Terror der Arbeit und Agenda 2010

anders arbeiten Bericht 10.06.2003 16:46 Themen: Soziale Kämpfe
Beim Protest gegen die Agenda 2010 vor dem Sonderparteitag der SPD im Berliner Hotel Estrel fand ein Gladiatorenkampf um Arbeitsplätze statt. Die Ich-AG setzte sich gegen die Leiharbeit und den Mini-Job siegreich durch.
Zum 1.6.2003 bereiteten Aktivistinnen des Antihartzbündnisses, darunter auch Mitglieder der Initiative Anders arbeiten oder gar nicht, eine satirische Aktion vor. Leider verging uns im Vorfeld etwas der Spaß, weil wir trotz Anmeldung nicht in die gewerkschaftliche Kundgebung eingeplant wurden, 11 RednerInnen waren natürlich wichtiger. Auf Nachfrage sollten wir dann ganz an den Schluß geschoben werden, der Kompromiß lautete, Beginn der Aktion eine Viertelstunde vor dem offiziellen Auftakt der Kundgebung, wenn der Demozug da ist.
Das klappte dann ja auch. Zunächst zogen die Gladiatoren des Jobwunders auf die Bühne und gelobten gemeinsam, alles in Kauf zu nehmen, denn das schaffe schließlich Arbeitsplätze.

Wir geloben nicht zu murren, wenn uns die Arbeitslosenhilfe gestrichen wird und wir ins Sozialhilfeniveau fallen, denn das schafft Arbeitsplätze.
Wir geloben, nicht zu maulen, wenn uns das Arbeitslosengeld gekürzt wird, obwohl wir jahrzehntelang gearbeitet und eingezahlt haben, denn das schafft Arbeitsplätze.
Wir geloben nicht auf die Barrikaden zu gehen, wenn wir als Jugendliche überhaupt keine Stütze mehr bekommen, denn das schafft Arbeitsplätze. usw.

Dann fand der Gladiatorenkampf statt. Der Gladiator Ich-AG kämpfte gegen den Gladiator Minijob und siegte. Schließlich trat der Gladiator Leiharbeit gegen ihn an. Wieder war die Ich-AG grandioser Sieger. Die Ich-AG vereidigte schließlich die Kundgebungsteilnehmer zur Ich-Armee.

ich schwöre bei schröder,
dem übermächtigen schöpfer von hartz und rürup
und bei clement, seinem eingeseiften sohn,
unserm wohlstand,
empfangen durch das bankenimperium,
geboren von der jungfrau wolfsburg,
gelitten unter oskarlafontus,
aufgefahren gegen den sozialstaat,
sitzend zur rechten der wirtschaft,
von dannen er kommen wird
zu richten die erwerbslosen und die tätigen.
ich glaube an die schaffung von arbeitsplätzen
durch streichung von leistungen der empfangenden,
die heilige gemeinschaft der unternehmer,
die gemeinschaft der unternehmensverbände,
streichung der sozialstandards,
auferstehung der arbeitsplätze
und die umverteilung von unten nach oben.
ich schwöre diesen grundsätzen zu dienen
und nichts zu zerreden,
so wahr mir gerhard helfe,
in ewigkeit, amen


Terror der Arbeit - zur Kritik der autoritären Arbeitsgesellschaft

Der jahrelang beklagte und verspottete Reform-Stau hat sich mittlerweile aufgelöst. Inzwischen herrscht enthemmter Reform-Taumel. Die Agenda 2010 übertrifft die kühnsten Sozialabbau-Träume der damaligen Gefolgsleute
Helmut Kohls.
Schröders GenossInnen, phantasielos wie nicht anders zu erwarten, meckern und motzen jetzt zwar noch ein wenig. Letztlich werden sie sich auf die traditionelle sozialdemokratische Tugend der devoten Unterordnung besinnen und ihrem unersetzlichen Herrn, dem Gerhard "Rücktritt" Schröder, treu dienen.
Die Reform-GestalterInnen loben sich selbst für ihren Mut, auch schmerzliche Reformen durchzusetzen. Ihr Mut besteht im wesentlichen darin, Anderen Schmerzen zu bereiten, insbesondere die Lebenssituation der Arbeitslosen immer bedrohlicher zu verschlechtern, und damit die Nicht-Arbeitslosen nachhaltig zu
disziplinieren. Disziplinieren wofür? Für die Arbeit. Und hier könnte Ursache dafür liegen, warum es bisher keine nennenswerte Opposition gegen diese ganz große Koalition der autoritären Einschüchterung gibt. So lange die Gewerkschaften, die PDS, attac und andere Linke weiterhin fromm und demütig die heilige Kuh "Arbeit" anbeten, wird ihnen nichts anderes übrig bleiben als genauso fromm und opferbereit "notwendige Einschnitte" hinzunehmen, notwendig dafür, auf dass endlich "Arbeit" komme. Sie beklagen, konform mit allen kapitalistischen FoltermeisterInnen, die Arbeitslosigkeit als das Grundübel in unserer Gesellschaft.
Dabei ist bei Licht besehen die Arbeitslosigkeit nicht das Problem sondern die Lösung: In einer Produktivität-steigernden und Arbeit-einsparenden kapitalistischen Ökonomie bräuchte eigentlich immer weniger gearbeitet werden.
Allgemeine Entlastung von unangenehmer, unattraktiver Arbeit, bislang ungekannter Zeitreichtum könnte die Perspektive sein. Nur, was heißt dieses "bräuchte" und dieses "könnte"? Diese Konjunktive heißen, dass es zwar reale Möglichkeiten
sind, dass der Zug der tatsächlichen gesellschaftlichen Entwicklung jedoch immer schneller in die entgegengesetzte Richtung rast, nämlich in die Richtung der Gesellschaft des Arbeitszwanges. Je überflüssiger die Leute für die Arbeit
werden, desto härter müssen sie - deshalb! - gegeneinander um Arbeit konkurrieren, und zwar nicht um Traumberufe, sondern um immer unattraktivere und immer sinnlosere Jobs.
Diese Entwicklung ist unschön, idiotisch und auch gefährlich (Armut macht krank, verkürzt das Leben), aber vorerst nicht aufzuhalten, denn alle spielen brav mit: Die Arbeitslosen fordern nicht, wie es am vernünftigsten wäre, einfach mehr Geld, und zwar langfristig, sondern gehen der ganzen Welt damit auf die Nerven, indem sie ständig beteuern, wie gern sie doch arbeiten würden, wenn man sie nur ließe. Und die in Lohnarbeit Beschäftigten passen argwöhnisch auf die Arbeitslosen auf, dass diese nur ja nicht zu viel Spaß am Leben haben.
Worauf kommt es an? Einmal: Der Arbeit den Respekt aufzukündigen, diese Art von unterwürfiger Verehrung beenden, die noch nie besonders viel mit der Würde des Menschen zu tun hatte. Und: Die Lohnabhängigkeit als die peinliche gesellschaftlich bedingte Grundsituation aller Individuen a) zu erkennen und b) zu kritisieren und c) so weitgehend als möglich abzuschaffen.
Lehnen wir uns zurück und freuen uns über eine Welt, in der es immer weniger Arbeit gibt!

Diskussionsveranstaltung der Initiative Anders Arbeiten - oder gar nicht:
Terror der Arbeit - zur Kritik der autoritären Arbeitsgesellschaft
Montag, den 23.6.2003 um 19.30 Uhr
im Kato am U-Bahnhof Schlesisches Tor in Berlin-Kreuzberg

ReferentInnen:
Harald Rein, Erwerbslosenaktivist aus Frankfurt, wird den gegenwärtigen rasanten Sozialabbau und die Verschärfung des Arbeitszwanges beschreiben.
Ernst Lohoff, Gruppe Krisis, wird darstellen, dass eine Kritik des Sozialabbaus die Kritik des Kapitalismus beinhalten muss, und dass die Kritik des Kapitalismus nicht ohne die bisher sträflich vernachlässigte Kritik der Arbeit zu haben ist.
Von Guillaume Paoli, Glückliche Arbeitslose, erwarten wir Auskunft darüber, wie es geht, sich persönlich, ganz individuell, dem finsteren Arbeitszwang zu widersetzen und auch unter erschwerten Umständen ein gelungenes Leben zu leben.

Die Veranstaltung versteht sich als Opposition zur Vorherrschaft von Sozialabbau und autoritärer Arbeitsgesellschaft.


 http://www.andersarbeiten.de
Bilder vom 1.6.03:  http://www.elisabeth-voss.de/demofotos/
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Ergänzungen

Viele gute Infos...

anarch@ 10.06.2003 - 20:04
...zur Agenda 2010 und den Hartz Gesetzen gibt es unter: www.fau.org

Wie is

Scherbe 10.06.2003 - 23:09
es angekommen?