Indien/Narmada: Satyagraha hat begonnen

NBA; Übersetzung: Kh. 12.08.2003 23:51
Fast unbemerkt von der Welt geht der Existenzkampf Tausender Familien des Narmada-Gebiets weiter. Ein zweiter, noch verheerender Hochwasserschub durch die Monsunregen steht bevor. Die bedrohten Dörfer in den Vindhya- und Satpura-Bergen, im Innern dichter Wälder und sehr verstreut liegend, sind von den Aktivist(inn)en kaum zu erreichen, während das der Polizei in ihren Barkassen auf der riesigen Überschwemmungsfläche leichtfällt.
Quelle:  http://india.indymedia.org/print.php3?article_id=6393
Narmada Update
by Narmada Bachao Andolan (NBA) – Thursday 7 Aug. 2003

1. Polizei zerstört Häuser in Chimalkhedi!
2. Update der Situation im Narmada-Tal und Appell

1. Mittwoch, 6. August 2003 05:20:30 -0700 (PDT)

POLIZEI ZERSTÖRT HÄUSER IN CHIMALKHEDI!

Beweis vorhanden, daß Betroffene bei 100 m Höhe des Sardar-Sarovar-Damms noch immer nicht umgesiedelt/rehabilitiert worden sind / Fastenaktion der Adivasis – erste Phase der Satyagraha beginnt.

Auf Grund falscher Behauptungen, daß alle durch den Sardar-Sarovar-Damm verdrängten Menschen umgesiedelt worden seien, haben die Regierungen von Gujarat, Madhya Pradesh und Maharashtra die Genehmigung zur Erhöhung des Staudamms auf 100 m +3 m erteilt. Inzwischen ist diese Dammerhöhung vollendet. In diesem Monat wurde aber das Tal vom Hochwasser heimgesucht (durch die Monsunregen, d.Ü.), das Wohnhäuser und Felder mehrerer Familien unter Wasser setzte. Dadurch wird die Verlogenheit der Regierungen offensichtlich. Als die Fluten in Chimalkhedi, dem dritten Dorf in Maharashtra, das hinter dem Staudamm liegt, anstiegen, kam die Polizei mit totaler Gewalt und nahm 74 Menschen des Dorfes fest, darunter Frauen und Kinder. Bevor sie aus dem Gefängnis entlassen wurden und sie ins Dorf zurückkehren konnten, holte die Regierung einige Arbeiter aus Gujarat herbei und ließ 20 Häuser in diesem Dorf zerstören. Nachdem die Regierung die Erhöhung des Staudamms illegalerweise vorangetrieben hat, will sie nun das Dorf unter brutaler Gewaltanwendung evakuieren lassen und das ist absolute Ungerechtigkeit. Das Andolan* verurteilt diese Aktion sehr und kündigt gleichzeitig an, daß die Satyagraha* in Chimalkhedi heute beginnt. Die Adivasi-Brüder und Schwestern von Chimalkhedi kehren heute in ihr Dorf zurück, um in die nächste harte Phase des Kampfes einzutreten.

Die von der Regierung Maharashtras berufene Task Force gibt die Zahl der Familien, die bei einer Dammhöhe von 100 m betroffen, jedoch noch nicht umgesiedelt und bis heute in ihren Heimatdörfern geblieben sind, mit mehr als 1500 an. Etwa 50 dieser Familien wohnen in Chimalkhedi, von denen einige offiziell zu Betroffenen erklärt sind, dh. ihre Namen stehen auf der Regierungsliste, während andere darin fehlen. Sie alle müssen jedoch noch unter fairen Bedingungen umgesiedelt werden, wie dies das Kabinett von Maharashtra und andere Dokumente vorsehen. Nach dem Schiedsspruch des Narmada-Untersuchungsausschusses und dem Urteil des Obersten Gerichtshofs müssen die Leute sechs Monate vor dem zu erwartenden Hochwasser umgesiedelt sein. Aber durch diese illegale Überflutung hofft die Regierung, daß die Menschen Angst bekommen und flüchten. Die Bewohner von Chimalkhedi blieben jedoch standhaft, auch als sie von einer unübersehbaren Überschwemmung eingeschlossen wurden. Sie gingen ins Tehsil*-Amt in Akkalkuwa, wo sie ein (Protest-)Programm durchführten. Sie wurden verhaftet und dabei geschlagen. Jetzt sind ihre Häuser zerstört. All das zeigt sehr deutlich die Feigheit der Regierung. Wenn diese behauptet, daß alle bei einer Dammhöhe von 100 m betroffenen Menschen umgesiedelt worden sind, warum erschrecken sie dann, wenn die Häuser überschwemmt werden, während die Leute noch dort wohnen? Warum stellen sie sich blind für das von den vertriebenen Adivasis beanspruchte Recht auf Grundeigentum und Recht zu leben? In Erwartung der Antwort auf diese Fragen ist das Andolan jetzt in seine nächste Phase des Kampfes eingetreten. Ab heute wird die Satyagraha beginnen.

Im Juni hat die Regierung Maharashtras alle Forderungen akzeptiert, aber dazu muß noch ein offizieller Regierungsbeschluß erfolgen. In dieser Situation konnten die Adivasis die ihnen zugefügte illegale Überflutung nicht mehr hinnehmen und so beschlossen sie, Fastenaktionen durchzuführen. Ein Relais-Fasten hat in Nimgavan im Tehsil Akrani und in Chimalkhedi im Tehsil Akkalkuwa (beide Distrikt Nandurbar) begonnen. Heute haben Bijya Juya und Savita Vasave ein 24-stündiges Fasten begonnen. Wie das Andolan am 2. August auf seiner Dharna* in Nandurbar ankündigte, würde es den nächsten Schritt der Satyagraha einleiten, falls die Regierung beim nächsten Hochwasserschub nicht den notwendigen Regierungsbeschluß vorbereiten und den Umsiedlungskonflikt lösen würde. Das bevorstehende Hochwasser wird sogar noch mehr Wohnhäuser und Felder überfluten, als das letzte. Bevor Andolan über seinen nächsten Schritt entscheidet, richtet es eine weitere Warnung an die Regierung, daß sie mit Einfühlungsvermögen statt brutaler Gewalt vorgehen, die Adivasis mit Achtung behandeln und ihrer Verantwortung vor dem Gesetz gerecht werden sollte. Sie sollten sich mit den Menschen, die für eine gerechte Entwicklung kämpfen, zusammentun. Alle mitfühlenden, einfühlsamen Bürger dieses Landes sollten an unserem Kampf teilnehmen.

Kirsingh Padvi, Kevalsingh Vasave, Chetan Salve, Medha Patkar.


2. UPDATE DER SITUATION AM NARMADA UND APPELL
Mittwoch, 6. August 2003 05:14:48 –0700 (PDT)

Liebe Freunde,

die Situation im Tal des Narmada ist weiter ernst. Die steigenden Wasserfluten haben Bauernhöfe, denen scheinbar eine Rekordernte bevorstand, und nicht weniger als 60 Häuser vernichtet. Aber das war erst das erste Juli-Hochwasser. Was in den Monaten ‚Rakhya‘ und ‚Kelya‘ nachfolgen wird, ist den Adivasi bekannt, die weiter tapfer kämpfen. In Nimgavan (Maharashtra) drang das Wasser in 28 Häuser ein, darunter in das des leitenden NBA-Aktivisten Keshav Bhau Vasave. In Jalsindhi (Madhya Pradesh) wurde Bhawa Bhais Jahrzehnte altes Haus überflutet, zusammen mit Luhariyas zweitem Haus, das dieser nach der Überflutung des vergangenen Jahres neu aufgebaut hatte. Die Einwohner Chimalkhedis, die sich auch dann nicht vom Fleck rührten, als die weiträumige Überschwemmung den 20 Haushalte großen Weiler einschloss, wurden verhaftet, nachdem stundenlange Überredungsversuche und Druck durch die Behördenvertreter nichts gefruchtet hatten. Sie wurden ins Gefängnis von Dhulia gesteckt und gestern wieder freigelassen. Sie sind wieder in ihr Dorf zurückgekehrt – um dem nächsten Hochwasser entgegenzugehen, das noch wilder, noch verheerender, noch herausfordernder sein wird. Wenn ein solcher Kampf stattfindet, sollte ihn die Welt aufmerksam beobachten, aber leider tut sie es nicht.

Die Dörfer der Vindhya- und Satpura-Berge von Madhya Pradesh, in Maharashtra und ein paar auch in Gujarat liegen tief im Innern dichter grüner Wälder, auf ein Gebiet von vielen Kilometern verstreut. Trotz ihres Engagements und ihrer Ausdauer ist es für unsere Anhänger und Beobachter sehr schwierig dorthin zu gelangen, während die Polizei sie in ihren großen Barkassen auf der riesigen Überschwemmungsfläche leicht erreichen kann.

Buchstäblich zwischen dem See auf der einen und einer Felswand auf der anderen Seite gefangen, müssen die Menschen auch dieses Jahr wieder diesen Kampf durchstehen. Auch in diesem Jahr gibt es noch keine endgültige Lösung für die verschiedenen Probleme, die mit den Grundeigentumsrechten und Grundstücksunterlagen zusammenhängen, darunter auch ein sattes 2/3 der Familien in Maharashtra, die ‚undeklariert‘ sind, also nicht in den offiziellen Listen stehen. Fragen wie die Ausweisung von geeignetem, kultivierbarem Ackerland und die Umsiedlung/Reintegration als solche müssen noch durchgeführt werden.
Es geschieht unter äußerster Verletzung des Urteils des Obersten Gerichtshofes und der rechtsverbindlichen Normen des Staates, daß Menschen und ganze Dörfer ohne Reintegration oder auch nur bloße Umsiedlung der Überschwemmung ausgesetzt werden. Dies wurde ermöglicht durch die absurde Genehmigung zur Erhöhung des Staudamms auf 100 + 3m auf einer Sitzung [od. Versammlung] im Mai, auf der fälschlicherweise behauptet wurde, daß alle betroffenen Menschen der drei Bundesstaaten umgesiedelt worden seien.

Ein solches Schicksal wird durch eine völlige Unterwanderung des Systems – lokal wie national, Exekutive wie Judikative – verursacht, aber auch die Entschlossenheit der Leute und ihr Kampf für Wahrheit, Demokratie und Gerechtigkeit werden dadurch gestärkt. Das Sardar-Sarovar-Projekt ist bereits jetzt gekennzeichnet durch Unrentabilität, Erdbebenrisiken und verheerende Auswirkungen auf die Umwelt. Erst die Zukunft wird die wahre Geschichte erzählen. Aber wenn wir nicht wie Kinder handeln wollen, die warten, bis es abends dunkel wird, um einer Geschichte zu lauschen, sollten wir etwas über die ungerechte Nutzenverteilung für den Kutch, die wahren Bedürftigen und die unzuverlässige Wasser- und Energie-Erzeugung bei enorm hohen ökologischen, sozialen und ökonomischen Kosten in Erfahrung bringen.

Nachdem seit Beginn des Monsuns eine Warnung und Frist von einem Monat gegeben wurde, und es noch immer keinen Beschluß der Regierung Maharashtras auf der Grundlage der Forderung der Bevölkerung gegeben hat, obwohl diese bereits vom Kabinett gebilligt wurden, hat jetzt die Satyagraha begonnen. Seit gestern, 5. August haben zwei Adivasi, Vertreter der Gemeinden in jedem Tehsil in den 50 km entfernt liegenden Orten Nimgavan und Chimalkhedi eine Relais-Fastenaktion begonnen. Gleichzeitig wurde den Verantwortlichen das Datum des nächsten Hochwassers, wann immer das sein wird, als letzter Termin gesetzt. Wenn es bis dahin keine offizielle schriftliche Reaktion zur Lösung des Konflikts gibt, werden wir in die nächste Phase der Satyagraha eintreten.

Wir appellieren an alle unsere nahen und fernen Unterstützer(innen) und Sympathisant(inn)en, sich uns anzuschließen. Kommen Sie ins Tal, drücken Sie durch Artikel, Presseerklärungen, Massenaktionen, Versammlungen und Konferenzen Ihre Solidarität aus, oder durch die Mobilisierung Anderer – Aktivisten, prominente Persönlichkeiten, Unterstützer, oder durch Geldsammlungen. Wir appellieren an Einzelpersonen und Gruppen engagierter Bürger, den Familien, die von den hartherzigen Regierungen der drei Bundesstaaten keine Entschädigung erhalten, im Rahmen der Aktion einer Gruppe junger Bürger gegen ungerechte Zwangsvertreibung ihre Unterstützung zuteilwerden zu lassen. Ein gesonderter Appell wird bald von ihnen ausgehen, Sie können auch zur weiteren Information Kontakt mit uns aufnehmen.


Bevorstehende Aktionen und geplante Programme:

7. August in Nimgavan: Prüfen aller Unterlagen, zusammen mit den offiziellen Dokumenten, u.a. den der Task Force, zur Vervollständigung der Liste betroffener Familien. Vertreter dreier Ministerien und Aktivisten in der Sondersitzung der Gram Sabha*.

8. August in Chimalkhedi: Prüfen der Unterlagen, wie oben

9. August: Shaheed Diwas (Tag der Märtyrer) zum Gedenken an die Adivasi-Freiheitskämpfer und Märtyrer, darunter Khajya Naik, Bhima Naik, Tantya Bhil und Rehma Vasave.

12. August: Raksha Bandhan – ein menschliches Band jenseits von Kaste, Kredo, Religion und Geschlecht, verbunden mit einem Appell zur Rettung des Lebens und der Existenzgrundlage.

14. August: Massenversammlung in Bhilgaon, am Ort des Mikro-Wasserkraftwerk-Projekts(?), mit Gästen. In der Nacht Trommeln, kulturelle Veranstaltung mit Hissen der Flagge.

15. August: Mit den Gästen nach Nimgavan, Flaggenhissen, Kinderprogramm an der Jeevan Shala (Schule des Lebens).

Wir müssen uns bemühen, den Angst und Schrecken verbreitenden Kräften keine Chance zu geben uns einzuschüchtern, daher dieser Kampf, und auch der Appell an Sie.


Karuna DW, Philip Matthew, Keshav Vasave, Noorji Padvi, Kamala Yadav, Mohan Patidar, Medha Patkar.


* Dharna – Protestveranstaltung
* Gram Sabha – Dorfversammlung, Teil des traditionellen ländlichen Panchayat-Verwaltungssystems
* Narmada Bachao Andolan – Bewegung zur Rettung des Narmada
* Satyagraha – von Mahatma Gandhi um 1930 initiierte Bewegung für Aktionen des zivilen Ungehorsams, unter Anwendung von Ahimsa – absoluter Gewaltlosigkeit.
* Tehsil - kleiner Verwaltungsbezirk unterhalb der Distriktsebene
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Ergänzungen