Bolivien: F. Quispe zu Chile und zur bolivianischen Opposition

Marc Homedes (La Nación), Übers.: eduardo 21.10.2003 19:34 Themen: Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Felipe Quispe, Gewerkschaftler, Abgeordneter und Indigenenführer

"Die (bolivianische) Elite hat uns gelehrt zu rufen: Nieder mit Chile"

Von Marc Homedes, Sonderkorrespondent von La Nación (Chile) in La Paz, Bolivien (dt. Übers.: eduardo)

[In dem nachstehenden Interview, das am 20.10. in der chilenischen Zeitung "La Nación" erschienen ist, äußert sich Felipe Quispe, eine der führenden Peronen der bolivianischen Indigenenbewegung und einer der Protagonisten des Aufstandes der vergangenen Wochen, zu den Meinungsverschiedenheiten innerhalb der bolivianischen Opposition und zum Verhältnis Boliviens zu Chile.]
Welches Verhältnis sollte Ihrer Meinung nach Bolivien zu Chile haben?

- Ich werde nicht als Mestize sprechen und nicht als Weißer, sondern aus meiner indigenen Sichtweise. Den Pazifikkrieg (in dem Bolivien seinen Zugang zum Meer an Chile verloren hat; Anm. des Übers.) haben die bolivianischen Militärs selbst verursacht. Immer haben sie verloren (...) gegen Chile, Brasilien, Paraguay (...) immer werden sie verlieren, sie verstehen nichts von Strategie. Aber wir Indigenen haben nichts verloren. Es gibt Indigene in Nordchile und mit ihnen verstehen wir uns gut. Der Aymara kennt keine Grenzen, so daß wir kein Problem mit Chile haben. Wir haben keinen Grund, es mit Zorn zu betrachten. Gewiß, die Criollos (= Weißen), die koloniale Elite hat uns gelehrt, in den Kasernen zu rufen: "Es lebe Bolivien und es sterbe Chile", und das ist bei vielen Leuten hängengeblieben.

- Und was sollte mit dem Gas geschehen?

Das Gas muß hier am Ort weiterverarbeitet werden, und dann werden wir es an jedes beliebige Land verkaufen, da gäbe es kein Problem.

- Werden Sie dem neuen Präsidenten Carlos Mesa eine Atempause zugestehen?

- Wir haben unsere Druckmittel noch nicht aufgehoben. Während andere sie schon aufgehoben haben, sind wir Indigenen vom Altiplano und aus anderen Gegenden nicht bereit, uns vor dem Neoliberalismus zu beugen. Es haben sich nur die Personen geändert, das System bleibt dasselbe, der Imperialismus der Gringos fordert weiterhin die nationale Souveränität heraus. Wir haben unsere Forderungen an die Regierung in 72 Punkten zusammengefaßt, die sie lösen muß.

- Warum, glauben Sie, haben andere Oppositionskräfte, wie der Movimiento al Socialismo (MAS) (Bewegung zum Sozialismus), Mesa doch das Vertrauen ausgesprochen?

- Evo Morales hat eine faschistische Ideologie. So daß er dem Neoliberalismus sehr nahe steht und mit allem übereinstimmt, was Mesa als Wiedergründung (der Republik) vorgeschlagen hat. Er glaubt, er sei schon an der Regierung! Wir hingegen sind Oppositionelle, wir wollen keine Rebolivianisierung. Wir streben nach der Selbstbestimmung als indigene Nation. Wir sind eine Nation, die ihre Macht an die Spanier verloren hat, und jetzt wollen wir sie wiedererlangen.

- Gibt es die Gefahr, daß sich eine indigene oder linke bewaffnete Gruppe bildet, wie der ehemalige Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada (Goni) behauptet hat?

- Das ist seine Position als Gringo. Er (Goni) nennt Evo Morales einen Drogenhändler, weil sie (dessen Anhänger) Coca anbauen. Mich nennen sie einen Terroristen weil ich 1990 einen bewaffneten Aufstand gemacht habe und im Gefängnis war.

- Aber gedenken Sie nur auf demokratischem Wege vorzugehen, oder beabsichtigen Sie, einen Kampf auf der Straße einzuleiten?

- Wir müssen danach streben, an die politische Macht zu gelangen, sei es auf legale Weise oder auf einem mehr revolutionären Wege. Wir machen Pläne in diese Richtung, wir ruhen nicht, weil wir nicht unser Leben lang unser Territorium verlieren können; eines Tages müssen wir es zurückgewinnen.

- Werden Sie für diese revolutionäre Option um Hilfe aus dem Ausland bitten? Denn in Peru hat Antauro Humala, Anführer einer indigenistischen Bewegung, gesagt, daß Reservisten des peruanischen Heeres Sie gegen Goni unterstützen würden.

- Das muß man bagatellisieren. Wir sind selbst dazu fähig. Seit dem Jahr 2000 habe ich meine Brüder aufgerichtet, ich habe ihnen eine Strategie gegeben, eine Ideologie, einen Weg. Unsere Bewegung ist autochthon und einheimisch, wir brauchen aus keinem Land Hilfe

- Verfügen Sie über Waffen?

- Darüber kann ich aus Sicherheitsgründen nicht sprechen, das ist strategisch, das ist eine militärische Frage.


Originaltext:

 http://www.lanacion.cl/p4_lanacion/antialone.html?page=http://www.lanacion.cl/p4_lanacion/site/artic/20031019/pags/20031019195048.html
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x 22.10.2003 - 16:13
bitte in der überschrift "boliviansichen" durch "bolivianischen" ersetzen