AK KRAAK ON TOUR II

akkraakin 12.05.2003 19:31 Themen: Weltweit
Dies ist der zweite Teil eines längeren berichtes über die Situation in den Favelas (Armenbezirken) im brasilianischen Rio de Janeiro. Der erste Teil kann hier nachgelesen werden. Teil drei folgt später.
Ein Tag in Tancredo Neves

Die oekonomischen Probleme in den Favelas sind gross. Aber auch innerhalb der Misere existieren viele Abstufungen. In Quitos Favela ist die Situation besonders schlecht. Quito arbeitet mit Marco bei aTraVer. Er ist ausserdem Praesident von ca. 6000 Einwohnern in Tancredo Neves, einem Wohnkomplex, der zur Favela Jacarezinho gehoert. Diese Favela erhaelt keine staatliche Unterstuetzung. Viele Leute hungern. Den ganzen Tag laufen wir durch “Kitos Favela”. Wir besuchen ein grosses, lehrstehendes Fabrikgebaude, das von ca. dreissig Familien besetzt wurde. Jede Familie lebt fuer sich, nebeneinander her. Im oberen Stockwerk bereitet eine alte Frau gerade Fisch zu, den sie aus dem Muell vom Markt gezogen hat. Etwas weiter wohnt eine unterernaehrte, junge Frau mit ihrem Kind. Ihr Zimmer ist etwas groesser als ihr Bett.
Wir gehen weiter zu einem anderen besetzten Fabrikkomplex. Dort wohnen, zum Teil schon seit 6 Jahren, etwa 300 Erwachsene mit ihren Kindern. Als wir ankommen enzuendet sich eine erregte Diskussion zwischen Kito und den Bewohnern. Die Regierung will den Komplex raeumen, um dort Hauser mit Wohnungen zu bauen. Die derzeitigen Bewohner sollen eine Abfindung von 1500 Real bekommen, ungefaehr 420 Euro. Waehrend Kito sich in der Diskussion verfaengt, gehen Marco und ich ein paar Meter weiter, zu einer kleinen Bar mit vorgezimmerter Terasse, Bier trinken.
Kinder spielen mit Murmeln, Leute kommen mit Handkarren vorbei und verkaufen billige Kleidung, Jungs reiten auf duennen Pferden und ohne Sattel die Strasse rauf und runter. Eine Frau erzaehlt mir, dass sie neun Schwangerschaften hatte und vier Kinder davon ueberlebt haben. Auch sie wohnt im raeumungsbedrohten Wohnkomplex. Sie weiss, wie die meisten anderen nicht, wo sie danach weiterleben wird. Sie zuckt resigniert die Schultern.
Die Leute hier sind offen und freundlich. Die Erlaubnis zu filmen musste Kito allerdings, wie das in den Favelas immer der Fall ist, bei den einheimischen Narcotraficantes, den Drogenverkaeufern, einholen. Er stellt mich zwei jungen Maennern von Anfang 20 vor und erklaert ihnen, was ich mache. Die Verkaufstelle in dieser Favela ist nicht besonders gross. Im Gegensatz zu vielen anderen tragen die Traficantes hier keine Waffen.

Gewalt und Angst in Favelas

Quito geht mit mir durch die Hauptstrasse, die durch seine Favela fuehrt und erklaert mir, wie und wo die Polizei einige Wochen zuvor zwei Maedchen angeschossen und einen drei jaehrigen Jungen getoetet hat.
Wir besuchen die Mutter des Jungen, die mit ihren vier Kindern in einem kleinem Raum lebt. Sie erzaehlt mir, wie aus einem Polizeiauto am hellichten Tag in der belebten Strasse ploetzlich geschossen wurde. Scheinbar wollten die Polizisten ein anderes Auto anhalten. Da der Fahrer nicht stoppte, eroeffneten sie das Feuer. Viele Kinder spielten zu der Zeit auf der Strasse. Alle versuchten sofort in die Seitengassen zu fliehen. Ihr kleiner Sohn kam bis an die Ecke der Gasse, wo sein Haus war, bevor er tot zusammenbrach. Ein Maedchen von 11 Jahren zeigt mir ihren vernarbten Arm. Auch sie wurde von den Kugeln getroffen. Kollateralschaeden dieser Art gehoeren zum Alltag in den Favelas und werden fast nie geahndet. Die Bewohner trauen sich meistens nicht, die Vorfaelle zur Anzeige zu bringen. Mir wird von einer Frau erzaehlt, die einen Polizisten angezeigt hat und daraufhin fliehen musste, weil ihr offen mit Mord gedroht wurde. Normalerweise bilden sich nach den polizeilichen Ueberfaellen mit Todesfolge kleine Spontandemonstrationen, bei denen Linienbusse und Autos angezuendet werden. In den Medien werden dann die Braende gezeigt, aber die Ursache nicht erklaert.
Die Reaktion nach den Ereignissen in Tancredo Neves war anders und bildet eine Ausnahme. Etwa 60 Bewohner gingen zusammen zur Polizeistation und belegten mit ihren Zeugenaussagen, dass sie den Moerder kennen. Die Mutter des verwundeten Maedchens schaetzt den Erfolg dieser Anzeige allerdings gering ein. Sie weint und weiss nicht, ob sie ihre Anzeige aufrecht erhalten soll. Sie hat Angst vor der Polizei, die ihre Macht uneingeschraenkt ausleben kann. Von den Toten in den Favelas nimmt fast niemand Notitz. Medien berichten, wenn ueberhaupt lediglich in kleinen Randnotizen ueber solche Vorfaelle. Sie begleiten die Polizei allerdings mit besonderer Begeisterung vor allem in ihren Reality TV-Sendungen bei ihrer Jagd auf Kriminelle und Drogenverkaeufer. Das Spiel mit der Hysterie gehoert zum Geschaeft.

Um die Bewohner von Manguinhos zu motivieren sich staerker fuer ihre Rechte einzusetzen, organisiert CCAP zusammen mit Kirchenvertretern im Viertel eine Friedenskundgebung. Ich erreiche den Treffpunkt neben dem zentral liegenden Fussballfeld. ATraVer hat bereits die Boxen aufgebaut und Marco spielt lauten Favela-HipHop. Alle glauben, dass nicht viele Leute kommen werden, da die Mobilisierung nicht gut war. Wir verbringen den Tag in der gluehenden Sonne. Der Schweiss laeuft in Stroemen. Jeder versucht ein bischen Schatten abzubekommen. Zu Beginn der Kundgebung uebernimmt Isabell das Mikrophon und fordert die Bewohner auf, sich an der Kundgebung zu beteiligen. Sie spricht ins Leere. Die kleine Gruppe verteilt Flugblaetter, die ueber die Menschenrechte aufklaeren. Leute gehen vorueber, fast niemand bleibt stehen. Ein Redner kritisiert das Missverhaeltnis der oeffentlichen Reaktionen auf Gewalt zwischen der Sued- und der Nordzone. Nebenan auf dem Fussballfeld herscht reger Betrieb. In den Seitenstrassen stehen Grueppchen und zwischendurch kommen vereinzelt junge Leute vorbei, um ein Flugblatt abzuholen. So vergehen Stunden. Am Ende erfahre ich, dass die jungen Leute Trafficantes waren. Von ihnen kam der groesste Zuspruch. Wahrscheinlich haben viele in ihren Haeusern den Reden zugehoert. Aber die Bevoelkerung lebt in Angst. Zerrieben in der Gewaltspirale, die durch kapitalistische Bedingungen, staatliche Ordnungsmacht und Narco Trafficantes produziert wurde. Fast niemand traut sich in der Oeffentlichkeit politisch aufzutreten.

Korruption staatlicher Ordnungsmaechte

So lange keine Polizei auftaucht, geht in den Favelas meistens alles relativ ruhig seinen Gang. Gefaehrliche Situationen fuer Unbeteiligte entstehen vor allem, wenn die grossen Spezialeinheiten der Polizei auftauchen. Sie wurden auf Favelakampf spezialisiert und fallen gelegentlich mit Guerillataktik in die Komunen ein. Drogenverkaeufer exekutieren sie gerne aus grosser Naehe, aber haeufig entstehen Feuergefechte. Vor allem seitdem sich die Traficantes vermehrt mit Distanzwaffen verteidigen. In solchen Situationen sterben viele Unbeteiligte durch fehlgeleitete Schuesse.Die Gewaltbeziehungen zwischen Polizei und Narcotraficantes sind verschlungen, korrupt und fuer Aussenstehende kaum zu verstehen. In einigen Favelas befinden sich kleine Polizeiposten. Die ansaessigen Polizisten erhalten taegliche Bestechungsgelder. Grosse Mengen an Geldern fliessen auch in die Wachen der Militaer- und Zivilpolizei. Dort werden sie unter den verschiedenen Abteilungen aufgeteilt.Polizeiliche Erschiessungsaktionen erfolgen meistens aus zwei Gruenden: Entweder die Bezahlung blieb aus oder ein Polizist oder eine Person aus dem oeffentlichen Leben wurde von Traficantes umgebracht.
Letzteres geschah zum Beispiel ein Jahr zuvor. Ein Journalist, der ueber Narcotrafico, den Drogenhandel, berichten wollte und ueber drei Monate in den Favelas recherchierte, wurde von Traficantes ermordet. Der Wirbel in den Medien war gross. Die Repressionen folgte direkt. Die Polizei exekutierte mehrere Traficantes und verhaftete den obersten Anfuehrer des betroffenen Verkaufsdistriktes.
Festnahmen und direkte Exekutionen sind allerdings nicht die einzigen Vergeltungsmittel. Letztes Jahr waren Entfuehrungen beliebt, bei denen Polizisten Traficantes ans gegnerische Kommando verkauften. Die Kommandos bekriegen sich auch untereinander. Solche Aktionen haben unweigerlich den Tod des Traficante zur Folge.

Narcotraficantes

Die Narcotraficantes sind ein faszinierendes, widerspruechliches und erschreckendes Phaenomen. Sie sind fest verankert in den Komunen und verfuegen dort ueber grossen Einfluss. Viele Bewohner sind an dem Geschaeft mit den Drogen beteiligt. Vermeintliche Verraeter, Informanten der Polizei werden brutal verfolgt. An einem Tag, den ich im Zentrum von CCAP verbringe hoere ich vier Schuesse auf der Strasse. Sofort werden die Tueren des Zentrums abgeschlossen. Spaeter erfahre ich, dass die Traficantes eine 20 jaehrige Frau liquidiert, ihren Koerper in Stuecke gehackt und verbrannt haben. Sie stand im Verdacht, der Polizei den entscheidenden Tip zur Verhaftung einiger Leute gegeben zu haben. Am naechsten Tag wurde eine weitere Frau ermordet.
Die Favelas von Rio sind strikt zwischen den Drogenkommandos aufgeteilt. Die beiden Groessten heissen Comando Terceiro (CT) und Comando Vermelho (CV). Tancredo Neves und Manguinhos gehoeren zum Comando Vermelho.
Die einzelnen Gruppen in den verschiedenen Bezirken bestehen im Kern aus den “Soldaten”, den “Verkaeufern” und dem ”Besitzer”. Die “Soldaten” sind zum groessten Teil zwischen 13 und 25 Jahre alt, meistens bewaffnet und sorgen fuer die Sicherheit der Verkaeufer. Auch Jungs im Alter von sieben Jahren halten gelegentlich Wache und geben mit Knallern Zeichen, wenn die Polizei eintrifft. Die “Verkaeufer” unterteilen sich in kleine Gruppen. Sie verkaufen vor allem Marihuana und Kokain. Die Kokainkaeufer kommen zum groessten Teil aus der Mittelschicht, aber auch in den Favelas steigt der Konsum. Ein Verantwortlicher ueberwacht den Ablauf des Verkaufes. Er gehoert zum Kreis der Vertrauenspersonen des “Besitzers” der Drogen. Der “Besitzer” entscheidet ueber Alles und Alle in seinem Bezirk. Vergeltungsaktionen duerfen nicht ohne seine Autorisierung durchgefuehrt werden. Da der “Besitzer” von Manguinhos im Gefaengnis sitzt, regelt er seine Geschaefte ueber Telefon und Vertrauenspersonen ausserhalb.
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Ergänzungen