Es tut weh - ganz persönliche Eindrücke und Gedanken zur Rigaer94
Die Rigaerstraße in Berlin-Friedrichshain ist ruhig. Kein Polizeihubschrauber kreist im dunklen Abendhimmel, kein Konvoi von Polizeifahrzeugen parkt um die Ecke, keine Wasserwerfer und Räumpanzer in Sicht. Es sind auch kaum Menschen auf der Straße, nur aus den Kneipen kommen einige Geräusche. Ekliger Nieselregen. Ecke Liebigstraße-Rigaerstraße. Noch wenige Schritte bis zum Hauseingang der Nummer 94.
Dem Kultur- und Wohnprojekt, das in den vergangenen Tagen mehrfach von der Polizei gestürmt wurde, weil der formal-juristische Hauseigentümer Suitbert Beulker dort fünf Wohnungen hat räumen lassen, von denen er behauptet, dass es keine gültigen Mietverträge gibt. Jetzt, nach dem ganzen Stress, eine Freundin im Haus besuchen. Hören, wie es geht, wie es sich nun dort lebt. "Wohnen Sie hier?" In der dunklen Hofeinfahrt zur Rigaer94 stehen drei kräftige Männer, zwei davon ziemlich kurzhaarig. "Bitte?" "Wohnen Sie hier?" "Ich wüsste nicht, was Sie das angeht."
Der Dialog könnte hier zu Ende sein, doch die Männer, die billige weiße Plastikjacken tragen und damit den Verkäufern der Berliner Tageszeitung "Tagesspiegel" ähneln, haben einen Auftrag. "Der Vermieter hat uns beauftragt, das Haus zu bewachen", so die Erklärung. Rein kommt nur, wer dort wohnt. Oder besser: Wen Suitbert Beulker als hier wohnend akzeptiert und auf eine handschriftliche Liste hat setzen lassen. "Nein, ich wohne nicht hier, ich möchte jemanden besuchen." Aber auch die Antwort hilft nicht weiter. Die Frage kommt: Wen? Das geht nun wirklich zu weit, das geht niemanden was an. Denkste. Zwei Telefonate mit der Polizei - ?ich verstehe Sie ja, ich würde das auch nicht sagen wollen, aber ich bin hier auch nur ein kleines Licht?, so die erste Auskunft. Der Einsatzleiter ?ein echter Professor, der kennt sich juristisch völlig gut aus?, ist leider nicht mehr greifbar. Aber die Leitstelle im Abschnitt 6 kann auch weiterhelfen. Der Beamte dort eklärt: Der Vermieter darf das. Und die Polizei geht das alles nichts an, weil: ?das ist Zivilrecht?. Also keine Chance. Gut, dann eben mal kurz freundlicher sein, gegenüber den Wachschutz-Heinis zugeben, dass sie im Recht sind ? der Ärger ballt sich im Bauch zu einer festen Kugel zusammen ? und einen Namen nennen. Der steht nicht auf der Liste der Mieter, naja, aber irgendwie darf man dann doch seinen Besuch abstatten.
Zur Erinnerung: In dem Hinterhaus wohnen Menschen, zum Teil seit zwölf Jahren. Sie haben Mietverträge und zahlen Miete an diesen Hauseigentümer. Und der maßt sich nun an zu entscheiden, wer rein darf ? und wer nicht. Nicht in ?seine? geräumten Wohnungen, sondern ins Haus, in die weiter vermieteten Wohnungen. Ein Berliner Richter hat das inzwischen sogar abgenickt, hört man.
Der Hof: Ein Trauerspiel. Leergeräumt, im Dunkeln stehen noch ein paar Dinge rum, die nicht genauer zu erkennen sind. Die Tür? Ein schwarzes Loch. Beulker hat die Haustür entfernen lassen. Naja, braucht man hier ja auch nicht mehr, ist ja gut bewacht. Es fällt schwer, nicht zynisch zu werden. Das Erdgeschoss. Trostlos. Hier war mal die offene Werkstatt, ein kahler leerer Raum. Die Treppe hoch, dort fehlen die Fenster...
Vor einer Woche, am 6. Mai, sah es hier noch anders aus. Da war das noch der Hof eines Wohnprojekts ? und sah auch so gemütlich aus. Da war im Erdgeschoss noch eine Kneipe, die Kadterschmiede, eine Waschküche, die Werkstatt. Doch es war schon absehbar, dass das nicht mehr lange so bleiben wird. Für den 7. Mai um 6 Uhr hatte sich der Gerichtsvollzieher angekündigt, um fünf Wohnungen zu räumen. Es gab am Abend davor noch eine kämpferische Demo mit rund 1000 Leuten, aber am Morgen hatte die Polizei doch wieder leichtes Spiel. Augenzeugen sprechen von extremer Brutalität, als kurz nach fünf Uhr Polizei die UnterstützerInnen vom Hauseingang wegdrängt. Mit einem großen Messer zerschneidet ein Polizist ein Transparent, hinter dem Menschen stehen. Jemand wird an den Haaren über den Boden geschleift. Es wird geschlagen, es wird getreten. Dann ist Ruhe. Die Polizei riegelt die Straße ab, das SEK kommt. Und dann die JournalistInnen.
Kurz nach 6 Uhr hält der Gerichtsvollzieher eine kleine Jura-Vorlesung. Anwesend: Der Anwalt der HausbewohnerInnen, die Polizei-Einsatzleitung, der grüne Bundestagesabgeordnete Christian Ströbele und die Presse. ?Das Landgericht Detmold hat entschieden, dass eine Räumung auch dann zulässig... blablabla?, sagt der Vollzieher und liest eifrig von einer Kopie ab. Der Hausanwalt spricht von ?formalem und materiellen Recht? (oder so ähnlich), aber es wird schnell klar, dass man sich nicht viel zu sagen hat. Dann Auftritt: Suitbert Beulker. Ein Fotograph hebt die Kamera, Beulker seine Hand. ?Keine Fotos.? Der Fotograph belehrt ihn: ?Sie sind eine relative Person der Zeitgeschichte, sie haben hier schließlich 300 Polizisten anfahren lassen, sie müssen schon damit leben, dass man sie fotographiert.? Die Polizei widerspricht nicht. Beulker faucht: ?Wenn ich das Foto irgendwo sehe, dann gibt's Ärger.? Gibt's dann aber wohl doch nicht. Jetzt ist Beulker auch egal, ob er fotographiert wird, er hat einen neuen Feind gefunden. Ströbele mischt sich ins Gespräch ein und wirft ein, dass es doch vielleicht eine andere Möglichkeit als Räumung... "Was wollen sie eigentlich", zetert der Hauseigentümer, der doch offensichtlich so gerne cool und überlegen wirken möchte, "warum haben sie nie mit mir geredet? Wie lange beschäftigten sie sich überhaupt schon mit dem Thema?" "Etwa eine Stunde", sagt Ströbele gelassen. Und damit ist das Gespräch auch beendet. Dass das für einen Bundestagsabgeordneten eigentlich ziemlich lang ist, darüber braucht Beulker nicht nachdenken. Warum? Er hat ja die Polizei.
Und die ist nur zu willig, endlich loszulegen. SEK in den Hof, Leiter ans Fenster, erster Stock, Fenster eingeschlagen. Es wird drinnen ein bisschen geflext und gemacht, und der Vollzieher kann seines Amtes walten. Nach etwa einer Stunde kann das SEK abziehen, die "normale" Polizei (was ist bei denen in Berlin schon normal?) übernimmt die Sicherung des Hauses. Eine Umzugsfirma kommt und beginnt, den Hausrat - ordentlich in Kartons verpackt, sauber beschriftet - zu verpacken. Beulker selbst zieht mit Axt und Hammer in ?sein? Haus, begleitet von einigen Handwerkern. Was er dort macht, sieht man von draußen nicht... da sieht man nur die ?ordentliche? Umzugsfirma.
Am Abend Demo, schnell und laut. Aber nach außen wird wenig vermittelt. Es gibt keine Flugis für die Öffentlichkeit, die Parolen zum Teil eher abschreckend als ansteckend: "Bambule, Randale, Linksradikale". Naja, damit werden die PassantInnen kaum inspiriert werden, sich sofort solidarisch zu erklären und sich anzuschließen.
In den nächsten Tagen setzt Beulker sein Werk fort. Am Freitag jagen seine Bauarbeiter mit Keulen bewaffnet BewohnerInnen der Rigaer94 und FreundInnen durchs Haus und die Straße entlang. Die Polizei schaut zu. Plötzlich geht sie das alles wieder nichts mehr an. "Zivilrecht", heißt es dann gerne. Die Bauarbeiter, die eigentlich ein Schlägertrupp sind, zerstören auf dem Flur einen Schrank, einfach so. In der Waschküche im Erdgeschoss schütten sie Farbe über die Wäsche und in die Maschinen. Möglichst viel Schaden anrichten, heißt die Devise.
Man hört das alles am Telefon, liest es in Ausschnitten auf Indymedia. So richtig glauben kann man es nicht. Vielleicht ist das alles ja doch ein bisschen übertrieben?
Am Samstag sieht man selbst die Ergebnisse. Eine Wohnung, in der Beulker gewütet hat. Ein Kachelofen, in kleine Stücke zerschlagen. Trennwände der Wohnung: Kurz und klein geschlagen. Die Dielenbretter sind herausgerissen. Ein Zimmer, es war einmal ein Kinderzimmer, hat nur noch magere Reste einer Wand zur Toilette. Die wenigen Teile, die stehengeblieben sind, sind noch bunt bemalt und lassen ahnen, wie es hier einmal ausgesehen hat. Schön, gemütlich, liebevoll eingerichtet. Jetzt ist es kaputt, zerstört, unbewohnbar. Warum? Weil jemand ein Papier hat, das ihm das "Eigentum" für diese Quadratmeter gewährt, egal, was er eigentlich damit machen will. Die Kadterschmiede, in der man selbst vor nicht allzu langer Zeit gesessen hat, und sich darüber gefreut hat, wie gemütlich es in dem Raum geworden ist, gibt es auch nicht mehr. Von der kunstvollen und phantasiereichen Dekorationen ist nichts mehr zu sehen, nur in einer Ecke liegen zahlreiche winzige bunte Glasscherben. Was das wohl mal war? Vielleicht eine Lichterkette. Der Tresen ist weg, dort liegt nur noch Gerümpel, ein umgeworfener Kühlschrank. Wer hier gewütet hat, hatte sichtlich Spaß daran, nichts so stehen zu lassen, wie es war. Die Wut wächst mit jedem Schritt, mit jeder Ecke, in der sich eine neue Zerstörungsorgie zeigt. Die Tischtennisplatte? Kaputt, was sonst. Irgendwie kann man das nur damit kompensieren, dass man sich bildreich ausmalt, was man gerne mit den Leuten machen würde, die das getan haben.
Am Montag drauf, am 12. Mai, hätte man Gelegenheit dazu gehabt. Morgens um halb sieben, als zum "Frühschicht-Verhindern-Frühstück" vor der R94 eingeladen worden war, allerdings noch nicht. Da waren einige Dutzend UnterstützerInnen da, aber weder Handwerker noch Polizei. Aber noch stehen einige der verwüsteten Wohnungen offen, ist die Kadterschmiede - oder was von ihr übrig ist - zugänglich. Und deshalb hat der Bautrupp angekündigt, am Montag wiederzukommen. Doch nichts zu sehen. Nur Kaffee und Brötchen. Vielleicht... ja, vielleicht...
Aber die Hoffnung ist nicht von langer Dauer. Vor elf kreisen Hubschrauber über dem Kiez, stehen 30 Polizeiwagen in der Nähe bereit - das sind 300 PolizistInnen. Das SEK ist auch wieder da - weil angeblich Wohnungen wiederbesetzt seien, was aber nicht stimmt. Das Spiel geht von Neuem los. Rein, Türen auf, Polizei ins Haus und auf den Hof, Bauarbeiter rein. Es wird wieder abtransportiert und zerstört. Ein Bauarbeiter haut jemandem eine Leiter auf den Kopf, der Polizist daneben sagt nur: "Ich hab jetzt nichts gesehen."
Und dann lässt Suitbert Beulker den Wachschutz auffahren und in der Hofeinfahrt einziehen. 24 Stunden am Tag wird jetzt kontrolliert. Aber darum geht es schon lange nicht mehr. Es geht um Schikane. Ums Terrorisieren. Weil er´s darf. Und weil er´s kann. Und die Politik? Die geht auf Tauchstation. Die PDS lässt sich zwar ihre Geschäftsstelle um die Ecke "besetzen", aber ansonsten will die Partei, die in Berlin immerhin mit der SPD zusammen an der Regierung ist, davon lieber nichts wissen. Und der Baustadtrat des Bezirks erklärt der ?Berliner Zeitung?, dass man den BewohnerInnen die Alternativobjekte kistenweise angeboten hätte, aber die einfach nirgendwo anrufen würden. Selbst schuld seien sie, diktiert der Mann in den Block der JournalistInnen. Aber erklären, woher die Leute 400.000 Euro nehmen sollen, um ein Haus zu kaufen, das sagt er leider auch nicht. Aber es fragt ihn auch niemand ? und das ist vermutlich das größere Problem. Es will niemand wissen. Genauso will niemand wissen, warum es eigentlich sein kann, dass das Eigentümer-Recht am Zerstören über dem Recht steht, wohnen zu dürfen. Und niemand will wissen, warum die Polizei bei Straftaten eines Eigentümers und seiner Schergen zuschaut. Und niemand will wissen, dass es um mehr geht, als dass ein paar Leute in einem Haus wohnen bleiben wollen, das ihnen gefällt. Und weil niemand all das wissen will, werden die Sicherheits-Heinis am Eingang der Rigaer94 wohl noch eine Weile Leute packen, zurückschubsen und nach Namen und Weg fragen. Und die Wut wird sich im Bauch weiter zusammenballen. Und das tut weh.
Der Dialog könnte hier zu Ende sein, doch die Männer, die billige weiße Plastikjacken tragen und damit den Verkäufern der Berliner Tageszeitung "Tagesspiegel" ähneln, haben einen Auftrag. "Der Vermieter hat uns beauftragt, das Haus zu bewachen", so die Erklärung. Rein kommt nur, wer dort wohnt. Oder besser: Wen Suitbert Beulker als hier wohnend akzeptiert und auf eine handschriftliche Liste hat setzen lassen. "Nein, ich wohne nicht hier, ich möchte jemanden besuchen." Aber auch die Antwort hilft nicht weiter. Die Frage kommt: Wen? Das geht nun wirklich zu weit, das geht niemanden was an. Denkste. Zwei Telefonate mit der Polizei - ?ich verstehe Sie ja, ich würde das auch nicht sagen wollen, aber ich bin hier auch nur ein kleines Licht?, so die erste Auskunft. Der Einsatzleiter ?ein echter Professor, der kennt sich juristisch völlig gut aus?, ist leider nicht mehr greifbar. Aber die Leitstelle im Abschnitt 6 kann auch weiterhelfen. Der Beamte dort eklärt: Der Vermieter darf das. Und die Polizei geht das alles nichts an, weil: ?das ist Zivilrecht?. Also keine Chance. Gut, dann eben mal kurz freundlicher sein, gegenüber den Wachschutz-Heinis zugeben, dass sie im Recht sind ? der Ärger ballt sich im Bauch zu einer festen Kugel zusammen ? und einen Namen nennen. Der steht nicht auf der Liste der Mieter, naja, aber irgendwie darf man dann doch seinen Besuch abstatten.
Zur Erinnerung: In dem Hinterhaus wohnen Menschen, zum Teil seit zwölf Jahren. Sie haben Mietverträge und zahlen Miete an diesen Hauseigentümer. Und der maßt sich nun an zu entscheiden, wer rein darf ? und wer nicht. Nicht in ?seine? geräumten Wohnungen, sondern ins Haus, in die weiter vermieteten Wohnungen. Ein Berliner Richter hat das inzwischen sogar abgenickt, hört man.
Der Hof: Ein Trauerspiel. Leergeräumt, im Dunkeln stehen noch ein paar Dinge rum, die nicht genauer zu erkennen sind. Die Tür? Ein schwarzes Loch. Beulker hat die Haustür entfernen lassen. Naja, braucht man hier ja auch nicht mehr, ist ja gut bewacht. Es fällt schwer, nicht zynisch zu werden. Das Erdgeschoss. Trostlos. Hier war mal die offene Werkstatt, ein kahler leerer Raum. Die Treppe hoch, dort fehlen die Fenster...
Vor einer Woche, am 6. Mai, sah es hier noch anders aus. Da war das noch der Hof eines Wohnprojekts ? und sah auch so gemütlich aus. Da war im Erdgeschoss noch eine Kneipe, die Kadterschmiede, eine Waschküche, die Werkstatt. Doch es war schon absehbar, dass das nicht mehr lange so bleiben wird. Für den 7. Mai um 6 Uhr hatte sich der Gerichtsvollzieher angekündigt, um fünf Wohnungen zu räumen. Es gab am Abend davor noch eine kämpferische Demo mit rund 1000 Leuten, aber am Morgen hatte die Polizei doch wieder leichtes Spiel. Augenzeugen sprechen von extremer Brutalität, als kurz nach fünf Uhr Polizei die UnterstützerInnen vom Hauseingang wegdrängt. Mit einem großen Messer zerschneidet ein Polizist ein Transparent, hinter dem Menschen stehen. Jemand wird an den Haaren über den Boden geschleift. Es wird geschlagen, es wird getreten. Dann ist Ruhe. Die Polizei riegelt die Straße ab, das SEK kommt. Und dann die JournalistInnen.
Kurz nach 6 Uhr hält der Gerichtsvollzieher eine kleine Jura-Vorlesung. Anwesend: Der Anwalt der HausbewohnerInnen, die Polizei-Einsatzleitung, der grüne Bundestagesabgeordnete Christian Ströbele und die Presse. ?Das Landgericht Detmold hat entschieden, dass eine Räumung auch dann zulässig... blablabla?, sagt der Vollzieher und liest eifrig von einer Kopie ab. Der Hausanwalt spricht von ?formalem und materiellen Recht? (oder so ähnlich), aber es wird schnell klar, dass man sich nicht viel zu sagen hat. Dann Auftritt: Suitbert Beulker. Ein Fotograph hebt die Kamera, Beulker seine Hand. ?Keine Fotos.? Der Fotograph belehrt ihn: ?Sie sind eine relative Person der Zeitgeschichte, sie haben hier schließlich 300 Polizisten anfahren lassen, sie müssen schon damit leben, dass man sie fotographiert.? Die Polizei widerspricht nicht. Beulker faucht: ?Wenn ich das Foto irgendwo sehe, dann gibt's Ärger.? Gibt's dann aber wohl doch nicht. Jetzt ist Beulker auch egal, ob er fotographiert wird, er hat einen neuen Feind gefunden. Ströbele mischt sich ins Gespräch ein und wirft ein, dass es doch vielleicht eine andere Möglichkeit als Räumung... "Was wollen sie eigentlich", zetert der Hauseigentümer, der doch offensichtlich so gerne cool und überlegen wirken möchte, "warum haben sie nie mit mir geredet? Wie lange beschäftigten sie sich überhaupt schon mit dem Thema?" "Etwa eine Stunde", sagt Ströbele gelassen. Und damit ist das Gespräch auch beendet. Dass das für einen Bundestagsabgeordneten eigentlich ziemlich lang ist, darüber braucht Beulker nicht nachdenken. Warum? Er hat ja die Polizei.
Und die ist nur zu willig, endlich loszulegen. SEK in den Hof, Leiter ans Fenster, erster Stock, Fenster eingeschlagen. Es wird drinnen ein bisschen geflext und gemacht, und der Vollzieher kann seines Amtes walten. Nach etwa einer Stunde kann das SEK abziehen, die "normale" Polizei (was ist bei denen in Berlin schon normal?) übernimmt die Sicherung des Hauses. Eine Umzugsfirma kommt und beginnt, den Hausrat - ordentlich in Kartons verpackt, sauber beschriftet - zu verpacken. Beulker selbst zieht mit Axt und Hammer in ?sein? Haus, begleitet von einigen Handwerkern. Was er dort macht, sieht man von draußen nicht... da sieht man nur die ?ordentliche? Umzugsfirma.
Am Abend Demo, schnell und laut. Aber nach außen wird wenig vermittelt. Es gibt keine Flugis für die Öffentlichkeit, die Parolen zum Teil eher abschreckend als ansteckend: "Bambule, Randale, Linksradikale". Naja, damit werden die PassantInnen kaum inspiriert werden, sich sofort solidarisch zu erklären und sich anzuschließen.
In den nächsten Tagen setzt Beulker sein Werk fort. Am Freitag jagen seine Bauarbeiter mit Keulen bewaffnet BewohnerInnen der Rigaer94 und FreundInnen durchs Haus und die Straße entlang. Die Polizei schaut zu. Plötzlich geht sie das alles wieder nichts mehr an. "Zivilrecht", heißt es dann gerne. Die Bauarbeiter, die eigentlich ein Schlägertrupp sind, zerstören auf dem Flur einen Schrank, einfach so. In der Waschküche im Erdgeschoss schütten sie Farbe über die Wäsche und in die Maschinen. Möglichst viel Schaden anrichten, heißt die Devise.
Man hört das alles am Telefon, liest es in Ausschnitten auf Indymedia. So richtig glauben kann man es nicht. Vielleicht ist das alles ja doch ein bisschen übertrieben?
Am Samstag sieht man selbst die Ergebnisse. Eine Wohnung, in der Beulker gewütet hat. Ein Kachelofen, in kleine Stücke zerschlagen. Trennwände der Wohnung: Kurz und klein geschlagen. Die Dielenbretter sind herausgerissen. Ein Zimmer, es war einmal ein Kinderzimmer, hat nur noch magere Reste einer Wand zur Toilette. Die wenigen Teile, die stehengeblieben sind, sind noch bunt bemalt und lassen ahnen, wie es hier einmal ausgesehen hat. Schön, gemütlich, liebevoll eingerichtet. Jetzt ist es kaputt, zerstört, unbewohnbar. Warum? Weil jemand ein Papier hat, das ihm das "Eigentum" für diese Quadratmeter gewährt, egal, was er eigentlich damit machen will. Die Kadterschmiede, in der man selbst vor nicht allzu langer Zeit gesessen hat, und sich darüber gefreut hat, wie gemütlich es in dem Raum geworden ist, gibt es auch nicht mehr. Von der kunstvollen und phantasiereichen Dekorationen ist nichts mehr zu sehen, nur in einer Ecke liegen zahlreiche winzige bunte Glasscherben. Was das wohl mal war? Vielleicht eine Lichterkette. Der Tresen ist weg, dort liegt nur noch Gerümpel, ein umgeworfener Kühlschrank. Wer hier gewütet hat, hatte sichtlich Spaß daran, nichts so stehen zu lassen, wie es war. Die Wut wächst mit jedem Schritt, mit jeder Ecke, in der sich eine neue Zerstörungsorgie zeigt. Die Tischtennisplatte? Kaputt, was sonst. Irgendwie kann man das nur damit kompensieren, dass man sich bildreich ausmalt, was man gerne mit den Leuten machen würde, die das getan haben.
Am Montag drauf, am 12. Mai, hätte man Gelegenheit dazu gehabt. Morgens um halb sieben, als zum "Frühschicht-Verhindern-Frühstück" vor der R94 eingeladen worden war, allerdings noch nicht. Da waren einige Dutzend UnterstützerInnen da, aber weder Handwerker noch Polizei. Aber noch stehen einige der verwüsteten Wohnungen offen, ist die Kadterschmiede - oder was von ihr übrig ist - zugänglich. Und deshalb hat der Bautrupp angekündigt, am Montag wiederzukommen. Doch nichts zu sehen. Nur Kaffee und Brötchen. Vielleicht... ja, vielleicht...
Aber die Hoffnung ist nicht von langer Dauer. Vor elf kreisen Hubschrauber über dem Kiez, stehen 30 Polizeiwagen in der Nähe bereit - das sind 300 PolizistInnen. Das SEK ist auch wieder da - weil angeblich Wohnungen wiederbesetzt seien, was aber nicht stimmt. Das Spiel geht von Neuem los. Rein, Türen auf, Polizei ins Haus und auf den Hof, Bauarbeiter rein. Es wird wieder abtransportiert und zerstört. Ein Bauarbeiter haut jemandem eine Leiter auf den Kopf, der Polizist daneben sagt nur: "Ich hab jetzt nichts gesehen."
Und dann lässt Suitbert Beulker den Wachschutz auffahren und in der Hofeinfahrt einziehen. 24 Stunden am Tag wird jetzt kontrolliert. Aber darum geht es schon lange nicht mehr. Es geht um Schikane. Ums Terrorisieren. Weil er´s darf. Und weil er´s kann. Und die Politik? Die geht auf Tauchstation. Die PDS lässt sich zwar ihre Geschäftsstelle um die Ecke "besetzen", aber ansonsten will die Partei, die in Berlin immerhin mit der SPD zusammen an der Regierung ist, davon lieber nichts wissen. Und der Baustadtrat des Bezirks erklärt der ?Berliner Zeitung?, dass man den BewohnerInnen die Alternativobjekte kistenweise angeboten hätte, aber die einfach nirgendwo anrufen würden. Selbst schuld seien sie, diktiert der Mann in den Block der JournalistInnen. Aber erklären, woher die Leute 400.000 Euro nehmen sollen, um ein Haus zu kaufen, das sagt er leider auch nicht. Aber es fragt ihn auch niemand ? und das ist vermutlich das größere Problem. Es will niemand wissen. Genauso will niemand wissen, warum es eigentlich sein kann, dass das Eigentümer-Recht am Zerstören über dem Recht steht, wohnen zu dürfen. Und niemand will wissen, warum die Polizei bei Straftaten eines Eigentümers und seiner Schergen zuschaut. Und niemand will wissen, dass es um mehr geht, als dass ein paar Leute in einem Haus wohnen bleiben wollen, das ihnen gefällt. Und weil niemand all das wissen will, werden die Sicherheits-Heinis am Eingang der Rigaer94 wohl noch eine Weile Leute packen, zurückschubsen und nach Namen und Weg fragen. Und die Wut wird sich im Bauch weiter zusammenballen. Und das tut weh.
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(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
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Ergänzungen
stay negative
sein das es wirklich nicht möglich ist diese sequrities
zu entfernen - in einem stadtteil wie friedichshain.
bei der letzten räumung war ich auch nicht, aber bei der
davor, (schade um die steine). wir sind eigentlich das
erste mal aus berlin zurück, und fanden "scheisse" unzwar
auch auf eure zusammenhänge bezogen. warum das so ist, bei
euch, wer will das wissen, die/der da nicht wohnt in berlin,
da helfen auch keine info-fluten auf (I?)-media.
es gibt städte da nennt mensch das neandertaler-krieg. ob
das stimmt?
jaaaaaa...
schreibt das was ihr erlebt und schreibt es so wie ihr es erlebt und es seht.
befreit euch, von den normen und seien sie auch "linksradikal" oder sonst was,
raus aus dem sumpf ran die menschen, mit gefuehlen auch wenn sie, szenemaessig eher als"uncool" oder "hippiekram" gelten,
das ist nicht was zaehlt,
gar nichts zaehlt,
aber wenn jemanden etwas weh tut, tut wut gut,
und wut und trauer, da koennen wir uns sicher sein wird besser verstanden, als die idee, anderen leuten weisheiten aufzudraengen, die leider unter denen die , allen ernstes vorhaben die ungerechtigkeiten dieser welt zu beenden, sehr populär ist.
dein leben ist politik, deine weisheit loswerden wollen nicht mehr als ein hobby.
politik muss kaempfen heissen, rumsabbeln(so wie ich gerade)
hoechstens ein nebenaspekt.
holt euch (zurück) was sie euch stehlen.
und die besserwisserei, behalte sie für dich, da ist sie am besten aufgehoben.
Was ist bloss aus Berlin geworden ???
Wenn ihr diese Räumung jetzt so ruhig hinnimmt wird die näXte Räumung sofort folgen usw. !!
Mensch Berliner zeigt mal dasss es euch noch gibt !!!
Die Mainzer habt ihr auch nicht so einfach hergegeben !!
schöner bericht,
ich fühle mich ähnlich.
die wissen doch nicht was sie tun, je härter die werden, desto mehr hassen wir sie. und dann knallts wieder. aber sie wollen es ja nicht anders.
dear indymedia
es geht längst nicht mehr nur um das haus (gleichwohl es richtich wichtich ist, dass die leute endlich wieder ungestört ins haus können, und zwar ALLE leute, die da rein wollen!). es geht auch um die vertreibung von "abweichenden" lebenskonzepten aus der schönen neuen stadt, es geht darum, dass die häuser denen gehören müssen, die drin wohnen, es geht auch um die berliner linie und darum, dass bullenhubschrauber nerven und so weiter. die wut wächst
GEGEN... !!!
FÜR... !!!
HER DAMIT!!
(nach belieben ausfüllen)
solidarität mit der rigaer und allen bedrohten projekten
ps. an die schreiberin: danke für deinen artikel!
wir kommen!
hamburger schule!
BERLIN MUSS WIE HAMBURG WERDEN!!!!
rigaer in die mittelspalte!
lasst uns was anzetteln!
solidarisiert euch alle!
ACT UP NOW !!!
bin...
@ mods
Zum Thema Securitys vor dem Haus
Und noch was für Undine:
Versuch doch einfach weniger mit Beleidigungen zu arbeiten, dann lassen die Mods das auch eher stehen. In deinen Kreisen mag das mit den Beschimpfungen normaler Umgang zu sein, auf Indy stresst sowas aber.
Zitat aus dem Postingformular: "Darum erwarten wir, dass Kommentar-SchreiberInnen grundsätzlich solidarisch auf andere Meinungen reagieren. Wir behalten uns vor, diffamierende Aburteilungen und Beschimpfungen zu löschen."
heult doch ....!
Wenn ihr politisch was erreichen wollt, dann sagt doch mal was? Doch bitte nicht einfach nur den Erhalt der Rigare94??? Die könnt ihr jetzt dicht machen - besetzt neu - wenn ihr es wollt. Mietet woanders wenn ihr lieber eure Ruhe wollt!
Gute Nacht Deutschland!
Es funktioniert und wir sind raus...
Aber nicht alles ist Scheiße, es gibt ein Paar, die mal ein Straßenfest organisieren o.ä. Nur politischer wird es dadurch auch nicht.
Stay Cool
2. zu brutale polizei
3. 3. halbzeit der staatl. repressionen
4. scharfschützen auf den dächern
5. hubschraubereinsatz nonstop
6. viele, gut ausgestattete prügel-zivis
und und und...
aber die linke soll mal wieder an allem schuld sein.
neuerdings sind die soli-partys wohl auch noch schuld!?
macht die augen auf und sucht die schuld nicht immer bei euch selbst, denn das wollen die da oben doch nur von uns.
das ist erziehung wie sie im buche steht!
berlin. gute debatte
Von: aap 14.05.2003 17:41
eine interessante diskussion unter verschiedenen gruppen (fels, alb, kp, fau und bgaa) zum zustand der berliner szene habe ich heute in der neuen jungle world gefunden...
hier:
URL:
sehr schöner artikel
auch bei den leuten, mit denen ich rumhänge, gibt es leider zu viele, denen saufen wichtiger ist, als mal den arsch hoch zu kriegen und was zu tun, bzw. das maul aufzureißen, aber "wir erreichen ja doch nichts...!"
das ist die resignation, die uns zerstört, weil wir zu ruhig sind, weil wir nichts mehr unternehmen...
man kann gegen berufsschläger nich mit latsch-demos gewinnen, man kann polizei nicht mit sprechchören vertreiben, manchmal versteht "der feind" nur eine sprache und diese zu sprechen ist nicht schön, aber mitunter nötig....
Keine selbststellerscheisse abziehen
ergänzung
zensur mal wieder
gute story
ich kann den ganzen konflikt nicht mehr verstehn.
beulker und besetzer wollen die wirklich was erreichen ?
leiden tut die ganze rigaer str. unter den beiden parteien und keiner interessiert sich dafür.
wieviele leute die dort wohnen haben wirklich keine chance eine andere bleibe zu finden ?
die sollen gerne bleiben können, aber von den berufsbesetzern, berufslinken, berufsjugendlichen habe ich die schnautze genauso voll wie von diesem üblen spekulanten.
eine frage zum schluß, die wiederholte schwere beschädigung meines kfzs hat euch das in eurem protest geholfen ?
oder seid ihr nur grawaltbereite hooligans die man auch in jedem fußballstadion antrifft ?
gute nacht marie
Kritik
besonders die grasse rücksichtlosigkeit gegenüber den "normalos" wird schwächt eure position und läßt leute wie beulker auf dauer gewinnen.
denkt nach !!!!!!!
viele von euch nennen leute wie mich einen spießer.
1. was ist damit bewiesen ?
2. lebt ihr großartig anders ?
als anwohner kann ich nur sagen, daß die andauernden saufgelage und das zumüllen der bürgersteige nichts mit linken strukturen und schon gar nichts mit alternativen wohnideen zu tun hat.
der eindruck drängt sich auf, daß hier auf kosten der allgemeinheit ein schönes geruhsames leben geführt werden soll.
dagen bin ich, nicht gegen leute die wirklich unverschuldet not leiden und nicht für skrupelose grundstückspekulanten, denn auch ich will hier nett und bezahlbar wohnen, friedrichshain gehört mir genauso wie euch.
basta !!!!!1111
was auch weh tut
2."In der dunklen Hofeinfahrt zur Rigaer94 stehen drei kräftige Männer, zwei davon ziemlich kurzhaarig."
wüsste nicht, was die haarlänge der securityleute zur sache täte. wären dem autor/der autorin rastabezopfte schläger genehmer?
was auch weh tut
kritik is oke, aber so ne floskel is doch ein bissl wenig, oder ?
@stefan
beulker und besetzer wollen die wirklich was erreichen ?"
na klar. und zwar jeder was anderes.
"leiden tut die ganze rigaer str. unter den beiden parteien und keiner interessiert sich dafür."
mensch kinder, jetzt hört doch mal auf, euch zu streiten, ich hör meinen fernseher ja nicht mehr vor lauter lalülala, und es ist auch schon nach 10 uhr. ist es das, was du mit "leiden" meinst?
"wieviele leute die dort wohnen haben wirklich keine chance eine andere bleibe zu finden ?"
genau! berlin hat schliesslich mehr brücken als venedig.
"eine frage zum schluß, die wiederholte schwere beschädigung meines kfzs hat euch das in eurem protest geholfen ?"
mein kfz wurde im samariterkiez auch schon das eine oder andere mal mutwillig beschädigt, da ich aber in keinem der fälle dabei war, halte ich mich mit solchen schuldzuweisungen bedeckt. wenn das bei dir anders war frage ich mich, warum du dir die leute, die dein kfz beschädigt haben, nicht gegriffen hast.
"oder seid ihr nur grawaltbereite hooligans die man auch in jedem fußballstadion antrifft ?"
aber nein, "die" sind doch schon berufsbesetzer, berufslinke und berufsjugendliche, wann sollen die denn noch ins stadion gehen?
gute nacht, stefan.