseln übten unbeeindruckt Ungehorsam und schickten bald den Geiselnehmern ein Video. Darin appellierten sie nicht nur an ihre Barmherzigkeit; in dieser Videobotschaft teilten sie klar mit, dass sie sich von der Entscheidung der Regierung, Truppen zu stellen, distanzieren". Egal, wie oft es überhört wird: dieser ist ein Krieg, den Unzählige auf der ganzen Welt nicht wollen und die Geste der Drei ist bemerkenswert. Trotz dem, was sie durch gemacht haben, zeigen sie sich weiter dem Land verbunden, aus dem jene stammen, die sie peinigten und erteilen vielmehr der eigenen Regierung eine Absage, wo schon der Ungehprsam der Angehörigen so sehr irritiert hatte. Die Angehörigen waren in den vergangenen Tagen wegen ihren eigenständigen Initiativen (Direkte Selbstorganisation?) offenbar zum Schweigen gebracht worden. Masaru Oshima, eine Art offizieller Sprecher der Angehörigen bestätigt, dass das Faxgerät im improvisierten Büro weiterhin Drohungen und Beleidigungen am laufenden Band ausspuckt. "Das stimmt leider, unser Fax kotzt sehr üble Botschaften aus. Eine besagt sogar, dass es besser gewesen wäre, wenn sie unsere Kinder umgebracht hätten, weil sie so wenigstens ehrenhaft gestorben wären, anstatt mit ihren unverantwortlichen Haltungen das ganze Land in Verlegenheit zu bringen - eine andere Botschaft besagt, dass wir Angehörigen für alle Kosten aufkommen müssen sollten, einschließlich eines etwaigen Lösegeldes".
Die Freilassung erfolgte jedoch ohne jede Gegenleistung. Die Regierung versucht jetzt, die Weigerung der drei mit dem Regierungsflieger heimzukehren, herunterzuspielen. Zahlreiche Medien griffen derweil die Angehörigen der Geiseln öffentlich an, so etwa des konservative Blatt Yomiuri: "Wir haben Verständnis für den Schmerz und die Sorge der Familien, aber dann wäre es besser gewesen, wenn sie geschwiegen hätten, statt ihre persönlichen Interessen vor die Interessen des Staates des Staates zu stellen". Die beiden sich weiter in den Händen von Entführern befindlichen Geiseln sind den Medien hingegen keine Schlagzeilen auf den ersten Seiten wert: Der humanitäre Helfer Nobutaka Watanabe und der freie Journalist Junpei Yasuda, beide als entschiedene Gegner der Versendung japanischer Truppen bekannt, sind immer noch gefangen. Ihre Situation findet keinen erkennbaren Platz neben der Nachricht der Freilassung der Dreiergruppe. Nicht die Nachricht der Freilassung der Drei begleitet die offene Frage nach den verbliebenen japanischen Geiseln, sondern Berichterstattung über das Dilemma mit der seit einigen Monaten blockierten Einfuhr US-Amerikanischer Steaks, welche die USA jetzt endlich wieder anfangen möchten zu verkaufen. Wie auch immer, den dreien, die jetzt frei gelassen wurden, zolle ich höchste Achtung und ihren Familien auch.
In krassem Kontrast zur Freilassung der drei Menschen aus Japan steht zum Anderen die Tötung des italienischen Söldners Fabrizio Quattrocchi. Obschon die Bilder, die seinen Tod dokumentieren, weiterhin unter Verschluss bleiben, wurden die konkret darin gezeigten Umstände seiner Tötung jetzt bekannt. 47 Sekunden. Zwei Schüsse, aber kein Genickschuss. Immerhin kein Gemetzel, wie mehrfach vermutet wurde, aber dennoch ein wahrlich dramatischer Tod. Der Grund für al-Jazeera, die ihm zugespielte Videoaufnahme nicht frei zu geben, war der, der offiziell auch bekannt wurde, nicht aber der Inhalt des Films, wie ihn viele Berichterstatter gestern aufgrund von Mutmaßungen propagierten.
Imad el-Atrache ist Journalist. Heute ist er Vizechef der Auslandsabteilung al-Jazeeras. Er hat früher in Italien studiert. In Mailand. Er versteht die italienische Sprache. El-Atrache beschäftigt sich am Tag des Erhalts der Aufnahmen bis in die Nacht mit ihnen. Zeitlupe vor, Zeitlupe zurück, Standbilder... Der italienischen Zeitung La Repubblica hat er erzählt, was er gesehen hat und wie es zur Entscheidung, die Bilder nicht öffentlich zu machen gekommen sein soll. "Wir haben keinen Zweifel gehabt", so El-Atrache. "Wir haben uns gesagt: nein, dass wir das nicht konnten (zeigen konnten, d.Ü.). Weil jene Bilder etwas dokumentierten, was al-Jazeera willentlich nie gezeigt hat: Die Exekutierung von jemanden, der jenseits jedweder Überlegung, die sich anstellen ließe, vor Allem ein menschliches Wesen ist und bleibt...".
Nach Angaben von La Repubblica fällt die erbetene Schilderung des Inhalts des Videobandes dem nachhaltig schockierten 34-Jährigen schwer. El-Atrache erzählt, was er gesehen hat. Der Film ist ganze 47 Sekunden Lang. Das Auge der Kamera hat so gut wie nichts anderes als das Opfer Fabrizio Quattrocchi festgehalten. Rückschlüsse auf eine tatsächliche Anwesenheit von seinen Kollegen sind klar unmöglich. Vielfach nahmen Informationskonsumenten gestern aber genau Derartiges zur Kenntnis. Der Mann sei unter den Augen seiner Kameraden exekutiert worden, die Männer seien gezwungen gewesen, ein Loch zu graben. Möglich. Aber nicht durch das Band erwiesen, das al-Jazeera zugespielt wurde.
Die Kamera zeigt nach Aussage el-Atraches den knienden Quattrocchi. Vor ihm, der Mann, der ihn töten wird. Die ersten Bilder zeigen offenbar eine schwarzweißkarierte Kefia, ein Palästinensertuch. Das Tuch ist fest um den Kopf Quattrocchis gewickelt, dicht genug über den Augen, um ihm keinerlei Sicht zu ermöglichen. Unterhalb der Augenpartie sitzt das Tuch locker genug, um ihn ungehindert atmen und sprechen zu lassen. Er trägt die gleichen Kleidungsstücke, die er am Tag seiner Gefangennahme trug. El-Atrache sagt, dass er seinen Namen auf seine Kleidung geschrieben hat. Quattrocchi kniet, er sieht nichts und sagt nichts. Seine Handgelenke sind gefesselt, das beugt den Körper, zwingt ihn in die Pose der Gedemütigten.
Dann erscheint laut el-Atraches Schilderung ein gestreckter Arm, die Hand hält eine kleinkalibrige Pistole. El-Atrache vermutet, dass Quattrocchi spürt, dass sein Mörder vor ihm steht. Er richtet seinen Oberkörper auf und sagt: "Jetzt zeige ich dir, wie ein Italiener stirbt". Er setzt an, um mit den gefesselten Händen das Tuch abzunehmen. Sagt noch: "Kann ich...", und ist schon tot. Während er spricht, treffen ihn zwei Schüsse, die auf seine linke Schläfe gerichtet waren. Sein letzter Wille bleibt unerhört und unverstanden. So wenig, wie er Arabisch konnte, konnten seine Henker Italienisch, davon ist auszugehen. Eine Tragödie in dieser Tragödie ist, wie wenig die Menschen, die sich in dieser Situation gegenüber gestanden haben imstande und willens waren, sich zu verständigen. 47 Sekunden, die zum Dokument einer dramatischen, beidseitig gelebten Unversöhnlichkeit wurden.
Quattrocchi kippt zur Seite, die Arme, die er erhoben hatte, um die Kopfbedeckung, die er nicht wollte, abzunehmen, sinken, anschließend fällt er vornüber zu Boden. Die Kamera wird ausgeschaltet. Die nächsten Bilder zeigen, wie Quattrocchi in Seitenlage von einem Mann zur Grube gestreift wird, in die er dann hinein gelegt wird. Der Mann ist nicht zu sehen, nur ein schmutziger Schuh, an dem Erde klebt. Die Grube ist kaum mehr als 20 cm. tief, schätzt el-Atrache. Erneut wird die Kamera abgeschaltet. Knapp 35 Sekunden des Films sind bis jetzt abgelaufen. Dann sieht man, wie sein Gesicht frei gelegt wird. Die schwarzweiße Kefia ist gelöst worden. Quattrocchis Gesicht ist im Profil von links zu sehen, die Schussverletzungen bleiben daher unsichtbar. Seine Augen sind geschlossen, seine Arme sind über den Oberkörper gefaltet. Der Kopf liegt in der Erde, die Kamera harrt noch einen Moment aus, als wolle sie sicher gehen, dass bei den Empfängern der Aufnahmen keine Zweifel über die Tötung und die Identität des Opfers aufkommen, sagt el-Atraches.
So viel zur Art und Weise, wie Quattrocchi gestorben sein soll. Sein Tod ist nicht deshalb weniger tragisch, weil die Bilder nicht im Kettensägenmassakerstil daher kommen, ganz im Gegenteil - aber wenn von Grauen gesprochen wird, sollten nie Fantasieprodukte an Stelle des Tatsächlichen treten, wie es gestern in manchem Medienbericht der Fall war. Zahlreiche Medien haben auf die Nichtveröffentlichung des Videobandes mit der Ausschmückung eben dieser Nichtveröffentlichung reagiert und dafür zahlreiche Formulierungen gewählt, die ein sehr blutiges Vorgehen vermuten ließen oder suggerierten. So, wie mancherorts berichtet, war es aber nicht, wenn die Schilderungen el-Atraches stimmen. Das Band zeigt grundsätzlich die Grausamkeit einer Hinrichtung - eine Grausamkeit in sich. Sonst nichts. Ob die anderen damit gequält wurden, ist denkbar, es kann aber anhand der Aufnahmen nicht gesagt werden.
Was das Band darüber hinaus für immer festgehalten hat, ist die Unversöhnlichkeit von Menschen, wenn sie einander restlos verachten, wie es zwischen Söldnern und diesen Kombattanten der Fall zu sein scheint. Quattrocchi war ziemlich sicher nicht als Nahkampframbo unterwegs. Das ist die Söldnerklasse, die aus Elitepolizeien und -Armeen stammt. Die Italiener waren anderweitig "spezialisiert". Vieles deutet darauf hin, dass die Geiselnehmer ihn und seine Kollegen aus guten Gründen für Spionagebetreiber halten. Dass mindestens zwei der italienischen Abenteurer, nach dem, was sich aus ihren Lebensläufen ableiten lässt, für ein solches operatives Niveau wie das, was ihnen der Ausstattung, die bei ihnen gefunden wurde nach, zugeschrieben werden kann, gar nicht tauglich sind, wissen sie sehr wahrscheinlich gar nicht. Womöglich waren die vier bloß eine Art logistisches Team zur Unterstützung von echten Profis. Diamantspitzen des viele Tausend Männer starken Söldnerheeres sind sie jedenfalls nicht. Freunde Quattrocchis, die alle beruflich ähnlich geneigt sind, haben sich in der Heimat inzwischen sogar mit einer öffentlichen Stellungnahme vielmehr für die Bezeichnung "Schlachtvieh" entschieden, was aber nichts an ihrem Söldnerstatus ändert.
Dass die Geiselnehmer die vier, ihrer Ausstattung nach nicht unberechtigt, zu 100% für Spionagearbeiter halten, steht jedenfalls fest. Sie hatten neben Waffen und Munition tatsächlich allerlei Agentenrüstzeug bei sich. Informationelle Dienste sollen zudem ein Geschäftsschwerpunkt der Firma sein, für die sie tätig waren. Eine Klärung ihrer wahren Tätigkeit in der Öffentlichkeit wird wohl nicht mehr möglich sein, so viel steht fest. Die Geschichte um diese Geiseln hat längst gezeigt, dass sie alle Voraussetzungen für ein Kriminalroman besitzt. Weil sie im Westen im Namen von bestimmten Interessen offenbar zum geheimnisumwobenen Kriminalroman gemacht wird, wodurch die letzten Chancen für rettende Transparenz endgültig vertan zu sein scheinen. Die Geiselnehmer haben sich für die Unversöhnlichkeit zu verantworten, wegen der sie Quattrocchi getötet haben, nicht aber für das, was ihn zum Söldner gemacht hat. Und das hat sich als eine tragische und üble Geschichte erwiesen, die unabhängig von den Problemen mit religiösen Fundamentalismen ganz auf das Konto von schweren sozialen und politischen Missständen ganz bei uns geht, die aber einen extra Bericht bräuchte, um im Detail geschildert zu werden, weshalb ich sie hier nur andeute.
Der Söldnerstatus der vier scheint jedenfalls eindeutig der ultimative Grund für den Tod Quattrocchis gewesen zu sein. Alles deutet darauf hin, dass der Hass auf diese "nicht reguläre" Armada, die sich im ganzen Land breit gemacht hat, abgrundtief geworden ist. Die Unversöhnlichkeit, die zum showdown für Quattrocchi geführt hat, hat ihm wohl eindeutig als Söldner und Handlanger gegolten. Zum Glück scheint sie für und gegenüber Geiseln, die wirklich Zivilisten und freundschaftlich gesinnte Menschen sind, nicht zu gelten. Dieser Tod (mitsamt des ganzen Geschäfts dahinter) und die Freilassung der japanischen Freunde des Friedens und des konstruktiven Miteinanders (mitsamt der ganzen Courage dahinter) stehen so in einem schier tosenden Kontrast nebeneinander. Es ist so gekommen, wie alle kritischen Beobachter befürchteten. Aufgrund von ungleich besprochenen Zuständen und Tatsachen. Die privaten Interessen, deren gewaltsame Durchsetzung bzw. Verteidigung so sehr auch durch die vielen Söldner verkörpert werden sind keine Nebensache, und neben toten Soldaten und Söldnern in der ganzen Welt liegen weiterhin noch weit mehr unschuldige Opfer regulärer und irregulärer Armeen und Warlords aller Couleur, als wir je zählen werden können. Wenn die Ereignisse dieser Tage uns ermahnen, dann, weil sie den Wahnsinn dessen, was sich abspielt, besonders eindrucksvoll verdeutlichen und ihn uns ziemlich brutal in Erinnerung gebracht haben.
Noriaki Imai ist ein junger Forscher, der nach Irak gekommen war, um die Auswirkungen der Verseuchung durch abgereichertes Uran auf die Bevölkerung zu untersuchen. Nahoko Takato, die Kindergärtnerin ist, war in einem Projekt für Straßenkinder aktiv und Soichiro Kuriyama, freier Fotograf, wollte die Kriegsgräuel dokumentieren. Die Aussage der Drei sitzt. Die japanische Regierung hat sich schon wegen der Haltung der Angehörigen mächtig geärgert, die Weigerung der Drei, nun das Staatsflugzeug zu benutzen muss sich wie ein Affront angefühlt haben. Die Medien, die am Flughafen Narita schon warten, können die Bilder für die Inszenierung des vermeintlichen Sieges der Staatslinie nicht schießen. Eine der drei Geiseln konnte nur mit Mühe überzeugt werden, das Land überhaupt zu verlassen. Sie wollte gar nicht weg und alle drei wollen später offenbar wieder kommen.
Die Regierung Koizumi, deren Unnachgiebigkeit also nur scheinbar, bzw. offiziell gesiegt hat, hat in Wahrheit weit weniger, wenn nichts zur Freilassung der dreien beigetragen. Wesentlich etwas beigetragen könnten hingegen die Angehörigen der Geiseln, die sich gegen den Willen der Regierung in Bewegung setzten haben und direkte Kontakte zu den Entführern herstellten. Die Feststellung der wahren Identität der Geiseln und der Beweis, dass sie nicht in schmutzigen Besatzungsangelegenheiten verwickelt sind scheinen ein konkretes Kriterium der Geiselnehmer zu sein. Das mit allen Mitteln und zwar ganz direkt den Entführern gegenüber klarzustellen bemühten sich die Familien der drei offenbar von Anfang an, während die Regierung lautstark ihr Programm der Unbeugsamkeit verkündete.
Die Angehörigen der Geiseln übten unbeeindruckt Ungehorsam und schickten bald den Geiselnehmern ein Video. Darin appellierten sie nicht nur an ihre Barmherzigkeit; in dieser Videobotschaft teilten sie klar mit, dass sie sich von der Entscheidung der Regierung, Truppen zu stellen, distanzieren". Egal, wie oft es überhört wird: dieser ist ein Krieg, den Unzählige auf der ganzen Welt nicht wollen und die Geste der Drei ist bemerkenswert. Trotz dem, was sie durch gemacht haben, zeigen sie sich weiter dem Land verbunden, aus dem jene stammen, die sie peinigten und erteilen vielmehr der eigenen Regierung eine Absage, wo schon der Ungehprsam der Angehörigen so sehr irritiert hatte. Die Angehörigen waren in den vergangenen Tagen wegen ihren eigenständigen Initiativen (Direkte Selbstorganisation?) offenbar zum Schweigen gebracht worden. Masaru Oshima, eine Art offizieller Sprecher der Angehörigen bestätigt, dass das Faxgerät im improvisierten Büro weiterhin Drohungen und Beleidigungen am laufenden Band ausspuckt. "Das stimmt leider, unser Fax kotzt sehr üble Botschaften aus. Eine besagt sogar, dass es besser gewesen wäre, wenn sie unsere Kinder umgebracht hätten, weil sie so wenigstens ehrenhaft gestorben wären, anstatt mit ihren unverantwortlichen Haltungen das ganze Land in Verlegenheit zu bringen - eine andere Botschaft besagt, dass wir Angehörigen für alle Kosten aufkommen müssen sollten, einschließlich eines etwaigen Lösegeldes".
Die Freilassung erfolgte jedoch ohne jede Gegenleistung. Die Regierung versucht jetzt, die Weigerung der drei mit dem Regierungsflieger heimzukehren, herunterzuspielen. Zahlreiche Medien griffen derweil die Angehörigen der Geiseln öffentlich an, so etwa des konservative Blatt Yomiuri: "Wir haben Verständnis für den Schmerz und die Sorge der Familien, aber dann wäre es besser gewesen, wenn sie geschwiegen hätten, statt ihre persönlichen Interessen vor die Interessen des Staates des Staates zu stellen". Die beiden sich weiter in den Händen von Entführern befindlichen Geiseln sind den Medien hingegen keine Schlagzeilen auf den ersten Seiten wert: Der humanitäre Helfer Nobutaka Watanabe und der freie Journalist Junpei Yasuda, beide als entschiedene Gegner der Versendung japanischer Truppen bekannt, sind immer noch gefangen. Ihre Situation findet keinen erkennbaren Platz neben der Nachricht der Freilassung der Dreiergruppe. Nicht die Nachricht der Freilassung der Drei begleitet die offene Frage nach den verbliebenen japanischen Geiseln, sondern Berichterstattung über das Dilemma mit der seit einigen Monaten blockierten Einfuhr US-Amerikanischer Steaks, welche die USA jetzt endlich wieder anfangen möchten zu verkaufen. Wie auch immer, den dreien, die jetzt frei gelassen wurden, zolle ich höchste Achtung und ihren Familien auch.
In krassem Kontrast zur Freilassung der drei Menschen aus Japan steht zum Anderen die Tötung des italienischen Söldners Fabrizio Quattrocchi. Obschon die Bilder, die seinen Tod dokumentieren, weiterhin unter Verschluss bleiben, wurden die konkret darin gezeigten Umstände seiner Tötung jetzt bekannt. 47 Sekunden. Zwei Schüsse, aber kein Genickschuss. Immerhin kein Gemetzel, wie mehrfach vermutet wurde, aber dennoch ein wahrlich dramatischer Tod. Der Grund für al-Jazeera, die ihm zugespielte Videoaufnahme nicht frei zu geben, war der, der offiziell auch bekannt wurde, nicht aber der Inhalt des Films, wie ihn viele Berichterstatter gestern aufgrund von Mutmaßungen propagierten.
Imad el-Atrache ist Journalist. Heute ist er Vizechef der Auslandsabteilung al-Jazeeras. Er hat früher in Italien studiert. In Mailand. Er versteht die italienische Sprache. El-Atrache beschäftigt sich am Tag des Erhalts der Aufnahmen bis in die Nacht mit ihnen. Zeitlupe vor, Zeitlupe zurück, Standbilder... Der italienischen Zeitung La Repubblica hat er erzählt, was er gesehen hat und wie es zur Entscheidung, die Bilder nicht öffentlich zu machen gekommen sein soll. "Wir haben keinen Zweifel gehabt", so El-Atrache. "Wir haben uns gesagt: nein, dass wir das nicht konnten (zeigen konnten, d.Ü.). Weil jene Bilder etwas dokumentierten, was al-Jazeera willentlich nie gezeigt hat: Die Exekutierung von jemanden, der jenseits jedweder Überlegung, die sich anstellen ließe, vor Allem ein menschliches Wesen ist und bleibt...".
Nach Angaben von La Repubblica fällt die erbetene Schilderung des Inhalts des Videobandes dem nachhaltig schockierten 34-Jährigen schwer. El-Atrache erzählt, was er gesehen hat. Der Film ist ganze 47 Sekunden Lang. Das Auge der Kamera hat so gut wie nichts anderes als das Opfer Fabrizio Quattrocchi festgehalten. Rückschlüsse auf eine tatsächliche Anwesenheit von seinen Kollegen sind klar unmöglich. Vielfach nahmen Informationskonsumenten gestern aber genau Derartiges zur Kenntnis. Der Mann sei unter den Augen seiner Kameraden exekutiert worden, die Männer seien gezwungen gewesen, ein Loch zu graben. Möglich. Aber nicht durch das Band erwiesen, das al-Jazeera zugespielt wurde.
Die Kamera zeigt nach Aussage el-Atraches den knienden Quattrocchi. Vor ihm, der Mann, der ihn töten wird. Die ersten Bilder zeigen offenbar eine schwarzweißkarierte Kefia, ein Palästinensertuch. Das Tuch ist fest um den Kopf Quattrocchis gewickelt, dicht genug über den Augen, um ihm keinerlei Sicht zu ermöglichen. Unterhalb der Augenpartie sitzt das Tuch locker genug, um ihn ungehindert atmen und sprechen zu lassen. Er trägt die gleichen Kleidungsstücke, die er am Tag seiner Gefangennahme trug. El-Atrache sagt, dass er seinen Namen auf seine Kleidung geschrieben hat. Quattrocchi kniet, er sieht nichts und sagt nichts. Seine Handgelenke sind gefesselt, das beugt den Körper, zwingt ihn in die Pose der Gedemütigten.
Dann erscheint laut el-Atraches Schilderung ein gestreckter Arm, die Hand hält eine kleinkalibrige Pistole. El-Atrache vermutet, dass Quattrocchi spürt, dass sein Mörder vor ihm steht. Er richtet seinen Oberkörper auf und sagt: "Jetzt zeige ich dir, wie ein Italiener stirbt". Er setzt an, um mit den gefesselten Händen das Tuch abzunehmen. Sagt noch: "Kann ich...", und ist schon tot. Während er spricht, treffen ihn zwei Schüsse, die auf seine linke Schläfe gerichtet waren. Sein letzter Wille bleibt unerhört und unverstanden. So wenig, wie er Arabisch konnte, konnten seine Henker Italienisch, davon ist auszugehen. Eine Tragödie in dieser Tragödie ist, wie wenig die Menschen, die sich in dieser Situation gegenüber gestanden haben imstande und willens waren, sich zu verständigen. 47 Sekunden, die zum Dokument einer dramatischen, beidseitig gelebten Unversöhnlichkeit wurden.
Quattrocchi kippt zur Seite, die Arme, die er erhoben hatte, um die Kopfbedeckung, die er nicht wollte, abzunehmen, sinken, anschließend fällt er vornüber zu Boden. Die Kamera wird ausgeschaltet. Die nächsten Bilder zeigen, wie Quattrocchi in Seitenlage von einem Mann zur Grube gestreift wird, in die er dann hinein gelegt wird. Der Mann ist nicht zu sehen, nur ein schmutziger Schuh, an dem Erde klebt. Die Grube ist kaum mehr als 20 cm. tief, schätzt el-Atrache. Erneut wird die Kamera abgeschaltet. Knapp 35 Sekunden des Films sind bis jetzt abgelaufen. Dann sieht man, wie sein Gesicht frei gelegt wird. Die schwarzweiße Kefia ist gelöst worden. Quattrocchis Gesicht ist im Profil von links zu sehen, die Schussverletzungen bleiben daher unsichtbar. Seine Augen sind geschlossen, seine Arme sind über den Oberkörper gefaltet. Der Kopf liegt in der Erde, die Kamera harrt noch einen Moment aus, als wolle sie sicher gehen, dass bei den Empfängern der Aufnahmen keine Zweifel über die Tötung und die Identität des Opfers aufkommen, sagt el-Atraches.
So viel zur Art und Weise, wie Quattrocchi gestorben sein soll. Sein Tod ist nicht deshalb weniger tragisch, weil die Bilder nicht im Kettensägenmassakerstil daher kommen, ganz im Gegenteil - aber wenn von Grauen gesprochen wird, sollten nie Fantasieprodukte an Stelle des Tatsächlichen treten, wie es gestern in manchem Medienbericht der Fall war. Zahlreiche Medien haben auf die Nichtveröffentlichung des Videobandes mit der Ausschmückung eben dieser Nichtveröffentlichung reagiert und dafür zahlreiche Formulierungen gewählt, die ein sehr blutiges Vorgehen vermuten ließen oder suggerierten. So, wie mancherorts berichtet, war es aber nicht, wenn die Schilderungen el-Atraches stimmen. Das Band zeigt grundsätzlich die Grausamkeit einer Hinrichtung - eine Grausamkeit in sich. Sonst nichts. Ob die anderen damit gequält wurden, ist denkbar, es kann aber anhand der Aufnahmen nicht gesagt werden.
Was das Band darüber hinaus für immer festgehalten hat, ist die Unversöhnlichkeit von Menschen, wenn sie einander restlos verachten, wie es zwischen Söldnern und diesen Kombattanten der Fall zu sein scheint. Quattrocchi war ziemlich sicher nicht als Nahkampframbo unterwegs. Das ist die Söldnerklasse, die aus Elitepolizeien und -Armeen stammt. Die Italiener waren anderweitig "spezialisiert". Vieles deutet darauf hin, dass die Geiselnehmer ihn und seine Kollegen aus guten Gründen für Spionagebetreiber halten. Dass mindestens zwei der italienischen Abenteurer, nach dem, was sich aus ihren Lebensläufen ableiten lässt, für ein solches operatives Niveau wie das, was ihnen der Ausstattung, die bei ihnen gefunden wurde nach, zugeschrieben werden kann, gar nicht tauglich sind, wissen sie sehr wahrscheinlich gar nicht. Womöglich waren die vier bloß eine Art logistisches Team zur Unterstützung von echten Profis. Diamantspitzen des viele Tausend Männer starken Söldnerheeres sind sie jedenfalls nicht. Freunde Quattrocchis, die alle beruflich ähnlich geneigt sind, haben sich in der Heimat inzwischen sogar mit einer öffentlichen Stellungnahme vielmehr für die Bezeichnung "Schlachtvieh" entschieden, was aber nichts an ihrem Söldnerstatus ändert.
Dass die Geiselnehmer die vier, ihrer Ausstattung nach nicht unberechtigt, zu 100% für Spionagearbeiter halten, steht jedenfalls fest. Sie hatten neben Waffen und Munition tatsächlich allerlei Agentenrüstzeug bei sich. Informationelle Dienste sollen zudem ein Geschäftsschwerpunkt der Firma sein, für die sie tätig waren. Eine Klärung ihrer wahren Tätigkeit in der Öffentlichkeit wird wohl nicht mehr möglich sein, so viel steht fest. Die Geschichte um diese Geiseln hat längst gezeigt, dass sie alle Voraussetzungen für ein Kriminalroman besitzt. Weil sie im Westen im Namen von bestimmten Interessen offenbar zum geheimnisumwobenen Kriminalroman gemacht wird, wodurch die letzten Chancen für rettende Transparenz endgültig vertan zu sein scheinen. Die Geiselnehmer haben sich für die Unversöhnlichkeit zu verantworten, wegen der sie Quattrocchi getötet haben, nicht aber für das, was ihn zum Söldner gemacht hat. Und das hat sich als eine tragische und üble Geschichte erwiesen, die unabhängig von den Problemen mit religiösen Fundamentalismen ganz auf das Konto von schweren sozialen und politischen Missständen ganz bei uns geht, die aber einen extra Bericht bräuchte, um im Detail geschildert zu werden, weshalb ich sie hier nur andeute.
Der Söldnerstatus der vier scheint jedenfalls eindeutig der ultimative Grund für den Tod Quattrocchis gewesen zu sein. Alles deutet darauf hin, dass der Hass auf diese "nicht reguläre" Armada, die sich im ganzen Land breit gemacht hat, abgrundtief geworden ist. Die Unversöhnlichkeit, die zum showdown für Quattrocchi geführt hat, hat ihm wohl eindeutig als Söldner und Handlanger gegolten. Zum Glück scheint sie für und gegenüber Geiseln, die wirklich Zivilisten und freundschaftlich gesinnte Menschen sind, nicht zu gelten. Dieser Tod (mitsamt des ganzen Geschäfts dahinter) und die Freilassung der japanischen Freunde des Friedens und des konstruktiven Miteinanders (mitsamt der ganzen Courage dahinter) stehen so in einem schier tosenden Kontrast nebeneinander. Es ist so gekommen, wie alle kritischen Beobachter befürchteten. Aufgrund von ungleich besprochenen Zuständen und Tatsachen. Die privaten Interessen, deren gewaltsame Durchsetzung bzw. Verteidigung so sehr auch durch die vielen Söldner verkörpert werden sind keine Nebensache, und neben toten Soldaten und Söldnern in der ganzen Welt liegen weiterhin noch weit mehr unschuldige Opfer regulärer und irregulärer Armeen und Warlords aller Couleur, als wir je zählen werden können. Wenn die Ereignisse dieser Tage uns ermahnen, dann, weil sie den Wahnsinn dessen, was sich abspielt, besonders eindrucksvoll verdeutlichen und ihn uns ziemlich brutal in Erinnerung gebracht haben.
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Ergänzungen
Blackwater zieht offenbar Männer zurück
Zum Geschäftsumfang, das maßgeblich zur Söldnerschwemme im Irak beigetragen hat, hier etwas:
Quattrochi war ein Gangster
GENOVA/BERLIN/BAGDAD (Eigener Bericht) - Der im Irak erschossene italienische Kombattant Quattrochi war Mitglied einer internationalen Söldnerorganisation, in deren Führung ein deutscher Staatsbürger arbeitet, ein Gründungsmitglied der Organisation. Mitglieder des Söldnerrings (International Bodyguard and Security Services Association/IBSSA) wurden u.a. im Kosovo eingesetzt und rühmen sich blutiger Auftragsarbeiten in Afrika und Afghanistan. Nach eigenen Angaben ist die IBSSA für mehrere westliche Regierungen tätig (u.a. für die US-Armee). In Deutschland darf der Ring für seine völkerrechtswidrigen Aktivitäten unbehelligt werben.
,,General Director" der IBSSA war über längere Zeit der deutsche Staatsbürger Fritz Wendland. Wendland fungiert heute als Mitglied im ,,Executive Committee" und wird als einer der sechs ,,Honorary Founding Members" der IBSSA geführt. Für Kontakte des Ringes in Deutschland nennt die IBSSA einen Julius Eugen Graf von Strähle. Mehrere führende IBSSA-Organisatoren hielten sich zuletzt Mitte März in Deutschland auf und warben in Nürnberg Interessenten an. Obwohl die Tätigkeit des Ringes sowohl nach deutschen wie nach internationalen Gesetzen unter Strafe steht, griffen die deutschen Behörden nicht ein. Unbehelligt blieb auch ein bewaffnetes Wehrsporttreffen, das die IBSSA 1999 ebenfalls in Deutschland abhielt. Für Oktober 2004 kündigt der Ring einen ,,Weltkongress" gegen ,,Kriminalität und Terrorismus" an, der in Berlin stattfinden soll.
Hohe Moral
Bei mehreren IBSSA-Aktivisten handelt es sich um gewöhnliche Kriminelle, berichtet die italienische Presse.1) So entstammt der im Irak erschossene Söldner Quattrochi dem Rotlichtmilieu Genuas. Ein Kollege des Erschossenen steht wegen Mordversuchs unter Anklage. Andere Bekannte sind wegen des Betriebs illegaler Wett- und Spielunternehmen (u.a. Video-Poker) vorbestraft. Der Blutlohn in internationalen Söldnerbanden, die im Auftrag westlicher Behörden arbeiten, beträgt zwischen 4.000 und 6.000 Euro monatlich.
Trotz der kriminellen Zusammenhänge, die die Genoveser Staatsanwaltschaft in einem Ermittlungsverfahren untersucht, feiert die italienische Regierung den Söldner Quattrochi als ,,Helden". Er habe die Tugenden Italiens wiederbelebt und der Nation ein Vorbild hoher Moral hinterlassen, heißt es im Corriere della Sera, einem als seriös geltenden Blatt der Regierungsmehrheit. Sämtliche italienischen Medien verschweigen die Namen der internationalen IBSSA-Hintermänner, deren Spur nach Deutschland führt.
1) Il manifesto, 16.04.2004"
6000+
Die gangsterischen Dimensionen sind andere, denn ein Stück weit ist ein Quattrocchi "austauschbar". Wie viele Quattrocchi gibt es? Unwahrscheinlich viele. Was übrigens Grund zur Sorge sein sollte. Sie werden immer mehr. Auch dank der so genannten Wiederaufbauprogramme. Aus dem Irakischen Wiederaufbauprogramm hat sich Söldnertechnisch wahrlich gigantisches ergeben. PSC (Private Securoty Companies) ist genau das Segment des Söldnersektors, eine Branche, die echt nur so boomt, das sich mit "Firmenschutz" befasst, der von bewaffneter "Sicherheitsgewährleistung" bis hin, zum Beispiel, zu den berüchtigten Informationellen Diensten reicht. Quattrocchi war dies und das, weil er schon dies und das gemacht hat und er war ein PSC-ler. PMC-Söldner (Private Miltary Companies) und Söldner in Reinkultur, Kopfjäger etc. - Söldner pur, die es auch noch gibt - sind noch mal was anderes. (sie wären es sicher gern gewesen, kein Zweifel, aber dafür reichte es echt nicht). Alle versucht man uns als "private contractors" und damit als Zivilisten zu verkaufen.
Kampfsöldner machen sich auf ihre Art verhasst, die Wachschutz- und Informationssöldner sind aber speziell der bewaffnete und informationelle Vorposten der Unternehmen, die im Irak absahnen, mit einem Wiederaufbau, von dem die Iraker nicht besonders viel haben und oft auch, wenn man das so sagen darf, der bewaffnete (Personenschutz) und informationelle Stab (Spionage und undercover Dielereien) für politische Eliten. Ein Jahr nach dem angeblichen Kriegsende ist im Irak immer noch nicht eine flächendeckende Strom und Wasserversorgung gesichert. Das hätte, wie Chomsky einmal in einem Interview sagte, jedes höhere Technikseminar einer beliebigen Uni der USA in wenigen Wochen geschafft. 120.000 militärische "Aufbauhelfer" nicht.
PSC Leute sind nicht direkt die Nahkampframbos der militärischen Gesellschaften (PMC), sie machen sich aber nicht weniger unbeliebt als ihre Kriegerpendants. Gerade sie dielen beispielsweise was das Zeug hält. Mit allem möglichen und gerne auch mit Frauen. Gerade die PSC-Leute sind wie gesagt, dank der informationellen Aspekte ihrer "Arbeit", besonders begünstigt beim Einfädeln von allerlei Dielereien, die im Schatten ihrer "offiziellen" Aufträge entstehen. Waffenhandel, Frauenhandel, Drogenhandel, Handel mit dem, was der Einsatzort hergibt. Niemand hat solche Leute gerne. Es gibt aber verschiedene Söldnerkategorien und diese Typen hier waren eben nicht für militärische Gesellschaften unterwegs, sondern für Firmeninteressen. Das ist eine wichtige Ergänzung zum Psychogramm, das sein Kerbholz hergibt.
Es gibt keine lieblichen Söldner. Sie alle haben einiges auf dem Kerbholz. Wer mit Söldnern welcher Klasse auch immer konfrontiert ist, der kann echt leicht unversönlich werden. Ob und wie weit ein Mensch sich wehrt bzw wehren kann, ist noch eine andere Frage. Afrika weiß das sehr gut. Und Lateinamerika weiß es. Und die arabischen Länder wissen das. Die ganze Welt kennt Söldner. Es gibt unwahrscheinlich viele Quattrocchis und es gibt Leute, die sie (ge)brauchen. In dieser Branche hat sich einiges getan und Mensch sollte ruhig anfangen, sich differenzierter damit zu befassen. Mit nem Steckbrief zur Söldnerkarriere kann einiges vermittelt werden, aber es darf nicht der Rahmen außer Acht gelassen werden und auch nicht das tatsächliche Format, wenn schon der Einzelfall eingeschätzt wird. Weil wir sonst ein gutes Stück Barbarei einfach vernachlässigen, das von A bis Z ein sehr ernstes Thema ist.
Wen die Macher und ihre Zwischenhändler gerade für die unteren Ebenen anheuern (bei sagen wir 9000 § Monatlich hat Quattrocchi 300§ pro Tag verdient abzüglich der selbst zu tragenden Versicherungskosten - das ist Söldnerschaft, aber auf Handlangerebene. Ziemlich unten in der Soldskala.) und wie das läuft mit diesen "Dienstleistungssystemen" (denn: ja, "die Jungs" werden gehandelt, in einer Art Leihsystem. Sie sind eine Ware, die nicht schlecht makaber - vor allem für die Opfer dieser Leute - gehandelt wird)ist) das wird am Leben dieser Typen deutlich - und auch die ganze Kette dieses Geschäfts bis ganz oben. Und wie diese Typen dahin gekommen sind, das bleibt ein Fall für die Sozialkritik.
Rotlichtmilieu klingt ganz schön schaurig, ohne Details sagt es aber nicht viel darüber aus, ob und wie bestialisch er konkret dabei war. Hing er nur da rum, wieder mal als Handlanger? War er ein Zuhälter?b Was wißt du genau? Ich wüßte da gern mehr drüber. Das soziale umfeld dieser Typen sagt wie auch immer auch etwas aus. Keine Frage: ich verteidige nichts, von dem was diese Typen sind. Aber die Misstände, die solche Leute überhaupt produzieren und die, die das verwerten, sind unbedingt mit zu betrachten und in eine Einschätzung einzubeziehen. Der Weg der Vier fing wohl für alle mit Body-Building, Kampfsport und Türsteherjobs an in verlassenen Provinzlöchern. In einer wohl ziemlich trost- und ausweglosen sozialen und kulturellen Landschaft. Es ist ein Weg, den viele "disagiati sociali", ("sozial Schwache", so ungefähr, wobei der italienische Terminus aufs Ganze geht und von Benachteiligung und nicht nur von Schwäche spricht) einschlagen. Nicht um solche Leute zu entschuldigen oder um sie zu verharmlosen - im Gegenteil. Aber DER Krimi, DIE Monströsität, das ist weniger ein (miserables) Leben wie das Quattrocchis, der Krimi ist die gesamte Maschinerie, in dem er sich abgespielt hat.
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
rechtfertigung für mörder — gi joe
@gi jo — frigo