Indien/Narmada: Solidaritätsteam festgehalten

NBA; Übersetzung: Kh. 17.08.2003 15:32 Themen: Repression Weltweit Ökologie
Narmada-Solidaritätsteam von Gujarats Polizei belästigt
NBA-Pressemitteilung 10. Aug. 2003

Dr. A. Chatterjee, Aktivist und Vorstandsmitglied des International Rivers Network, R. Shapiro vom California Institute of Integral Studies, der Korrespondent von Times Magazine M. Ganguly und Kameramann S. Kapoor wurden nach einem Solidaritätsbesuch im Narmada-Tal von der Polizei Gujarats verhört und verdächtigt, 'Unruhe' im Tal zu stiften. Auch ihr Fahrer wurde bedroht und ihr Fahrzeug in Gewahrsam genommen. Im BJP-regierten Gujarat dürfen alle der Polizei verdächtigen Personen einfach festgehalten und einem Verhör unterzogen werden.
Quelle:  http://www.narmada.org/nba-press-releases/august-2003/harassment.stml

62, Mahatma Gandhi Road,
Badwani,
Madhya Pradesh - 451551
Tel: 07290-22464
Email:  badwani@narmada.org

Dr. Angana Chatterjee, Aktivist und Vorstandsmitglied des International Rivers Network stattete zusammen mit Richard Shapiro vom California Institute of Integral Studies, dem Korrespondenten von Times Magazine Meenakshi Ganguly und dem Kameramann Sanjay Kapoor dem Narmada-Tal einen Solidaritätsbesuch ab. Sie besuchten die Dörfer Domkhedi, Jalsindhi und Nimgaon und trafen sich mit Medha Patkar und anderen Aktivist(inn)en von Andolan, um die Überschwemmung im Tal in Augenschein zu nehmen.

Da der starke Widerstand gegen den destruktiven Sardar-Sarovar-Damm im Tal wächst und die Satyagraha-Kampagne an Boden gewinnt, versucht die Polizei freie Bürger dieses Landes, die ihre Solidarität mit den betroffenen Menschen erklären, einzuschüchtern und zu belästigen.

Als das Viererteam beim Verlassen des Tals am 9. August in der Nähe von Kadipani (ca. 4 Stunden von Baroda entfernt) aus dem Boot stieg, wurde es von der Polizei angehalten. Diese hatte vorher bereits ihr Auto und ihre Papiere in Gewahrsam genommen und den Chauffeur, der seit dem Vortag dort geparkt hatte, bedroht. Angana Chatterjee, Richard Shapiro, Meenakshi Ganguly und Sanjay Kapoor wurden aufgefordert, in ihrem Jeep in Begleitung eines Polizisten etwa 15 km bis zum Büro eines Unterinspektors zu fahren, wo sie einem Verhör unterzogen und gefragt wurden, warum sie mit Medha Patkar verkehrten, die ein ‚Problem‘ für Gujarat sei. Die Polizei behauptete, Angana Chatterjee und die Anderen seien ins Tal gekommen, um ‚Unruhe‘ zu stiften. Sie wurden darüber befragt, was sie schreiben würden und warum sie da wären; weiter wurden sie von der Polizei informiert, daß das Gebiet, wo sie gewesen wären, ein Sperrgebiet sei (was nicht stimmt) und wozu eine Genehmigung notwendig sei (was ebenfalls nicht stimmt) und daß ihre Anwesenheit verdächtig sei.

Man gab ihnen auch unmißverständlich zu verstehen, daß dies Modis* Staat sei und es hier neue Regeln gebe und daß die Polizei Vollmacht habe, alle die ihnen verdächtig vorkämen festzuhalten und zu verhören. Bevor sie entlassen wurden, fertigte die Polizei einen Bericht an, den sie, wie sie sagten, an die Regierung schicken würden. ‚Dies ist ein weiteres Indiz für die schlechte Behandlung in Modis Gujarat‘, sagte Angana Chatterjee, ‚wo der Staat die Einschüchterung Unschuldiger, Gewalt gegen Minderheiten und Adivasis, den Hindutva**-Extremismus und Fehlverhalten aktiv unterstützt.‘

‚Das Narmada Bachao Andolan befindet sich in einem umfassenden, ethischen Kampf und verdient unsere Solidarität. Die Art, wie der Staat gegen die vom Sardar-Sarovar-Damm betroffenen Menschen reagiert, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das sich vor allem gegen die Adivasi- (indigenen) Männer, Frauen und Kinder und gegen andere Entrechtete richtet. Die Überschwemmung zerstört das Leben der Menschen, die Tier- und Pflanzenwelt und kostbare Ökosysteme. Mehr als 1500 Familien in Maharashtra und 12 000 in Madhya Pradesh, die von der Erhöhung des Staudamms auf 100 m betroffen sind, müssen noch umgesiedelt werden. Die starken Schlammschichten stellen eine Gefahr dar; einige Menschen sind von in die Enge getriebenen Krokodilen angegriffen und getötet worden. Der Fluß wütet, verschlingt Wohnhäuser und Felder, die Geschichte und die Zukunft tausender Menschen, die keine gerechte Entschädigung erhielten und vom Staat mit Verachtung und Gleichgültigkeit behandelt werden. Die Polizei brutalisiert das Leben der von der Überschwemmung betroffenen Menschen, indem sie ihre Häuser zertört und sie unter Gewaltanwendung vertreibt. Während Wasser und Elektrizität nach Ahmedabad (Großstadt in Gujarat) strömen, wird das Narmada-Tal ohne Basiseinrichtungen, ohne Wohnungen, sauberes Wasser, Elektrizität und Schulen gelassen und ihre Feldkulturen von den Fluten verwüstet. Wo eine Neuansiedlung versucht wurde, ist sie unzureichend geblieben; in vielen Fällen wurde dasselbe Land an mehrere Eigner vergeben. Die Richtlinie des Daud-Kommittees der Umsiedlung Land gegen Land erfordert bewohnbares und kultivierbares Land. Das Umsiedlungsprogramm der Regierung bietet oft jedoch weder das eine noch das andere. Die indische Zentralregierung und die Regierungen von Madhya Pradesh, Maharashtra und Gujarat sind auf den Bau unrentabler Großstaudämme fixiert, während viele Länder sie dagegen stillegen. Der Reintegrationsprozeß geht in eine falsche Richtung und ist ungerecht; die Forderungen der Menschen nach einer schriftlichen Regierungsentscheidung (im Fall Maharashtras) zur Reintegration muß noch erfüllt werden. Dies symbolisiert die Unfähigkeit des Staates, Leben und Bestrebungen von Menschen zu schätzen, die es wagen, die Ungleichheiten der Globalisierung und der vorherrschenden Wirtschaftsentwicklung in Frage zu stellen. Die Ungerechtigkeiten im Narmada-Tal müssen von internationalen Menschenrechtsorganisationen untersucht werden und die Regierung muß dazu gebracht werden, ihre Aufgabe zu erfüllen und ethisch zu handeln. Auf meiner Reise wurde mir klar, daß Großdämme nicht die Tempel Indiens*** sind, sie sind vielmehr zu ihren Friedhöfen geworden‘, sagt Angana Chatterjee.

NBA tadelt diese feigen Handlungen der Regierung Gujarats und warnt sie davor, eine solche Einschüchterung in Zukunft zu wiederholen. Wir bitten die anständigen Bürger dieses Landes eindringlich, ihre Stimme gegen diese offenkundige Verletzung der Menschenrechte und die Übergriffe gegen die Freiheit der Bürger zu erheben.

M K Sukumar, Philip Mathew


* Narendra Modi, Ministerpräsident von Gujarat, gehört der fundamentalistischen Hindupartei BJP (Bharatiya Janata Party) an, die auch die Regierungskoalition der indischen Zentralregierung anführt und die stärkste Fraktion (1/3 der Abgeordneten) im Unterhaus (Lok Sabha) stellt. Sie war mit an der Kampagne zum Abriß der Babri-Moschee in Ayodhya (1992) beteiligt, die damals zu großen Unruhen und Massakern führten.

** Hindutva – chauvinistische Hindu-Ideologie (nicht zu verwechseln mit dem Hinduismus als Religion!), die seit ca.1990 in Indien an Boden gewonnen hat und zu der sich Organisationen u. Parteien wie Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), Vishva Hindu Parishad (VHP), Hindu Swayamsevak Sangh (HSS, in USA), Bharatiya Janata Party (BJP, s.o.) u.a. bekennen. Die RSS befürwortete die NS-Rassenidelogie und wollte sie auf die Moslems in Indien anwenden; ein RSS-Mitglied ermordete 1947 Gandhi; VHP war die treibende Kraft der Unruhen und Massaker von Ayodhya etc. (Dieser Komplex wäre einen eigenen Artikel wert)

*** (der offizielle Slogan, mit dem in Indien für die Dammprojekte geworben wird)
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Ergänzungen

Arundhati Roy

Fabian 18.08.2003 - 12:42
Die indische Autorin Arundhati Roy schreibt in der neuen Auflage ihres grandiosen Buches "The Greater Common Good" Über Staudämme am Narmada und besondrs auch über "Hindutva". Da entstehen neue faschistische Ideologien, auf meiner Indienreise letzten Winter musste ich entsetzt feststellen, wie weit sich die Menschenverachtenden Gedanken der Hindu-Extremisten bereits in der Bevölkerung durchgesetzt haben.
In Gujarath sind im letzten Jahr über 2000 Menschen in Ausschreitungen und Massakern geschlachtet worden, vorwiegend Moslems. Das war kein Einzelfall, nur ein Höhepunkt, die Diskriminierung bestimt den Alltag in vielen Gegenden.