Itoiz ist Geschichte, der Kampf geht weiter
Am Mittwoch abend wurden die letzten drei Menschen aus dem Dorf Itoiz geholt, die seit Montag die völlige Zerstörung des Dorfs verhindert hatten. Itoiz, Wahrzeichen gegen den umstrittensten Staudamm im spanischen Staat, ist Geschichte. In Eilverfahren sollen die knapp 40 Personen abgeurteilt werden, die seit Montag festgenommen wurden.
Obwohl die Mitglieder der Gruppe "Solidarios con Itoiz" noch Tage in einem speziell gebauten Schutzraum hätten ausharren können, ließen sie sich von der Feuerwehr aus dem "Bunker" holen. Die Mitglieder der Gruppe haben die große Brutalität beklagt, mit der gegen sie vorgegangen wurde. So seien Steine und Mauerteile auf sie herabgestürzt, weil schweres Gerät eingesetzt wurde, obwohl sich Menschen in den Häusern befanden. So seien Steine und Mauerteile auf sie herabgestürzt. Nach Angaben der Gruppe hätten Polizisten bewusst tragende Mauern eingerissen, um sie mit der Einsturzgefahr zur Aufgabe zu zwingen. Die Eingeschlossenen baten schließlich darum die Feuerwehr einzuschalten, die etwas von Statik verstehe. Zuvor hatte die Guardia Civil das Dorf abgesperrt und ließ niemand mehr auf Sichtweite heran, um Zeugen für die Vorfälle zu verhindern. Trotz dem Fall von Itoiz und der Zerstörung von Orbaitz, das noch abgeriegelt ist, gehen die Proteste weiter. Weitere sieben Dörfer stehen zur Zerstörung an. Im ganzen Baskenland wurde gestern abend an vielen Stellen gegen den Staudamm demonstriert. Am Samstag wird um 19 Uhr 30 in Agoiz, unterhalb der Staumauer demonstriert. Es wird vermutet, dass die Guardia Civil den Ort weiträumig absperrt, weshalb frühzeitig angereist werden sollte.
© Ralf Streck den 20.06.2003
© Ralf Streck den 20.06.2003
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Ergänzungen
Interview allerdings vom Dienstag
Staudammgegner bereit ihr Leben zu Opfern
Seit 15 Jahren tobt ein Streit um den Staudamm von Itoiz in der nordspanischen Provinz Navarra. Zwei Täler und neun Dörfer in den Pyrenäen sollen in einem riesigen Stausee verschwinden. Sicherheitsgutachten haben dem Damm "erhebliche nicht zu heilende Mängel" bescheinigt. Mehrfach wurde das Projekt von Gerichten annulliert, weil zum Teil Naturschutzgebiete geflutet werden. So änderte die Regierung rückwirkend per Gesetz die Grenzen der geschützten Gebiete. Obwohl die spanische Verfassung dies ausdrücklich verbietet, hat das höchste Gericht eine Verfassungsklage abgewiesen.
Wegen zahlreicher Anomalien hatten die Gegner des Projekts den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg angerufen. Dass der Gerichtshof sogar im Eilverfahren noch in diesem Jahr urteilt, werten die Gegner als Zeichen für eine mögliche definitive Annullierung des Projekts.
Die Regionalregierung versucht derweil Fakten zu schaffen und hat mit der Räumung und Zerstörung der Dörfer begonnen. Dem gewaltfreien Widerstand begegnet die Guardia Civil mit brutaler Gewalt. Bis zum Redaktionsschluss sind fast 40 Menschen festgenommen worden. Demonstrationen werden mit Knüppeln und Gummigeschossen aufgelöst, wodurch es zu etlichen Verletzten kam. Bisher wurde die vollständige Zerstörung des Dorfs Itoiz durch die Gruppe "Solidarios con Itoiz" verhindert. Über ihren Widerstand sprachen wir mit Mattin Urbikain, Sprecher der Gruppe.Interview mit Mattin Urbikain, Sprecher der Gruppe „Solidarios con Itoiz“.
Was geschieht im Dorf von Itoiz?
Am Montag wurden die Bewohner von der Polizei aufgefordert das Dorf zu räumen. Als niemand reagierte, wurde die Tür eines Hauses eingerissen und es geräumt. Das gleiche versuchten sie auch mit anderen Häusern, aber dort trafen sie auf passiven Widerstand. Bisher ist es nicht gelungen, alle Häuser zu räumen.
Wie sieht der Widerstand aus?
Mitglieder unserer Gruppe und Bewohner haben sich in den Häusern verschanzt. Andere besetzten Dächer oder ketteten sich an Wänden fest. Ihre Arme stecken in Röhren, die in die Wände eingelassen sind. Um sie rauszuholen, müssen die eingerissen werden. Trotzdem begann der Abriss zunächst mit schwerem Gerät, und brachte ihr Leben in Gefahr. Wir haben gezeigt, dass wir bereit sind mit unserem Leben das Dorf und die Täler zu verteidigen. Angesichts dessen änderte sich das Vorgehen. Dazu trug auch bei, als sie die Leute im Bunker entdeckt haben.
Ein Bunker?
Wir haben einen speziellen Schutzraum gebaut, um so lange wie möglich die Räumung und den Abriss des Dorfes zu verhindern. Der Zugang ist sehr schwierig und dort können einige Menschen sehr lange ausharren, um dieses unsinnige Projekt und die Zerstörung anzuklagen.
Ihr warnt, ein Eindringen in den Bunker könne den Tod der Insassen bedeuten?
In die Wände des Bunkers ist ein brennbarer Stoff eingebaut. Wenn man mit Bohrern, Trennscheiben oder Schweißgeräten ran geht, entzündet es sich und setzt ein giftiges Gas frei. Wir wollen so auf die extreme Situation aufmerksam machen, denn mit der Zerstörung des Dorfes ist ein Punkt ohne Rückkehr erreicht.
Welchen Sinn macht die Räumung, wenn erst nächstes Jahr mit den Probeflutungen begonnen wird, aber zuvor der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entscheidet?
Wir wissen nicht, ob diese verdächtige Eile damit zusammen hängt, das die Regierung ein negatives Urteil aus Strassburg erwartet. Wir rufen alle auf hierher zu kommen oder dort zu protestieren, wo sie gerade sind.
Wie gehen die Polizei und die zuständigen Behörden gegen die Proteste vor?
Weder die Polizei noch die Behörden lassen irgend eine Vermittlung zu. Von uns bestimmte Vermittler und unser Anwalt wurden abgewiesen. Auf einer Demonstration am Montag abend ging die Guardia Civil sehr brutal gegen die Leute vor. Dabei wurden vier Menschen festgenommen, die bisher noch nicht frei gelassen wurden. Einige Menschen wurden durch Schläge und durch Gummigeschosse verletzt, auch ein kleines Mädchen. Zuvor waren schon 19 Leute bei den Protesten im Dorf festgenommen worden.
© Ralf Streck, Donostia-San Sebastian den 17.06.2003