Für die, die nicht dabei waren... Eine Wackersdorf-Chronik
Anläßlich der zahlreichen Postings zu den veröffentlichten Fotos aus Zeiten des Wackersdorf-Protestes eine (hoffentlich nicht zu langatmig geratene) Chronologie der wichtigsten Phasen des Protestes vom Sommer 85 bis zum Ende der Bauphase 1989.
Interessante Statements und auch Fragen zu den veröffentlichten Wackersdorf-Pics. Um mit einigen Mythen und Legenden aufzuräumen, hier die (hoffentlich nicht zu langatmig geratene) Chronologie eines heute fast 40jährigen, der sich seit fast 10 Jahren aus der Bewegung losgesagt hat und der nahezu alle größeren Demos rund um das Thema WAA mitgemacht hat. Formulierung rein aufgrund von Erinnerungen, daher einige Ungenauigkeiten bitte nachzusehen! Ich bemühe mich um eine sachliche Schilderungen, wenngleich ich etwas Schadenfreude angesichts manch gelungener Aktion gerade an Pfingsten 86 nicht verhehlen kann und will.
Worum genau ging es in Wackersdorf??
Seit den 70er Jahren machte sich die Bundesregierung ernsthafte Gedanken darüber, dem Atomstaat BRD neben zahlreichen in Bau befindlichen AKWs von Grohnde bis Krümmel mit einer zentralen Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstäbe (kurz WAA) die Krönung zu verpassen. Angesichts der damals stark aktiven Anti-AKW-Bewegung und der damit verbundenen Schlachten an den Baugeländen wollte allerdings kein Landesfürst das WAA-Projekt in seinem Bundesland errichten.
Anfang der 80er waren dann zwei Standorte konkret im Gespräch: Dragahn in Niedersachsen und Wackersdorf in Bayern.
Man entschied sich schließlich für Wackersdorf, einem wenige hundert Einwohner zählenden Dörflein im Ldkrs. Schwandorf, nördlich von Regensburg.
Bayerns damaliger Ministerpräsident, der legendäre Franz Josef Strauss, den man aus heutiger Sicht als den rigorosesten und konservativsten Law-and-Order-Mann der dt. Nachkriegspolitik bezeichnen kann, war ein kritikloser Befürworter der Atompolitik und war überzeugt, das die Standortentscheidung nahe eines Kieferwäldchens - also quasi am Arsch der Welt - für eine "rasche und ungestörte Realisierung des WAA-Projekts" (O-Ton) sorgen würde. Strauß war überzeugt, das es Gewaltexzesse wie etwa '81 in Brokdorf im Freistaat einfach nicht geben würde, wenn man von vorneherein mit der gebotenen Härte vorgehen würde.
Hier irrte Franz Josef...
Im Sommer 1985 begannen allmählich die Rodungsarbeiten im Taxöldener Forst, um Platz für das riesige WAA-Gelände zu machen, und damit auch die Protest, anfangs auch recht friedlich und ohne die Präsenz von Autonomen. Der erste große Bulleneinsatz begann zur Jahreswende 1985/86, als ein auf dem gerodeten Gelände errichtetes Hüttendorf von mehreren tausend Cops geräumt wurde, ähnlich wie Jahre zuvor im Flörsheimer Wald an der Startbahn (bei der Hüttendorf-Errichtung machten auch viele Aktivisten des Startbahn-Widerstands tatkräftig mit).
Beim Ostermarsch 1986 kam es dann zu den von Strauß lange zuvor angekündigten ersten Überreaktionen seiner Bullenarmada, als rd. 50 000 Leute an den (mittlerweile errichteten stacheldrahtbewehrten) Bauzaun des WAA-Geländes pilgerten. Einige harmlose Ansägeversuche und Würfe mit Erdklumpen nahmen die Cops zum Anlaß, mit Wasserwerfern, deren Wasser mit dem chemischen Kampfstoff CS vermischt war, blind in die Menge zu ballern. Das Ergebnis waren zahllose Verletzte teils mit massiven Augenverätzungen sowie ein Toter, der Asthmatiker war und sich nach Strauß' Meinung nach dem Oster-Einsatz quasi zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hat.
Dann kam der große Schock der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl und mit dem Super-GAU wurde der deutschen Bevölkerung schlagartig die Gefahr der Atomenergie vor Augen geführt. Die Folge war eine in dieser Form von den Behörden und Bullen nicht vorausgesehene massive Wut speziell gegen das WAA-Projekt und eine binnen weniger Wochen auf enorme zahlenmäßige Größe angewachsene neue Anti-Atom-Bewegung. Nun begann sich auch die damals in der BRD sehr starke autonome Bewegung auf das WAA-Umfeld zu konzentrieren.
Zu Pfingsten 1986 sollte es am Bauzaun richtig knallen, darin waren wir uns schon Tage zuvor mit befreundeten Leuten der Bewegung aus ganz Westdeutschland einig gewesen. Mit zahlreichen Bussen und Pkws passierten wir am Pfingstsamstag den Grenzübergang Hof in ständiger Erwartung, auf bayrischem Gebiet nun auf massive Bullenvorkontrollen zu stoßen. Zu unserer Überraschung aber geschah - nichts. Weder auf der BAB, noch auf den Landstraßen. Keine Cops, keine sonst üblichen Kontrollstellen. War das etwa eine neue Taktik?
Stunden später stellte sich heraus: nein. Die uniformierten Schergen von Franz Josef hatten offensichtlich gepennt. Auf dem WAA-Gelände sah ich gerade mal wenige Hundertschaften, keine Truppen aus anderen Bundesländern und kaum Wasserwerfer und Räumpanzer. Was dann in den folgenden 2-3 Tagen begann, war ein einmaliges koordiniertes und wirksames Zusammenwirken von meiner Schätzung nach weit über 1000 Autonomen, die den Bullen dermaßen in den Arsch traten, wie ich es in meinen Jahren davor und auch danach nie wieder erlebt habe.
In einem pausenlosen Bombardment mit allem, was am Gelände zum Werfen greifbar war und sehr effektivem Beschuß mit Zwillen wurden die Bullen mehrfach in die Flucht geschlagen, teilweise konnte man beobachten, wie sie wie die Hasen zurück ins WAA-Gelände rannten. Mit den Zwillen war es möglich, einzelne Cops aus größerer Distanz sehr schmerzhaft zu treffen, ohne selber in ihre Reichweite zu gelangen. Anrückende Mannschaftswagen wurden auf versch. Zufahrtswegen zum WAA-Areal mit Krähenfüßen und Barris aus Baumstämmen erstmal lahmgelegt, später gelang es uns, gemeinsam mit Leuten aus Göttingen und Freiburg einen Schaufelbagger der BBI kurzzuschließen und mit ihm frontal den Bauzaun zu rammen, ohne das die Bullen groß was dagegen unternahmen. Am Nachmittag wurde ein Regionalzug (keine Ahnung wohin der fuhr) zum Stehen gebracht und der Lokführer in seiner Lok mit Steinen dermaßen eingedeckt, das er panisch mit der Lok davonraste. Kurz darauf gelang es uns, mehrere Schienen aus dem Boden zu reißen und die Bahnstrecke somit völlig unpassierbar zu machen. Von großen Bullenheeren immer noch weit und breit nichts zu sehen. Die waren seinerzeit bedacht, selber lebend aus den Geschehnissen rauszukommen.
Der Riot am WAA-Gelände ging dann die ganze Nacht hindurch, wobei dann nebenbei noch ein riesiger Strommast gefällt wurde.
Die Aktionen, die auf den Fotos der u.a. Postings zu sehen waren, liefen aus meiner Erinnerung so ab:
Auf einer größeren Straße, die etwas weiter weg war vom Bauzaun, rückten zwei bis drei Züge der Bullen mit Mannschaftswagen an, die dann sofort von mehreren hundert Autonomen angegriffen wurden. Da sich drumherum eine Masse von bestimmt 10 - 15 000 Peace-Demonstranten aufhielt, konnten wir uns immer wieder in die Menge zurückziehen. Die Bullen waren völlig unterlegen und überfordert, in ihren Gesichtern war panische Angst und ich bin mir sicher, daß einige von ihnen kurz davor fahren, zur Wumme zu greifen. Sie standen da wie aufm Präsentierteller, wurden von allen Seiten eingedeckt; einige Male wagten sie Gegenangriffe, ohne allerdings auch nur einen von uns zu kriegen. Teilweise schleuderten Cops auch Steinbrocken und Flaschen blind in die Menschenmenge zurück. Nachdem die Truppen aufgeraucht waren, machten wir uns an ihren Fuhrpark: Ein Mannschaftswagen wurde umgestoßen, ein Opel (oder noch andere Fahrzeuge? weiß nicht mehr) wurden mit Mollis abgefackelt. Später fanden wir in dem abgebrannten Opel dann noch scharfe Bullenmunition.
Dann kam der erwartete harte Gegenschlag der Staatsmacht, den wir erwartet hatten: BGS-Helikopter rückten an, flogen im Tiefflug dermaßen tief, das Leute vom Druck der Rotorblätter umgeworfen wurden, dann wurden CS-Gas-Granaten abgeworfen - nicht über den "Angreifern" mit den Haßmasken (wir hatten uns zu diesem Zeitpunkt bereits in einem nahen Wald in Sicherheit gebracht), sondern über der Menge der übrigen 15 000! Die Folge war eine Massenpanik, Leute rannten schreiend übereinander, es war wirklich extrem. Die Bullenführung wurde später getadelt für diese Aktion, der EL mußte glaub seinen Hut nehmen.
Am Pfingstmontag rückte dann die Verstärkung aus dem Bundesgebiet an, insgesamt waren jetzt 44 Wasserwerfer rund um den Bauzaun im Einsatz. In Wackersdorf mußte zeitweise sogar die Wasserversorgung gekappt werden, damit die Werfer nachgefüllt werden konnten.
In den Wochen danach waren die deutschen Medien voll von Berichten über die "nie dagewesene Brutalität der Vermummten", über die "Stoßtrupps der Untergrundarmee" (O-Ton Spiegel damals) etc. Die Autonomen wurden als paramilitärische Truppe von Hobby-Terroristen dämonisiert und alle Medien, von Springer bis Teile der liberalen Presse, zogen kräftig mit.
Einige Wochen später dann der berüchtigte 8. Juni 86, an dem zeitgleich Massendemos an den Bauzäunen in Brokdorf und Wackersdorf stattfanden und es an beiden Orten heftige Auseinandersetzungen mit riesigen Bullenheeren gab, die dieses Mal aus der Pfingstpanne gelernt hatten und weitaus offensiver vorging. Kann mich noch erinnern, daß für die Jahreszeit recht beschissenes Wetter war, sonst waren nach Wackersdorf vermutlich noch weitaus mehr Menschen gekommen. Die Bullen wollten nichts anbrennen lassen, und reagierten am Bauzaun gleich mit Wasserwerfer plus CS, volles Rohr. Dieses Mal war auch BGS und Truppen aus anderen Bundesländern reichlich vertreten, wir wurden bis in den Wald verfolgt und waren auch mehreren massiven Knüppelorgien ausgesetzt. Besonders SEK-Kommandos aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, die mit überdimensional langen Holzknüppeln ausgestattet waren und ohne Schutzschilder vorgingen, schlugen wie die Irren auf alles mögliche ein, auch Frauen und alte Leute. Insgesamt blieb die große Schlacht meiner Meinung nach an diesem Samstag aus, was auch daran lag, daß sich die norddeutsche Bewegung zeitgleich in Brokdorf, Kleve, Landscheide etc. zu sehr gelungenen und vielfältigen Aktionen sammelte und somit am WAA-Zaun Massenaktionen wie an Pfingsten deshalb nicht möglich waren.
In den Folgemonaten kam es dann zwar nicht mehr zu großen Schlachten, aber zu zahllosen kleinen und größeren Störmanövern wie dem Umsägen von Strommasten, Anschlägen auf die Firmen, die den WAA-Bau finanzierten etc.
Beim Blockadeherbst 1986 waren derart viele Bullen präsent, das einem die Lust auf Aktivitäten fast verging.
(zweiter Teil der Chronik zum WAA-Jahr 1987 und dem berühmt-berüchtigten Auftritt der Berliner Prügelgarde folgt)
Worum genau ging es in Wackersdorf??
Seit den 70er Jahren machte sich die Bundesregierung ernsthafte Gedanken darüber, dem Atomstaat BRD neben zahlreichen in Bau befindlichen AKWs von Grohnde bis Krümmel mit einer zentralen Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstäbe (kurz WAA) die Krönung zu verpassen. Angesichts der damals stark aktiven Anti-AKW-Bewegung und der damit verbundenen Schlachten an den Baugeländen wollte allerdings kein Landesfürst das WAA-Projekt in seinem Bundesland errichten.
Anfang der 80er waren dann zwei Standorte konkret im Gespräch: Dragahn in Niedersachsen und Wackersdorf in Bayern.
Man entschied sich schließlich für Wackersdorf, einem wenige hundert Einwohner zählenden Dörflein im Ldkrs. Schwandorf, nördlich von Regensburg.
Bayerns damaliger Ministerpräsident, der legendäre Franz Josef Strauss, den man aus heutiger Sicht als den rigorosesten und konservativsten Law-and-Order-Mann der dt. Nachkriegspolitik bezeichnen kann, war ein kritikloser Befürworter der Atompolitik und war überzeugt, das die Standortentscheidung nahe eines Kieferwäldchens - also quasi am Arsch der Welt - für eine "rasche und ungestörte Realisierung des WAA-Projekts" (O-Ton) sorgen würde. Strauß war überzeugt, das es Gewaltexzesse wie etwa '81 in Brokdorf im Freistaat einfach nicht geben würde, wenn man von vorneherein mit der gebotenen Härte vorgehen würde.
Hier irrte Franz Josef...
Im Sommer 1985 begannen allmählich die Rodungsarbeiten im Taxöldener Forst, um Platz für das riesige WAA-Gelände zu machen, und damit auch die Protest, anfangs auch recht friedlich und ohne die Präsenz von Autonomen. Der erste große Bulleneinsatz begann zur Jahreswende 1985/86, als ein auf dem gerodeten Gelände errichtetes Hüttendorf von mehreren tausend Cops geräumt wurde, ähnlich wie Jahre zuvor im Flörsheimer Wald an der Startbahn (bei der Hüttendorf-Errichtung machten auch viele Aktivisten des Startbahn-Widerstands tatkräftig mit).
Beim Ostermarsch 1986 kam es dann zu den von Strauß lange zuvor angekündigten ersten Überreaktionen seiner Bullenarmada, als rd. 50 000 Leute an den (mittlerweile errichteten stacheldrahtbewehrten) Bauzaun des WAA-Geländes pilgerten. Einige harmlose Ansägeversuche und Würfe mit Erdklumpen nahmen die Cops zum Anlaß, mit Wasserwerfern, deren Wasser mit dem chemischen Kampfstoff CS vermischt war, blind in die Menge zu ballern. Das Ergebnis waren zahllose Verletzte teils mit massiven Augenverätzungen sowie ein Toter, der Asthmatiker war und sich nach Strauß' Meinung nach dem Oster-Einsatz quasi zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hat.
Dann kam der große Schock der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl und mit dem Super-GAU wurde der deutschen Bevölkerung schlagartig die Gefahr der Atomenergie vor Augen geführt. Die Folge war eine in dieser Form von den Behörden und Bullen nicht vorausgesehene massive Wut speziell gegen das WAA-Projekt und eine binnen weniger Wochen auf enorme zahlenmäßige Größe angewachsene neue Anti-Atom-Bewegung. Nun begann sich auch die damals in der BRD sehr starke autonome Bewegung auf das WAA-Umfeld zu konzentrieren.
Zu Pfingsten 1986 sollte es am Bauzaun richtig knallen, darin waren wir uns schon Tage zuvor mit befreundeten Leuten der Bewegung aus ganz Westdeutschland einig gewesen. Mit zahlreichen Bussen und Pkws passierten wir am Pfingstsamstag den Grenzübergang Hof in ständiger Erwartung, auf bayrischem Gebiet nun auf massive Bullenvorkontrollen zu stoßen. Zu unserer Überraschung aber geschah - nichts. Weder auf der BAB, noch auf den Landstraßen. Keine Cops, keine sonst üblichen Kontrollstellen. War das etwa eine neue Taktik?
Stunden später stellte sich heraus: nein. Die uniformierten Schergen von Franz Josef hatten offensichtlich gepennt. Auf dem WAA-Gelände sah ich gerade mal wenige Hundertschaften, keine Truppen aus anderen Bundesländern und kaum Wasserwerfer und Räumpanzer. Was dann in den folgenden 2-3 Tagen begann, war ein einmaliges koordiniertes und wirksames Zusammenwirken von meiner Schätzung nach weit über 1000 Autonomen, die den Bullen dermaßen in den Arsch traten, wie ich es in meinen Jahren davor und auch danach nie wieder erlebt habe.
In einem pausenlosen Bombardment mit allem, was am Gelände zum Werfen greifbar war und sehr effektivem Beschuß mit Zwillen wurden die Bullen mehrfach in die Flucht geschlagen, teilweise konnte man beobachten, wie sie wie die Hasen zurück ins WAA-Gelände rannten. Mit den Zwillen war es möglich, einzelne Cops aus größerer Distanz sehr schmerzhaft zu treffen, ohne selber in ihre Reichweite zu gelangen. Anrückende Mannschaftswagen wurden auf versch. Zufahrtswegen zum WAA-Areal mit Krähenfüßen und Barris aus Baumstämmen erstmal lahmgelegt, später gelang es uns, gemeinsam mit Leuten aus Göttingen und Freiburg einen Schaufelbagger der BBI kurzzuschließen und mit ihm frontal den Bauzaun zu rammen, ohne das die Bullen groß was dagegen unternahmen. Am Nachmittag wurde ein Regionalzug (keine Ahnung wohin der fuhr) zum Stehen gebracht und der Lokführer in seiner Lok mit Steinen dermaßen eingedeckt, das er panisch mit der Lok davonraste. Kurz darauf gelang es uns, mehrere Schienen aus dem Boden zu reißen und die Bahnstrecke somit völlig unpassierbar zu machen. Von großen Bullenheeren immer noch weit und breit nichts zu sehen. Die waren seinerzeit bedacht, selber lebend aus den Geschehnissen rauszukommen.
Der Riot am WAA-Gelände ging dann die ganze Nacht hindurch, wobei dann nebenbei noch ein riesiger Strommast gefällt wurde.
Die Aktionen, die auf den Fotos der u.a. Postings zu sehen waren, liefen aus meiner Erinnerung so ab:
Auf einer größeren Straße, die etwas weiter weg war vom Bauzaun, rückten zwei bis drei Züge der Bullen mit Mannschaftswagen an, die dann sofort von mehreren hundert Autonomen angegriffen wurden. Da sich drumherum eine Masse von bestimmt 10 - 15 000 Peace-Demonstranten aufhielt, konnten wir uns immer wieder in die Menge zurückziehen. Die Bullen waren völlig unterlegen und überfordert, in ihren Gesichtern war panische Angst und ich bin mir sicher, daß einige von ihnen kurz davor fahren, zur Wumme zu greifen. Sie standen da wie aufm Präsentierteller, wurden von allen Seiten eingedeckt; einige Male wagten sie Gegenangriffe, ohne allerdings auch nur einen von uns zu kriegen. Teilweise schleuderten Cops auch Steinbrocken und Flaschen blind in die Menschenmenge zurück. Nachdem die Truppen aufgeraucht waren, machten wir uns an ihren Fuhrpark: Ein Mannschaftswagen wurde umgestoßen, ein Opel (oder noch andere Fahrzeuge? weiß nicht mehr) wurden mit Mollis abgefackelt. Später fanden wir in dem abgebrannten Opel dann noch scharfe Bullenmunition.
Dann kam der erwartete harte Gegenschlag der Staatsmacht, den wir erwartet hatten: BGS-Helikopter rückten an, flogen im Tiefflug dermaßen tief, das Leute vom Druck der Rotorblätter umgeworfen wurden, dann wurden CS-Gas-Granaten abgeworfen - nicht über den "Angreifern" mit den Haßmasken (wir hatten uns zu diesem Zeitpunkt bereits in einem nahen Wald in Sicherheit gebracht), sondern über der Menge der übrigen 15 000! Die Folge war eine Massenpanik, Leute rannten schreiend übereinander, es war wirklich extrem. Die Bullenführung wurde später getadelt für diese Aktion, der EL mußte glaub seinen Hut nehmen.
Am Pfingstmontag rückte dann die Verstärkung aus dem Bundesgebiet an, insgesamt waren jetzt 44 Wasserwerfer rund um den Bauzaun im Einsatz. In Wackersdorf mußte zeitweise sogar die Wasserversorgung gekappt werden, damit die Werfer nachgefüllt werden konnten.
In den Wochen danach waren die deutschen Medien voll von Berichten über die "nie dagewesene Brutalität der Vermummten", über die "Stoßtrupps der Untergrundarmee" (O-Ton Spiegel damals) etc. Die Autonomen wurden als paramilitärische Truppe von Hobby-Terroristen dämonisiert und alle Medien, von Springer bis Teile der liberalen Presse, zogen kräftig mit.
Einige Wochen später dann der berüchtigte 8. Juni 86, an dem zeitgleich Massendemos an den Bauzäunen in Brokdorf und Wackersdorf stattfanden und es an beiden Orten heftige Auseinandersetzungen mit riesigen Bullenheeren gab, die dieses Mal aus der Pfingstpanne gelernt hatten und weitaus offensiver vorging. Kann mich noch erinnern, daß für die Jahreszeit recht beschissenes Wetter war, sonst waren nach Wackersdorf vermutlich noch weitaus mehr Menschen gekommen. Die Bullen wollten nichts anbrennen lassen, und reagierten am Bauzaun gleich mit Wasserwerfer plus CS, volles Rohr. Dieses Mal war auch BGS und Truppen aus anderen Bundesländern reichlich vertreten, wir wurden bis in den Wald verfolgt und waren auch mehreren massiven Knüppelorgien ausgesetzt. Besonders SEK-Kommandos aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, die mit überdimensional langen Holzknüppeln ausgestattet waren und ohne Schutzschilder vorgingen, schlugen wie die Irren auf alles mögliche ein, auch Frauen und alte Leute. Insgesamt blieb die große Schlacht meiner Meinung nach an diesem Samstag aus, was auch daran lag, daß sich die norddeutsche Bewegung zeitgleich in Brokdorf, Kleve, Landscheide etc. zu sehr gelungenen und vielfältigen Aktionen sammelte und somit am WAA-Zaun Massenaktionen wie an Pfingsten deshalb nicht möglich waren.
In den Folgemonaten kam es dann zwar nicht mehr zu großen Schlachten, aber zu zahllosen kleinen und größeren Störmanövern wie dem Umsägen von Strommasten, Anschlägen auf die Firmen, die den WAA-Bau finanzierten etc.
Beim Blockadeherbst 1986 waren derart viele Bullen präsent, das einem die Lust auf Aktivitäten fast verging.
(zweiter Teil der Chronik zum WAA-Jahr 1987 und dem berühmt-berüchtigten Auftritt der Berliner Prügelgarde folgt)
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(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
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Ergänzungen
Links zu letzten Fotos von früher
Startbahn-West-Fotos:
Respekt Alter Mann
Ergänzung
Kleine Geschichte zur Erläuterung: als die Berliner Bullen einen Hof bei Schwandorf ziemlich brutal räumten und viele ältere Menschen zur Unterstützung beigeeilt kamen, rief ein alter Mann den Bullen zu: "das ist ja hier wie '33"! Einer konterte ganz cool: "da war die Welt ja auch noch in Ordnung". Der Mann stand hinterher völlig aufgelöst am Rande und wurde getröstet. Er hatte als kleiner Bub mit angesehen, wie die SA das Schwandorfer Gewerkschaftslokal geräumt und seinen Vater abgeführt hatte. Wo solche Emotionen aufgerührt werden, da führt der Weg in den Bürgerkrieg. Klar, daß sich dann hitzköpfige Bauern und Stahlarbeiter gut mit den Autonomen verstehen.
Da auf ein größeres Archiv-Projekt kaum jemand anspringt, hab' ich mir vorgenommen, zumindest die WAA-Geschichten und Fotos zu sammeln und zu veröffentlichen.
Ich war erstaunt über die vielen Ergänzungen von WAA-"Veteranen" unter den Wackersdorf-Bildern. Vielleicht hat ja jemand Lust und Zeit mitzumachen.
lang ist es her
äh, dumme frage
Wen wunderts
sehr schöner...
her mit der geschichte !
Ja,ja Wackersdorf...
@gorgonzola-käse
es war der 7.6. und nicht der 8.6. gewesen ..
genau
also mal ran an die arbeit...
kann nur besser werden (hoffentlich)