Erziehung versus Protest?

Übersetzung von Kirsten Anderberg 25.02.2004 18:59 Themen: Freiräume Soziale Kämpfe
Ist es unverantwortlich Kinder zu politischen Protesten mitzunehmen? Sind einige Proteste sicher und andere nicht? Wie bekommt man die Unterschiede heraus? Ich interviewte 12 AktivistInnen, 10 von ihnen Eltern, 7 von ihnen sind Straßensanitäter. Erziehung versus Protest: Schließt sich das gegenseitig aus?
Ist es unverantwortlich Kinder zu politischen Protesten mitzunehmen? Manche argumentieren so, dass es für Kinder eine gute Erfahrung sei daran teilzunehmen, aus erster Hand politisches Organisieren, Protest und Geschichtsschreibung mitzubekommen. Ich bin froh darüber, dass mich meine Mutter zwichen 1960 und 1980 als Kind zu Bürgerrechtsprotesten und Aktionen gegen den Vietnam-Krieg mitnahm Ich glaube nicht, dass man in Büchern das Gefühl vermittelt werden kann, wenn man von Prügelpolizisten umstellt ist, während man friedlich demonstriert. Ich bin auch glücklich darüber, dass ich meinen Sohn auf die Golfkriegproteste in den 90ern und Demonstrationen gegen den Irakkrieg 2003 mitgenommen habe. Ich denke es hat zu seiner Bildung beigetragen, zu sehen wie gewaltlose Free-Speech KämpferInnen mit der Einsatzpolizei in den Straßen seiner Stadt zusammen schlugen, während seine Mutter ihn beschützt. Aber könnte ich wirklich für die Sicherheit meines Sohnes garantieren, wo doch überall die Einsatzbeamten unterwegs waren? Einige sagen, dass Kinder nicht an die Front von politischen Veränderungen in Amerika mitgenommen werden sollten. Aber als eine alleinerziehende Aktivistin konnte ich nicht einfach nur zu Hause herumsitzen und nicht gegen Kriege protestieren, einfach weil ich ein Kind habe. Und Kinder sind ja die Hoffnung unserer Zukunft. So scheint es essentiell sie in unsere politischen Kämpfe mit einzubinden, wenn wir wollen, dass uns die Themen um die wir kämpfen uns überleben. Gibt es bestimmte Proteste die für die Teilnahme von Kindern okay sind und andere nicht? Wie kann jemand feststellen, welche Protestaktivitäten für Kinder angemessen sind? Wie kann ein politisch aktives Elternteil zwischen seinen/ihren eigenen Bedürfnissen, wie z. B. gegen Krieg zu protestieren und der Verantwortung des Elterndaseins die nötige Balance herstellen? Ich befragte eine Gruppe von AktivistInnen aus unterschiedlichen Teilen Amerikas über dieses Thema; aus Chicago, New York City, und Seattle, so wie aus Wisconsin, Maryland, Californien, und Colorado, und auch aus England und Kanada. Neben anderen angebotenen Kategorien, unter anderem radikale Linke, anarchistische farbige Eltern, AnarchistInnen, Grüne, progressive, humanistische Atheisten und andere identifizierte sich die Mehrheit dieser Leute sich selbst mehr als Anarcho-FeministInnen. Sieben der 12 interviewten Menschen sind Straßensanitäter, und 10 von den befragten sind Eltern. Und nur zwei von ihnen sagen, dass ihre Eltern sie zu Protesten mitgenommen hätten. Deshalb ist dieser Artikel maßgeblich aus dem Gesichtspunkt der ersten Generation (außer zwei Teile), politisch Aktiven Menschen und Straßensanitätern geschrieben. Dennoch gehen die Meinungen zu diesem Thema in dieser politisch-homogenen Gruppe auseinander.

Wenn es zu der Frage kommt, ob es unverantwortlich sei Kinder zu Protesten zu nehmen ist die überwältigende Antwort der Befragten, dass es von der Natur der Proteste abhinge. Einige Antwortenden dachten, dass Proteste, die die Kinder direkt betreffen, wie z. B. Leistungskürzungen in Kinderkrankenhäusern oder bei Protesten für die Rechte von GeburtshelferInnen, garantiert den strategischen Nutzen von Kindern bei Protesten. Doch viele denken, dass es positiv sei Kinder in ein breites Spektrum von politischen Themen mit einzubeziehen. Bei den FTAA Protesten in Miami im November 2003 zum Beispiel gab es einen Baby-Block mit Müttern und ihren Kindern, die gemeinsam an den Protestzügen mitmachten. Ein befragtes Elternteil sagte, "Ich denke, dass es nicht nur sicher ist, sondern nützlich ist Kinder zu (den meisten) Protesten mitzunehmen, denn da die Eltern die nächste Generation mitbringen, müssen wir unseren Kindern zeigen, dass wir die Verantwortung haben unsere Stimmen zu erheben, wenn etwas nicht stimmt." Ein anderer Befragter sagte, dass es eine gute Idee sei Kinder mit auf Proteste zu nehmen, da "Kinder wissen sollten, dass ihre Eltern bestimmte Sichtweisen vertreten und dass diese Ansichtsweisen nicht nur die ihrer Eltern sind..." Manche sagten, dass es schön wäre, wenn die Gemeinschaft so zusammen arbeiten könnte, dass einige Eltern die Jobs von Sanitätern und rechtlichen BeobachterInnen übernehmen können, während andere sich ausschließlich um die Kinder kümmern. Eine andere befragte Mutter sagte, sie hätte mit politischen Aktivitäten abgeschlossen, bis ihre erwachsene Tochter (die sie zu Protesten mitnahm, als sie ein Kind war) sie fragte, ob sie zu einem Protest mitkommen wolle, und jetzt protestiert sie wieder. Der Kreis schließt sich!

Es wurde zwischen direkten Aktionen und Protestmärschen/Demonstrationen unterschieden. Viele dachten, große, angemeldete, gewerkschaftliche Demonstrationen z. B. wären ungefährlicher als direkte Aktionen gegen Unternehmen wie einige Demonstrationen während der FTAA oder WTO Protestaktionen. Erstere wurden als konfrontationslos betrachtet und zweiteres als konfliktreich. Ein Straßensanitäter sagte, "Während der FTAA Proteste in Quebec mußte ich mein 8 Monate altes Kind wegen Gas- und Pfefferspray behandeln und ich will das NIE NIE NIE wieder tun müssen!" Ja, wir stimmen alle ein, wir wollen auch nicht, dass das JEMALS wieder passiert und deshalb müssen wir uns ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen. Proteste sind nicht unsere typischen Familienfeiern und wir alle wissen das. Eine befragte Person sagte dass Proteste für Kinder wie alle anderen TeilnehmerInnen gleichermaßen sicher sind, "in anderen Worten, üblicherweise sicher, oftmals nicht und für gewöhnlich ist es schwer, das im Vornherein zu sagen." Einige dachten, dass große Menschenansammlungen in jeglichem Zusammenhang allgemein eine Gefahr für Kinder darstellte und dass Proteste da nicht anders sind. Ein Mensch antwortete, "Man kann sagen, dass es bei Fußballspielen (in England) manchmal Ärger gibt und es wäre unverantwortlich Kinder dorthin mitzunehmen, aber 100.000 gehen mit und werden von ihren Eltern beaufsichtigt."

"Ich glaube nicht dass es "verantwortungslos" ist Kinder mit zu Protesten zu nehmen. Ich denke es ist verantwortungslos von der Polizei, wenn sie nicht begreifen, dass Kinder ein legitimes Recht haben bei Protesten dabei zu sein. Bei der Anti-Kriegsdemo am 15. Februar in New York City machten einige Polizisten abfällige Bermerkungen, wir seien verantwortungslose Mütter, wenn wir unsere Kinder zu Demonstrationen mitnähmen. Mit unserer Gesellschaft läuft jedenfalls etwas ganz schön daneben, wenn Kinder nicht dazugehören und bei Friedensmärschen nicht sicher sind," sagt eine befragte Aktivistin. Zwei andere Menschen erzählten, "Ich denke, dass die Polizeipräsenz darauf eingehen muss, dass sich regelmäßig Kinder in der Menschenmenge befinden," und "Wenn die Realität so aussieht, dass Kinder regelmäßig auf Protesten GESEHEN werden, könnte sich die Reaktion der Polizei ändern." Und das sind gute Ansatzpunkte. Wenn wir die Polizei dazu bringen sich so zu benehmen, als wären auf allen Protestaktionen Kinder unter ihnen, vielleicht wird dann ein wenig ihre willkürliche Gewalt gezügelt und Redefreiheit würde in Amerika für alle ungefährlicher werden.

Die meisten befragten AktivistInnen dachten, dass wenn man in politischer Hinsicht gewahr ist für politische Themen zu protestieren, sollte man auch schlau genug sein sich vorher zu informieren, bevor man ein Kind mitbringt. Es scheint einen Konsens zu geben, dass Eltern wissen sollten, wer zu der Demonstration aufgerufen hat, was genau die politischen Ansätze sind, wer teilnehmen wird, wie das Programm aussieht, wenn der Protest angemeldet ist, welche Taktiken werden von den DemonstrantInnen und der Polizei erwartet, etc. Alle stimmten zu, "sichere Plätze" können nicht garantiert werden und einige Sanitäter fragten sich laut, ob die Gemeinschaften nicht damit beginnen sollten kinderfreundliche gewaltfreie Aktions-Trainings anzubieten. Die befragten Eltern waren der Meinung, dass es klar definierte Notfallpläne für Kinder geben sollte, der auch beinhaltet was sie tun müssen, wenn sie von ihren Eltern getrennt werden. Vorgeschlagene Basisversorgung, die Kinder zu Protesten mitnehmen sollten schließt Sonnenschutz, extra Windeln, Essen, Wasser und gute Kleidung mit ein. Einige kommentierten dass es wichtig sei die Wettervorhersage zu beachten, da es kein Spaß sei mit einem durchnässten Kind, oder einem mit Sonnenstich auf einem Protest zu sein, daher ist angemessener Wetterschutz auch ein Thema. Grundlegendes Wissen über erste Hilfe auf der Straße wäre auch nicht schlecht, wenn man irgendwo lebt, wo man nicht so leicht an so etwas heran kommt, wie z. B. in Boston oder Portland. Ein weiterer Ratschlag "sich immer bewusst zu sein, wo man gerade ist, die Stimmung in der Menge, die Stimmung der Kinder (und anderen Erwachsenen in der Gruppe) und die Stimmung der Polizei.? Viele dachten, dass Eltern, Kinder und Proteste am besten in einer kleinen Bezugsgruppe zusammen passten, in der Eltern und Kinder gemeinsam aufeinander Acht geben können. Und obwohl das alles gute Tipps für Eltern und Kinder sind, sind es auch Basics für Erwachsene.

Das ist der erste Teil einer 4-teiligen Serie über Kinder bei Protesten von Kirsten Anderberg. Auf ihrer Website (die ihr leider geklaut wurde, deshalb Ersatzlink ) erscheinen die nächsten drei Artikel der Serie (allerdings auf Englisch), in denen es darum gehen wird Kinder für Proteste vorzubereiten, radikale Kindererziehung, Jugend und Proteste.
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Ergänzungen

Könnte bitte jemand den LInk ändern?

Frederik 26.02.2004 - 10:19
Der Link unter dem Artikel verweist auf eine Porno Seite - wie es dazu kommte, beschreibt die Autorin hier:  http://www.infoshop.org/inews/stories.php?story=04/02/19/8521838
Die Autorin wurde ihrer Domain beraubt, somit trifft die Person, die den Artikel auf Indy gepostet hat wohl eher keine Schuld (da es sich ursprünglich durchaus um Kirsten Anderbergs domain handelte ...) :)

Eine google Suche ergab das hier:
 http://www.angelfire.com/la3/kirstenanderberg/
 http://www.kanderberg.blogspot.com/

In Italien wollen sie das verbieten

rf 26.02.2004 - 14:26
Eine der Fronten der politischen bzw. sozialen Auseinandersetzung in Italien ist der Kampf gegen die Beschneidung des öffentlichen Bildungswesens. In den letzten Wochen kommt es immer wieder zu Massenprotesten. Daraufhin legte Alleanza Nazionale ein Gesetzesentwurf vor, das die Mitnahme von Kindern auf Demonstrationen verbieten will. Dass Proteste gegen die Elitarisierung der Bildung durch Privatisierung, die im Umkehrschluss eben den Wegfall eines für alle zugänglichen Bildungssystems bedeuten sehr wohl Kinder betreffen, versteht sich von selbst. Es ist nur logisch, dass sie bei den Demonstrationen dabei sind.

Die Mitnahme von Kindern auf Demonstrationen finde ich überhaupt voll in Ordnung. Aber nicht, um durch ihre Anwesenheit die Polizei dazu zu bewegen, sich zurück zu halten. Abgesehen davon, dass sie sich wenn es ihr darauf ankommt, das nicht tun würde, finde ich den Ansatz: "Wenn wir die Polizei dazu bringen sich so zu benehmen, als wären auf allen Protestaktionen Kinder unter ihnen, vielleicht wird dann ein wenig ihre willkürliche Gewalt gezügelt und Redefreiheit würde in Amerika für alle ungefährlicher werden" sehr problematisch. Auch ich bin froh, dass meine Mutter mich auf Demonstrationen mitgenommen hat – angesichts des Orts und der Zeit waren es potentiell immer gefährliche Demonstrationen und das, was ich sah und hörte half mir später nicht vollkommen einseitig berichtenden Medien auf den Leim zu gehen – aber wenn sie es getan hätte, damit die Polizei sich zurückhält, dann würde ich mich jetzt sehr schlecht fühlen.

Das Recht von Kindern darauf, zu wissen, dass es Konflikt gibt, dass es Ungerechtigkeit gibt und dass Menschen für oder gegen was auch immer kämpfen gehört als solches behauptet – so habe ich es damals als ich ein Kind war, das erste Proteste "von Innen" erlebte selbst erfahren und meine Einschätzung ist weitgehend positiv, ich möchte die Erfahrung nicht missen, sie hat mir geholfen, Vieles besser zu verstehen und die Wichtigkeit und Rechtmäßigkeit und den Sinn und den Wert von Protest, Auseinandersetzung und Solidarität zu erkennen. Aber der Gedanke, dass polizeiliche Repression über den Hinweis auf die Anwesenheit von Kindern in ihrer Willkür reduziert werden könnte stört mich gewaltig. Sicher bin ich dafür, dass ihre Anwesenheit wahr- und ernst genommen wird, aber damit sie Teil haben und sich ohne Beschneidungen eigenständig entwickeln können, nicht damit sich die Polizei zurückhält – und auch damit die, die Kinder haben, wegen der Gefahren nicht auf die eigene Beteiligung an Protest und Auseinandersetzung verzichten müssen. In dieser Sache geht es um Gleichberechtigung für Kinder UND Eltern. Die Polizeiwillkür aber gehört als solche in Frage gestellt und nicht weil Kinder da sind.

Ich habe später auch in der anderen Position gestanden und weiß, dass es kein Spaziergang ist, Kinder auf Demonstrationen mitzunehmen. Es war eine andere Zeit und ein anderer Ort, als ich mein Kind auf Demonstrationen mitnahm, aber nicht weniger eine heftige Zeit. Ich stellte fest, dass ich im Gegensatz zu meinem Kind früher von anderen Protestteilnehmern viel mehr wahrgenommen wurde. Man sprach mit mir, nahm mich in die Kette, erklärte mir Anliegen und Situationen, nahm Rücksicht darauf, dass ich kurze Beine hatte - " Achtung, gleich rennen wir ein Stück" oder: "Da lang besser nicht, die Polizei stürmt gerade". Zumindest taten es die Arbeiter und Arbeiterinnen, die Studenten und Studentinnen waren nicht immer so drauf. Mit Arbeitern zusammen gab es aber auch keine Demonstrationen, als mein Kind klein war. Gefahr aber war genau so an der Tagesordnung. Polizei hin, Polizei her, ich muss sagen, dass ich x-mal Grund gehabt habe festzustellen, dass Mensch auch wegen des mangelnden Bewusstseins und Engagements anderer Protestteilnehmer nicht gut aufgehoben ist, wenn es mit Kindern auf Demonstrationen geht. Die Existenz eines Kinderblocks auf den größten Demonstrationen half da wenig. Ich empfand es mehr wie ein Ghetto. Wirklich eingebunden waren nur die szeneangehörigen Eltern-Kinder Gespanne. Hübsche Folklore, angelacht weil Kinderchen auf Demos ja soo niedlich sind, aber ganz und gar nicht im möglicherweise gefährlichen oder auch nur anstrengenden Konztext ernst genommen werden.

Anfang der Neunziger Jahre wurde bei einer klassisch brenzligen Demonstration auf der wir waren vergessen, den Kinderblock "einzulassen". Ich hatte den Kinderblock wegen des besagten Ghettogefühls immer gemieden. Wegen der schon im vorfeld der Demo großen Spannung schloss ich mich mit mehreren Kindern und Eltern dem Block an. Stunden in Reihen rumstehen ist kinderfeindlich, der Kinderblock war auf einer Grünfläche am Rande versammelt und sollte vor dem Frauenblock eingelassen werden, um mitzulaufen. In den Köpfen der Leute waren aber viel mehr die Spannungen wegen damals ziemlich heftigen Auseinandersetzungen um die Demospitze und den üblichen Militanzwettbewerben. Es wurde, zugegeben, wie mir schien, spannungsbedingt, "vergessen", den Kinderblock auf der geplanten Höhe reinzulassen. Der Kinderblock reihte sich ganz hinten ein. Eine ganze ach so militante Demo bekam das gar nicht mit. Der Kinderblock war ja hinten und alles guckte nur auf die Spitze. Die Demo wurde fast sofort von denen, die die Spitze erobern wollten von hinten angegriffen. Der Kinderblock wurde einfach überrollt. Die Polizei griff ein, nach Steinen, Latten und Flaschen kam Tränengas und alles war in Kürze dicht. Wir waren mit vielen Kindern, die weinten und unter denen auch zwei waren, die ihre Eltern verloren hatten, in einen Hauseingang geflüchtet. Diese Demo hat traurige Berühmtheit, der Lautsprecherwagen war von den Angreifern erobert worden und die Polizei holte die Angreifer unter Applaus der städtischen Autonomie runter.

Wir kamen derweil nicht mehr raus. Stress mit der Polizei, um zu zweit nach den verlorenen Eltern suchen zu können. Das klappte mit erfolgreichem Ausgang, aber nach glücklicher Wiedervereinigung der getrennten Kleinfamilien waren wir noch immer eingesperrt. Die Kinder hatten Angst und das Tränengas und was alles durch die Gegend flog waren ihnen auch nicht gut bekommen. Es war total wichtig, wieder Freiheit und ein Gefühl der Sicherheit herzustellen. Durch den Hof war ein Entkommen nur über einen hohen Zaun möglich. Zu hoch, zumindest für die ganz kleinen. Ich buddelte mit den Händen und einem Stückchen Holz ein Loch unterm Zaun, gerade zwei Leute halfen mir, dann waren wir endlich wieder im Freien. Die wenigsten Eltern hatten zu trinken und zu essen für die Kinder dabei, wir teilten wir was wir hatten, wuschen Augen aus, trockneten Nasen, wir versuchten, den Kindern ein wenig das Gefühl wieder zu geben, dass sie beschützt werden und dass vertrauenswürdige Menschen bei ihnen sind, dass alles gut wird und ihnen niemand was tun wird. Auch für mein Kind gab es damit wieder einmal ganz schön was zu verarbeiten.

Ich denke, es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass solche Erlebnisse durchaus traumatisch sein können. Aufwachsen bei Feuer und Flamme und prügelnden Polizisten mitten in der totalen Gleichgültigkeit ist kein Spaß. Grundsätzlich sind Feuer und Flamme und prügelnde Polizisten nicht gerade kinderfreundlich. Kleine Kinder stehen nicht da und denken: "Oh, da ist ein willkürlich prügelnder Polizist der einen unschuldigen Demonstranten schlägt" kleine Kinder sehen nur, dass sich da komisch gekleidete Leute ziemlich heftig prügeln. Kleine Kinder haben feine Nasen und einen empfindlichen Geschmackssinn. Sie denken nicht: "Tränengas" oder "qualmende Autos", sie finden nur, dass es stinkt und brennt und mögen das nicht. Sie brauchen eine Erklärung dafür, die sie verstehen können und mir reicht es nicht, wenn sie dabei allein die Erfahrung machen, dass Mutter oder Vater sie schützt und dass die Polizei böse ist. Prügelnde erwachsene Ungetüme erkennen sie schon selbst als "böse" bzw. "nicht lieb" und dass Eltern sie beschützen bzw. dass Menschen einander beschützen, wenn Gefahr droht, sollte besonders unter denen, die gegen Leid und Ungerechtigkeit eintreten, wenigstens theoretisch eine "kulturelle" Selbstverständlichkeit sein – Kinder jedenfalls wünschen sich, beschützt zu sein.

Ich habe festgestellt, dass der Zusammenhalt, der in einer Demonstration nötig ist, so wie ich ihn noch kennen gelernt hatte, nicht mehr vorhanden ist und dass sich niemand (abgesehen von den Eltern) groß bemüht, weder die Kinder zu schützen, noch den Kindern den Protest und schon gar nicht die Hintergründe für das Chaos auch verständlich zu vermitteln. Sorry, aber ich habe viel zu oft erlebt, dass die Erwachsenen viel zu oberflächlich damit umgehen und auch dass sehr Viel auf die Eltern zurückfällt, das eigentlich eine Sache von Allen wäre. Kann sein, dass das in Amerika noch mal anders ist, aber hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine gleichberechtigte Partizipation für die meisten Kinder und Eltern nicht allein wegen der Polizeiwillkür nicht möglich ist, sondern weil Inhalte nicht glaubwürdig genug geteilt und vermittelt werden. Wir sind raus aus der Problematik. Mein Kind entscheidet längst selbst, wann und wie es demonstriert und ich kann mich wieder genau so frei entscheiden. Aber ich wünschte, es würde auf Demonstrationen bewusster und breiter daran gearbeitet, dass Kinder und Eltern wirklich Teil nehmen können.

tut mir sehr leid!

übersetzerin 26.02.2004 - 21:10
ich habe MAL den link nicht überprüft, bevor ichs gepostet hab! hab jetzt noch nen anderen link mit angegeben, der auch auf eine reihe von artikel von kirsten führt. nochmals entschuldigung, wird nicht wieder vorkommen.