AK KRAAK ON TOUR I
Erster Teil eines langen Berichtes über die politische und soziale Situation in den Favelas von Rio de Janeiro. Die nächsten Teile folgen in den nächsten Tagen.
Reise in die Favelas von Rio de Janeiro
Am Abend des 24. Maerz 2003 erreicht mein Flugzeug Rio de Jainero. Die 5,8 Millionen Stadt ist ein Lichtermeer und schon im Anflug zeichnen sich dunkel die morros, die zahlreichen Huegel ab. Die morros von Rio sind legendaer, weil die meisten von Favelas besiedelt sind, den Slums von Rio. Laut offizieller Statistiken lebt dort 20 % der Bevoelkerung, ueber 1 Million Einwohner.
Am Flughafen werden Stadtkarten an die Touristen verteilt. Die Karten zeigen das Zentrum und den Sueden der Stadt, die Zona Sud mit dem beruehmtesten Strand Brasiliens, der Copacabana. Der Norden existiert nicht. Dorthin kommt kein Tourist.
Ich fahre nach Vila da Penha. Der kleine Mittelklassestadtteil im Norden wird von Favelas umringt und hat sich gut abgesichert. Jede Strasse hat ihre private Security, jedes Haus eine hohe Mauer, jedes Fenster Gitter aus Eisen. Stadtlaerm, Kriminalitaet und Armut bleiben draussen.
Vom Dach meiner Unterkunft aus kann ich die Berge sehen, die Rio einschliessen und ich weiss, dass im Sueden irgendwo hinter dem Haeusermeer der Ozean beginnt.
Manguinhos
Am naechsten Tag fahre ich nach Manguinhos, einer Favela, die mit dem Bus eine halbe Stunde entfernt liegt. Sie zaehlt 55.000 Einwohner und wurde bereits in den 50er Jahren gegruendet. Manguinhos befindet sich nicht auf einem Huegel, sondern wird ebenerdig lediglich durch zwei verschmutzte, uebelriechende Fluesse und einige grosse Strassen unterteilt. Die Strassen gleichen Rennpisten. Autos bremsen nicht fuer Fussgaenger. Vor allem die besorgte Mittelklasse schaltet Nachts haeufig das Autolicht aus und gibt Gas, wenn sie eine Favela durchkreuzt. Deshalb passieren viele Unfaelle. Jeder hier ueberquert die Strassen mit grosser Vorsicht, manchmal im Dauerlauf.
Favelas sind rassistische Abbilder der sozialen Strukturen Brasiliens. Der Anteil der schwarzen Bevoelkerung ist unverhaeltnismaessig hoch. Auch in Manguinhos sind die meisten Bewohner dunkler Hautfarbe. Ich, blass wie ich bin, steche deutlich heraus und fuehl mich besonders exponiert.
Am Hauptweg reihen sich kleine Laeden, Verkaufsstaende und Bars aneinander. Die Haeuser sind fast alle selbst gebaut und jedes ist anders. Grau, blau, gruen, zum Teil unverputzt, aus roten Bachsteinen gemauert, zwei- oder dreistoeckig und haben eine Dachterasse. Einige sehen unfertig aus, weil aus den Flachdaechern die Sauelen und Eisen fuer die naechste Etage herausragen. Aber das gehoert zum ueblichen Bauverfahren. Die oberen Stockwerke entstehen nach und nach, mit zunehmenden Familienzuwachs und weil kein Platz ist, um in die Breite zu wachsen. So leben mittlerweile meistens verschiedenen Generationen und Familien unter einem Dach. Manchmal wird die Dachterasse auch an anderen Familien verkauft, die sich ihre Wohnung drauf bauen. Die Wohnverhaeltnisse sind beengt und Einzelzimmer ungeheuer luxerioes. In extremen Situationen leben sechs Leute in einem Zimmer. Ein Drittel der Einwohner von Manguinhos wohnt in risikoreichen Situationen. Einige haben sich Bretterbuden, aus gefundenem Material gezimmert. Die Daecher sind oft nicht regendicht und die Sonne verwandelt die Haeuser in Backoefen. Die Temperaturen steigen in Rio im Sommer haeufig auf ueber 40 C. In solch bruetender Hitze wird jede Bewegung zum Kraftakt. Wer ein bischen Geld hat, kauft sich deshalb als erstes einen Ventilator. Aber viele Leute haben noch nicht mal genuegend Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen. Krankheiten verbreiten sich schnell. Im Jahr zuvor grasierte zum Beispiel das Denguefieber: Eine Infektion, die sich ueber Mueckenstiche uebertraegt und oft toedlich verlauft. In solchen Gegenden wurden die meisten Toten verzeichnet. Manguinhos gehoert zu den aermsten Bezirken der Stadt. Von 161 Stadteilen hat diese Favela Platz 155 bezueglich des Indikators humaner Entwicklung erreicht.
Favelas
Die erste Favela in Rio entstand Ende des 19. Jahrhunderts auf einem morro. Aber die groessten Wanderungsbewegungen erstreckten sich ueber zwei Zeitraeume. In den 40/50ern kamen im Zuge der Industrialisierung vor allem Schwarze auf der Suche nach Arbeit in die Grossstaedte. Ende der 60er bis in die 70er Jahre hinein veranlassten die Metropolisierungsprogramme der Diktatur, die vor allem durch Kredite der Weltbank finanziert wurden, viele Arbeitsuchende in die grossen Staedte ueberzusiedeln. In diesen Zeitraeumen wurden viele Favelas entweder neu gegruendet oder expandierten stark: nicht geplant, verwinkelt, dichtgedraengt und mit engen Gassen, den Moeglichkeiten der Bewohner entsprechend. Die Stromleitungen erscheinen wirr und abenteuerlich. Jedem deutschen Elektriker staenden bei ihrem Anblick die Haare zu Berge. Die Kanalisationen wurden mittels finanzieller Unterstuetzung des Staates erst spaeter gebaut. Meistens sind sie unzureichend, weil zu kleine Abflussrohre eingebaut wurden. Dank der weitverbreiteten Korruption sind grosse Teile der Unterstuetzungsgelder in private Taschen geflossen.
Diesmal kann ich mich hier wesentlich entspannter bewegen. Im Jahr zuvor musste ich erst lernen, was ich zu beachten habe, denn die Favelas gelten als gefaehrliche Zonen.: Zielstrebig gehen; keine Unsicherheit zeigen; an Leuten mit Waffen vorbeischauen; wissen, wo die Traficantes, die einheimischen Drogenverkaeufer sind, um normal vorbei zugehen; aufpassen, wenn sich ein Polizeiauto zeigt; immer in Sichtweite der Begleitung bleiben, wenn es notwendig ist.
CCAP
Marco und ich erreichen CCAP, das Zentrum fuer populaere Kooperation und Aktivitaeten. Ueber ein Aussentreppe gehen wir in den zweiten Stock eines kleinen, weissen Hauses. Hier befinden sich Bueros, ein Klassenzimmer und ein Schnittraum. Marco hat dort “aTraVer”, gegruendet, was soviel heisst, wie “sich trauen”. Das TV steht fuer television comunitario. ATraVer hat vier Mitarbeiter, einen S-VHS Schnittplatz, eine S-VHS Kamera und einen Videobeamer. Die Gruppe dokumentiert die Lebenssituation in den Favelas: Akteure und Protagonisten reden und refelektieren ueber ihre eigenen Probleme. Die Filme werden regelmaessig auf oeffentlichen Plaetzen in der Komune gezeigt und gleichzeitig im lokalen Piratenfernsehen uebertragen. Die Gruppe will die Bewohner dazu motivieren, ein kritisches Denken zu entwickeln und aktiv zu werden. Ausserdem soll die Gesellschaft ausserhalb der Favelas fuer die Probleme sensibilisiert werden. Deshalb will sich aTraVer zukuenftig mit anderen Videogruppen aus Favelas vernetzen, um im lokalen Fernsehen ein eigenes Sendeformat zu entwickeln. So sollen spezielle Schwerpunktthemen, wie zum Beispiel Gesundheit, Bildung und Gewalt durch eigene Filme dargestellt und in einer anschliessenden Debatte zur Diskussion gestellt werden. Dieses Projekt grenzt sich stark vom Sensationalismus des offiziellen Fernsehen ab, das die Realitaet der Bewohner der Favelas weitestgehend marginalisiert. Zukuenftig wollen sich die Vídeo-Gruppen mit Kursen und Ausruestung gegenseitig unterstuetzen.
Die Grundsaetze von aTraVer stehen programmatisch fuer die Arbeit CCAPs. Die Organisation gruendete sich 1986 mit dem Ziel, die Lebenssituation in Favelas durch emanzipatives und kritisches Handeln zu veraendern. Mittlerweile arbeiten ca. 50 Leute, davon 60% Frauen, in drei Favelas und einem Stadtteil. Fast alle Mitglieder der Organisation leben selber in Favelas und wissen ueber die Notwendigkeiten und Probleme bestens Bescheid.
In Manguinhos bietet CCAP Kurse zur Erwachsenenbildung fuer ein geringes Entgeld an, so dass die Bewohner ihr Examen nachholen koennen. Der Analphabetismus ist hoch und die Schulausbildung der Mehrheit liegt bei hoechstens 5 Jahren.
CCAP besitzt ein Archiv, in dem Statistiken gesammelt und eigene Forschungen ueber die Gewalt in den Favelas angelegt werden. Offizielle Zahlen existieren kaum. Wenn doch, sind sie kritisch zu hinterfragen. Mit Zahlen wird Politik gemacht und die Regierung hat wenig Interesse sich nach aussen negativ zu praesentieren. Auch deshalb ist CCAP Teil der Menschenrechtsbewegung in Rio.
Da die wenigsten Favelabewohner weder ihre Rechte kennen, noch ueber Geld fuer einen Anwalt verfuegen, wurde vor drei Jahren innerhalb von CCAP “Najul”, Nucleo de Apoio Juridico as comunidades, eine kostenfreie Rechtshilfe ins Leben gerufen. Sie wird zum groessten Teil von Frauen genutzt, die Unterhalt fuer ihre Kinder von den Vaetern einklagen. Sexuelle Beziehungen beginnen frueh, oft schon mit 10, 11 Jahren. Das Wissen ueber den eigenen Koerper fehlt weitgehend. Abtreibungen sind verboten. In Folge dessen, werden viele Frauen frueh und haeufig schwanger, sind kinderreich, alleinstehend und muessen zusaetzlich zur Hausarbeit Geld verdienen. Eine Menge Kinder sind dadurch auf sich allein gestellt. Sie verbringen den Tag auf der Strasse und muessen weitgehend fuer sich selber sorgen.
CCAP will intervenieren und Frauen dazu ermuntern, sich mit Maennern zu konfrontieren. Die permanente Diskussion ueber das Geschlechterverhaeltnis gehoert zur grundlegenden Strategie.
Die Arbeit der Organisation konzentriert sich vorrangig auf diejenigen, die den extremsten Abhaengigkeitsverhaeltnissen unterworfen sind: Schwarze, Frauen und Kinder.
An einem der folgenden Tage besuchen Marco und ich Lagartixa. In dieser Favela will ich andere Projekte von CCAP filmen. Als erstes besuchen wir Tia Zilda, eine Mischung aus Schule und Kindergarten. Seit ca. 10 Jahren werden dort etwa 100 Kinder im Alter von 3-6 Jahren betreut. Tia Zilda befindet sich in einem hellem Haus mit vier grossen Raeumen, davor ein grosser Innenhof mit Obstbaeumen, umgeben von einer hohen, bunt bemalten Mauer. Wir kommen gerade zur Mittagszeit und in zwei Zimmern sitzen je ca. 20 Kinder im Kreis auf dem Boden und schauen ihren Lehrerinnen dabei zu, wie sie Fruchtsalat zubereiten. Die Atmosphaere ist entspannt. Die Kinder der ersten Gruppe sind erst 3 bis 4 Jahre alt. Die Direktorin erklaert die Leitmotive von Tia Zilda: Eigenstaendiges, kritisches Denken, Gewaltfreiheit und Respekt. Wenn die Kinder mit 6 Jahren Tia Zilda verlassen, koennen sie bereits lesen. Die meisten Kinder erhalten hier eine sehr viel bessere Ausbildung, als in staatlichen Schulen oder Kindergaerten. Normalerweise sind die Klassen ueberfuellt und die Motivation von Lehrern und Schuelern gering. Aber gleichfalls haben viele Kinder, die Tia Zilda besucht haben, Probleme, wenn sie in staatlichen Schulen ihre Ausbildung fortsetzen. Sie hinterfragen zu viel. Das stoert den gewohnten Unterrichtsverlauf.
Da Tia Zildas bezueglich der Gewaltreduzierung sehr erfolgreich arbeitet, unterrichten sie weitere 100 Kinder im Austausch mit anderen Schule. Dort vor allem so genannte Schwererziehbare
Ausserdem geben die Lehrer an zwei staatlichen Schulen anderer Favelas in einem Sonderprojekt zusaetzlich 100 Schueler und Schuelerinnen zwischen 7 und 14 Jahren Unterricht. Kinder, die sich nicht in den regulaeren Unterricht eingliedern und meistens kaum lesen und schreiben koennen.
Eine Strassenecke von Tia Zilda entfernt befindet sich die Kooperative Asbem Distribuidora: eine Baeckerei und ein Supermarkt. Dort arbeiten ca. 10 Leute im Kollektiv. In der Gruendungszeit von CCAP begann die Kooperative damit an mit einem LKW Grosseinkaeufe zu organisieren. Sie verfolgten die Idee mit kleinen Produzenten zusammenzuarbeiten und die Waren billiger als im regulaeren Markt weiter verkaufen zu koennen. In dieser Zeit wurden viele Kontakte aufgebaut und Erfahrungen gesammelt, aber diese Arbeit musste aufgrund einiger Schwierigkeiten eingestellt werden. Allerdings will CCAP die Idee wieder aufgreifen und fortsetzen.
Ueber dem Supermarkt besuchen wir Isabell. Sie leitet gerade eine Gruppe des FMA an, dem Fundo Mutua Ajuda. Kleine Gruppen von 4 – 5 Leuten bilden eine Zelle und legen einen gemeinsamen Geldfond fuer Mikrokredite an. Die einzelnen Gruppenmitglieder muessen die Kredite mit sehr geringen Zinsen zurueckzahlen. Alle fuehlen sich verantwortlich und am Ende des Jahres wird das Geld untereinander gleichmassig aufgeteilt. Die Gruppen bestehen vor allem aus Frauen. Sie diskutieren, wie Oekonomie geplant werden kann, wie Frauen arbeiten, aber sich gleichzeitig emanzipieren koennen, aber auch wie Oekonomie im Grossen funktioniert, was Geld ist und warum Armut existiert. In Lagartixa experimentieren und expandieren die Gruppen. Sie alle haben ein Ziel: die lokale Oekonomie zu staerken.
Alle Projekte CCAPs sollen sich finanziell selber tragen, um dauerhafte, autonome Strukturen zu garantieren. Die Organisation erhaelt fast kein Geld von ausserhalb. Arbeiten werden meist ehrenamtlich, unentgeldlich und im solidarischen Austausch geleistet. Damit stosst die Organisation allerdings auch haeufig an die Grenzen seiner Kapazitaet.
Deshalb suchen sie finanzielle Unterstuetzung ausserhalb der Favelas, die nicht an Einschraenkungen ihrer Autonomie gekoppelt ist.
Teil II kommt gleich:)
Am Abend des 24. Maerz 2003 erreicht mein Flugzeug Rio de Jainero. Die 5,8 Millionen Stadt ist ein Lichtermeer und schon im Anflug zeichnen sich dunkel die morros, die zahlreichen Huegel ab. Die morros von Rio sind legendaer, weil die meisten von Favelas besiedelt sind, den Slums von Rio. Laut offizieller Statistiken lebt dort 20 % der Bevoelkerung, ueber 1 Million Einwohner.
Am Flughafen werden Stadtkarten an die Touristen verteilt. Die Karten zeigen das Zentrum und den Sueden der Stadt, die Zona Sud mit dem beruehmtesten Strand Brasiliens, der Copacabana. Der Norden existiert nicht. Dorthin kommt kein Tourist.
Ich fahre nach Vila da Penha. Der kleine Mittelklassestadtteil im Norden wird von Favelas umringt und hat sich gut abgesichert. Jede Strasse hat ihre private Security, jedes Haus eine hohe Mauer, jedes Fenster Gitter aus Eisen. Stadtlaerm, Kriminalitaet und Armut bleiben draussen.
Vom Dach meiner Unterkunft aus kann ich die Berge sehen, die Rio einschliessen und ich weiss, dass im Sueden irgendwo hinter dem Haeusermeer der Ozean beginnt.
Manguinhos
Am naechsten Tag fahre ich nach Manguinhos, einer Favela, die mit dem Bus eine halbe Stunde entfernt liegt. Sie zaehlt 55.000 Einwohner und wurde bereits in den 50er Jahren gegruendet. Manguinhos befindet sich nicht auf einem Huegel, sondern wird ebenerdig lediglich durch zwei verschmutzte, uebelriechende Fluesse und einige grosse Strassen unterteilt. Die Strassen gleichen Rennpisten. Autos bremsen nicht fuer Fussgaenger. Vor allem die besorgte Mittelklasse schaltet Nachts haeufig das Autolicht aus und gibt Gas, wenn sie eine Favela durchkreuzt. Deshalb passieren viele Unfaelle. Jeder hier ueberquert die Strassen mit grosser Vorsicht, manchmal im Dauerlauf.
Favelas sind rassistische Abbilder der sozialen Strukturen Brasiliens. Der Anteil der schwarzen Bevoelkerung ist unverhaeltnismaessig hoch. Auch in Manguinhos sind die meisten Bewohner dunkler Hautfarbe. Ich, blass wie ich bin, steche deutlich heraus und fuehl mich besonders exponiert.
Am Hauptweg reihen sich kleine Laeden, Verkaufsstaende und Bars aneinander. Die Haeuser sind fast alle selbst gebaut und jedes ist anders. Grau, blau, gruen, zum Teil unverputzt, aus roten Bachsteinen gemauert, zwei- oder dreistoeckig und haben eine Dachterasse. Einige sehen unfertig aus, weil aus den Flachdaechern die Sauelen und Eisen fuer die naechste Etage herausragen. Aber das gehoert zum ueblichen Bauverfahren. Die oberen Stockwerke entstehen nach und nach, mit zunehmenden Familienzuwachs und weil kein Platz ist, um in die Breite zu wachsen. So leben mittlerweile meistens verschiedenen Generationen und Familien unter einem Dach. Manchmal wird die Dachterasse auch an anderen Familien verkauft, die sich ihre Wohnung drauf bauen. Die Wohnverhaeltnisse sind beengt und Einzelzimmer ungeheuer luxerioes. In extremen Situationen leben sechs Leute in einem Zimmer. Ein Drittel der Einwohner von Manguinhos wohnt in risikoreichen Situationen. Einige haben sich Bretterbuden, aus gefundenem Material gezimmert. Die Daecher sind oft nicht regendicht und die Sonne verwandelt die Haeuser in Backoefen. Die Temperaturen steigen in Rio im Sommer haeufig auf ueber 40 C. In solch bruetender Hitze wird jede Bewegung zum Kraftakt. Wer ein bischen Geld hat, kauft sich deshalb als erstes einen Ventilator. Aber viele Leute haben noch nicht mal genuegend Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen. Krankheiten verbreiten sich schnell. Im Jahr zuvor grasierte zum Beispiel das Denguefieber: Eine Infektion, die sich ueber Mueckenstiche uebertraegt und oft toedlich verlauft. In solchen Gegenden wurden die meisten Toten verzeichnet. Manguinhos gehoert zu den aermsten Bezirken der Stadt. Von 161 Stadteilen hat diese Favela Platz 155 bezueglich des Indikators humaner Entwicklung erreicht.
Favelas
Die erste Favela in Rio entstand Ende des 19. Jahrhunderts auf einem morro. Aber die groessten Wanderungsbewegungen erstreckten sich ueber zwei Zeitraeume. In den 40/50ern kamen im Zuge der Industrialisierung vor allem Schwarze auf der Suche nach Arbeit in die Grossstaedte. Ende der 60er bis in die 70er Jahre hinein veranlassten die Metropolisierungsprogramme der Diktatur, die vor allem durch Kredite der Weltbank finanziert wurden, viele Arbeitsuchende in die grossen Staedte ueberzusiedeln. In diesen Zeitraeumen wurden viele Favelas entweder neu gegruendet oder expandierten stark: nicht geplant, verwinkelt, dichtgedraengt und mit engen Gassen, den Moeglichkeiten der Bewohner entsprechend. Die Stromleitungen erscheinen wirr und abenteuerlich. Jedem deutschen Elektriker staenden bei ihrem Anblick die Haare zu Berge. Die Kanalisationen wurden mittels finanzieller Unterstuetzung des Staates erst spaeter gebaut. Meistens sind sie unzureichend, weil zu kleine Abflussrohre eingebaut wurden. Dank der weitverbreiteten Korruption sind grosse Teile der Unterstuetzungsgelder in private Taschen geflossen.
Diesmal kann ich mich hier wesentlich entspannter bewegen. Im Jahr zuvor musste ich erst lernen, was ich zu beachten habe, denn die Favelas gelten als gefaehrliche Zonen.: Zielstrebig gehen; keine Unsicherheit zeigen; an Leuten mit Waffen vorbeischauen; wissen, wo die Traficantes, die einheimischen Drogenverkaeufer sind, um normal vorbei zugehen; aufpassen, wenn sich ein Polizeiauto zeigt; immer in Sichtweite der Begleitung bleiben, wenn es notwendig ist.
CCAP
Marco und ich erreichen CCAP, das Zentrum fuer populaere Kooperation und Aktivitaeten. Ueber ein Aussentreppe gehen wir in den zweiten Stock eines kleinen, weissen Hauses. Hier befinden sich Bueros, ein Klassenzimmer und ein Schnittraum. Marco hat dort “aTraVer”, gegruendet, was soviel heisst, wie “sich trauen”. Das TV steht fuer television comunitario. ATraVer hat vier Mitarbeiter, einen S-VHS Schnittplatz, eine S-VHS Kamera und einen Videobeamer. Die Gruppe dokumentiert die Lebenssituation in den Favelas: Akteure und Protagonisten reden und refelektieren ueber ihre eigenen Probleme. Die Filme werden regelmaessig auf oeffentlichen Plaetzen in der Komune gezeigt und gleichzeitig im lokalen Piratenfernsehen uebertragen. Die Gruppe will die Bewohner dazu motivieren, ein kritisches Denken zu entwickeln und aktiv zu werden. Ausserdem soll die Gesellschaft ausserhalb der Favelas fuer die Probleme sensibilisiert werden. Deshalb will sich aTraVer zukuenftig mit anderen Videogruppen aus Favelas vernetzen, um im lokalen Fernsehen ein eigenes Sendeformat zu entwickeln. So sollen spezielle Schwerpunktthemen, wie zum Beispiel Gesundheit, Bildung und Gewalt durch eigene Filme dargestellt und in einer anschliessenden Debatte zur Diskussion gestellt werden. Dieses Projekt grenzt sich stark vom Sensationalismus des offiziellen Fernsehen ab, das die Realitaet der Bewohner der Favelas weitestgehend marginalisiert. Zukuenftig wollen sich die Vídeo-Gruppen mit Kursen und Ausruestung gegenseitig unterstuetzen.
Die Grundsaetze von aTraVer stehen programmatisch fuer die Arbeit CCAPs. Die Organisation gruendete sich 1986 mit dem Ziel, die Lebenssituation in Favelas durch emanzipatives und kritisches Handeln zu veraendern. Mittlerweile arbeiten ca. 50 Leute, davon 60% Frauen, in drei Favelas und einem Stadtteil. Fast alle Mitglieder der Organisation leben selber in Favelas und wissen ueber die Notwendigkeiten und Probleme bestens Bescheid.
In Manguinhos bietet CCAP Kurse zur Erwachsenenbildung fuer ein geringes Entgeld an, so dass die Bewohner ihr Examen nachholen koennen. Der Analphabetismus ist hoch und die Schulausbildung der Mehrheit liegt bei hoechstens 5 Jahren.
CCAP besitzt ein Archiv, in dem Statistiken gesammelt und eigene Forschungen ueber die Gewalt in den Favelas angelegt werden. Offizielle Zahlen existieren kaum. Wenn doch, sind sie kritisch zu hinterfragen. Mit Zahlen wird Politik gemacht und die Regierung hat wenig Interesse sich nach aussen negativ zu praesentieren. Auch deshalb ist CCAP Teil der Menschenrechtsbewegung in Rio.
Da die wenigsten Favelabewohner weder ihre Rechte kennen, noch ueber Geld fuer einen Anwalt verfuegen, wurde vor drei Jahren innerhalb von CCAP “Najul”, Nucleo de Apoio Juridico as comunidades, eine kostenfreie Rechtshilfe ins Leben gerufen. Sie wird zum groessten Teil von Frauen genutzt, die Unterhalt fuer ihre Kinder von den Vaetern einklagen. Sexuelle Beziehungen beginnen frueh, oft schon mit 10, 11 Jahren. Das Wissen ueber den eigenen Koerper fehlt weitgehend. Abtreibungen sind verboten. In Folge dessen, werden viele Frauen frueh und haeufig schwanger, sind kinderreich, alleinstehend und muessen zusaetzlich zur Hausarbeit Geld verdienen. Eine Menge Kinder sind dadurch auf sich allein gestellt. Sie verbringen den Tag auf der Strasse und muessen weitgehend fuer sich selber sorgen.
CCAP will intervenieren und Frauen dazu ermuntern, sich mit Maennern zu konfrontieren. Die permanente Diskussion ueber das Geschlechterverhaeltnis gehoert zur grundlegenden Strategie.
Die Arbeit der Organisation konzentriert sich vorrangig auf diejenigen, die den extremsten Abhaengigkeitsverhaeltnissen unterworfen sind: Schwarze, Frauen und Kinder.
An einem der folgenden Tage besuchen Marco und ich Lagartixa. In dieser Favela will ich andere Projekte von CCAP filmen. Als erstes besuchen wir Tia Zilda, eine Mischung aus Schule und Kindergarten. Seit ca. 10 Jahren werden dort etwa 100 Kinder im Alter von 3-6 Jahren betreut. Tia Zilda befindet sich in einem hellem Haus mit vier grossen Raeumen, davor ein grosser Innenhof mit Obstbaeumen, umgeben von einer hohen, bunt bemalten Mauer. Wir kommen gerade zur Mittagszeit und in zwei Zimmern sitzen je ca. 20 Kinder im Kreis auf dem Boden und schauen ihren Lehrerinnen dabei zu, wie sie Fruchtsalat zubereiten. Die Atmosphaere ist entspannt. Die Kinder der ersten Gruppe sind erst 3 bis 4 Jahre alt. Die Direktorin erklaert die Leitmotive von Tia Zilda: Eigenstaendiges, kritisches Denken, Gewaltfreiheit und Respekt. Wenn die Kinder mit 6 Jahren Tia Zilda verlassen, koennen sie bereits lesen. Die meisten Kinder erhalten hier eine sehr viel bessere Ausbildung, als in staatlichen Schulen oder Kindergaerten. Normalerweise sind die Klassen ueberfuellt und die Motivation von Lehrern und Schuelern gering. Aber gleichfalls haben viele Kinder, die Tia Zilda besucht haben, Probleme, wenn sie in staatlichen Schulen ihre Ausbildung fortsetzen. Sie hinterfragen zu viel. Das stoert den gewohnten Unterrichtsverlauf.
Da Tia Zildas bezueglich der Gewaltreduzierung sehr erfolgreich arbeitet, unterrichten sie weitere 100 Kinder im Austausch mit anderen Schule. Dort vor allem so genannte Schwererziehbare
Ausserdem geben die Lehrer an zwei staatlichen Schulen anderer Favelas in einem Sonderprojekt zusaetzlich 100 Schueler und Schuelerinnen zwischen 7 und 14 Jahren Unterricht. Kinder, die sich nicht in den regulaeren Unterricht eingliedern und meistens kaum lesen und schreiben koennen.
Eine Strassenecke von Tia Zilda entfernt befindet sich die Kooperative Asbem Distribuidora: eine Baeckerei und ein Supermarkt. Dort arbeiten ca. 10 Leute im Kollektiv. In der Gruendungszeit von CCAP begann die Kooperative damit an mit einem LKW Grosseinkaeufe zu organisieren. Sie verfolgten die Idee mit kleinen Produzenten zusammenzuarbeiten und die Waren billiger als im regulaeren Markt weiter verkaufen zu koennen. In dieser Zeit wurden viele Kontakte aufgebaut und Erfahrungen gesammelt, aber diese Arbeit musste aufgrund einiger Schwierigkeiten eingestellt werden. Allerdings will CCAP die Idee wieder aufgreifen und fortsetzen.
Ueber dem Supermarkt besuchen wir Isabell. Sie leitet gerade eine Gruppe des FMA an, dem Fundo Mutua Ajuda. Kleine Gruppen von 4 – 5 Leuten bilden eine Zelle und legen einen gemeinsamen Geldfond fuer Mikrokredite an. Die einzelnen Gruppenmitglieder muessen die Kredite mit sehr geringen Zinsen zurueckzahlen. Alle fuehlen sich verantwortlich und am Ende des Jahres wird das Geld untereinander gleichmassig aufgeteilt. Die Gruppen bestehen vor allem aus Frauen. Sie diskutieren, wie Oekonomie geplant werden kann, wie Frauen arbeiten, aber sich gleichzeitig emanzipieren koennen, aber auch wie Oekonomie im Grossen funktioniert, was Geld ist und warum Armut existiert. In Lagartixa experimentieren und expandieren die Gruppen. Sie alle haben ein Ziel: die lokale Oekonomie zu staerken.
Alle Projekte CCAPs sollen sich finanziell selber tragen, um dauerhafte, autonome Strukturen zu garantieren. Die Organisation erhaelt fast kein Geld von ausserhalb. Arbeiten werden meist ehrenamtlich, unentgeldlich und im solidarischen Austausch geleistet. Damit stosst die Organisation allerdings auch haeufig an die Grenzen seiner Kapazitaet.
Deshalb suchen sie finanzielle Unterstuetzung ausserhalb der Favelas, die nicht an Einschraenkungen ihrer Autonomie gekoppelt ist.
Teil II kommt gleich:)
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Ergänzungen