Die Wehrsportgruppe Hoffmann

15 02.11.2003 18:06 Themen: Antifa
Bis heute genießt die Wehrsportgruppe (WSG) um den Neonazi Karl-Heinz Hoffmann einen Kultstatus in der rechten Szene, obwohl es dort von V-Leuten des Verfassungsschutzes nur so wimmelte.
Der selbstverliebte Gründer des am Wochenende durch den Schlamm robbenden Haufens machte in den siebziger Jahren durch martialische Auftritte mit Phantasieuniformen und zugelöteten Maschinenpistolen auf sich aufmerksam. Zum wohl bekanntesten Mitglied der Gruppe wurde Gundolf Köhler, der 1980 ein Dutzend Menschen und sich selbst bei einem Anschlag auf das Oktoberfest tötete. Die Ermittler konnten (oder wollten?) die Verwicklung Hoffmanns in den Fall nie nachweisen.

Der Chef
Der 1937 in Nürnberg geborene Hoffmann wuchs in der DDR auf, flüchtete 1953 in den Westen und ging nach Nürnberg. Bereits 1963 wurde er in der Türkei wegen Waffenhandels verhaftet. Fünf Jahre später machte der umtriebige Patriot zum ersten Mal von sich Reden: Zu Fasching trat er in einem Nürnberger Café mit einigen Männern in SS-Uniformen und Frauen in BDM-Kleidern zu einer Tonband-Geräuschkulisse aus Granatengeheul und MG-Salven auf. 1973 gründete er schließlich die Wehrsportgruppe Hoffmann, die schon bald zum Vorbild anderer faschistischer Militärfetischisten wurde und viele Nachahmer und Ableger fand, wie den Sturm 7 in Hessen, die Sturmabteilung Bonn und andere im ganzen Bundesgebiet. Wöchentlich zogen die arischen Mannen mit Militärfahrzeugen und Waffen in die Wälder, um für Nation und Rasse durch den Dreck zu kriechen und Krieg zu spielen. Viele spätere Nazigrößen anderer Organisationen durchliefen Hoffmanns Kaderschmiede, die er zunächst auf dem Schloss Almoshof bei Nürnberg einrichtete. Nachdem die Truppe dort rausgeworfen wurde, zog man auf das Schloss Ermreuth bei Erlangen, während sich auf dem Privatgrundstück des ‚Chefs' in Heroldsberg ein ganzer Fuhrpark von Kriegsgerät einschließlich eines Panzerspähwagens ansammelte. Bei Veranstaltungen der DVU und NPD dienten Hoffmanns Leute als Saalschutz, d.h. sie verprügelten gemeinsam mit dem rechtsextremen Hochschulring Tübinger Studenten und der Wiking-Jugend antifaschistische Gegendemonstranten. 1977 schlugen sie in Hamburg mehrere Leute ins Krankenhaus. Einen Spezialauftrag führte ein WSG-‚Soldat' aus, der in der Kanalisation von Berlin tauchte, um die Befreiung des Hitler-Stellvertreters Heß vorzubereiten. Entsprechende Pläne fanden sich später in einer in Schloss Ermreuth eingemauerten Blechdose. Bei ihrem Verbot durch das Bundesinnenministerium am 30.01.1980 zählte die WSG ungefähr 440 Mitglieder, die Ermittler stellten 18 Lastwagenladungen Bajonette, Karabiner, Pistolen, Munition, Stahlhelme und Granaten sicher. Dennoch waren die Umtriebe Hoffmanns in den Augen Franz-Josef Strauß, der gerade Kanzler werden wollte, nicht allzu gefährlich: einem französischen Journalisten sagte er vor laufender Kamera, die Medien sollen sich nicht lächerlich machen, schließlich würden sie selbst die Neonazis durch "überdimensionierte Darstellungen erst der bayerischen Bevölkerung bekannt [machen] und ihnen dadurch eine Bedeutung beimessen, die sie nie hatten, nie haben und in Bayern nie bekommen werden." Zweifellos hatte Hoffmann eine Bedeutung! Einschlägige Nazigrößen wie der Verleger Gerhard Frey gehörten ebenso zu seinem Bekanntenkreis wie gutbürgerliche Unternehmer und angesehene Bürger, so z.B. der Nürnberger Rüstungsfabrikant Diehl. 1976 beglich der DVU-Chef Frey sogar eine Geldstrafe in Höhe von 8 000 Mark für Hoffmann. Dem Spiegel sagte Strauß im Interview: "Man muss sich der nationalen Kräfte bedienen, auch wenn sie noch so reaktionär sind - mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein."

Der Oktoberfestanschlag
Am 26.09.1980 explodierte mitten im Trubel der Wiesn eine Splitterbombe in einem Papierkorb am Eingang zur Wirtsbudenstraße und tötete 13 Personen, darunter den Geologiestudenten Gundolf Köhler. Zunächst gingen Politik und Medien gleichermaßen von der Schuld linker Terroristen aus, doch die Geschichte hielt nicht lange stand. Später wurde das ehemalige Mitglied der WSG Hoffmann als verwirrter Einzeltäter mit psychischen Problemen dargestellt. Die Ermittlungen gegen den ‚Chef' wurde eingestellt, Zeugen, die Köhler eine Woche vorher mit einer Gruppe junger Männer am Tatort beobachtet hatten, wurden ignoriert. Walter Behle, ein weiterer WSG-Mann prahlte im Oktober 1980 an der Bar eines Hotels in Damaskus damit, an der Sache beteiligt gewesen zu sein. Die Kripo tat dies jedoch als unwichtig ab. Als 1982 der WSGler Stefan Wagner Amok lief und vor der Polizei floh, bedrohte er einen Mann mit der Waffe und behauptete dabei, an dem Wiesn-Anschlag beteiligt gewesen zu sein, bevor er sich selbst erschoss. Womöglich sollte das Attentat tatsächlich Linksradikalen untergeschoben werden, wie das z.B. in Italien vorgekommen ist, wohin Hoffmann einschlägige Kontakte unterhielt.

Doppelmord
Am 19.12.1980 wurde der jüdische Verleger Shlomo Levin und seine Freundin Frieda Poeschke in Erlangen ermordet. Levin hatte öffentlich vor der WSG gewarnt. Am Tatort fand sich eine Waffe Hoffmanns (die Tatwaffe) und die Brille seiner Frau Franziska.

Libanon
Bereits in den 60-er Jahren trieb sich der NS-Aktivist Udo Albrecht im Nahen Osten herum und stellte ein sogenanntes Hilfscorps Arabien auf. 1980 stellte Albrecht für Karl Heinz Hoffmann Kontakte zur Führungsebene der PLO her. Eine Handvoll Fanatiker folgte dem Zwirbelbartträger nach dem Verbot der WSG in den Libanon, um sich fortan Wehrsportgruppe Ausland zu nennen. Untergebracht waren sie im PLO-Lager Bir Hassan bei Beirut - mit Billigung und Einverständnis von Abu Ijad, damals stellvertretender Leiter der PLO, Gründer und Anführer der Terrorgruppe Schwarzer September, die unter anderem das Münchner Olympiamassaker 1972 verübt hatte. Knallharter Drill, bedingungsloser Gehorsam und Folter Abtrünniger waren dort an der Tagesordnung. WSG-Mitglied Kai Uwe Bergmann überlebte die Torturen nicht. Am 16. Juni 1981 wurde Hoffmann auf dem Flughafen in Frankfurt festgenommen. 1984 verurteilte ihn das Landgericht Nürnberg-Fürth wegen Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung, Geldfälschung und Verstößen gegen das Waffengesetz zu neun Jahren und sechs Monaten Haft. Vom Vorwurf, den Doppelmord von Erlangen geplant und in Auftrag gegeben zu haben, sprach ihn das Gericht allerdings frei. Als mutmaßlicher Täter von Erlangen blieb sein engster Vertrauter Uwe Behrendt übrig. Der einzige Zeuge dafür war Hoffmann selbst. "Chef, ich habe es auch für dich getan.", soll Behrendt zu ihm nach den Morden gesagt haben. Zum Zeitpunkt des Urteils war Behrendt aber bereits tot, seine Leiche wurde im Libanon gefunden. Nachdem der ‚Chef' zwei Drittel seiner Strafe abgesessen hatte, kam er 1989 wegen ‚guter Führung' frei.

V-Leute
Die deutschen Geheimdienste hatten Hoffmanns Truppe längst infiltriert und ließen sie an der langen Leine, anstatt den kruden Haufen zu zerschlagen. Anscheinend war es ihnen lieber, die großen Jungs bei ihren Kriegsspielen im Auge zu behalten, da viele von ihnen später zu Nazigrößen werden sollten. Zur WSG Ausland gehörte u.a. der Agent Odfried Hepp. Der in fast allen rechtsextremistischen Gruppen aktive Verfassungsschutz-Spitzel Peter Weinmann, der haufenweise Jugendliche zu Wehrsport animierte und dadurch in Nazistrukturen einführte, gehörte schon in den siebziger Jahren zum engsten Kreis. 1983 offenbarte sich in Berlin Werner Lock der Polizei, ebenfalls ein V-Mann. Er berichtete von einem konspirativen Treffen am 17. Juni 1977, bei dem Nazi-Terroristen der WSG Hoffmann und der Deutschen Aktionsgruppen des Terroristen Manfred Roeder Absprachen für Anschläge und Überfälle getroffen hatten. Ein Zehntel der Anwesenden Nazis bei diesem Treffen waren V-Männer. Der Chef in Rente Seit Anfang der neunziger Jahre trägt Karl-Heinz Hoffmann Uniform nur noch privat und brachte es in einer zweiten Karriere als Bauunternehmer zu Geld und Immobilienbesitz in Millionenhöhe. Schon während der WSG-Zeit hatte er durch Autogeschäfte ins Ausland nicht wenig Kohle gescheffelt. Er kehrte zurück in die thüringische Kleinstadt Kahla, wo er als geldscheinwedelnder Spekulant auftrat und haufenweise Häuser sanierte, später eröffnete er dort auch eine Kneipe. Inzwischen hat sich Hoffmann auch aus diesem Geschäft offiziell zurückgezogen und lebt in seinem Schloss Ermreuth.

Krzysztof

Anmerkung: Eine interessanten Reportage über die zweite Karriere des Zwirbelbartes bietet das aktuelle Antifaschistische Infoblatt (AIB) #60. (Eben jener Artikel bei RaumZeit online:  http://www.raumzeit-online.de/102003/artikel155.html )

Einige weitere, mehr oder weniger sinnvolle Links zum Thema:

 http://www.raumzeit-online.de/122000/4.html

 http://www.nadir.org/nadir/periodika/drr/archiv/NR22/nr22-1n-gewen1-rf.htm

 http://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Stadtguerilla+RAF/rz/fruechte_des_zorns/zorn_1_33.html

 http://www.nadir.org/nadir/periodika/anarcho_randalia/brosche/arb1.htm

 http://www.doew.at/frames.php?/thema/rechts/allianz.html

 http://www.idgr.de/lexikon/stich/w/wehrsport/wehrsport.html

 http://www.idgr.de/lexikon/bio/pq/pfahler-anton/pfahler.html

 http://www.loester.net/zeittafel2.htm

 http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/mein/15639/1.html

 http://www.fh-furtwangen.de/~vs-fg/presse/p2000/attentat.htm

 http://antifa.frankfurt.org/Mai/Kameradschaften.htm

 http://www.geocities.com/CapitolHill/Senate/5214/veranstaltung1.html#ANKER2

 http://www.vvdn-bda.de/antifa/0012/04.htm

 http://zoom.mediaweb.at/zoom_397/weinmann.html

 http://www.bfg-muenchen.de/br221000.htm
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Ergänzungen

Häh?

pgs 03.11.2003 - 12:18
1937 geboren und in der DDR aufgewachsen?

mfg, pgs

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