In Puertollano arbeitet der Tod mit

Ralf Streck 13.10.2003 10:59 Themen: Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Die Arbeiter der Subunternehmer bei Repsol in Puertollano sind nun in den unbefristeten Streik getreten. Doch angesichts von 17 Toten bei Unfällen erstaunt, dass es um die Frage Arbeitssicherheit gar nicht geht. Viele Arbeiter, vor allem der Stammbelegschaft fühlen sich verraten. Sie werfen den Gewerkschaften Verrat und Spaltung vor.
"Es ist ein bisschen so, als ziehe man in einen Krieg", beschreibt Pedro Jota sein Gefühl beim Gang in der Raffinerie des spanischen Ölkonzerns Repsol YPF in Puertollano. Seit Jahren arbeitet er, der seinen echten Namen aus Angst nicht nennen will, in dem stinkenden Stahlmonstrum des multinationalen Konzerns in der zentralspanischen Provinz La Mancha. Auf der trockenen Hochebene, wo einst Don Quijote gegen die Windmühlen antrat, ließ der Ex-Diktator Franco von dem ehemaligen Staatsbetrieb 1952 die drittgrößte Raffinerie in Spanien bauen.
Der Koloss bestimmt seither das Leben der Kleinstadt nahe Ciudad Real. Man war froh über die Anlage. Sie schuf Arbeitsplätze, als die Kohlegruben dicht machten. Der Dreck, der Qualm und der Gestank war für die Bewohner der Preis für Wachstum und Wohlstand. Dass die Jobs sicherer seien als in den Minen, diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Früher ließen die Arbeiter ihr Leben in der Grube, heute in der Raffinerie.
Dass die Arbeit gefährlich ist, war Pedro bekannt. Doch als am 14. August Teile der Anlage in die Luft flogen und sieben Treibstofftanks mit 8,6 Millionen Liter Benzin gingen in Flammen aufgingen, hat sich sein Leben verändert. Neun seiner Kollegen haben ihr Leben verloren. Erst Ende September starb der 56jährige Tomás Muñoz Ubeda an seinen schweren Verbrennungen. Pedro hat Angst.
Die großen spanischen Gewerkschaften haben für heute (Montag) knapp 4000 Beschäftigten von den etwa 50 Subunternehmern bei Repsol in Puertollano zum unbefristeten Streik aufgerufen. Sechs Tage hatten sie mit Warnstreiks für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft und wurden dabei vor der Anlage am vergangenen Mittwoch von der Polizei brutal attackiert. Mit Gummigeschossen, Tränengas und Schlagstöcken gingen Sondereinheiten auf die Streikenden los, etliche Arbeiter wurden verletzt. Ein ungehinderter Schichtwechsel der Stammbelegschaft sollte gesichert werden, hieß es. Doch dann blockierte die Polizei das Tor und schlug selbst auf Arbeiter ein, welche das Werk betreten wollten.
Wer glaubt, die Gewerkschaften streikten wegen der verheerenden Sicherheitslage, hat sich getäuscht. Es geht um einen ausgelaufenen Zusatzvertrag für die Beschäftigten bei den Subunternehmern. "Zum Thema Sicherheit halten wir uns so lange zurück, bis die eingesetzte Kommission die Ursache des Unfalls geklärt hat", sagt die Generalsekretärin der Arbeiterunion (UGT) in La Mancha dem ND. Maite Fernández erklärt, Sicherheitsfragen spielten jetzt nur am Rande eine Rolle, wo es um die Arbeitszeit gehe. "Es macht ja einen Unterschied, ob ein Arbeiter in einer gefährlichen Anlage acht oder aber zwölf Stunden arbeitet, weil die Aufmerksamkeit nachlässt".
"Man sollte wegen der Sicherheitslage und für Verbesserungen gemeinsam mit der gesamten Belegschaft streiken", meint Pedro. Das träfe Repsol wirklich, weil die Reparatur verzögert würde. Die Probleme würden in Kommissionen zerredet, bis es niemanden mehr interessiere. Viele Arbeiter der Subunternehmen würden ohnehin gerade nicht gebraucht. Erneut glaubten die Gewerkschaften die Versprechen der Firmenleitung, wie beim letzten großen Unfall 1996 mit vier Toten. Doch an Wurzel gehe man nicht. Pedro ist es egal, ob menschliches für den Unfall verantwortlich war, wie Repsol sagt, oder die Sicherheitsmängel, welche die Feuerwehr bemängelt. Es spräche für sich, dass sechs der neun Toten bei Subunternehmern beschäftigt waren. "Die wissen oft nicht, an welch gefährlichen Anlagen sie rumwerkeln".
Tatsächlich verwundert das Vorgehen der Gewerkschaften. Denn in zehn Jahren wurden bei schweren Unglücken in der Anlage 17 Arbeiter getötet. Und Fernández ist über den Zustand der völlig veralteten Raffinerie gut informiert: "Unsere Zahlen belegen das 80 Prozent aller Unfälle in chemischen Werken in Spanien in dieser Anlage stattfinden". Trotzdem, meint sie, müssten Fragen über Tarife und der Sicherheit getrennt behandelt werden.
Pedro hat inzwischen die Hoffnung auch auf die Gewerkschaften verloren: "Die schwingen nur große Reden, doch am Ende passiert nichts". Und mit dieser Meinung steht er nicht allein. Als die UGT und die Arbeiterkommissionen (CCOO) nach der Explosion nur eine "Protestversammlung" einberiefen, platzte vielen der Kragen. Die Arbeiter beschimpften ihre Gewerkschaftsführer als "Mörder", die untätig dem Massaker zusehen würden. "Raus, raus" schrieen sie, statt Reden zu schwingen, flüchten die Gewerkschaftsbosse vor der aufgebrachten Menge. Danach beschloss die Belegschaft einen "Trauerstreik" von drei Tagen.
Wie Pedro wissen viele Arbeiter in Puertollano nicht, wie sie mit ihrer Wut umgehen sollen. Sie fühlen sich hilflos, denn auch wenn die Firma "für ihre Gewinne über unsere Leichen geht", bleibe uns keine andere Wahl. Er muss weiter seine Haut in der Raffinerie zu markte zu tragen. Im Land mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Europa gibt es keine Alternative, noch weniger in einer unterentwickelten Region wie La Mancha.

© Ralf Streck den 12.10.2003

Spitzenreiter Spanien bei Arbeitsunsicherheit

Wie bei der Arbeitslosigkeit liegt Spanien auch bei den Arbeitsunfällen an der Spitze. Durchschnittlich haben im vergangenen Jahr täglich vier Menschen beim Arbeiten ihr Leben verloren. 1104 Menschen fielen schlechten Arbeitsbedingungen zum Opfer, sechs Prozent mehr als noch im Vorjahr. Dazu kommen noch einmal fast 500 Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit umgekommen sind. Seit 1997 kamen bei oder auf dem Weg zur Arbeit etwa 9000 Menschen in Spanien ums Leben.

Diese Zahlen aus dem vergangenen Jahr haben auch pessimistischste Vorraussagen der Gewerkschaften übertroffen. Auch die Zahl der Arbeitsunfälle insgesamt steigt stetig weiter. Waren es im Jahr 2001 noch 1,88 Millionen Unfälle, waren es 2002 noch einmal 20.000 mehr. Dabei, so kritisieren die Gewerkschaften, kleinere Arbeitsunfälle würden meist gar nicht gemeldet. Betroffen von Arbeitsunfällen sind immer stärker Leiharbeiter oder die Arbeiter von Subunternehmen, die oft für gefährliche Arbeiten eingesetzt werden.

Schon vor drei Jahren hatten die großen Gewerkschaften der Regierung mit einem Generalstreik wegen der steigenden Zahl der Arbeitsunfälle gedroht. Geschehen ist nichts.
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Ergänzungen

Informationen zu Repsol

Ergänzer 17.10.2003 - 18:25
Die Rolle von Repsol in Argentinien wurde mehrmals bei Indymedia beschrieben. Auch in Bolivien ist der Konzern am Morden:

Interessen des Ölmultis Repsol in Bolivien
 http://de.indymedia.org/2003/10/63503.shtml

Nicht nur die bolivianische Regierung, sondern auch die Erdgas exportierenden Unternehmen sind mitverantwortlich für die Massaker in Bolivien. Am Pacific-Erdgasverflüssigungsprojekt (Pacific LNG) sind (die spanisch/argentinische) Repsol-YPF und British Gas beteiligt. Erstere ist wegen ihrer Übergriffe gegen die Yuracaré- und Maxeños-Gemeinschaften im Gebiet Chaparé (Ostbolivien), wegen ihres Eindringens in das Territorium der Chimán und mehrerer Konzessionen (bloques) im Gebiet der Guaraní und Weenhayek im Chaco bekannt.