Deutsche Berichterstattung zu Kolumbien Bsp
Ich habe mir einen Artikel der "Zeit" vorgenommen ((c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34 ) und teilweise kommentiert. Dieser Artikel ist meiner Meinung nach ultrarechter Natur, auch wenn der abschliessende Teil davon einen anderen Eindruck vermitteln mag; ich denke: der Autor ist ein gefaehrlicher Schreibtischtaeter und Manipulant und ihm gehoeren die Haende gebunden!!!
Ich habe nur einen kleinen Teil des Artikels kommentiert, auch wenn ich mich ueber wesentlich mehr aufgeregt habe oder etwas anzumerken gehabt haette.
Zuerst zitiere ich chronologisch einen Teil des Artikels mit meinen Bemerkungen, Ergaenzungen oder Gegeninformationen, anschliessend folgt der Artikel an sich und komplett.
Ich hoffe, dass sich jemand ganz praktisch der Sache annimmt, ich selbst bin leider in Kolumbien...
DIE ZEIT, 14.08.2003, Nr.34
"Kolumbien
Operation Orion
Kolumbiens Präsident Uribe verhandelt nicht mehr mit Guerilleros, er lässt auf sie schießen. Die Geschichte einer Familie, die während der Schlacht in der Stadt Medellín zwischen die Fronten geriet
Von Ulrich Ladurner"
...
"Uribe war erst im August 2002 gewählt worden. Sein Vorgänger, Andres Pastrana, hatte mehrere Jahre mit der Farc verhandelt, der größten und ältesten Guerillagruppe Kolumbiens. Ohne sichtbares Ergebnis. Im Gegenteil: Nach Meinung der meisten Experten nutzte die Farc diese Zeit dazu, aufzurüsten und ihr Gebiet zu konsolidieren."
---Stimmt. Aber im Gegensatz zu der Regierung wollten die FARC verhandeln, waehrend Pastrana die Verhandlungen nur vorgeschoben hat; es heist, v.a. um den Ruecken frei zu haben, waehrend er die zweitgroesste Guerillagruppe, die ELN, militaerisch zu zerschlagen probierte. Bezueglich des zentralen Verhandlungspunktes, die Eindaemmerung des Paramilitarismus, hat die Regierung nichts unternommen, im Gegenteil: durch ihre Politik der mehr oder weniger indirekten Unterstuetzung breitete der Paramilitarismus sich sprunghaft aus. ---
"Pastrana brach die Verhandlungen im Februar 2002 ab, nachdem die Farc den Gouverneur der Provinz Antioquia, den Verteidigungsminister, eine Reihe von Parlamentariern und eine Präsidentschaftskandidatin entführt hatte."
---Der Autor ist schlecht informiert oder desinformiert bewusst die Leser: Erst wurden die Verhandlungen abgebrochen und danach wurde die Praesidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt entfuehrt. ---
"Die Zeit, so erschien es den meisten Kolumbianern, war reif für einen starken Mann: Alvaro Uribe."
---Das ist richtig, aber nur dank der Medienkampagne und der angeblichen Alleinschuld der FARC an den gescheiterten Verhandlungen. Uebrigens ist es nicht schwierig, nachzurecherchieren, dass Praesident Uribe aus einem Millieu der Drogenmafia stammt und stets gute Kontakte zu den Paramilitaers pflegte. Und saemtliche unabhaengige soziale Organisationen des Landes sind sich aufgrund ihrer Erfahrungen darueber einig, dass er ein Faschist ist - und das ist er ohne Zweifel. ---
"Uribe ist offenbar entschlossen, sein Versprechen einzulösen, die Autorität des Staates wiederherzustellen."
---Uribe ist dazu entschlossen, das Land anhand seiner neoliberalen Politik auszubluten, es an die Weltbank und den internationalen Waehrungsfonds zu verkaufen und das Land fuer Investitionen aus dem Ausland sicher zu machen, wobei ihm jede Methode recht ist. ---
"(General) Gallego und seine Männer sind nun die entscheidenden Instrumente präsidialer Politik."
---Dieser Satz spricht fuer sich.---
"Das Klima von Medellín ist gut zu Menschen, die nicht viel besitzen. Zwar gibt es Stürme, aber die Temperaturen sind auch im Winter warm."
---hihihihi---
"In El Salado ist es ruhig an jenem Abend, soweit man hier von Ruhe sprechen kann. Denn die Angst geht mit den Menschen ins Bett. Draußen herrschen die Guerilleros. Nachts wird geschossen, gemordet und entführt. 400 Menschen fanden in der Comuna 13 allein von Januar 2000 bis Ende letzten Jahres einen gewaltsamen Tod. Gegen elf Uhr verlöschen alle Lichter in Nellys Haus."
---Hier zeigt der "Journalist" ohne Umschweife sein wahres Gesicht, er ist ultrarechts oder einfach voellig desinformiert. Jeder der sich mit dieser Stadt auseinandergesetzt hat, weiss, dass die Mordrate zum Loewenanteil auf die rechten Paramilitaers zurueckzufuehren ist, die Paramilitaers erwaehnt er in diesem Zusammenhang aber garnicht, die sind erst ein spaeteres Kapitel.---
"Die Guerilla-Grupppen nisten sich ein, der Staat ist machtlos"
---Nein, der Staat ist nicht machtlos. Es gibt genuegend Beweise dafuer, dass die Paramilitaers Kinder des Staates sind. Das staatliche Militaer arbeitet mit Paramilitaers zusammen, lebt mit ihnen, oftmals sind Militaers und Paramilitaers sogar identisch, je nach der zu erfuellenden Mission wechseln sie die Rolle und die Abzeichen auf der Uniform. Diesbezueglich gibt es Tonnen an Zeugenaussagen, es gab auch internationale Meinungstribunale, anhand derer diese Erkenntnisse belegt wurden. Der Staat ist also nicht machtlos, denn die Paramilitaers massakrieren fuer ihn die Zivilbevoelkerung, die soziale Basis der Guerilla. "Dem Fisch das Wasser entziehen" ist die Regel des "Krieges niederer Intensitaet", den Uribe nur noch ausgedehnt hat.---
"Adriana Ramírez Valencia; geboren am 12. 11. 1988. Schulaustritt am 12. 10. 2001. Begründung: Sie hat keine Familienangehörigen mehr in der Gegend. Sie sind verschwunden."
---Verschwunden, zu spanisch: desaparecidos. Diese Technik ist paramilitaerisch, die Guerilla entfuehrt, denn sie will Loesegeld oder einen Gefangenenaustausch erpressen. Die Paramilitaers lassen verschwinden, denn sie wollen die Angehoerigen des Opfers moeglichst schwer traumatisieren - das gelingt, indem sie die niemals sicher wissen lassen, ob das Opfer nicht vielleicht doch noch lebt - eventuell in staendiger Folter. Ausserdem koennen sie so die Statistiken an der Nase herumfuehren, denn die Verschwundenen laufen nicht in der Rubrik "Morde". Wenn die Direktorin wuesste, wie der Autor des "Artikels" seine Informationen missbraucht, wuerde ihr sicherlich schlecht werden, denn noch immer ist nicht die Rede von Paramilitaers.---
"Der Handel mit Kokain spült jährlich Hunderte Millionen Dollar in die Kassen der Farc."
---In welchem Massstab die FARC als einheitliche Organisation selbst mit Drogen handeln, weiss man nicht (und am allerwenigsten dieser Genius von Autor), sicher ist lediglich, dass sie den Kokaanbau und -Verkauf besteuern. Und dass der Begriff "Narco-Guerilla" von dem ehemaligen US-Botschafter in Kolumbien eingefuehrt wurde, um die FARC international und im Land als Drogenmafia zu stigmatizieren.
Auch hier haelt es der Autor nicht fuer noetig, die Paramilitaers beim Namen zu nennen, die den Grossteil der landesweiten Kokaingeschaefte fuehren und sich nach eigenen Angaben zu ueber 70% aus diesen Geschaeften finanzieren - auch wenn sie da inzwischen strategische Wendemanoever vollzogen haben, um die Scheinverhandlungen mit der Regierung Uribe besser fuehren zu koennen.---
"Die sozialen Probleme haben die Farc und andere Guerillagruppen zwar nicht populärer gemacht – laut Umfragen genießen sie in der Bevölkerung nicht mehr als fünf Prozent Unterstützung. Aber die Not liefert ihrer Revolutionsrhetorik eine gute Begründung."
---Die FARC vereinen ueber 20.000 Kaempfer, die ELN ueber 5.000. Die Guerilleros werden - entgegen mancher Unterstellung - nicht fuer ihren Kampf entloehnt. Die Paramilitaers dagegen schon; wer skrupelos ist und etwas fuer sich verdienen will, geht zu den Paramilitaers. Wer den Traum von Veraenderungen traeumt, ist sozialer Aktivist, bis zum 2. ueberlebten Attentat durch Paramilitaers, dann geht er zur Guerilla, weil dies ungefaehrlicher ist. Uribe schmeisst die sozialen Organisationen uebrigens mit der Guerilla in einen Topf und gibt sie so zum Abschuss frei.---
"Der Staat hat hier nichts zu melden, nicht die Polizei und nicht die Armee."
---Diese beiden staatlichen Institutionen haben nirgendwo in den urbanen Zentren des Landes etwas zu melden, es sei denn, sie lanzieren gerade eine Militaeroperation. Als Ordnungsmacht sind die Paramilitaers als parastaatliche Institution hier ohne Ausnahmen etabliert, mit Unterstuetzung und Zusammenarbeit der anderen beiden genannten Einrichtungen allerdings. Nurnoch in den Armenvierteln Bogotas gibt es meines Wissens nach nennenswerte Praesenz von Guerillamilizen---
"Die AUC sollte gegen die Guerilla kämpfen. Aber inzwischen haben sich diese bewaffneten Gruppen teilweise verselbstständigt."
---Das ist das alte Amenmaerchen, das der Staat alle Glauben machen will: Die AUC sind eine unabhaengige Kraft. Das hat mit der Realitaet nichts zu tun.---
"Die AUC arbeitet oft mit stiller Duldung der Armee, manchmal auch mit ihrer aktiven Unterstützung."
---Oha, man koennte meinen, dass der Autor nun beginnt, das nachzuholen, was er vorher vergessen hat. Dies ist ein Irrtum, dieser Satz hat wohl kaum mehr als eine Alibifunktion, um ein diferenziertes Bild zu erwecken.---
"Als die Nachricht in die Comuna einsickerte, dass Paramilitärs gesichtet wurden, war allen klar, dass ihnen jetzt das Schlimmste bevorstehen würde – ein Krieg.
...
Der Soldat Carlos García erhält den Marschbefehl Dienstagnacht. Er rückt mit seinen Kameraden von der Bergseite her an. Sie geraten schnell unter Feuer. Die Guerilleros haben sich in dem Häuserlabyrinth gut positioniert."
---Die Militaeroffensive hat die Guerilla zu verdraengen gesucht, aber nicht, um Frieden zu schaffen, hoechstens einen Friedhofsfrieden, sondern um den Paramilitaers die Kontrolle zu uebergeben Diese werden einmal mehr alibimaessig angefuehrt.---
"Am Mittwoch ist der Widerstand weitgehend gebrochen. Die Generäle haben nicht nur 3000 Mann zur Verfügung. Sie setzen auch Hubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge ein. Die muchachos können dem nicht lange standhalten."
---Die gepanzerten Fahrzeuge und Hubschrauber haben auf alles geschossen, laengst nicht nur auf die vermeintliche Guerilla - und zwar nicht aus Versehen sondern nach System!---
"Am Mittwoch gibt es noch vereinzelte Feuergefechte, am Donnerstag scheint das Viertel unter Kontrolle der Polizei."
---Falsch, die Paramilitaers kontrollieren das Viertel ab nun.---
"Jetzt erfüllt es ihn mit Befriedigung, wenn er überall in der Comuna 13 die kolumbianische Flagge wehen sieht. In allen Größen hängt sie auf Balkonen, an Fenstern und Türen zum Zeichen dafür, dass die Bewohner zu ihrem Staat stehen, der sie lange vergessen hatte, nun aber wieder in seine festen, sicheren Arme schließt."
---Der Autor kann sich doch wohl selbst nicht ernst nehmen, oder etwa doch? Dann hat er sich wohl im Traum geirrt...---
"Das soll den Menschen die Furcht nehmen, die Soldaten könnten bald wieder abziehen und die muchachos und die Paramilitärs würden wiederkommen."
---Dieser Satz ist wieder interessant; waehrend der Autor sich zwischendurch mal zu bemuehen schien, einigermassen objektiv zu sein, indem er erwaehnte, dass Militaer und Paramilitaer gewissermassen sich zumindest in Ruhe lassen (diese Information ist wohl so weitverbreitet, dass er es schlichtweg erwaehnen musste), und er auch nur von dem Kampf gegen die Guerilla (und nicht gegen die Paramilitaers, wahrscheinlich waere dies ein zu grosser Gegensatz zu dem zuvor geschriebenen gewesen; der Autor scheint nicht desinformiert zu sein, sondern manipulieren zu wollen, also tatsaechlich ein ultrarechter Schreibtischtaeter) in der Comuna 13 schrieb und das Einruecken der Paramilitaers zuvor zwar kurz erwaehnt, aber nicht weiter darauf eingeht, schreibt er jetzt, die Paramilitaers seien weg, impliziert dabei in seinem Satz, dass sie wegen der Armee weg seien. Dies ist wieder ein dreisste Luege, Desinformation wider besseren Wissens. Die Operation Orion war die militaerische Unterstuetzung der Paramiliaers, die es in monatelangem Kampf nicht geschafft hatten, die Guerilla zu vertreiben; doch die Paramilitaers kontrollieren heute und zwar seit dem Zeitpunkt des Endes der Operation an die Comuna 13.---
"Der Präsident mit der harten Hand und dem großen Herzen hat diesmal Schulen, Krankenhäuser und Arbeit versprochen."
---Sehr witzig, gerade wenn ueberall im Land Bildung und Gesundheit privatisiert und verteuert werden, Schulen und Krankenhaeuser schliessen, Massen von Arbeitern aus den verschiedensten Bereichen entlassen werden, gerade dann spendiert Uribe all das der Comuna 13, seinem absoluten Lieblingsbarrio. Wieder kann der Autor sich kaum ernst nehmen oder irrt in seinen Traeumen...---
"García ist Soldat geworden, weil er bezahlte Arbeit brauchte, nicht weil er gerne Krieg führt."
---Genau so geht es den meisten, sonst wuerde Uribe seinen Krieg nicht fuehren koennen; und das ist Teil der Regierungsstrategie, ein Teufelskreis, in dem die Existenz der Guerilla allerdings ebenso gesichert ist, wie die der (Para-) Militaers, es sei denn Uribe laesst sehr viele neue Gefaengnisse und Friedhoefe bauen - und dies bahnt sich bereits an.
Der Rest des Artikels spricht fuer sich, nur eine Anmerkung: es ist nicht represaentativ, dass der Bruder des ermordeten Jungen von dem Vermummten nicht als Guerillero denunziert wird. Die Spitzel bekommen Geld fuer ihre Denunzierung, ob sie der Wahrheit entspricht, interessiert nur die Opfer und deren Angehoerige.
Ein Mensch, der sozial denkt und handelt, ist in diesem Land ein Todgeweihter.
Der Autor romantisiert zwar nicht den Kampf der FARC, gleichfalls kritisert er aber deren Rhetorik und romantisiert dabei bewusst die faschistischen Zustaende im Land zu Gunsten des Staates. Ulrich Ladurner gehoert zu der uebelsten Sorte von Schreibtischtaetern. Wenn jemand nicht weiss, wie man sich praktisch gegenueber Kolumbien solidarisieren soll - hier ist ein Name, hier ist eine Zeitung... Mit...Energie und Fantasie!!!...hasta la victoria siempre.
NUN DER ARTIKEL KOMPLETT:
Kolumbien
Operation Orion
Kolumbiens Präsident Uribe verhandelt nicht mehr mit Guerilleros, er lässt auf sie schießen. Die Geschichte einer Familie, die während der Schlacht in der Stadt Medellín zwischen die Fronten geriet
Von Ulrich Ladurner
Der General Als Präsident Alvaro Uribe den Befehl zum Angriff von Bogotá nach Medellín übermittelt, nimmt Polizeigeneral Leonardo Gallego ihn mit Befriedigung entgegen. Er und Armeegeneral Mario Montoya haben sich gut vorbereitet. Alle Details der Operation sind festgelegt. 3000 Mann stehen bereit. Ihren Kalkulationen nach ist das genug, um die Guerilleros zu vertreiben. Einen wohlklingenden Namen haben die Generäle für ihr Unternehmen auch gefunden: Orion.
Trotzdem ist General Gallego nervös. Operation Orion zielt auf die Besetzung eines Stadtteils von Medellín ab, die Comuna 13. Hier leben mehr als 130000 Menschen dicht nebeneinander. Das Viertel zieht sich steil hügelan, ein Labyrinth aus winzigen Häusern und Hütten, die durch Gassen, Wege und Treppen verbunden sind – ein Albtraum für jeden Soldaten.
Kolumbiens Generäle sind zwar seit Jahrzehnten an Krieg gewöhnt, aber sie führen ihn vor allem auf dem Land, irgendwo draußen im Dschungel oder in den Bergen. Die Stadt, das ist etwas Neues. Eine risikoreiche Aktion. Was immer hier geschehen wird, es findet unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Für eine Aktion dieser Art brauchen die Generäle die politische Rückendeckung. Präsident Alvaro Uribe garantiert sie ihnen.
Uribe war erst im August 2002 gewählt worden. Sein Vorgänger, Andres Pastrana, hatte mehrere Jahre mit der Farc verhandelt, der größten und ältesten Guerillagruppe Kolumbiens. Ohne sichtbares Ergebnis. Im Gegenteil: Nach Meinung der meisten Experten nutzte die Farc diese Zeit dazu, aufzurüsten und ihr Gebiet zu konsolidieren. Pastrana brach die Verhandlungen im Februar 2002 ab, nachdem die Farc den Gouverneur der Provinz Antioquia, den Verteidigungsminister, eine Reihe von Parlamentariern und eine Präsidentschaftskandidatin entführt hatte. Die Zeit, so erschien es den meisten Kolumbianern, war reif für einen starken Mann: Alvaro Uribe.
General Gallego kann also beruhigt sein. Der Angriffsbefehl gegen die Farc-Guerilleros der Comuna 13 kommt direkt aus dem Präsidentenpalast. Uribe ist offenbar entschlossen, sein Versprechen einzulösen, die Autorität des Staates wiederherzustellen. Gallego und seine Männer sind nun die entscheidenden Instrumente präsidialer Politik. Von ihnen hängt in diesem Augenblick das Image des Präsidenten ab. Das erfüllt die Generäle mit einer gewissen Genugtuung. Denn unter dem „weichen“ Pastrana hatten sie gelitten. Insgesamt herrscht in Kolumbien das Gefühl, die Armee sei in die Defensive geraten und könne gegen die Guerilla nicht die Oberhand gewinnen, nicht einmal in Teilstücken. General Gallego und all die anderen Generäle haben jetzt die Chance, das Gegenteil zu beweisen. Um zwei Uhr nachts an einem Dienstag beginnt die Operation Orion.
Die Mutter Nelly del Carmen Belis Correa legt sich am Abend zuvor gegen 22.30 Uhr ins Bett. Sie hat keine Ahnung davon, was sich wenige Stunden später ereignen wird. Nelly ist erschöpft von der vielen Arbeit. Sie hat sieben Kinder allein großgezogen, und es war gut gegangen.
Die 31-jährige Juliet hat inzwischen selbst vier Kinder zur Welt gebracht. Sie wohnt in der Nachbarschaft. Die anderen wohnen alle noch bei Nelly. Juan Diego und Elkin studieren. Paola, Catalina und Alexander gehen zur Schule. Nur der 32-jährige Edide ist ohne Beschäftigung, bis auf Gelegenheitsarbeiten, die er sich hin und wieder zu beschaffen weiß. Aber Edide ist keine Ausnahme in der Comuna 13, sondern die Regel. Nach offiziellen Angaben sind hier mehr als 60 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, aber die offiziellen Zahlen sind noch geschönt. Trotzdem kann Nelly zufrieden sein. Keines ihrer Kinder ist auf die schiefe Bahn geraten, und das ist eine große Leistung in diesem Viertel.
1978 war Nelly aus dem Viertel Santander in die Comuna 13 gezogen, nach El Salado. Auf einem Abhang, hoch über einem kleinen Fluss, hatte sie sich ein Stück Land gekauft. Rund 50 Quadratmeter waren es. 6000 Pesos kostete damals das handtuchgroße Stück Erde. Danach baute Nelly mit ihren eigenen Händen das, was sie ihren ranchito nennt: eine Hütte aus Brettern. Ein Heim. Im Laufe der Jahre ist die Bretterbude insgesamt achtmal in sich zusammengefallen. Mehrmals wegen eines heftigen Sturmes, einmal, weil Edide das Dach reparieren wollte, dabei ausrutschte und den großen Teil des ranchitos mit sich riss. Edide, der Tölpel. Er lacht darüber.
Die Bretterbude ist inzwischen zu einem Haus aus roten Ziegelsteinen geworden. Die Ziegel sind unverputzt aber gut ineinander gefügt. Es gibt eine Tür nach hinten, zum Haus der Nachbarn, das gerade mal einen halben Meter entfernt steht. Ein zweite Tür führt von der Küche nach vorn hinaus. Dort fällt der Hang steil ab, rund 20 Meter bis zum Dach des nächsten Hauses. Der Regen hat einen Teil des Hangs mit sich gerissen. Es besteht die Gefahr, dass er komplett abrutscht.
Normalerweise benutzt die Familie die Tür nach hinten, aber wenn es schnell gehen muss, dann gehen Nellys Kinder durch die Tür zum Hang hin. Von dort führt ein schmaler Weg hinunter auf die Straße. Er ist ausgetreten und bei Regen rutschig. Es ist allerdings eine Übertreibung, von einer Tür zu sprechen. Dafür fehlt das Geld, genauso wie für Fensterglas. Mit Ausnahme der Eingangstür sind die Öffnungen des Hauses mit Brettern verschlossen. Der Wind findet hier große Ritzen. Er kommt ins Haus, wann er will, fegt durch die Küche und die drei Zimmerchen, die durch keine Tür abgeschlossen sind. Das Klima von Medellín ist gut zu Menschen, die nicht viel besitzen. Zwar gibt es Stürme, aber die Temperaturen sind auch im Winter warm.
In El Salado ist es ruhig an jenem Abend, soweit man hier von Ruhe sprechen kann. Denn die Angst geht mit den Menschen ins Bett. Draußen herrschen die Guerilleros. Nachts wird geschossen, gemordet und entführt. 400 Menschen fanden in der Comuna 13 allein von Januar 2000 bis Ende letzten Jahres einen gewaltsamen Tod. Gegen elf Uhr verlöschen alle Lichter in Nellys Haus.
Die Direktorin Aura María Carvajal Correa redet wie ein Wasserfall. Sie ist voller Energie und fest entschlossen, aus einer schlechten Lage das Beste zu machen. Sie treibt ihre Schülerinnen an, wo immer sie kann, mit guten Worten und Ermahnungen. Aura geht mit gutem Beispiel voran. Ihr Lyzeum Lola González ist eine Musterschule. Die Innenhöfe sind sauber, die Mauern frisch gestrichen, ein Rosenbeet ist angelegt und ein kleiner Garten. Sie tut alles, damit die Schülerinnen hier eine Chance bekommen, die ihnen sonst kaum einer gibt. Denn die 1811 Schülerinnen des Lizeums kommen aus der Comuna 13.
Die Schule liegt in San Javier, einem Mittelklasseviertel, das noch zur Comuna 13 gehört, aber bereits einer anderen Welt angehört – Klasse vier heißt das in Kolumbien. Die Statistik kennt hier sechs Stufen: Eins ist ganz unten, sechs ganz oben; eins bedeutet bitterarm, sechs steinreich. Catalina und Paola kommen aus Nummer eins, und in San Javier sehen sie, wie ihr Leben aussehen könnte: ordentliche Häuser, Geschäfte, Transportmöglichkeiten, relative Sicherheit. Die Direktorin jedenfalls versucht ihnen zu bieten, was sie in der Comuna 13 nicht haben: einen Platz, in dem sie geschützt und ohne Angst arbeiten können.
Die beiden Töchter von Nelly del Carmen Belis Correa, Paola und Catalina, gehen hier zur Schule. Rund 40 Minuten marschieren sie jeden Tag zu Fuß dorthin. Für den Bus fehlt das Geld. Er kostet umgerechnet 20 Cent. Die beiden Mädchen sind ganz nach dem Geschmack der Direktorin: fleißig, gehorsam und mit klaren Vorstellungen im Kopf. Paola will Wirtschaft studieren und ein Unternehmen gründen. Catalina will Architektin oder Modeschöpferin werden. Bildung, Bildung, Bildung, das hat ihnen ihre Mutter Nelly eingeschärft. „Nur so kommt ihr weiter.“ Die Direktorin lächelt, als sie das hört, und sagt: „Ich tue, was ich kann.“ Sie weiß natürlich, dass die Kräfte, gegen die sie arbeitet, stark sind. La violencia – die Gewalt, die sie alle bedroht.
Die Guerilla-Grupppen nisten sich ein, der Staat ist machtlos
Die Erschütterungen in Kolumbien erreichen auch die Direktorin und ihr Lyzeum. Sie schlägt das Schulregister an einer beliebigen Stelle auf: „Lesen Sie!“
Celica Vega Fernández; geboren am 13. 9. 1989. Schulaustritt am 02. 10. 2001. Begründung: Wegen des Konfliktes in der Comuna 13. Sie haben die Mutter ermordet.
Adriana Ramírez Valencia; geboren am 12. 11. 1988. Schulaustritt am 12. 10. 2001. Begründung: Sie hat keine Familienangehörigen mehr in der Gegend. Sie sind verschwunden.
Jessica Loaza Muñoz; geboren am 17. 11. 1989. Schulaustritt am 18. 10. 2001. Begründung: Die Mutter ist im Buon Pastor (Gefängnis), und die Schülerin ist mit dem Tode bedroht worden.
Die Direktorin schlägt das Register wieder zu. „Und so weiter und so weiter. In diesen Tagen haben wir den Rekord erreicht. 65 Schülerinnen sind seit dem Beginn der Operation Orion aus der Schule ausgetreten.“
Die Guerilleros In Kolumbien gibt es eine ganze Reihe von Guerillagruppen. Die größte ist die Farc. Sie bildete sich 1964 und hat heute nach Schätzungen 20000 Mann unter Waffen. Sie kontrolliert weite Gebiete des Landes und verfügt über große finanzielle Ressourcen. Ihr Geld bezieht sie unter anderem aus dem Drogenhandel. Die Farc bezeichnet sich selbst als marxistische Gruppe. Mag der Marxismus auch tot sein – die Farc ist in den letzten Jahren militärisch gewachsen. Wegen des vielen Geldes aus dem Drogenhandel, sagen die einen. Die anderen sagen, dass die sozialen Gegensätze in den letzten Jahren nicht geringer geworden seien; das gebe der Farc Auftrieb.
Beides ist nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Der Handel mit Kokain spült jährlich Hunderte Millionen Dollar in die Kassen der Farc. Gleichzeitig ist die Armut im ohnehin schon bitterarmen Kolumbien gestiegen. „Anfang der neunziger Jahre lag der Anteil der Armen bei 54 Prozent“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Eduardo Sarmiento, „heute liegt er bei 60 Prozent.“ Armut bedeutet: 25 Millionen Menschen leben pro Tag und pro Kopf von knapp zwei Euro; 11 Millionen Menschen leben pro Tag von einem Euro. Die sozialen Probleme haben die Farc und andere Guerillagruppen zwar nicht populärer gemacht – laut Umfragen genießen sie in der Bevölkerung nicht mehr als fünf Prozent Unterstützung. Aber die Not liefert ihrer Revolutionsrhetorik eine gute Begründung.
Die Farc hat sich vor Jahren in der Comuna 13 eingenistet und mit ihr andere Gruppen wie die Ejército de Liberación Nacional (ELN) und die CAP (Comandos Armados del Pueblo). Einnisten heißt, dass sie den Stadtteil kontrollieren. Der Staat hat hier nichts zu melden, nicht die Polizei und nicht die Armee. Die muchachos, wie die Bewohner sie nennen, regeln hier alles. Sie holen sich von den wenigen winzigen Geschäften Schutzgeld und greifen in den Alltag der Menschen ein. Wer sich kleinerer Vergehen wie einer Störung der Nachbarn durch Familienstreitigkeiten oder laute Musik schuldig macht, muss ein paar Tage lang die Straßen reinigen oder Erde schaufeln. Zwangsarbeit zur Erziehung des Volkes.
Manchmal schlägt die Guerilla auch härter zu. Nicht weit von Nellys Haus entfernt zerstörten die muchachos das Haus einer Frau. Ihre einzige Schuld: Ihr Sohn war ein Polizist. Am schlimmsten aber ist, wenn die muchachos den Verdacht haben, dass ein Bewohner mit der Polizei zusammenarbeitet. Das endet nicht selten mit einer Hinrichtung, ohne Prozess, nur aufgrund einer Denunziation.
3000 Entführungen jedes Jahr – ein schnelles, präzises Geschäft
Die verwinkelten Häuser der Comuna dienen den Guerilleros auch als Gefängnis. Hier halten sie viele Gekidnappte fest. Entführungen sind eine der großen Einkommensquellen für die Guerilla. 3000 Entführte gibt es jedes Jahr in Kolumbien. Davon betroffen sind alle Bevölkerungsschichten: Inhaber von kleinen Geschäften, Angestellte, Händler – alle, von denen die Guerilleros glauben, sie verfügten über etwas Geld. Im Volksmund hat sich der Begriff der Expressentführung eingebürgert.
Die muchachos der Comuna fahren zum Beispiel hinunter nach San Javier oder weiter ins Zentrum der Stadt, schnappen sich den Sohn eines Ladenbesitzers oder eines Anwaltes. Sie verlangen für die Freilassung etwa 1000 Euro. Der Vater verhandelt, zahlt, der Sohn kommt frei. Das Ganze dauert nur wenige Tage, wie ein schnelles, präzises Geschäft.
Den Staat gibt es in der Comuna nicht mehr. Sie ist eines der „Fürstentümer“, in die das ganze Land unterteilt ist und in denen Warlords das Kommando haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass permanent Gewalt herrscht. Solange nur eine Partei ein Gebiet kontrolliert, geht es relativ friedlich zu. Krieg bricht erst aus, wenn eine zweite oder dritte Gruppe den Platzhirschen ihr Territorium streitig machen will. Genau das geschieht in der Comuna 13.
Die Paramilitärs Kurz vor der Wahl vergangenen Jahr tauchen an der Grenze der Comuna 13 Bewaffnete auf. Sie kommen von den Bergen herunter, die hinter dem Viertel hoch aufragen. Dort oben haben sie schon seit längerem ihre Stützpunkte eingerichtet. Auf den Schultern tragen die Uniformierten das Abzeichen AUC – das steht für Autodefensas Unidas de Colombia. Das Kürzel allein reicht, um Schrecken zu verbreiten.
Die AUC sind paramilitärische Einheiten und in Kolumbien erst Mitte der neunziger Jahre entstanden. Viele von ihnen waren einst von großen Landbesitzern angeheuert worden, die sich vom Staat nicht geschützt fühlten. Die AUC sollte gegen die Guerilla kämpfen. Aber inzwischen haben sich diese bewaffneten Gruppen teilweise verselbstständigt. Ihre Zahl hat sich von rund 3000 auf geschätzte 12000 vervielfacht. Sie kontrollieren einige Landesteile und sind ebenfalls in den Drogenhandel verwickelt. Nach Auffassung von Menschenrechtlern führen die AUC ihren Krieg vor allem gegen die Zivilbevölkerung. Sie haben viele von den massenhaften Vertreibungen zu verantworten – Kolumbien hat heute 2,7 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land und liegt damit hinter Angola und Sudan an dritter Stelle. Die AUC arbeitet oft mit stiller Duldung der Armee, manchmal auch mit ihrer aktiven Unterstützung.
Als die Nachricht in die Comuna einsickerte, dass Paramilitärs gesichtet wurden, war allen klar, dass ihnen jetzt das Schlimmste bevorstehen würde – ein Krieg. Nacht für Nacht gibt es seither Feuergefechte, manchmal auch Explosionen, die weithin zu hören sind. Das geht über Wochen und Monate, und niemand kommt der Zivilbevölkerung zu Hilfe. Die Zahl der Toten steigt sprunghaft an. Taxifahrer, die sich noch in die Comuna trauen, oder die wenigen Menschen, die ein Auto haben, fahren mit Leichen in die Stadt. Guerilleros haben sie dazu gezwungen, die Toten zu transportieren.
Der „urbane Guerillakrieg“, der in der Comuna 13 begonnen hat, macht Schlagzeilen. Angeblich, berichten die Zeitungen, habe die Führung der Farc die Direktive ausgegeben, den Krieg in die Städte zu tragen. Diese Theorie verdeckt, dass Guerillagruppen schon seit langem in der Comuna 13 Fuß gefasst haben, genauso wie in anderen Slums der großen Städte Kolumbiens. Nur eines ist anders: Als die Paramilitärs eindringen, befindet sich das Land mitten im Wahlkampf. Es sehnt sich nach Ordnung. Die Comuna 13 gerät so in das Zielkreuz der Politik, die sich auf den Krieg einstellt. Die Comuna 13 wird zu einem Exempel, das die neue, starke Regierung statuieren will.
Der Soldat Carlos García erhält den Marschbefehl Dienstagnacht. Er rückt mit seinen Kameraden von der Bergseite her an. Sie geraten schnell unter Feuer. Die Guerilleros haben sich in dem Häuserlabyrinth gut positioniert. Sie kennen jede Gasse, jeden Winkel, jede Ecke. Soldaten wie García hingegen wissen wenig, nur dass sie unbedingt gewinnen sollen. Den ganzen Dienstag gibt es heftige Schusswechsel. Am Mittwoch ist der Widerstand weitgehend gebrochen. Die Generäle haben nicht nur 3000 Mann zur Verfügung. Sie setzen auch Hubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge ein. Die muchachos können dem nicht lange standhalten. Am Mittwoch gibt es noch vereinzelte Feuergefechte, am Donnerstag scheint das Viertel unter Kontrolle der Polizei. General Gallego meldet Vollzug nach Bogotá.
„Es war sehr hart“, sagt García, „sehr hart. Sehen Sie, dieses hellblau gestrichene Haus, dort hatten sich zwei Terroristen verschanzt. Sie erschossen einen Leutnant. Erst danach konnten wir sie erledigen.“ García steht auf einem Berggrat, von dem aus er das gesamte Viertel im Blick hat. Die rund ein Dutzend Häuser, die hier standen, sind fast vollständig zerstört. Überall liegen Schutt, kaputtgeschlagener Hausrat, aufgeschlitzte Matratzen, Kleidungsfetzen, Schuhe. Die Wände sind voll geschmiert mit den Parolen der Guerilla. Die muchachos hatten den Berggrat „gesäubert“, als die ersten Paramilitärs von den Bergen herunterkamen. Mehr als hundert Familien haben sie vertrieben. Sie bauten die Häuser zu einer Frontlinie um. Die Flüchtlinge kamen in einer Schule tiefer im Tal unter, keine zehn Autominuten vom Zentrum Medellíns entfernt.
García ist schon seit acht Jahren bei der Armee, aber einen solchen Kampf hatte er noch nie bestehen müssen. Jetzt erfüllt es ihn mit Befriedigung, wenn er überall in der Comuna 13 die kolumbianische Flagge wehen sieht. In allen Größen hängt sie auf Balkonen, an Fenstern und Türen zum Zeichen dafür, dass die Bewohner zu ihrem Staat stehen, der sie lange vergessen hatte, nun aber wieder in seine festen, sicheren Arme schließt. Am höchsten Punkt des Berggrates hat die Armee selbst eine riesige Flagge gehisst, damit weithin sichtbar ist, dass die Comuna wieder staatliches Territorium ist.
„Wir müssen nachdenken, bevor wir schießen“, klagt ein Soldat
In den größeren Gassen lässt die Armee Transparente aufhängen: „Comuna 13! Die Armee ist bei euch! Heute wie niemals zuvor!“ Das soll den Menschen die Furcht nehmen, die Soldaten könnten bald wieder abziehen und die muchachos und die Paramilitärs würden wiederkommen. Es ist schon öfter geschehen in Kolumbien: eine Militäroperation, ein pompös gefeierter Sieg, der baldige Abzug – und bald kehrten Tod und Gewalt zurück. Der Präsident mit der harten Hand und dem großen Herzen hat diesmal Schulen, Krankenhäuser und Arbeit versprochen.
Wenn es nach García ginge, würde er gern morgen wieder abrücken. Er ist die Stadt nicht gewohnt, nicht das Kämpfen hier und auch nicht das Leben. García stammt aus einem kleinen Dorf in Uraba, im Nordosten des Landes. Dort hat seine Familie ein kleines Haus und ein Stück Land. García ist Soldat geworden, weil er bezahlte Arbeit brauchte, nicht weil er gerne Krieg führt – er verdient rund 160 Euro im Monat. „Das hier ist das Schlimmste für uns!“, sagt er. „Es ist dicht bevölkertes Gebiet. Die Menschenrechtler sitzen uns im Nacken. Sie schauen auf alles, was wir tun. Wie sollen wir kämpfen, wenn wir immer zuerst dreimal nachdenken müssen, bevor wir schießen?“
Der Novize Elkin de Jesús Ramírez Velez verbringt die Tage gemeinsam mit Nelly und seinen Geschwistern im Haus, während draußen die Kämpfe toben. Sie hören Schüsse, das Grollen der Panzerwagen, Befehle und Schreie. Aber sie wagen keinen Blick hinaus. Erst am Donnerstagmorgen kommt die Nachricht, dass die Armee die Situation kontrolliert. Die Bürger sollen möglichst wieder ihr normales Leben führen. Durch die Gassen patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten. Sie stehen auf Balkonen, Dächern und Aussichtspunkten. Auf den Zufahrtsstraßen sind gepanzerte Mannschaftswagen mit aufgesetztem Maschinengewehr positioniert. Man soll sich sicher fühlen. Es wird auch Zeit, denn die Nahrung im Hause Ramírez geht zu Ende.
Elkins Leben ist eng verwoben mit den Leuten in der Comuna. Er ist Novize der Kapuziner und geht dem Pfarrer von La Divina Pastora zur Hand. Er studiert an der Universität Informatik, aber er scheint schon auf dem Weg zu einem Geistlichen zu sein. Auf Fotos sieht man den etwas pausbäckigen jungen Mann im weißen Gewand des Ministranten. Ein Gesicht, das gleichzeitig offen und in sich gekehrt wirkt. Elkin hat ein großes Herz, und das, sagen seine Geschwister mit einem Lächeln, sei auch ein Grund gewesen, warum viele Mädchen hinter ihm her waren.
Elkin hat einen Termin bei einer Frauenorganisation der Comuna 13, die sich gegen Gewalt in der Familie engagiert. Er vermittelt dort, mit vielen guten Worten und einer Menge Gottvertrauen. Elkin ist überzeugt davon, dass der Krieg dann beendet würde, wenn man lernte, miteinander zu sprechen. Er fängt seinen ganz persönlichen Feldzug dort an, wo es ihm am nächsten lag, vor der eigenen Haustür, bei den Familien, die sich hier häufig zerfleischen, wegen des Geldes, wegen Platzmangels, wegen der Armut, wegen Betrügereien.
Elkin setzt dagegen den Dialog, die Wahl der richtigen Worte zur richtigen Zeit. Nach dem Treffen macht sich Elkin auf den Weg nach Hause. Unterwegs trifft er seinen Bruder Alexander. Sie haben es eilig. Die vielen Soldaten flößen ihnen kein Vertrauen ein. Daher entschließen sie sich, gemeinsam den engen, rutschigen Weg zu nehmen, der zum Haus führt.
Es ist knapp nach 15 Uhr, als Elkin und Alexander das Haus erreichen. Plötzlich knallen Schüsse. Elkin fällt zu Boden und schreit: „Sie haben mich getroffen!“ Alexander versucht, ihn hinter eine Mauer zu ziehen. Aber der oder die Schützen zielen auf ihn. Sie schießen in schneller Folge. Alexander kann sich in den Eingang des Nachbarhauses werfen. Mehrere Kugeln durchschlagen die Ziegelmauer. Sie verfehlen Nelly, die sich auf ihrem Bett ausruht, um Haaresbreite. Nelly hört Elkin schreien und öffnet die Tür. Eine Kugel zerfetzt den Rahmen, wenige Zentimeter neben ihrem Kopf. Sie wirft sich zu Boden und sieht durch die Ritzen in der Tür, wie Elkin den Hang hinunterstürzt. Er gibt keinen Ton mehr von sich.
Die Ärzte Die Krankenstation, die einen Kilometer von El Salado entfernt liegt, besteht aus drei größeren Räumen, die alle miteinander verbunden sind. Im ersten Raum werfen die Dienst habenden Ärzte einen kurzen Blick auf die Eingelieferten. Sie tragen die ersten Daten in ein Register ein. Danach folgt eine Einordnung nach Verletzungen: Arterien, Muskeln, Knochen. Das ist eine erste Feststellung. Die Patienten kommen dann in einen zweiten Raum. Dort folgt eine intensivere Behandlung. Im dritten Raum warten die Angehörigen.
Elkin kommt am Donnerstag gegen 18 Uhr in der Krankenstation an. Der Mutter ist es, erst zwei Stunden nachdem Elkin getroffen worden war, gelungen, ihn gemeinsam mit Nachbarn und ihrem Sohn Alexander zu bergen. Sie hatte um Hilfe geschrien. Sie hatte die Soldaten eines gepanzerten Wagens darum gebeten, Elkin abzutransportieren. Aber sie weigerten sich. „Wir sind nicht dazu da, Zivilisten zu transportieren!“, sagten sie der Mutter. Schließlich schaffte ein Nachbar einen alten Renault 6 heran. Sie legten Elkin auf die Rückbank und brachten ihn weg.
Der Arzt kann sich heute nur dunkel an Elkin erinnern. Es war ja viel zu tun in diesen Tagen, 23 Menschen wurden mit Schussverletzungen eingeliefert. Neun davon starben. Das war der Höhepunkt, aber auch die Monate zuvor fehlte es den Ärzten nicht an Arbeit. Es muss wie folgt gewesen sein: Elkin wird auf eine Bahre gehoben. Der Dienst habende Arzt wirft einen raschen Blick auf ihn. Eintrag: Elkin de Jesús Ramírez Velez; Verletzung: Arterien, Knochen; Zustand: tot. Ein Krankenpfleger schiebt die Bahre schnell in einen der Seitengänge. Dort ist Elkin niemandem im Wege. Die Station ist voll an diesem Abend. Er liegt unter dem Neonlicht, Oberkörper und Gesicht mit einem weißen Tuch notdürftig zugedeckt, die Füße sind nackt. Nach und nach kommen seine Geschwister an. Sie weinen still. Nur ein Nachbar schreit unter Tränen: „Was haben sie gemacht?! Was haben sie bloß gemacht?! Elkin war ein guter Mensch! Warum? Warum?“
Um 20.25 Uhr kommen zwei Polizisten. Sie setzen sich auf Plastikstühle hinter einem groben Holztisch, der im Eingang der Krankenstation steht. Die Mutter gibt Auskunft über das Geschehen. Sie ist sehr gefasst. Zu diesem Zeitpunkt gibt es bereits eine offizielle Version der Armee über den Tod Elkins: Ein Zivilist sei durch eine verirrte Kugel umgekommen, behauptet die Mitteilung. Einer der Polizisten begutachtet Elkins Leiche. Er hebt das Tuch, schaut einige Sekunden lang auf den Körper und sagt dann: „Er hat sechs Löcher!“ Im Kopf, in der Brust, an der Seite, im Bauch.
Der General Es ist ein großer Tag für General Gallego. Im Innenhof des Polizeihauptquartiers präsentiert er der versammelten Presse vier Gefangene. „Wir haben die Insurgenten gestern verhaftet und ein Waffenlager ausgehoben“, spricht der General in die Mikrofone. Die vier stehen da und schauen in die Runde mit zuckenden Augen. Sie tragen Handschellen und abgerissene Kleider, ihre Gesichter sind hart, um sie herum stehen schwer bewaffnete Soldaten.
Der General ist zufrieden. Er ist gerne zum Interview bereit, oben in der Offiziersmesse, die voll gestellt ist mit ausladenden Sofas und Sesseln. Die Pressesprecherin zupft noch ein wenig an der Uniform herum, dann spricht General Gallego. „Wir haben viel von der Operation Orion gelernt. Und wir haben viel erreicht!“ Sein Gesicht bleibt beim Sprechen unbewegt. Nur die Hände zeichnen seinen Worte nach, oder besser: sie formen sie vor. Erst kommt die Handbewegung, und dann folgen die Sätze, als müsste er sich selbst erst instrumentieren. „Wir haben vor allem eines gesehen: Wir stehen einem Gegner gegenüber, der absolut rücksichtslos ist. Er zögert nicht, sich hinter der Zivilbevölkerung zu verstecken.“
„Haben Sie von dem Tod eines Zivilisten namens Elkin de Jesús Ramírez Velez gehört?“
General Gallego antwortet: „Ja!“
„Offiziell heißt es, er sei durch eine verirrte Kugel umgekommen. Im Krankenhaus aber hat man sechs Treffer festgestellt.“
Die Hände des Generals setzen sich wieder in Bewegung. „Wir werden alle Vorfälle, bei denen Zivilisten zu Schaden gekommen sind, untersuchen.“
„Ist eine Untersuchung schon im Gange?“
„Ja.“
„Ist schon Kontakt mit der Familie aufgenommen worden?“
„Das weiß ich nicht. So gut informiert bin ich nicht. Aber wir werden alles tun, was uns das Gesetz vorschreibt.“
Der General hat es eilig. Die Pressesprecherin sagt, dass er 16 Stunden am Tag ausschließlich arbeite. Später wird ein Menschenrechtsanwalt aus Medellín zum Fall Elkin Ramírez sagen: „Nichts wird geschehen, nichts! Da bin ich mir sicher.“ Der Anwalt untersucht seit Jahren Fälle wie den von Elkin.
Der Vermummte Elkin wird am Samstag im Friedhof San Pedro begraben. Jeder Führer bezeichnet San Pedro als sehenswert. Bei Vollmond gibt es Führungen durch den Gottesacker. San Pedro ist ein Monumentalfriedhof. Elkin bekommt ein einfaches Grab.
Nie gelang es der Armee, einen Anführer der Guerilla zu fassen
Am späteren Nachmittag ist Elkins Bruder Alexander auf dem Weg nach Hause. Als er an Soldaten vorbeikommt, rufen sie ihn zu sich. Einer hält ihm ein Gewehr entgegen und sagt ihm: „Nimm es! Du weißt doch, wie man es benutzt!“ Alexander erschrickt und antwortet: „Nein, wie soll ich das wissen?“ Der Soldat sagt sehr laut: „Du bist doch ein Guerillero! Du kennst dich aus mit Waffen!“ Alexander ist gelähmt vor Angst. „Dein Bruder war ein Guerillero, nicht wahr?“ Der Soldat packt Alexander und führt ihn ein paar Gassen weiter. Wenige Minuten später steht er vor einem Vermummten. Alexander weiß genau, was dies bedeutet. Wenn der Vermummte behauptet, er sei ein Guerillero, dann wird er abgeführt. Er befürchtet Schlimmes.
Während des Kampfes in der Comuna 13 gab es mehrere Vermummte, die mit den Soldaten die Häuser durchkämmten. „Da und da und der und der!“, wiesen sie die Soldaten ein, und diese verhafteten die Denunzierten. Informanten sind für die neue Regierung im Kampf gegen die Guerilla von ganz großer Bedeutung. Mangelndes Wissen ist nach Auffassung der Experten eines der großen Defizite der Armee. Es ist ihr bisher nicht gelungen, die Reihen der Guerilla zu durchdringen. Noch nie ist sie an einen großen Fisch herangekommen, die Gefassten gehören in der Regel zum Fußvolk. Die Regierung Uribe aber will mehr, darum sollen viele Informanten angeheuert werden. In der Comuna 13 bestanden sie einen ihrer ersten erfolgreichen Tests. Sie haben große Macht, und kein Bewohner der Comuna weiß, wer sie sind, aus welchen Motiven sie handeln, wie zuverlässig sie sind – von den Vermummten geht der Schrecken aus.
Alexander betet, dass er nicht denunziert wird. Der Vermummte blickt ihn einige Augenblicke an. Dann schüttelt er den Kopf. „Nein, nein, er ist kein Guerillero. Lasst ihn gehen!“ Die Soldaten stoßen ihn weg. Als Alexander zu Hause ankommt, ist er schweißgebadet.
Der Freund Nach der Tradition wird neun Tage lang, jeden Abend um sieben Uhr, für den Verstorbenen ein Rosenkranz gebetet. Man nennt das die novena. Es ist der fünfte Tag nach Elkins Tod. Sein Bild steht auf einem mit weißem Tuch bedeckten Tisch, daneben brennt eine Kerze, an der Wand hängt ein Kreuz, die Bibel liegt aufgeschlagen da, an den Tischenden stehen Blumensträuße. Nellys Haus füllt sich mit Freunden und Nachbarn, sie stehen bis hinaus auf die enge Gasse. Ein Ministrant betet mit lauter Stimme vor. Die Trauernden sprechen ihm nach. Das Gemurmel setzt sich fort über die Gasse bis hin zur Treppe, die hinunter zur Straße führt.
Auch Lucio ist gekommen, ein hoch aufgeschossener junger Mann mit geröteten Augen. Er kannte Elkin von Kindheit an. Während das Gebet noch andauert, erzählt er im Nebenzimmer eine Geschichte über Elkin, die außer ihm keiner recht kannte. Elkin hatte auf der Halbinsel La Guajira ein Mädchen kennen gelernt. Sie hat ihn sehr verwirrt. Er wollte doch Priester werden, und nun war dieses Mädchen da, das schön, zart und verlockend war. Elkin stand an einem Scheideweg. Er zweifelte, zögerte und zauderte, doch dann setzten die Kugeln seinem Leben ein Ende. Lucio sagt: „Er konnte sich nicht entscheiden. Gott war schneller als er.“
Zum Vergleich: Alternative Berichterstattung zu Lateinamerika findet ihr bei www.npla.de --> radio onda --> archiv
dort ist u.a. ein 20 minuetiges onda spezial zur comuna 13 archiviert...
Zuerst zitiere ich chronologisch einen Teil des Artikels mit meinen Bemerkungen, Ergaenzungen oder Gegeninformationen, anschliessend folgt der Artikel an sich und komplett.
Ich hoffe, dass sich jemand ganz praktisch der Sache annimmt, ich selbst bin leider in Kolumbien...
DIE ZEIT, 14.08.2003, Nr.34
"Kolumbien
Operation Orion
Kolumbiens Präsident Uribe verhandelt nicht mehr mit Guerilleros, er lässt auf sie schießen. Die Geschichte einer Familie, die während der Schlacht in der Stadt Medellín zwischen die Fronten geriet
Von Ulrich Ladurner"
...
"Uribe war erst im August 2002 gewählt worden. Sein Vorgänger, Andres Pastrana, hatte mehrere Jahre mit der Farc verhandelt, der größten und ältesten Guerillagruppe Kolumbiens. Ohne sichtbares Ergebnis. Im Gegenteil: Nach Meinung der meisten Experten nutzte die Farc diese Zeit dazu, aufzurüsten und ihr Gebiet zu konsolidieren."
---Stimmt. Aber im Gegensatz zu der Regierung wollten die FARC verhandeln, waehrend Pastrana die Verhandlungen nur vorgeschoben hat; es heist, v.a. um den Ruecken frei zu haben, waehrend er die zweitgroesste Guerillagruppe, die ELN, militaerisch zu zerschlagen probierte. Bezueglich des zentralen Verhandlungspunktes, die Eindaemmerung des Paramilitarismus, hat die Regierung nichts unternommen, im Gegenteil: durch ihre Politik der mehr oder weniger indirekten Unterstuetzung breitete der Paramilitarismus sich sprunghaft aus. ---
"Pastrana brach die Verhandlungen im Februar 2002 ab, nachdem die Farc den Gouverneur der Provinz Antioquia, den Verteidigungsminister, eine Reihe von Parlamentariern und eine Präsidentschaftskandidatin entführt hatte."
---Der Autor ist schlecht informiert oder desinformiert bewusst die Leser: Erst wurden die Verhandlungen abgebrochen und danach wurde die Praesidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt entfuehrt. ---
"Die Zeit, so erschien es den meisten Kolumbianern, war reif für einen starken Mann: Alvaro Uribe."
---Das ist richtig, aber nur dank der Medienkampagne und der angeblichen Alleinschuld der FARC an den gescheiterten Verhandlungen. Uebrigens ist es nicht schwierig, nachzurecherchieren, dass Praesident Uribe aus einem Millieu der Drogenmafia stammt und stets gute Kontakte zu den Paramilitaers pflegte. Und saemtliche unabhaengige soziale Organisationen des Landes sind sich aufgrund ihrer Erfahrungen darueber einig, dass er ein Faschist ist - und das ist er ohne Zweifel. ---
"Uribe ist offenbar entschlossen, sein Versprechen einzulösen, die Autorität des Staates wiederherzustellen."
---Uribe ist dazu entschlossen, das Land anhand seiner neoliberalen Politik auszubluten, es an die Weltbank und den internationalen Waehrungsfonds zu verkaufen und das Land fuer Investitionen aus dem Ausland sicher zu machen, wobei ihm jede Methode recht ist. ---
"(General) Gallego und seine Männer sind nun die entscheidenden Instrumente präsidialer Politik."
---Dieser Satz spricht fuer sich.---
"Das Klima von Medellín ist gut zu Menschen, die nicht viel besitzen. Zwar gibt es Stürme, aber die Temperaturen sind auch im Winter warm."
---hihihihi---
"In El Salado ist es ruhig an jenem Abend, soweit man hier von Ruhe sprechen kann. Denn die Angst geht mit den Menschen ins Bett. Draußen herrschen die Guerilleros. Nachts wird geschossen, gemordet und entführt. 400 Menschen fanden in der Comuna 13 allein von Januar 2000 bis Ende letzten Jahres einen gewaltsamen Tod. Gegen elf Uhr verlöschen alle Lichter in Nellys Haus."
---Hier zeigt der "Journalist" ohne Umschweife sein wahres Gesicht, er ist ultrarechts oder einfach voellig desinformiert. Jeder der sich mit dieser Stadt auseinandergesetzt hat, weiss, dass die Mordrate zum Loewenanteil auf die rechten Paramilitaers zurueckzufuehren ist, die Paramilitaers erwaehnt er in diesem Zusammenhang aber garnicht, die sind erst ein spaeteres Kapitel.---
"Die Guerilla-Grupppen nisten sich ein, der Staat ist machtlos"
---Nein, der Staat ist nicht machtlos. Es gibt genuegend Beweise dafuer, dass die Paramilitaers Kinder des Staates sind. Das staatliche Militaer arbeitet mit Paramilitaers zusammen, lebt mit ihnen, oftmals sind Militaers und Paramilitaers sogar identisch, je nach der zu erfuellenden Mission wechseln sie die Rolle und die Abzeichen auf der Uniform. Diesbezueglich gibt es Tonnen an Zeugenaussagen, es gab auch internationale Meinungstribunale, anhand derer diese Erkenntnisse belegt wurden. Der Staat ist also nicht machtlos, denn die Paramilitaers massakrieren fuer ihn die Zivilbevoelkerung, die soziale Basis der Guerilla. "Dem Fisch das Wasser entziehen" ist die Regel des "Krieges niederer Intensitaet", den Uribe nur noch ausgedehnt hat.---
"Adriana Ramírez Valencia; geboren am 12. 11. 1988. Schulaustritt am 12. 10. 2001. Begründung: Sie hat keine Familienangehörigen mehr in der Gegend. Sie sind verschwunden."
---Verschwunden, zu spanisch: desaparecidos. Diese Technik ist paramilitaerisch, die Guerilla entfuehrt, denn sie will Loesegeld oder einen Gefangenenaustausch erpressen. Die Paramilitaers lassen verschwinden, denn sie wollen die Angehoerigen des Opfers moeglichst schwer traumatisieren - das gelingt, indem sie die niemals sicher wissen lassen, ob das Opfer nicht vielleicht doch noch lebt - eventuell in staendiger Folter. Ausserdem koennen sie so die Statistiken an der Nase herumfuehren, denn die Verschwundenen laufen nicht in der Rubrik "Morde". Wenn die Direktorin wuesste, wie der Autor des "Artikels" seine Informationen missbraucht, wuerde ihr sicherlich schlecht werden, denn noch immer ist nicht die Rede von Paramilitaers.---
"Der Handel mit Kokain spült jährlich Hunderte Millionen Dollar in die Kassen der Farc."
---In welchem Massstab die FARC als einheitliche Organisation selbst mit Drogen handeln, weiss man nicht (und am allerwenigsten dieser Genius von Autor), sicher ist lediglich, dass sie den Kokaanbau und -Verkauf besteuern. Und dass der Begriff "Narco-Guerilla" von dem ehemaligen US-Botschafter in Kolumbien eingefuehrt wurde, um die FARC international und im Land als Drogenmafia zu stigmatizieren.
Auch hier haelt es der Autor nicht fuer noetig, die Paramilitaers beim Namen zu nennen, die den Grossteil der landesweiten Kokaingeschaefte fuehren und sich nach eigenen Angaben zu ueber 70% aus diesen Geschaeften finanzieren - auch wenn sie da inzwischen strategische Wendemanoever vollzogen haben, um die Scheinverhandlungen mit der Regierung Uribe besser fuehren zu koennen.---
"Die sozialen Probleme haben die Farc und andere Guerillagruppen zwar nicht populärer gemacht – laut Umfragen genießen sie in der Bevölkerung nicht mehr als fünf Prozent Unterstützung. Aber die Not liefert ihrer Revolutionsrhetorik eine gute Begründung."
---Die FARC vereinen ueber 20.000 Kaempfer, die ELN ueber 5.000. Die Guerilleros werden - entgegen mancher Unterstellung - nicht fuer ihren Kampf entloehnt. Die Paramilitaers dagegen schon; wer skrupelos ist und etwas fuer sich verdienen will, geht zu den Paramilitaers. Wer den Traum von Veraenderungen traeumt, ist sozialer Aktivist, bis zum 2. ueberlebten Attentat durch Paramilitaers, dann geht er zur Guerilla, weil dies ungefaehrlicher ist. Uribe schmeisst die sozialen Organisationen uebrigens mit der Guerilla in einen Topf und gibt sie so zum Abschuss frei.---
"Der Staat hat hier nichts zu melden, nicht die Polizei und nicht die Armee."
---Diese beiden staatlichen Institutionen haben nirgendwo in den urbanen Zentren des Landes etwas zu melden, es sei denn, sie lanzieren gerade eine Militaeroperation. Als Ordnungsmacht sind die Paramilitaers als parastaatliche Institution hier ohne Ausnahmen etabliert, mit Unterstuetzung und Zusammenarbeit der anderen beiden genannten Einrichtungen allerdings. Nurnoch in den Armenvierteln Bogotas gibt es meines Wissens nach nennenswerte Praesenz von Guerillamilizen---
"Die AUC sollte gegen die Guerilla kämpfen. Aber inzwischen haben sich diese bewaffneten Gruppen teilweise verselbstständigt."
---Das ist das alte Amenmaerchen, das der Staat alle Glauben machen will: Die AUC sind eine unabhaengige Kraft. Das hat mit der Realitaet nichts zu tun.---
"Die AUC arbeitet oft mit stiller Duldung der Armee, manchmal auch mit ihrer aktiven Unterstützung."
---Oha, man koennte meinen, dass der Autor nun beginnt, das nachzuholen, was er vorher vergessen hat. Dies ist ein Irrtum, dieser Satz hat wohl kaum mehr als eine Alibifunktion, um ein diferenziertes Bild zu erwecken.---
"Als die Nachricht in die Comuna einsickerte, dass Paramilitärs gesichtet wurden, war allen klar, dass ihnen jetzt das Schlimmste bevorstehen würde – ein Krieg.
...
Der Soldat Carlos García erhält den Marschbefehl Dienstagnacht. Er rückt mit seinen Kameraden von der Bergseite her an. Sie geraten schnell unter Feuer. Die Guerilleros haben sich in dem Häuserlabyrinth gut positioniert."
---Die Militaeroffensive hat die Guerilla zu verdraengen gesucht, aber nicht, um Frieden zu schaffen, hoechstens einen Friedhofsfrieden, sondern um den Paramilitaers die Kontrolle zu uebergeben Diese werden einmal mehr alibimaessig angefuehrt.---
"Am Mittwoch ist der Widerstand weitgehend gebrochen. Die Generäle haben nicht nur 3000 Mann zur Verfügung. Sie setzen auch Hubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge ein. Die muchachos können dem nicht lange standhalten."
---Die gepanzerten Fahrzeuge und Hubschrauber haben auf alles geschossen, laengst nicht nur auf die vermeintliche Guerilla - und zwar nicht aus Versehen sondern nach System!---
"Am Mittwoch gibt es noch vereinzelte Feuergefechte, am Donnerstag scheint das Viertel unter Kontrolle der Polizei."
---Falsch, die Paramilitaers kontrollieren das Viertel ab nun.---
"Jetzt erfüllt es ihn mit Befriedigung, wenn er überall in der Comuna 13 die kolumbianische Flagge wehen sieht. In allen Größen hängt sie auf Balkonen, an Fenstern und Türen zum Zeichen dafür, dass die Bewohner zu ihrem Staat stehen, der sie lange vergessen hatte, nun aber wieder in seine festen, sicheren Arme schließt."
---Der Autor kann sich doch wohl selbst nicht ernst nehmen, oder etwa doch? Dann hat er sich wohl im Traum geirrt...---
"Das soll den Menschen die Furcht nehmen, die Soldaten könnten bald wieder abziehen und die muchachos und die Paramilitärs würden wiederkommen."
---Dieser Satz ist wieder interessant; waehrend der Autor sich zwischendurch mal zu bemuehen schien, einigermassen objektiv zu sein, indem er erwaehnte, dass Militaer und Paramilitaer gewissermassen sich zumindest in Ruhe lassen (diese Information ist wohl so weitverbreitet, dass er es schlichtweg erwaehnen musste), und er auch nur von dem Kampf gegen die Guerilla (und nicht gegen die Paramilitaers, wahrscheinlich waere dies ein zu grosser Gegensatz zu dem zuvor geschriebenen gewesen; der Autor scheint nicht desinformiert zu sein, sondern manipulieren zu wollen, also tatsaechlich ein ultrarechter Schreibtischtaeter) in der Comuna 13 schrieb und das Einruecken der Paramilitaers zuvor zwar kurz erwaehnt, aber nicht weiter darauf eingeht, schreibt er jetzt, die Paramilitaers seien weg, impliziert dabei in seinem Satz, dass sie wegen der Armee weg seien. Dies ist wieder ein dreisste Luege, Desinformation wider besseren Wissens. Die Operation Orion war die militaerische Unterstuetzung der Paramiliaers, die es in monatelangem Kampf nicht geschafft hatten, die Guerilla zu vertreiben; doch die Paramilitaers kontrollieren heute und zwar seit dem Zeitpunkt des Endes der Operation an die Comuna 13.---
"Der Präsident mit der harten Hand und dem großen Herzen hat diesmal Schulen, Krankenhäuser und Arbeit versprochen."
---Sehr witzig, gerade wenn ueberall im Land Bildung und Gesundheit privatisiert und verteuert werden, Schulen und Krankenhaeuser schliessen, Massen von Arbeitern aus den verschiedensten Bereichen entlassen werden, gerade dann spendiert Uribe all das der Comuna 13, seinem absoluten Lieblingsbarrio. Wieder kann der Autor sich kaum ernst nehmen oder irrt in seinen Traeumen...---
"García ist Soldat geworden, weil er bezahlte Arbeit brauchte, nicht weil er gerne Krieg führt."
---Genau so geht es den meisten, sonst wuerde Uribe seinen Krieg nicht fuehren koennen; und das ist Teil der Regierungsstrategie, ein Teufelskreis, in dem die Existenz der Guerilla allerdings ebenso gesichert ist, wie die der (Para-) Militaers, es sei denn Uribe laesst sehr viele neue Gefaengnisse und Friedhoefe bauen - und dies bahnt sich bereits an.
Der Rest des Artikels spricht fuer sich, nur eine Anmerkung: es ist nicht represaentativ, dass der Bruder des ermordeten Jungen von dem Vermummten nicht als Guerillero denunziert wird. Die Spitzel bekommen Geld fuer ihre Denunzierung, ob sie der Wahrheit entspricht, interessiert nur die Opfer und deren Angehoerige.
Ein Mensch, der sozial denkt und handelt, ist in diesem Land ein Todgeweihter.
Der Autor romantisiert zwar nicht den Kampf der FARC, gleichfalls kritisert er aber deren Rhetorik und romantisiert dabei bewusst die faschistischen Zustaende im Land zu Gunsten des Staates. Ulrich Ladurner gehoert zu der uebelsten Sorte von Schreibtischtaetern. Wenn jemand nicht weiss, wie man sich praktisch gegenueber Kolumbien solidarisieren soll - hier ist ein Name, hier ist eine Zeitung... Mit...Energie und Fantasie!!!...hasta la victoria siempre.
NUN DER ARTIKEL KOMPLETT:
Kolumbien
Operation Orion
Kolumbiens Präsident Uribe verhandelt nicht mehr mit Guerilleros, er lässt auf sie schießen. Die Geschichte einer Familie, die während der Schlacht in der Stadt Medellín zwischen die Fronten geriet
Von Ulrich Ladurner
Der General Als Präsident Alvaro Uribe den Befehl zum Angriff von Bogotá nach Medellín übermittelt, nimmt Polizeigeneral Leonardo Gallego ihn mit Befriedigung entgegen. Er und Armeegeneral Mario Montoya haben sich gut vorbereitet. Alle Details der Operation sind festgelegt. 3000 Mann stehen bereit. Ihren Kalkulationen nach ist das genug, um die Guerilleros zu vertreiben. Einen wohlklingenden Namen haben die Generäle für ihr Unternehmen auch gefunden: Orion.
Trotzdem ist General Gallego nervös. Operation Orion zielt auf die Besetzung eines Stadtteils von Medellín ab, die Comuna 13. Hier leben mehr als 130000 Menschen dicht nebeneinander. Das Viertel zieht sich steil hügelan, ein Labyrinth aus winzigen Häusern und Hütten, die durch Gassen, Wege und Treppen verbunden sind – ein Albtraum für jeden Soldaten.
Kolumbiens Generäle sind zwar seit Jahrzehnten an Krieg gewöhnt, aber sie führen ihn vor allem auf dem Land, irgendwo draußen im Dschungel oder in den Bergen. Die Stadt, das ist etwas Neues. Eine risikoreiche Aktion. Was immer hier geschehen wird, es findet unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Für eine Aktion dieser Art brauchen die Generäle die politische Rückendeckung. Präsident Alvaro Uribe garantiert sie ihnen.
Uribe war erst im August 2002 gewählt worden. Sein Vorgänger, Andres Pastrana, hatte mehrere Jahre mit der Farc verhandelt, der größten und ältesten Guerillagruppe Kolumbiens. Ohne sichtbares Ergebnis. Im Gegenteil: Nach Meinung der meisten Experten nutzte die Farc diese Zeit dazu, aufzurüsten und ihr Gebiet zu konsolidieren. Pastrana brach die Verhandlungen im Februar 2002 ab, nachdem die Farc den Gouverneur der Provinz Antioquia, den Verteidigungsminister, eine Reihe von Parlamentariern und eine Präsidentschaftskandidatin entführt hatte. Die Zeit, so erschien es den meisten Kolumbianern, war reif für einen starken Mann: Alvaro Uribe.
General Gallego kann also beruhigt sein. Der Angriffsbefehl gegen die Farc-Guerilleros der Comuna 13 kommt direkt aus dem Präsidentenpalast. Uribe ist offenbar entschlossen, sein Versprechen einzulösen, die Autorität des Staates wiederherzustellen. Gallego und seine Männer sind nun die entscheidenden Instrumente präsidialer Politik. Von ihnen hängt in diesem Augenblick das Image des Präsidenten ab. Das erfüllt die Generäle mit einer gewissen Genugtuung. Denn unter dem „weichen“ Pastrana hatten sie gelitten. Insgesamt herrscht in Kolumbien das Gefühl, die Armee sei in die Defensive geraten und könne gegen die Guerilla nicht die Oberhand gewinnen, nicht einmal in Teilstücken. General Gallego und all die anderen Generäle haben jetzt die Chance, das Gegenteil zu beweisen. Um zwei Uhr nachts an einem Dienstag beginnt die Operation Orion.
Die Mutter Nelly del Carmen Belis Correa legt sich am Abend zuvor gegen 22.30 Uhr ins Bett. Sie hat keine Ahnung davon, was sich wenige Stunden später ereignen wird. Nelly ist erschöpft von der vielen Arbeit. Sie hat sieben Kinder allein großgezogen, und es war gut gegangen.
Die 31-jährige Juliet hat inzwischen selbst vier Kinder zur Welt gebracht. Sie wohnt in der Nachbarschaft. Die anderen wohnen alle noch bei Nelly. Juan Diego und Elkin studieren. Paola, Catalina und Alexander gehen zur Schule. Nur der 32-jährige Edide ist ohne Beschäftigung, bis auf Gelegenheitsarbeiten, die er sich hin und wieder zu beschaffen weiß. Aber Edide ist keine Ausnahme in der Comuna 13, sondern die Regel. Nach offiziellen Angaben sind hier mehr als 60 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, aber die offiziellen Zahlen sind noch geschönt. Trotzdem kann Nelly zufrieden sein. Keines ihrer Kinder ist auf die schiefe Bahn geraten, und das ist eine große Leistung in diesem Viertel.
1978 war Nelly aus dem Viertel Santander in die Comuna 13 gezogen, nach El Salado. Auf einem Abhang, hoch über einem kleinen Fluss, hatte sie sich ein Stück Land gekauft. Rund 50 Quadratmeter waren es. 6000 Pesos kostete damals das handtuchgroße Stück Erde. Danach baute Nelly mit ihren eigenen Händen das, was sie ihren ranchito nennt: eine Hütte aus Brettern. Ein Heim. Im Laufe der Jahre ist die Bretterbude insgesamt achtmal in sich zusammengefallen. Mehrmals wegen eines heftigen Sturmes, einmal, weil Edide das Dach reparieren wollte, dabei ausrutschte und den großen Teil des ranchitos mit sich riss. Edide, der Tölpel. Er lacht darüber.
Die Bretterbude ist inzwischen zu einem Haus aus roten Ziegelsteinen geworden. Die Ziegel sind unverputzt aber gut ineinander gefügt. Es gibt eine Tür nach hinten, zum Haus der Nachbarn, das gerade mal einen halben Meter entfernt steht. Ein zweite Tür führt von der Küche nach vorn hinaus. Dort fällt der Hang steil ab, rund 20 Meter bis zum Dach des nächsten Hauses. Der Regen hat einen Teil des Hangs mit sich gerissen. Es besteht die Gefahr, dass er komplett abrutscht.
Normalerweise benutzt die Familie die Tür nach hinten, aber wenn es schnell gehen muss, dann gehen Nellys Kinder durch die Tür zum Hang hin. Von dort führt ein schmaler Weg hinunter auf die Straße. Er ist ausgetreten und bei Regen rutschig. Es ist allerdings eine Übertreibung, von einer Tür zu sprechen. Dafür fehlt das Geld, genauso wie für Fensterglas. Mit Ausnahme der Eingangstür sind die Öffnungen des Hauses mit Brettern verschlossen. Der Wind findet hier große Ritzen. Er kommt ins Haus, wann er will, fegt durch die Küche und die drei Zimmerchen, die durch keine Tür abgeschlossen sind. Das Klima von Medellín ist gut zu Menschen, die nicht viel besitzen. Zwar gibt es Stürme, aber die Temperaturen sind auch im Winter warm.
In El Salado ist es ruhig an jenem Abend, soweit man hier von Ruhe sprechen kann. Denn die Angst geht mit den Menschen ins Bett. Draußen herrschen die Guerilleros. Nachts wird geschossen, gemordet und entführt. 400 Menschen fanden in der Comuna 13 allein von Januar 2000 bis Ende letzten Jahres einen gewaltsamen Tod. Gegen elf Uhr verlöschen alle Lichter in Nellys Haus.
Die Direktorin Aura María Carvajal Correa redet wie ein Wasserfall. Sie ist voller Energie und fest entschlossen, aus einer schlechten Lage das Beste zu machen. Sie treibt ihre Schülerinnen an, wo immer sie kann, mit guten Worten und Ermahnungen. Aura geht mit gutem Beispiel voran. Ihr Lyzeum Lola González ist eine Musterschule. Die Innenhöfe sind sauber, die Mauern frisch gestrichen, ein Rosenbeet ist angelegt und ein kleiner Garten. Sie tut alles, damit die Schülerinnen hier eine Chance bekommen, die ihnen sonst kaum einer gibt. Denn die 1811 Schülerinnen des Lizeums kommen aus der Comuna 13.
Die Schule liegt in San Javier, einem Mittelklasseviertel, das noch zur Comuna 13 gehört, aber bereits einer anderen Welt angehört – Klasse vier heißt das in Kolumbien. Die Statistik kennt hier sechs Stufen: Eins ist ganz unten, sechs ganz oben; eins bedeutet bitterarm, sechs steinreich. Catalina und Paola kommen aus Nummer eins, und in San Javier sehen sie, wie ihr Leben aussehen könnte: ordentliche Häuser, Geschäfte, Transportmöglichkeiten, relative Sicherheit. Die Direktorin jedenfalls versucht ihnen zu bieten, was sie in der Comuna 13 nicht haben: einen Platz, in dem sie geschützt und ohne Angst arbeiten können.
Die beiden Töchter von Nelly del Carmen Belis Correa, Paola und Catalina, gehen hier zur Schule. Rund 40 Minuten marschieren sie jeden Tag zu Fuß dorthin. Für den Bus fehlt das Geld. Er kostet umgerechnet 20 Cent. Die beiden Mädchen sind ganz nach dem Geschmack der Direktorin: fleißig, gehorsam und mit klaren Vorstellungen im Kopf. Paola will Wirtschaft studieren und ein Unternehmen gründen. Catalina will Architektin oder Modeschöpferin werden. Bildung, Bildung, Bildung, das hat ihnen ihre Mutter Nelly eingeschärft. „Nur so kommt ihr weiter.“ Die Direktorin lächelt, als sie das hört, und sagt: „Ich tue, was ich kann.“ Sie weiß natürlich, dass die Kräfte, gegen die sie arbeitet, stark sind. La violencia – die Gewalt, die sie alle bedroht.
Die Guerilla-Grupppen nisten sich ein, der Staat ist machtlos
Die Erschütterungen in Kolumbien erreichen auch die Direktorin und ihr Lyzeum. Sie schlägt das Schulregister an einer beliebigen Stelle auf: „Lesen Sie!“
Celica Vega Fernández; geboren am 13. 9. 1989. Schulaustritt am 02. 10. 2001. Begründung: Wegen des Konfliktes in der Comuna 13. Sie haben die Mutter ermordet.
Adriana Ramírez Valencia; geboren am 12. 11. 1988. Schulaustritt am 12. 10. 2001. Begründung: Sie hat keine Familienangehörigen mehr in der Gegend. Sie sind verschwunden.
Jessica Loaza Muñoz; geboren am 17. 11. 1989. Schulaustritt am 18. 10. 2001. Begründung: Die Mutter ist im Buon Pastor (Gefängnis), und die Schülerin ist mit dem Tode bedroht worden.
Die Direktorin schlägt das Register wieder zu. „Und so weiter und so weiter. In diesen Tagen haben wir den Rekord erreicht. 65 Schülerinnen sind seit dem Beginn der Operation Orion aus der Schule ausgetreten.“
Die Guerilleros In Kolumbien gibt es eine ganze Reihe von Guerillagruppen. Die größte ist die Farc. Sie bildete sich 1964 und hat heute nach Schätzungen 20000 Mann unter Waffen. Sie kontrolliert weite Gebiete des Landes und verfügt über große finanzielle Ressourcen. Ihr Geld bezieht sie unter anderem aus dem Drogenhandel. Die Farc bezeichnet sich selbst als marxistische Gruppe. Mag der Marxismus auch tot sein – die Farc ist in den letzten Jahren militärisch gewachsen. Wegen des vielen Geldes aus dem Drogenhandel, sagen die einen. Die anderen sagen, dass die sozialen Gegensätze in den letzten Jahren nicht geringer geworden seien; das gebe der Farc Auftrieb.
Beides ist nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Der Handel mit Kokain spült jährlich Hunderte Millionen Dollar in die Kassen der Farc. Gleichzeitig ist die Armut im ohnehin schon bitterarmen Kolumbien gestiegen. „Anfang der neunziger Jahre lag der Anteil der Armen bei 54 Prozent“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Eduardo Sarmiento, „heute liegt er bei 60 Prozent.“ Armut bedeutet: 25 Millionen Menschen leben pro Tag und pro Kopf von knapp zwei Euro; 11 Millionen Menschen leben pro Tag von einem Euro. Die sozialen Probleme haben die Farc und andere Guerillagruppen zwar nicht populärer gemacht – laut Umfragen genießen sie in der Bevölkerung nicht mehr als fünf Prozent Unterstützung. Aber die Not liefert ihrer Revolutionsrhetorik eine gute Begründung.
Die Farc hat sich vor Jahren in der Comuna 13 eingenistet und mit ihr andere Gruppen wie die Ejército de Liberación Nacional (ELN) und die CAP (Comandos Armados del Pueblo). Einnisten heißt, dass sie den Stadtteil kontrollieren. Der Staat hat hier nichts zu melden, nicht die Polizei und nicht die Armee. Die muchachos, wie die Bewohner sie nennen, regeln hier alles. Sie holen sich von den wenigen winzigen Geschäften Schutzgeld und greifen in den Alltag der Menschen ein. Wer sich kleinerer Vergehen wie einer Störung der Nachbarn durch Familienstreitigkeiten oder laute Musik schuldig macht, muss ein paar Tage lang die Straßen reinigen oder Erde schaufeln. Zwangsarbeit zur Erziehung des Volkes.
Manchmal schlägt die Guerilla auch härter zu. Nicht weit von Nellys Haus entfernt zerstörten die muchachos das Haus einer Frau. Ihre einzige Schuld: Ihr Sohn war ein Polizist. Am schlimmsten aber ist, wenn die muchachos den Verdacht haben, dass ein Bewohner mit der Polizei zusammenarbeitet. Das endet nicht selten mit einer Hinrichtung, ohne Prozess, nur aufgrund einer Denunziation.
3000 Entführungen jedes Jahr – ein schnelles, präzises Geschäft
Die verwinkelten Häuser der Comuna dienen den Guerilleros auch als Gefängnis. Hier halten sie viele Gekidnappte fest. Entführungen sind eine der großen Einkommensquellen für die Guerilla. 3000 Entführte gibt es jedes Jahr in Kolumbien. Davon betroffen sind alle Bevölkerungsschichten: Inhaber von kleinen Geschäften, Angestellte, Händler – alle, von denen die Guerilleros glauben, sie verfügten über etwas Geld. Im Volksmund hat sich der Begriff der Expressentführung eingebürgert.
Die muchachos der Comuna fahren zum Beispiel hinunter nach San Javier oder weiter ins Zentrum der Stadt, schnappen sich den Sohn eines Ladenbesitzers oder eines Anwaltes. Sie verlangen für die Freilassung etwa 1000 Euro. Der Vater verhandelt, zahlt, der Sohn kommt frei. Das Ganze dauert nur wenige Tage, wie ein schnelles, präzises Geschäft.
Den Staat gibt es in der Comuna nicht mehr. Sie ist eines der „Fürstentümer“, in die das ganze Land unterteilt ist und in denen Warlords das Kommando haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass permanent Gewalt herrscht. Solange nur eine Partei ein Gebiet kontrolliert, geht es relativ friedlich zu. Krieg bricht erst aus, wenn eine zweite oder dritte Gruppe den Platzhirschen ihr Territorium streitig machen will. Genau das geschieht in der Comuna 13.
Die Paramilitärs Kurz vor der Wahl vergangenen Jahr tauchen an der Grenze der Comuna 13 Bewaffnete auf. Sie kommen von den Bergen herunter, die hinter dem Viertel hoch aufragen. Dort oben haben sie schon seit längerem ihre Stützpunkte eingerichtet. Auf den Schultern tragen die Uniformierten das Abzeichen AUC – das steht für Autodefensas Unidas de Colombia. Das Kürzel allein reicht, um Schrecken zu verbreiten.
Die AUC sind paramilitärische Einheiten und in Kolumbien erst Mitte der neunziger Jahre entstanden. Viele von ihnen waren einst von großen Landbesitzern angeheuert worden, die sich vom Staat nicht geschützt fühlten. Die AUC sollte gegen die Guerilla kämpfen. Aber inzwischen haben sich diese bewaffneten Gruppen teilweise verselbstständigt. Ihre Zahl hat sich von rund 3000 auf geschätzte 12000 vervielfacht. Sie kontrollieren einige Landesteile und sind ebenfalls in den Drogenhandel verwickelt. Nach Auffassung von Menschenrechtlern führen die AUC ihren Krieg vor allem gegen die Zivilbevölkerung. Sie haben viele von den massenhaften Vertreibungen zu verantworten – Kolumbien hat heute 2,7 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land und liegt damit hinter Angola und Sudan an dritter Stelle. Die AUC arbeitet oft mit stiller Duldung der Armee, manchmal auch mit ihrer aktiven Unterstützung.
Als die Nachricht in die Comuna einsickerte, dass Paramilitärs gesichtet wurden, war allen klar, dass ihnen jetzt das Schlimmste bevorstehen würde – ein Krieg. Nacht für Nacht gibt es seither Feuergefechte, manchmal auch Explosionen, die weithin zu hören sind. Das geht über Wochen und Monate, und niemand kommt der Zivilbevölkerung zu Hilfe. Die Zahl der Toten steigt sprunghaft an. Taxifahrer, die sich noch in die Comuna trauen, oder die wenigen Menschen, die ein Auto haben, fahren mit Leichen in die Stadt. Guerilleros haben sie dazu gezwungen, die Toten zu transportieren.
Der „urbane Guerillakrieg“, der in der Comuna 13 begonnen hat, macht Schlagzeilen. Angeblich, berichten die Zeitungen, habe die Führung der Farc die Direktive ausgegeben, den Krieg in die Städte zu tragen. Diese Theorie verdeckt, dass Guerillagruppen schon seit langem in der Comuna 13 Fuß gefasst haben, genauso wie in anderen Slums der großen Städte Kolumbiens. Nur eines ist anders: Als die Paramilitärs eindringen, befindet sich das Land mitten im Wahlkampf. Es sehnt sich nach Ordnung. Die Comuna 13 gerät so in das Zielkreuz der Politik, die sich auf den Krieg einstellt. Die Comuna 13 wird zu einem Exempel, das die neue, starke Regierung statuieren will.
Der Soldat Carlos García erhält den Marschbefehl Dienstagnacht. Er rückt mit seinen Kameraden von der Bergseite her an. Sie geraten schnell unter Feuer. Die Guerilleros haben sich in dem Häuserlabyrinth gut positioniert. Sie kennen jede Gasse, jeden Winkel, jede Ecke. Soldaten wie García hingegen wissen wenig, nur dass sie unbedingt gewinnen sollen. Den ganzen Dienstag gibt es heftige Schusswechsel. Am Mittwoch ist der Widerstand weitgehend gebrochen. Die Generäle haben nicht nur 3000 Mann zur Verfügung. Sie setzen auch Hubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge ein. Die muchachos können dem nicht lange standhalten. Am Mittwoch gibt es noch vereinzelte Feuergefechte, am Donnerstag scheint das Viertel unter Kontrolle der Polizei. General Gallego meldet Vollzug nach Bogotá.
„Es war sehr hart“, sagt García, „sehr hart. Sehen Sie, dieses hellblau gestrichene Haus, dort hatten sich zwei Terroristen verschanzt. Sie erschossen einen Leutnant. Erst danach konnten wir sie erledigen.“ García steht auf einem Berggrat, von dem aus er das gesamte Viertel im Blick hat. Die rund ein Dutzend Häuser, die hier standen, sind fast vollständig zerstört. Überall liegen Schutt, kaputtgeschlagener Hausrat, aufgeschlitzte Matratzen, Kleidungsfetzen, Schuhe. Die Wände sind voll geschmiert mit den Parolen der Guerilla. Die muchachos hatten den Berggrat „gesäubert“, als die ersten Paramilitärs von den Bergen herunterkamen. Mehr als hundert Familien haben sie vertrieben. Sie bauten die Häuser zu einer Frontlinie um. Die Flüchtlinge kamen in einer Schule tiefer im Tal unter, keine zehn Autominuten vom Zentrum Medellíns entfernt.
García ist schon seit acht Jahren bei der Armee, aber einen solchen Kampf hatte er noch nie bestehen müssen. Jetzt erfüllt es ihn mit Befriedigung, wenn er überall in der Comuna 13 die kolumbianische Flagge wehen sieht. In allen Größen hängt sie auf Balkonen, an Fenstern und Türen zum Zeichen dafür, dass die Bewohner zu ihrem Staat stehen, der sie lange vergessen hatte, nun aber wieder in seine festen, sicheren Arme schließt. Am höchsten Punkt des Berggrates hat die Armee selbst eine riesige Flagge gehisst, damit weithin sichtbar ist, dass die Comuna wieder staatliches Territorium ist.
„Wir müssen nachdenken, bevor wir schießen“, klagt ein Soldat
In den größeren Gassen lässt die Armee Transparente aufhängen: „Comuna 13! Die Armee ist bei euch! Heute wie niemals zuvor!“ Das soll den Menschen die Furcht nehmen, die Soldaten könnten bald wieder abziehen und die muchachos und die Paramilitärs würden wiederkommen. Es ist schon öfter geschehen in Kolumbien: eine Militäroperation, ein pompös gefeierter Sieg, der baldige Abzug – und bald kehrten Tod und Gewalt zurück. Der Präsident mit der harten Hand und dem großen Herzen hat diesmal Schulen, Krankenhäuser und Arbeit versprochen.
Wenn es nach García ginge, würde er gern morgen wieder abrücken. Er ist die Stadt nicht gewohnt, nicht das Kämpfen hier und auch nicht das Leben. García stammt aus einem kleinen Dorf in Uraba, im Nordosten des Landes. Dort hat seine Familie ein kleines Haus und ein Stück Land. García ist Soldat geworden, weil er bezahlte Arbeit brauchte, nicht weil er gerne Krieg führt – er verdient rund 160 Euro im Monat. „Das hier ist das Schlimmste für uns!“, sagt er. „Es ist dicht bevölkertes Gebiet. Die Menschenrechtler sitzen uns im Nacken. Sie schauen auf alles, was wir tun. Wie sollen wir kämpfen, wenn wir immer zuerst dreimal nachdenken müssen, bevor wir schießen?“
Der Novize Elkin de Jesús Ramírez Velez verbringt die Tage gemeinsam mit Nelly und seinen Geschwistern im Haus, während draußen die Kämpfe toben. Sie hören Schüsse, das Grollen der Panzerwagen, Befehle und Schreie. Aber sie wagen keinen Blick hinaus. Erst am Donnerstagmorgen kommt die Nachricht, dass die Armee die Situation kontrolliert. Die Bürger sollen möglichst wieder ihr normales Leben führen. Durch die Gassen patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten. Sie stehen auf Balkonen, Dächern und Aussichtspunkten. Auf den Zufahrtsstraßen sind gepanzerte Mannschaftswagen mit aufgesetztem Maschinengewehr positioniert. Man soll sich sicher fühlen. Es wird auch Zeit, denn die Nahrung im Hause Ramírez geht zu Ende.
Elkins Leben ist eng verwoben mit den Leuten in der Comuna. Er ist Novize der Kapuziner und geht dem Pfarrer von La Divina Pastora zur Hand. Er studiert an der Universität Informatik, aber er scheint schon auf dem Weg zu einem Geistlichen zu sein. Auf Fotos sieht man den etwas pausbäckigen jungen Mann im weißen Gewand des Ministranten. Ein Gesicht, das gleichzeitig offen und in sich gekehrt wirkt. Elkin hat ein großes Herz, und das, sagen seine Geschwister mit einem Lächeln, sei auch ein Grund gewesen, warum viele Mädchen hinter ihm her waren.
Elkin hat einen Termin bei einer Frauenorganisation der Comuna 13, die sich gegen Gewalt in der Familie engagiert. Er vermittelt dort, mit vielen guten Worten und einer Menge Gottvertrauen. Elkin ist überzeugt davon, dass der Krieg dann beendet würde, wenn man lernte, miteinander zu sprechen. Er fängt seinen ganz persönlichen Feldzug dort an, wo es ihm am nächsten lag, vor der eigenen Haustür, bei den Familien, die sich hier häufig zerfleischen, wegen des Geldes, wegen Platzmangels, wegen der Armut, wegen Betrügereien.
Elkin setzt dagegen den Dialog, die Wahl der richtigen Worte zur richtigen Zeit. Nach dem Treffen macht sich Elkin auf den Weg nach Hause. Unterwegs trifft er seinen Bruder Alexander. Sie haben es eilig. Die vielen Soldaten flößen ihnen kein Vertrauen ein. Daher entschließen sie sich, gemeinsam den engen, rutschigen Weg zu nehmen, der zum Haus führt.
Es ist knapp nach 15 Uhr, als Elkin und Alexander das Haus erreichen. Plötzlich knallen Schüsse. Elkin fällt zu Boden und schreit: „Sie haben mich getroffen!“ Alexander versucht, ihn hinter eine Mauer zu ziehen. Aber der oder die Schützen zielen auf ihn. Sie schießen in schneller Folge. Alexander kann sich in den Eingang des Nachbarhauses werfen. Mehrere Kugeln durchschlagen die Ziegelmauer. Sie verfehlen Nelly, die sich auf ihrem Bett ausruht, um Haaresbreite. Nelly hört Elkin schreien und öffnet die Tür. Eine Kugel zerfetzt den Rahmen, wenige Zentimeter neben ihrem Kopf. Sie wirft sich zu Boden und sieht durch die Ritzen in der Tür, wie Elkin den Hang hinunterstürzt. Er gibt keinen Ton mehr von sich.
Die Ärzte Die Krankenstation, die einen Kilometer von El Salado entfernt liegt, besteht aus drei größeren Räumen, die alle miteinander verbunden sind. Im ersten Raum werfen die Dienst habenden Ärzte einen kurzen Blick auf die Eingelieferten. Sie tragen die ersten Daten in ein Register ein. Danach folgt eine Einordnung nach Verletzungen: Arterien, Muskeln, Knochen. Das ist eine erste Feststellung. Die Patienten kommen dann in einen zweiten Raum. Dort folgt eine intensivere Behandlung. Im dritten Raum warten die Angehörigen.
Elkin kommt am Donnerstag gegen 18 Uhr in der Krankenstation an. Der Mutter ist es, erst zwei Stunden nachdem Elkin getroffen worden war, gelungen, ihn gemeinsam mit Nachbarn und ihrem Sohn Alexander zu bergen. Sie hatte um Hilfe geschrien. Sie hatte die Soldaten eines gepanzerten Wagens darum gebeten, Elkin abzutransportieren. Aber sie weigerten sich. „Wir sind nicht dazu da, Zivilisten zu transportieren!“, sagten sie der Mutter. Schließlich schaffte ein Nachbar einen alten Renault 6 heran. Sie legten Elkin auf die Rückbank und brachten ihn weg.
Der Arzt kann sich heute nur dunkel an Elkin erinnern. Es war ja viel zu tun in diesen Tagen, 23 Menschen wurden mit Schussverletzungen eingeliefert. Neun davon starben. Das war der Höhepunkt, aber auch die Monate zuvor fehlte es den Ärzten nicht an Arbeit. Es muss wie folgt gewesen sein: Elkin wird auf eine Bahre gehoben. Der Dienst habende Arzt wirft einen raschen Blick auf ihn. Eintrag: Elkin de Jesús Ramírez Velez; Verletzung: Arterien, Knochen; Zustand: tot. Ein Krankenpfleger schiebt die Bahre schnell in einen der Seitengänge. Dort ist Elkin niemandem im Wege. Die Station ist voll an diesem Abend. Er liegt unter dem Neonlicht, Oberkörper und Gesicht mit einem weißen Tuch notdürftig zugedeckt, die Füße sind nackt. Nach und nach kommen seine Geschwister an. Sie weinen still. Nur ein Nachbar schreit unter Tränen: „Was haben sie gemacht?! Was haben sie bloß gemacht?! Elkin war ein guter Mensch! Warum? Warum?“
Um 20.25 Uhr kommen zwei Polizisten. Sie setzen sich auf Plastikstühle hinter einem groben Holztisch, der im Eingang der Krankenstation steht. Die Mutter gibt Auskunft über das Geschehen. Sie ist sehr gefasst. Zu diesem Zeitpunkt gibt es bereits eine offizielle Version der Armee über den Tod Elkins: Ein Zivilist sei durch eine verirrte Kugel umgekommen, behauptet die Mitteilung. Einer der Polizisten begutachtet Elkins Leiche. Er hebt das Tuch, schaut einige Sekunden lang auf den Körper und sagt dann: „Er hat sechs Löcher!“ Im Kopf, in der Brust, an der Seite, im Bauch.
Der General Es ist ein großer Tag für General Gallego. Im Innenhof des Polizeihauptquartiers präsentiert er der versammelten Presse vier Gefangene. „Wir haben die Insurgenten gestern verhaftet und ein Waffenlager ausgehoben“, spricht der General in die Mikrofone. Die vier stehen da und schauen in die Runde mit zuckenden Augen. Sie tragen Handschellen und abgerissene Kleider, ihre Gesichter sind hart, um sie herum stehen schwer bewaffnete Soldaten.
Der General ist zufrieden. Er ist gerne zum Interview bereit, oben in der Offiziersmesse, die voll gestellt ist mit ausladenden Sofas und Sesseln. Die Pressesprecherin zupft noch ein wenig an der Uniform herum, dann spricht General Gallego. „Wir haben viel von der Operation Orion gelernt. Und wir haben viel erreicht!“ Sein Gesicht bleibt beim Sprechen unbewegt. Nur die Hände zeichnen seinen Worte nach, oder besser: sie formen sie vor. Erst kommt die Handbewegung, und dann folgen die Sätze, als müsste er sich selbst erst instrumentieren. „Wir haben vor allem eines gesehen: Wir stehen einem Gegner gegenüber, der absolut rücksichtslos ist. Er zögert nicht, sich hinter der Zivilbevölkerung zu verstecken.“
„Haben Sie von dem Tod eines Zivilisten namens Elkin de Jesús Ramírez Velez gehört?“
General Gallego antwortet: „Ja!“
„Offiziell heißt es, er sei durch eine verirrte Kugel umgekommen. Im Krankenhaus aber hat man sechs Treffer festgestellt.“
Die Hände des Generals setzen sich wieder in Bewegung. „Wir werden alle Vorfälle, bei denen Zivilisten zu Schaden gekommen sind, untersuchen.“
„Ist eine Untersuchung schon im Gange?“
„Ja.“
„Ist schon Kontakt mit der Familie aufgenommen worden?“
„Das weiß ich nicht. So gut informiert bin ich nicht. Aber wir werden alles tun, was uns das Gesetz vorschreibt.“
Der General hat es eilig. Die Pressesprecherin sagt, dass er 16 Stunden am Tag ausschließlich arbeite. Später wird ein Menschenrechtsanwalt aus Medellín zum Fall Elkin Ramírez sagen: „Nichts wird geschehen, nichts! Da bin ich mir sicher.“ Der Anwalt untersucht seit Jahren Fälle wie den von Elkin.
Der Vermummte Elkin wird am Samstag im Friedhof San Pedro begraben. Jeder Führer bezeichnet San Pedro als sehenswert. Bei Vollmond gibt es Führungen durch den Gottesacker. San Pedro ist ein Monumentalfriedhof. Elkin bekommt ein einfaches Grab.
Nie gelang es der Armee, einen Anführer der Guerilla zu fassen
Am späteren Nachmittag ist Elkins Bruder Alexander auf dem Weg nach Hause. Als er an Soldaten vorbeikommt, rufen sie ihn zu sich. Einer hält ihm ein Gewehr entgegen und sagt ihm: „Nimm es! Du weißt doch, wie man es benutzt!“ Alexander erschrickt und antwortet: „Nein, wie soll ich das wissen?“ Der Soldat sagt sehr laut: „Du bist doch ein Guerillero! Du kennst dich aus mit Waffen!“ Alexander ist gelähmt vor Angst. „Dein Bruder war ein Guerillero, nicht wahr?“ Der Soldat packt Alexander und führt ihn ein paar Gassen weiter. Wenige Minuten später steht er vor einem Vermummten. Alexander weiß genau, was dies bedeutet. Wenn der Vermummte behauptet, er sei ein Guerillero, dann wird er abgeführt. Er befürchtet Schlimmes.
Während des Kampfes in der Comuna 13 gab es mehrere Vermummte, die mit den Soldaten die Häuser durchkämmten. „Da und da und der und der!“, wiesen sie die Soldaten ein, und diese verhafteten die Denunzierten. Informanten sind für die neue Regierung im Kampf gegen die Guerilla von ganz großer Bedeutung. Mangelndes Wissen ist nach Auffassung der Experten eines der großen Defizite der Armee. Es ist ihr bisher nicht gelungen, die Reihen der Guerilla zu durchdringen. Noch nie ist sie an einen großen Fisch herangekommen, die Gefassten gehören in der Regel zum Fußvolk. Die Regierung Uribe aber will mehr, darum sollen viele Informanten angeheuert werden. In der Comuna 13 bestanden sie einen ihrer ersten erfolgreichen Tests. Sie haben große Macht, und kein Bewohner der Comuna weiß, wer sie sind, aus welchen Motiven sie handeln, wie zuverlässig sie sind – von den Vermummten geht der Schrecken aus.
Alexander betet, dass er nicht denunziert wird. Der Vermummte blickt ihn einige Augenblicke an. Dann schüttelt er den Kopf. „Nein, nein, er ist kein Guerillero. Lasst ihn gehen!“ Die Soldaten stoßen ihn weg. Als Alexander zu Hause ankommt, ist er schweißgebadet.
Der Freund Nach der Tradition wird neun Tage lang, jeden Abend um sieben Uhr, für den Verstorbenen ein Rosenkranz gebetet. Man nennt das die novena. Es ist der fünfte Tag nach Elkins Tod. Sein Bild steht auf einem mit weißem Tuch bedeckten Tisch, daneben brennt eine Kerze, an der Wand hängt ein Kreuz, die Bibel liegt aufgeschlagen da, an den Tischenden stehen Blumensträuße. Nellys Haus füllt sich mit Freunden und Nachbarn, sie stehen bis hinaus auf die enge Gasse. Ein Ministrant betet mit lauter Stimme vor. Die Trauernden sprechen ihm nach. Das Gemurmel setzt sich fort über die Gasse bis hin zur Treppe, die hinunter zur Straße führt.
Auch Lucio ist gekommen, ein hoch aufgeschossener junger Mann mit geröteten Augen. Er kannte Elkin von Kindheit an. Während das Gebet noch andauert, erzählt er im Nebenzimmer eine Geschichte über Elkin, die außer ihm keiner recht kannte. Elkin hatte auf der Halbinsel La Guajira ein Mädchen kennen gelernt. Sie hat ihn sehr verwirrt. Er wollte doch Priester werden, und nun war dieses Mädchen da, das schön, zart und verlockend war. Elkin stand an einem Scheideweg. Er zweifelte, zögerte und zauderte, doch dann setzten die Kugeln seinem Leben ein Ende. Lucio sagt: „Er konnte sich nicht entscheiden. Gott war schneller als er.“
Zum Vergleich: Alternative Berichterstattung zu Lateinamerika findet ihr bei www.npla.de --> radio onda --> archiv
dort ist u.a. ein 20 minuetiges onda spezial zur comuna 13 archiviert...
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Ergänzungen
MOD: lateinamerika
ich frage mich, ob ihr nicht ein sammelsorium, ein tool, bezueglich lateinamerika aufmachen koenntet.
es kommen staendig nachrichten zu den entwicklungen auf dem kontinent rein, es waere aber viel besser, wenn man sie unter- und nebeneinander gut ueberblickbar darstellen wuerde, den der soziale kampf lateinamerika gehoert zusammen, soviele mechanismen bei der unterdrueckerseite wie bei den unterdrueckten aehneln sich, zuviel laesst sich nur aus dem "conjunto", aus dem ganzen, ablesen. dabei sind laender wie venezuela und kolumbien, um 2 extreme beispiele dieser tage zu nennen, aufs perverseste opfer der fehlinformation in deutschland, dabei geschehen von mexiko bis argentinien staendig dinge, ueber die bei indy gepostet wird, doch die kommen kleckerweise an; und dann wird etwas gepostet, was sich staendig weiter entwickelt und ich will die entwicklung bei den ergaenzungen posten aber es lohnt sich garnicht, der bericht ist ja nach 2 tagen wieder aus den topics raus...
comuna 13 - der andere bericht
Eine Rundmail berichtet diesbezueglich ueber folgendes:
Der Justiz- und Innenminister Kolumbiens, Ferdinando Londoño hat sich am 12. September dieses Jahres folgendermassen geaeussert, zusammenfassend: "Es gibt eine Veroeffentlichung von verschiedenen Organisationen, in der behauptet wird, dass die Militaeroperationen in der Comuna 13 ungerechte Uebergriffe auf eine friedlich und wunderbar lebende Bevoelkerung waren; und Militaer und Polizei kamen, um diese zu foltern, verschwinden zu lassen und zu ermorden - aber das Gegenteil ist voellig offensichtlich; bei dem Dokument handelt es sich um eine monumentale Luege. Und was geschieht? Das Dokument zirkuliert von NGO zu NGO, von Hand zu Hand, bis am Ende 40 oder 50 NGO´s absolut faelschlich dahinter stehen."
Jetzt wird der Report des hohen UN-Menschenrechtskomissariats ueber das Jahr 2002 zitiert, in dem u.a. zu lesen ist, zusammenfassend: "Anhand der Operationen in den Comunas von Medellin, die viele Menschenleben kostete, hat sich bewiesen, wie schwer es fuer den kolumbianischen Staat ist, bei Auseinandersetzungen zwischen staatlichen und illegalen Kraeften die Leben der Zivilbevoelkerung zu schuetzen. ...
In einigen Faellen im Land wurde regisitriert, dass sich die Paramilitaers dort festsetzten, wo zuvor eine militaerische Operation stattgefunden hat, wie es z.b. in Medellin geschah...."
Der Bericht wird noch sehr viel weiter zitiert. Interessierte finden ihn sicher bei den UN-Menschenrechtsseiten oder direkt bei noche y niebla im Internet.
KEINE VEREINFACHUNGEN!!
wer skrupelos ist und etwas fuer sich verdienen will, geht zu den Paramilitaers. Wer den Traum von Veraenderungen traeumt, ist sozialer Aktivist, bis zum 2. ueberlebten Attentat durch Paramilitaers, dann geht er zur Guerilla, weil dies ungefaehrlicher ist.
das ist sehr vereinfacht dargestellt, wie die meisten deiner kommentare zu diesem artikel. dass es sich bei dem artikel um propaganda handelt ist klar - es gibt KEINE freie berichterstattung zu kolumbien, denn niemand kann wirklich einschaetzen was in diesem land passiert...
eins ist klar: weder para-militaers, noch die militaerdiktatur der regierung, noch die guerilla-truppen werden kolumbien veraendern - nur weiter zerstoeren. krieg als alltaeglicher dauerzustand - 1984 scheint nur eine kleine vision gewesen zu sein, was in kolumbien geschieht ist sehr viel komplexer und erschreckender.
mit wem solidarisieren? ganz bestimmt nicht mit der FARC!! wer unbewaffnete bauern und andere menschen ermordet ist meiner meinung nach alles andere als fortschrittlich.
der grossteil der bevoelkerung ist gegen diesen krieg, sieht allerdings auch keinen ausweg. sie sind es die solidaritaet benoetigen. niemand sonst!
gute idee
comuna 13 reporte especial
ZUR ERGAENZUNG,
die mehr oder weniger der hinweis auf einen link fuer spanischsprachler ist:
Im Maerz 2003 wurde der spezielle Report "Comuna 13 - die andere Version" via Internet publiziert. Dieser Report findet sich - auf spanisch - hier:
Eine Rundmail berichtet diesbezueglich ueber folgendes:
Der Justiz- und Innenminister Kolumbiens, Ferdinando Londoño hat sich am 12. September dieses Jahres folgendermassen geaeussert, zusammenfassend: "Es gibt eine Veroeffentlichung von verschiedenen Organisationen, in der behauptet wird, dass die Militaeroperationen in der Comuna 13 ungerechte Uebergriffe auf eine friedlich und wunderbar lebende Bevoelkerung waren; und Militaer und Polizei kamen, um diese zu foltern, verschwinden zu lassen und zu ermorden - aber das Gegenteil ist voellig offensichtlich; bei dem Dokument handelt es sich um eine monumentale Luege. Und was geschieht? Das Dokument zirkuliert von NGO zu NGO, von Hand zu Hand, bis am Ende 40 oder 50 NGO´s absolut faelschlich dahinter stehen."
Jetzt wird der Report des hohen UN-Menschenrechtskomissariats ueber das Jahr 2002 zitiert, in dem u.a. zu lesen ist, zusammenfassend: "Anhand der Operationen in den Comunas von Medellin, die viele Menschenleben kostete, hat sich bewiesen, wie schwer es fuer den kolumbianischen Staat ist, bei Auseinandersetzungen zwischen staatlichen und illegalen Kraeften die Leben der Zivilbevoelkerung zu schuetzen. ...
In einigen Faellen im Land wurde regisitriert, dass sich die Paramilitaers dort festsetzten, wo zuvor eine militaerische Operation stattgefunden hat, wie es z.b. in Medellin geschah...."
Der Bericht wird noch sehr viel weiter zitiert. Interessierte finden ihn sicher bei den UN-Menschenrechtsseiten oder direkt bei noche y niebla im Internet.
@ w.o.
vereinfachungen & formulierungen...
denn menschenrechtler oder gewerkschafter wuerden in solcher situation im schnitt viel eher fuer eine weile ins ausland gehen, um dort mit der arbeit fortzusetzen. besser passen tut das denke ich fuer bauernaktivisten, die eher weniger kontakte ins ausland haben...
ja, und ich habe auch an anderen stellen pauschalisiert, ich hoffe, die leser erkennen das.
aber schon komisch: da poste ich etwas, und alles was ich ernte ist kritik fuer solche recht unwichtigen geschichten, als ob niemand was besseres zu tun haette; also sagt mal: ein wenig zwischen den zeilen lesen und allein nachdenken sollte doch noch drinn sein, oder muss alles 100% vorgekaut und in jeder hinsicht perfekt formuliert sein?
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
@danjel — oigen
oho oho — danjel