Genua, Stahlarbeiter besetzen Brignole

www.unita.it, Übersetzung Günter Melle 09.02.2004 23:58 Themen: Globalisierung Repression Soziale Kämpfe
Zusammenstöße vor der Präfektur Genuas, dann die Besetzung der Bahngleise von Brignole. Die Arbeiter von Ilva machen nicht mehr mit.
Junge Stahlarbeiter stürmen die Präfektur von Genua
und besetzen den Bahnhof von Brignole

Übersetzung G. Melle
L'Unità, 09.02.04


Zusammenstöße vor der Präfektur Genuas, dann die Besetzung der Bahngleise von Brignole. Die Arbeiter von Ilva machen nicht mehr mit. Es sind hauptsächlich die Jungen, die mehr Gefahr laufen durch Einschnitte und Sanierungen unter die Räder zu kommen. Heute morgen sind die Arbeiter allesamt auf die Straße gegangen. Dies geschah parallel zur Einberufung des Tavolo Romano (römische Verhandlungsrunde) unter der Leitung des Sekretärs Gianni Letta. Die Runde befasste sich mit dem Schicksal der Industriezone Cornigliano. Die Arbeiter zogen um 9 Uhr los nach Cornigliano, an ihrer Spitze die Gewerkschaftsdelegierten des RSU, Schaufelbagger, Raupen und Ladefahrzeuge. Sie haben sich in die Straßen von Genua begeben und blockierten den Verkehr. Mit sich führten sie einen großen Schaufelbagger, der vor der Präfektur (Provinzverwaltung) geparkt wurde und sie wollten vom Präfekten empfangen werden. Genau dort geschahen die Zusammenstöße.

Der Demonstrationszug zählte zu Beginn fünfhundert Arbeiter. Er kam vor der Präfektur zum Halten und an einem gewissen Punkt flogen Knallfrösche und andere Gegenstände durch die Luft. Die Heftigkeit des Protestes begann mit dem Eintreffen des Unternehmers aus Riva, der vom Präfekten einbestellt wurde. Kaum hatte der Sekretär seine Rede auf dem Platz beendet, flogen Stöcke, Steine und Knallfrösche in Richtung Ordnungskräfte und es gab einen Versuch die Polizeikette vor dem Eingang der Präfektur zu durchbrechen.

Zehn Minuten lang hat der Bürgermeister die Kontrolle über die Situation verloren, doch der Versuch in die Präfektur einzudringen, ist nicht gelungen. Die Gewerkschaft hat dann die Arbeiter auf die Piazza Corvetto bestellt. Da wurde dann entschieden den Demonstrationszug zum Bahnhof zu führen, wo sich die Arbeiter auf die Gleise setzten und den Zugverkehr blockierten. Der Protest näherte sich seinem Ende als der Untersekretär des Ministerrats, Gianni Letta, verkündete, die Gewerkschaft zu einem Treffen in Rom eingeladen zu haben, das am 12. zusammen mit lokalen Organisationen zur Zukunft von Ilva abgehalten werden soll.

Doch inzwischen bleibt eine dramatische Situation. Die fünfzigjährigen Arbeiter sind alle einverstanden, der kompromisslose Protest wurde von den jungen Arbeitern durchgeführt, die über ihre Situation einer unsicheren Zukunft aufgebracht sind. "Wir haben viele Proteste gemacht", erinnert der 52 jährige Mario, der seit '80 bei Ilva arbeitet. "Aber nie mit Gewalt." Über den fehlgeschlagenen Versuch in die Präfektur einzudringen, bemerkt er lapidar: "Ich mach mich davon, das geht nicht gut. Als ich in die Fabrik kam, wurde schon von Schließung geredet. Ich bin aber immer noch da. Ich weiß nicht, ob diese Jungen begabt sind, sie sind aber sicherlich verzweifelt, was die Verteidigung der Arbeit anngeht." Auch für Francesco, 48 Jahre, am 25. März 1979 in die Fabrik gekommen, "gibt es unterschiedliche Generationen bei Ilva. Entweder die Jungen oder die Alten. Wir sind nur noch wenige und wenn sie können, jagen sie uns davon, weil wir zuviel kosten." Die Besetzung des Bahnhofs Brignole wird von Francesco gut geheißen, weil - wie er erklärt - "die Gewerkschaft seit anderthalb Jahren bezüglich der Hochöfen ein Abkommen durchsetzen will. Doch das hat nichts gebracht."

Nicola, 27 Jahre, eingetreten mit einem Vertrag als Facharbeiter und jetzt auf unbestimmte Zeit eingestellt, gehört zur mittleren Generation. Er erklärt: "Von 2000-2004 sind mehr als 1000 Ragazzi (Jungs) mit Facharbeiterausbildung eingestellt worden. Jeder reagiert auf die Situation entsprechend seiner sozialen Lage. Der Gewerkschaft werfen wir vor, dass es ihr gerade, wenn es um den Arbeitsplatz geht, nicht gelingt, die Arbeiter zu verteidigen und die Fabrik rät den Neuen sich nicht bei den Gewerkschaften einzuschreiben. Die älteren Arbeiter haben lange gekämpft und sich ihre Erfahrung erworben, in gewisser Weise sind wir privilegiert. Die Reaktion vor der Präfektur ist eine instinktive Reaktion gewesen."

Auch Corrado Cavanna von der CGIL gibt zu, dass die Situation vor der Präfektur für die Gewerkschaft nicht mehr kontrollierbar war. Und Carlo Graffione, Betriebsrat der UILM (Metallarbeiterverband, UIL), kann die Jungen in gewisser Weise verstehen: "Die Leute können ausrasten, schließlich steht der Arbeitsplatz auf dem Spiel. 1999 gab es ein Abkommen, doch jetzt heißt es für 6 bis 700 Leute Arbeitslosenkasse. Es ist eine verzweifelte Reaktion gewesen, die aus der Unerfahrenheit vieler Junger herrührt. Man muss dazu sagen, dass in es in der Fabrik einen Bruch zwischen den Generationen gibt."
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Ergänzungen

Italien, Spanien, Germany

Irgendwer 10.02.2004 - 00:16
Artikel bei Indymedia.Italien, wo das Thema in der Mittelspalte zu finden ist:
 http://italy.indymedia.org/news/2004/02/478484.php
 http://italy.indymedia.org/news/2004/02/478533.php


Auch anderswo in Italien eskalieren die Arbeitskämpfe

Terni - Generalstreik der Stahlarbeiter
06.02.2004:
Ein historisches Datum, schreibt Terni.news.it. "Noch nie wurde eine so geschlossene Teilnahme an einem Generalstreik registriert. Politiker, Gewerkschafter, Geschäftsleute, Studenten, die ganze Stadt Terni kam aus den Häusern, um an der Seite der Arbeiter von AST zu sein. Auch aus der gesamten Region Umbrien strömten die Delegationen nach Terni, 92 Bürgermeister und es kamen Arbeiter aus Turin, Piombino und Taranto."
30.000 Menschen, die auf den Straßen der umbrischen Stahlstadt Terni gegen die Schließung des Thyssen Krupp Magnetstahlwerkes demonstrieren.
 http://de.indymedia.org/2004/02/74133.shtml



In Spanien Ähnliches:
Es brodelt in den spanischen Werften
Andalusien, Anfang Februar: Zwei Tage lang lieferten sich mehrere Tausend Arbeiter des Werftenverbundes Izar S.A. in verschiedenen Orten der Bucht von Cadiz sowie im weiter nördlich gelegenen Sevilla stundenlange erbitterte Kämpfe mit der Polizei.
Bericht:  http://de.indymedia.org/2004/02/74446.shtml
Fotos:  http://de.indymedia.org/2004/02/73936.shtml



In Deutschland:
Am 1.Novermber demonstrierten trotz Boykott der staatstragenden Gewerkschaften 100.000 Menschen gegen Sozialabbau. Am 3.April will der DGB die soziale Bewegung wieder "einfangen", indem er die Demo zum eu-weiten Aktionstag leitet.
In Köln gabs im dezenber einen wilden Streik der Belegschaft von Ford, in Ostdeutschland sind 2003 mehrere Betriebe besetzt worden.

Bruch der Generationen

Roter Faden 10.02.2004 - 11:16
Der "Bruch der Generationen" entsteht nicht zuletzt durch die Reformen im Arbeitsrecht, die seit 1993 die Arbeitsbedingungen der Menschen erheblich verschlechtert haben. Seit das so genannte Biagi-Gesetz, das die Arbeit umfassend flexibilisiert, im Herbst in Kraft trat, hat sich die Situation gerade für Neueinsteiger vollends verschlechtert. Deshalb kann es passieren, dass sich zwischen jüngeren und älteren Arbeitern eine Kluft bildet, weil die einen u.U. vetraglich anders gestellt sind als die anderen. Jüngere sind auch nicht so "historisch" von den Traditionen gewerkschaftlicher Organisation der Alten geprägt. Die Politik der institutionellen Gewerkschaften wird von ihnen immer kritisch betrachtet, wobei die Metallergewerkschaften zumindest teilweise noch am ehesten bemüht sind, eine "Nähe zum Arbeiter" zu zeigen. Den anderen wird immer öfter und drastischer offen vorgeworfen, vielmehr den Unternehmern und dem Staat nah zu sein, als den Arbreitern, wie sich bei den spektakulären Streiks der Transportarbeiter im Dezember und Januar gezeigt hat, die einen sehr tiefen Konflikt von größter Schärfe zwischen den Arbeitern und ihren Gewerkschaften offenbart haben.

Der im Artikel von einem Arbeiter erwähnte "Verzweiflungsfaktor" ist tatsächlich vorhanden. Das war bei de Transportarbeitern und bei den Thysen-Krupp Arbeitern in Terni genau so. Die deutsche Thyssen-Krupp Delegation, die vor gut einer Woche in Terni war, um die örtliche Geschäftsleitung über die Absicht, das Werk zu schließen zu informieren, hat es deutlich zu spüren bekommen. Ihr kurzer Aufenthalt gestaltete sich ausgesprochen ungemütlich. Und die ganze Stadt beschloss, für einen Tag die Arbeit nieder zu legen, weil die Folgen der Werkschließung für die gesamte Menschengemeinschaft in Terni existentiell sind. Auch die Transportarbeiter hatten schon riesige Zustimmung und große Solidarität erfahren, der immer rabiateren Kriminalisierung der Arbeiter zum Trotz. Es sind die möglichen Vorboten einer tatsächlichen Zuspitzung sozialer Konflikte unter neuen Vorzeichen auf breiterer Basis. Derweil muss Vieles ganz neu gelernt werden: die selbstbestimmte Organisation, die Kommunikation mit anderen Gesellschaftsgruppen und in dem Zusammenhang die Bedingungen, Möglichkeiten und Modalitäten horizontalen Protests, der gruppen- und anschauungsbedingte Abgrenzungsformen überwindet.