Nbg. 6.12.: Ausnahmezustand wegen Nazis

Karla Marx 07.12.2003 19:19 Themen: Antifa Repression
Für den 29.11 und den 06.12.2003 hatte der bekennende Nationalsozialist Gerd Ittner Naziaufmärsche in Nürnberg angekündigt. Nachdem er mangels Mobilisierungsfähigkeit seine Veranstaltung am 29.11. stillschweigend unter den Tisch fallen lassen mußte, sollte nun am Nikolaustag eine "bundesweite Demonstration des Nationalen Widerstands" die Stadt der Reichsparteitage heimsuchen.
Ittner unter Polizeischutz - wieder Ausnahmezustand über Nürnberg verhängt

Rückblick

Schon am 6.September hatte Ittner seine Anhängerschaft mit einem Aufmarsch von gerade einmal 100 braunen Brüdern, die über 3000 Gegendemonstranten gegenüberstanden, enttäuscht. Einzige Genugtuung blieb damals, dass die Stadt Nürnberg - in bester Tradition -der Nazi-Brut ausgerechnet das Reichsparteitagsgelände als Aufmarschgelände servierte. Das Bundesverfassungsgericht hatte dies der Stadt zuvor strengstens untersagt und der Verwaltung erlaubt, den Kundgebungsort für Ittners Schweinereien mit dieser Ausnahme FREI zu wählen. Durch vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Nazi-Pest hatte sich beim September-Aufmarsch aber nicht nur die Stadtverwaltung hervorgetan. Die 2000 angereisten Krawall-Demonstranten von USK und Bereitschaftspolizei schlugen so manchem Antifa mehr als die Nase blutig und taten ihr bestes um die Antifa-Demo zum Reichsparteitagsgelände schon im Vorfeld auseinanderzuprügeln. Trotz ständigem Schlagen und Würgen von Antifas sowie Schlagstockeinsatz gelang es den uniformierten Schlägertrupps nicht die antifaschistische Gegendemonstration aufzuhalten. Leider waren einige Verletzte zu beklagen, darunter eine Friedensaktivistin im Rentenalter, denen die `Freunde und Helfer` selbstlos zu einem zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt verhalfen.

Demo am 06.12.03

Für die Demonstration am 6.Dezember hatte die Stadt Nürnberg den Ittneristen stilsicher den Nelson-Mandela-Platz direkt am Hauptbahnhof überlassen.

Damit die Nürnberger Bevölkerung vom Einknicken der sich so aktiv gegen Rechts gebenden Stadt mitbekommen konnte, wurde mit der Nürnberger Konzernpresse ein Stillhalteabkommen geschlossen: weder über den Naziaufmarsch, noch über die Gegenaktivitäten durfte berichtet werden. Wozu auch den Bürger mit angsteinflößenden Informationen jenseits von Fun und Entertainement belästigen?

Bevor die Nazis überhaupt eintrafen, begann bereits um 10:00 eine antifaschistische Kundgebung am Rathenauplatz. Etwa 500 meist jugendliche Antifas versammelten sich trotz Regen und Kälte, um mit einer Demonstration Richtung Bahnhof zu ziehen. Die Stadt hatte jedoch nur etwa 1000m Demo-Route genehmigt, so dass die Demo bereits nach wenigen Minuten am Endpunkt Rosa-Luxemburg-Platz eintraf. Dort setzten auch schon die ersten Polizei-Übergriffe ein. Die Bullen bliesen zum Angriff auf den Demo-Wagen, doch glücklicherweise konnte diese Attacke durch solidarisches antifaschistisches Handeln unterbunden werden.

Nachdem die Antifa-Demo als beendet erklärt worden war, machten sich die Teilnehmer auf zum Nelson-Mandela-Platz um dort die Nazis zu erwarten. Mehr als 2500 Uniform-Bullen vom USK über Bereitschaftspolizei bis zum Bundesgrenzschutz belagerten bereits den Platz und verstopften sämtliche Zufahrtsstraßen. Der Süd-Ausgang des Hauptbahnhofs war für Reisende gesperrt und sollte auf Wunsch der Polizei allein den Faschisten als Zugang zu ihrem Kundgebungsort dienen. Im Bahnhof von der Polizei eingekesselte und aufgegriffene Personen, die nach Meinung der `Ordnungshüter` nach potentiellen Opfern von Nazi-Angriffen aussahen, wurden mit der Begründung, ihre Anwesenheit provoziere die Faschisten, hinaus geworfen. Inzwischen trafen die ersten Nazis tröpfenchenweise ein, bis ihre Zahl um 13:30 bei etwa 50 Teilnehmern stagnierte. Wer kennt nicht die von interessierter Seite immer wieder kolportierten Gerüchte, Nazis hätten inzwischen alle Rastas, Iro oder Hippielook, und Lonsdale, Consdaple und Pitbull seien alles `Antifa-Marken`? Trotzdem handelte es sich bei den Nationalen Demonstranten in Nürnberg natürlich wie immer um 95% junge männliche Skinheads. So manch einer hatte allerdings die Bomberjacke wegen des Verbots eindeutiger Aufnäher zu Hause lassen müssen. Heraus stachen lediglich zwei behaarte deutsche Mädel und ein wie bei all seinen herrenmenschlichen Auftritten mit einer speckigen schwarz-weiß-karrierten Fleece-Jacke bekleideter verwirrt wirkender grauhaariger Mitt-Fünfziger ? der selbsternannte Führer des `Nationalen Widerstands` Gerd Ittner.

Der Anblick am Nelson-Mandela-Platz brachte auch so manchen bürgerlichen Passanten zur Weißglut. Das Schwenken von Fahnen, die seiner Meinung nach für die größten Verbrechen der Menscheitsgeschichte stehen, brachten einen 80-jährigen derart auf, dass er sofort um polizeiliches Eingreifen bat. Leider mußte ihm ein Kontakt-Beamter klarmachen, dass es z.Z. noch keinerlei Handhabe gegen Sowjet-Fahnen tragende Antifaschisten gibt. Nachdem der ältere Herr lautstark klargemacht hatte, wessen Anwesenheit er als Skandal betrachtete, beschuldigte er noch die Polizei der Feigheit vor dem Feind und zog grollend von dannen.

Lediglich zwei Transparente wurden nun von den Faschisten entrollt, eines trug die Aufschrift ?Wer seine Vorfahren verrät, verrät sich selbst!?. Dies motivierte einen amüsierten Antifaschisten zu folgender Persiflage auf die in der NS-Zeit als Rassenreinheit euphemisierte Inzucht: ?Wer seine Vorfahren fickt, zeugt sich selbst?.

Nachdem auf der Nazikundgebung durch die Parole ?Nie wieder Krieg ? Nach unserm Sieg!? klargemacht worden war, wie `pazifistisch` die `Anti-Kriegs-Position` einiger Faschisten während des Irak-Kriegs gemeint war, machte sich das braune Häuflein umgeben von einer über 2000 Mann starken grünen Schutzstaffel auf den Weg in die Südstadt.

Natürlich verfolgten die AntifaschistInnen diesen unheimlichen Aufzug ebenfalls, wurden jedoch durch das massive Polizeiaufgebot immer wieder am Fortkommen gehindert. Für die vollkommen überraschten Anwohner und Passanten bot sich ein seltsames Bild: vierspurige Straßen waren in kompletter Breite von marschierendem Staatsbüttel blockiert, dessen Aufzug sich in der Länge über hunderte Meter hinzog. Von den Nazis war nichts mehr zu sehen, die Antifaschisten waren auf den Gehsteig verbannt und wurden auch dort immer wieder Opfer körperlicher Übergriffe. So bahnten sich die grünen Kolonnen ihren Weg durch Nürnberg ohne Rücksicht auf Verluste oder Straßenverkehr. Der Auftraggeber des ortsansässigen Reichsparteitagsgeländes hätte seine wahre Freude gehabt, hätte er noch mit eigenen Augen sehen können, wie wieder abertausende Uniformierte stolz und waffentragend durch Nürnberg marschieren und so die Wehrkraft des deutschen Volkes demonstrieren.

Trotz dieses abschreckenden Anblicks stimmten immer wieder flanierende Migranten-Kids in die antifaschistischen Sprechchören mit ein und folgten den im Kern des Bullen-Cordons vermuteten Nazi-Schweinen während sie diesen die verdienten Schläge androhten. Am Maffeyplatz machte der unheimliche Aufmarsch kehrt und bewegte sich, übertönt von antifaschistischen Parolen, wieder auf den Bahnhof zu. Auf der Straße herrschte nur mehr Chaos ? immer wieder wurden Gruppen von Antifas eingekesselt, Menschen von Bullen angegriffen und geschlagen und jeder Teilnehmer, einschließlich den Staatsbütteln hatte die Übersicht über die Situation verloren. In diesem Wirrwarr gelang es kleinen Gruppen von Nazi-Gegnern immer wieder auf ein paar Meter an die Faschisten heranzukommen, nur um dann wieder abgedrängt zu werden.

Am Bahnhof angekommen, ließen die braunen Kameraden noch ihre Abschlusshetze los, um dann im abgesperrten Bahnhof zu verschwinden. Auf dem Nelson-Mandela-Platz kam es schließlich noch zu einem brutalen Übergriff der aufgeheizten Bullen-Meute auf einen Unbeteiligten, der das Pech hatte ihnen bei einer ihrer Hetzjagden im Weg zu stehen. Nachdem er vom grünen Mob als Hindernis rücksichtlos umgeworfen wurde, stürzten sich deren Kollegen reflexartig auf den am Boden liegenden, um ihm den Rest zu geben.

Bewertung

Die 50 kahlgeschorenen Hitler-Verehrer wirkten auf `ihrer` Veranstaltung auf dem menschenleeren, abgesperrten Nelson-Mandela-Platz von Anfang an sehr verloren. Ganz im Gegensatz dazu waren die im Staatssold stehenden Schlägerkommandos und Ausländerjäger, die über die Kill-Quoten der Nazis nur müde lächeln, in Nürnberg nahezu omnipräsent. Die weit über 2000 Uniformierten von USK, Bereitschaftspolizei und BGS, die dem Naziaufmarsch beiwohnten (ihre Kollegen in den Polizeibus-Kolonnen in jeder Seitenstraße nicht mitgerechnet), erzeugten ein Bild vor der historischen Nürnberger Kulisse, wie man es seit langem nicht mehr erleben konnte. Das Auftreten der Staatsmacht stellte von Anfang an klar, warum Staat und Konzerne heutzutage in keinster Weise auf ihre sich ständig anbiedernden faschistischen Bündnispartner von einst angewiesen sind. Das klägliche Häuflein von 50 bekennenden Faschisten nahm sich angesichts solch geballter, bis an die Zähne bewaffneter Staatsmacht derart lächerlich aus, dass die These vom Nazi als ?zu kurz Gekommenen? plötzlich doch einleuchtete: vor der zahlenmässig zehnfach überlegenen Antifa durch die Polizei geschützt, hatten sich hier jene versammelt, die dank mangelnder Intelligenz, Muskelmasse oder Selbstkontrolle keinen Arbeitsplatz bei den zahllosen staatlichen und privaten Repressionsorganen abbekommen hatten, und ihr Heil deshalb statt im aufkommenden lieber im historischen Faschismus suchen.
Wenn die Gleichschaltung der Presse und ein martialisch auftretendes grünes Aufgebot, dass die Gesamtzahl aller anwesenden Nazis und Gegendemonstranten um das vierfache übertrifft, Normalität in Nürnberg darstellt ? was ist dann der Ausnahmezustand?

Die Teilnahme an dieser Demonstration machte klar, was die Farben des aufziehenden Faschismus in Deutschland sind, und es sind die nicht die Farben Gerhard Ittners.

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Ergänzungen

klirr

roterstern 08.12.2003 - 14:08
angeblich wurde ein linker bei einem geschubse und gedränge (ausgelöst duch bullen) in ein schaufenster geschubst
genaues weiß ich aber auch net

Weitere Events in Nürnberg

Infonaut 08.12.2003 - 15:16
Studierenden-Demo gegen Sozialabbau, Studiengebühren&Kürzungen im Bildungsbereich ("Goppel kommt") am 12.12.03:
 http://www.de.indymedia.org/2003/11/68465.shtml

Gegenaktionen zum "Thomasbummel" der deutschen Burschenschaftler in Nürnberg
 http://praxis.placerouge.org/index.php?nr=2&PHPSESSID=c8b9fe922b015e563adc1355a07ae3a2

nunja...

lörle 08.12.2003 - 16:28
...ich denk, dalia hat schon recht, wenn sie sagt der bericht is ein kleines bisschen einseitig. wie jetzt schon mehrfach angeklungen (in anderen berichten) war das verhalten der polizei wohl mehr aus uneinheitlich und durch das breite feld wird man/frau wohl auch nicht alles mitbekommen haben. ich denke es war zwar einerseits unangemessen, wie die bullen reagiert haben, andererseits hatte ich auch den eindruck, sie haben echt versucht, sehr passiv zu reagieren, sie hatten die situation wohl nicht so recht im griff und hätten die demo am besten abbrechen sollen, denn manchmal ist es echt fast gekippt. allgemein gab es aber schon deutlich schlimmere szenen in nürnberg (z.b. beim aufmarsch am 6.10, wo die bullen deutlich krasser drauf waren) und ich denke man sollte das ganze jetzt nicht so hochpushen, denn sooo krass wars echt nicht (alles rein subjektive meinung!)

Klischees durchbrechen

Red Fury 09.12.2003 - 20:41
Also ich bin schon der Meinung, dass mensch sich einmal überlegen sollte, was er/sie mit Klischee-Vorwürfen wie „einseitig“ überhaupt meint und v.a. worauf (im Text) er/sie sich eigentlich bezieht. Sollte man vielmehr sauer sein, dass die Standpunkte mehrerer Akteure erörtert wurden, die in der Presse normalerweise keine Erwähnung finden, ist „einseitig“ das falsche Wort. Insbesondere ist dabei noch zu berücksichtigen, dass die gesamte Nürnberger Presse diesmal nicht einmal „einseitig“ war, sondern das Ereignis samt gesperrten Straßen, gesperrtem Bahnhofsausgang, Großeinsatz der Polizei, 2 Kundgebungen und 2 Demonstrationen und einem mehrstündigen Verkehrschaos ihrer Leserschaft wegen eines Abkommens bis heute verschwiegen hat.

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