Die Scherben von Genua verschütten die Gerechtigkeit

Roter Faden 06.05.2003 02:34 Themen: Globalisierung Repression Weltweit
Genua, 5.Mai 2003 - Das Ermittlungsverfahren wegen vorsätzlichen Mordes gegen den Carabiniere Mario Placanica, der während der G8 Tage in Genua den tödlichen Schuss auf Carlo Giuliani abgegeben haben will oder soll oder auch hat, ist eingestellt worden. Übersetzung des am Abend hierzu eingerichteten Features auf Indymedia Italien und der ebenfalls dort angeführten Presseerklärung des Comitato Verità e Giustizia - des Komitees Freiheit und Gerechtigkeit für Genua.
Stellen wir alles ein.

Am Nachmittag des 5. Mai hat die Untersuchungsrichterin von Genua Elena Daloisio beschlossen: Einstellung des Verfahrens gegen Mario Placanica., dem Carabiniere, der sich hätte wegen vorsätzlicher Tötung für den Tod Carlo Giulianis während des G8 in Genua im Juli 2001 verantworten müssen.

Die Entscheidung der Richterin entspricht in vollem Umfang dem Antrag des Staatsanwalts Silvio Franz, der wegen Notwehr für die Einstellung des Verfahrens plädiert hatte. Das Urteil wurde aber auch mit einem ausdrücklichen Hinweis auf einen ?LEGITIMEN WAFFENGEBRAUCH? ausgesprochen.

Placanica ist seit kurzem wieder im Dienst. So wie er hat auch keiner der involvierten hohen Offiziere seinen Posten verlieren müssen, einige von ihnen sind vor wenigen Tagen in Iraq eingetroffen. Die Einstellung des Verfahrens schließt nicht nur die Ermittlungen im Mordfall Giuliani ab, eine mit abenteuerlichsten Ungereimtheiten und extremen Auffälligkeiten zugleich gespickte Geschichte, sondern sie löscht die Verantwortlichkeiten derer, die an der Leitung des Managements der öffentlichen Ordnung auf der Piazza Alimonda und in den Palästen der Macht waren, aus.

Die nun extrem hohe Gefahr ist, dass die für diese Ermittlungen angewendete Prozedur zum Maßstab der weiteren laufenden Ermittlungen über Genua 2001 wird. Es gibt schon Stimmen, die von einem neuen ?Mistero di Stato?, von einem neuen ?Staatsgeheimnis? reden. Die Entscheidung für die Einstellung des Verfahrens ist eine offensichtlich durch Schwäche motivierte politische Entscheidung: Ein Ereignis, wie das auf der Piazza Alimonda, das jetzt, nach zwei Jahren Ermittlungen, miteinander inkompatiblen Gutachten, sich widersprechenden Aussagen nur Schatten zurücklässt, hätte mit Sicherheit eine öffentliche Verhandlung, eine Vertiefung der Fakten, einen Prozess in einem Gerichtssaal und unter aller Augen erforderlich gemacht. Das Genoa Legal Forum hat erklärt: ?Mit dieser Verfahrenseinstellung befriedigt man allein das Bedürfnis nach dem Vergessen das sich durch das Land zieht?.

Die Entscheidung bei dieser Verhandlung hätte nicht unbedingt zwischen Notwehr und vorsätzlichem Mord gefällt werden müssen. Die Verfahrenseinstellung war vermeidbar, und die Vermeidung der Einstellung hätte es erlaubt zu einer Prozessverhandlung zu kommen. In den letzten beiden Jahren haben die öffentliche Meinung, die Gegenermittlungen von unten und die Bewegungen einen Prozess gefordert. Es wird keinerlei Prozess geben, es wird keinerlei Freispruch oder Verurteilung ausgesprochen werden. Der Fall Placanica ist das erste Verfahren zu Genua das ?vollendet? wurde. Es fehlen noch Dutzende: müssen wir beginnen, uns zu fürchten?

Pressemitteilung des Komitees Veritá e Giustizia

Komitee Freiheit und Gerechtigkeit für Genua

(Ehrenvorsitzender Giulietto Chiesa, Präsidentin Enrica Bartesaghi)

Pressemitteilung

Es ist ein Italien, das in Angst ist.

Diese Verfahrenseinstellung ist das Urteil eines Italiens, das in Angst ist. Ein mutigeres Land, eine stärkere öffentliche Meinung hätten eine öffentliche Verhandlung, eine tiefer gehende Prüfung der die Ereignisse auf der Piazza Alimonda unter den Augen der Öffentlichkeit, in den Räumen eines Gerichts, erwirken können. Nach diesen beiden Ermittlungsjahren, die im Wechsel von miteinander inkompatiblen Gutachten, sich widersprechenden Aussagen, immer wieder neuen Rekonstruktionen ist die Einstellung des Verfahrens ein grausamer Hohn. Angesichts so vieler Schatten, ist der einzige Weg zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit, dass es einen öffentlichen Prozess gibt, in dem sämtliche Zeugenaussagen verglichen werden, alle Beweise und jedes Gutachten. Mit dieser Verfahrenseinstellung befriedigt man allein das Bedürfnis nach dem Vergessen, das sich durch das Land zieht.

Wir sind überzeugt, dass die Demokratie und der Rechtsstaat mit Füßen getreten worden sind, wie Amnesty International und andere internationale Organisationen festgestellt haben. Wir haben keine Angst davor, mit dieser besorgniserregenden Wirklichkeit fertig werden zu müssen, wir finden hingegen, dass eine vollständige und überzeugende Rekonstruktion der ereignisse unabdingbar ist. Daher fahren wir damit fort, die Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission über die Ereignisse in Genua zu fordern.

Wir sind überzeugt davon, dass die Bewohner des Landes das Recht auf eine strenge öffentliche Untersuchung aller Verantwortlichkeiten haben, sowohl in Zusammenhang mit dem Tod Carlo Giulianis, als auch in Verbindung mit der Diaz Schule, Bolzaneto, den Übergriffen während der Demonstrationen gegen die schutzlosen Demonstranten und für die 18 von Beamten abgefeuerten Pistolenschüsse.

Der Familie Giuliani und allen demokratischen Menschen sagen wir, dass wir diese Verfahrenseinstellung nicht akzeptieren und dass wir weiter für die Suche nach der Wahrheit und nach Gerechtigkeit kämpfen werden.

Genua, 5.Mai 2003
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Ergänzungen

Zwei ganze Worte verloren, Korrektur hier

r.f. 06.05.2003 - 02:51
Vierter Absatz von oben, erster Satz: am Ende fehlt "wird":

"... Die nun extrem hohe Gefahr ist, dass die für diese Ermittlungen angewendete Prozedur zum Maßstab der weiteren laufenden Ermittlungen über Genua 2001 wird".

Vierter Absatz von unten, letzter Satz: am Ende fehlt "zu fordern":

"... Daher fahren wir damit fort, die Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission über die Ereignisse in Genua".

Bericht aus dem Tagesanzeiger (CH)

Kein Freispruch 06.05.2003 - 03:22
"Um Freisprüche" handelt es sich im engeren Sinne nicht, da das Verfahren eingestellt wird und es so gar nicht zu einem Prozess kommt, jedenfalls schreibt das Blatt folgendes zum Thema:

 http://www.tagi.ch/dyn/news/ausland/276412.html

"Freisprüche im Giuliani-Prozess

Der italienische Polizist, der beim G-8-Gipfel von Genua den Globalisierungsgegner Carlo Giuliani erschoss, handelte laut einem italienischen Gericht aus Notwehr.

Ein Gericht in Genua nahm die Forderung auf Freispruch der Genueser Staatsanwälte an, gemäss denen der Polizist aus Notwehr auf den Globalisierungsgegner geschossen hatte. Dieser hatte mit anderen vermummten Demonstranten mit einem Feuerlöscher in der Hand ein Polizeiauto gestürmt.
Freigesprochen wurde auch der Polizist, der am Steuer des Polizeautos sass. Er war ebenfalls in den Sog der Ermittlungen um Giulianis Tod geraten. Der Freispruch wurde von den beiden Polizisten mit Enthusiasmus begrüsst.

«Mein Vertrauen in die Justiz ist belohnt worden», kommentierte der Polizist, der den Schuss abgegeben hatte. Er ist weiterhin im Dienst.

Verbittert reagierten die Familienangehörigen des Opfers und die Sprecher der italienischen Anti-Globalisierungs-Bewegungen. «Mit diesem Beschluss wird die Polizei von jeglicher Verantwortung für die schweren Krawalle in Genua entlastet», sagte der Chef der italienischen No-Global-Bewegung, Vittorio Agnoletto.

Seiner Ansicht nach hat der Polizist mit Absicht das Feuer auf den Demonstranten eröffnet, ohne vorher in die Luft zu schiessen, wie die Vorschriften es vorsehen.

Die Polizei war wegen der ihr vorgeworfenen Brutalität bei den Demonstrationen am Rande des G-8-Gipfels stark unter Druck geraten, hatte jedoch stets von der Regierung Silvio Berlusconis Rückendeckung erhalten. Die Polizei habe korrekt gehandelt, um das Eindringen der Globalisierungsgegner in das Gelände, in dem der G-8- Gipfel im Gange war, zu vermeiden".

the day will come!

tobias soleil 06.05.2003 - 11:03
...davon bin ich überzeugt. the day will come! das heißt auch: weitermachen, obwohl dies ein schwarzer tag ist. ich denke, mir fehlen die worte, denn es gibt so viel und doch auch nichts mehr zu sagen. es ist schwer, den hass zu kontrollieren. wie muss es erst den menschen gehen, die an vorderster linie die ganze zeit für gerechtigkeit in diesem fall gekämpft haben...wie einem auf einmal alles aus den händen gleitet und man machtlos da steht. auf der einen seite will man realistisch kämpfen, auf der anderen seite denkt man vielleicht in metaphysische richtungen; dass der todesschütze und sein machtapparat irgendwann dafür rechnung tragen müssen. macht bitte weiter. die revolution beginnt in deinem eigenen viertel.

06.05.2003 - 11:52
es gibt noch sehr viel zu sagen, lieber tobias... sich darauf einlassen, zu sagen, dass es nichts mehr zu sagen gibt, wäre nicht nur viel zu einfach, sondern auch extrem gefährlich... es wird zu recht weiter eine prozessuale untersuchung der vorkommnisse gefordert. das gehörte nach kräften unterstützt. erst recht aus deutschland... es gibt auch was eine gaze reihe auffälligkeiten und undurchsichtigkeiten betrifft auch eine klare spur von und nach deutschland... komme mir keiner und beschwere sich, dass das alles so ungerecht und die polizei ja so böse ist und es uns allen so schlecht geht... der kampf im eigenen viertel ist bis dato noch wunschvorstellung und die verteidigung der rechte ist einfach kein bisschen thema. das will nur eine klarstellung sein, ich will dir den tag nicht vermiesen. es ist, wie es ist. und danke für das feingefühl, zu erkennen, was die, die seit zwei jahren um gerechtigkeit kämpfen durchmachen und durchgemacht haben. nicht zuletzt wegen der trägheit nicht nur der gesellschaft, sondern auch und gerade der so genannten linken. denoch: es gibt sehr pfiffige und engagierte Gegenermittlungen von unten. Die benötigen jetzt möglichst weiteres Dokumentationsmaterial, der Aufruf oben rechts auf der Startseite zu Genua G8 gilt immeer noch. viele haben schon vergessen, aber nicht alle. ich wiederhole: sich darauf einlassen, zu sagen, dass es nichts mehr zu sagen gibt, wäre nicht nur viel zu einfach, sondern auch extrem gefährlich... deshalb hoffen die, die sich einsetzen, immer noch und erst recht jetzt auf jede erdenkliche hilfe und unterstützung...

schockmoment

tobias solieil 06.05.2003 - 15:00
mit "es gibt nichts meht zu sagen", meinte ich eigentlich nur den moment, in dem man die nachricht von der freisprechung des mörders wahrgenommen hat. und jeder, der sich in und um sein viertel in jeder denklichen form für gerechtigkeit einsetzt, kennt doch dieses gefühl der machtlosigkeit, dass einem für einen moment alles raubt. und die überlegung dabei war doch auch eigentlich die größenordnung des falles 'carlo giuliani'. es war einfach in den medien und wer hätte gedacht, dass so ein fall noch mit einem freispruch enden kann?? letztendlich ist er ein opfer von vielen und bei aller gleichsetzung der menschen die täglich opfer dieser art von gewalt sind, war es seine besondere rolle, für eine bewegung zu stehen. weißt du worauf ich hinaus will? ich könnte mir vorstellen, dass es bei manchen menschen, die alltäglich in ihrer arbeit ( ich gehöre dazu, sonst würde ich hierzu nichts posten ) für gerechtigkeit kämpfen, und von diesem urteil erfahren haben, eine Art Zerrissenheit entstanden ist. Eine Zerrissenheit, da man einerseits etwas dagegen tun will dass die aufklärungen weiterlaufen und zwar nicht nur mit worten, aber andererseits auch vielleicht verstärkt die kraft in die dinge setzt, auf die man direkten einfluss hat ( das meine ich mit 'in deinem viertel'), da man schockiert ist, dass so ein fall, in dieser größenordnung mit einem freispruch endete. vielleicht bin ich nicht kämpfer genug um beides zu tun, aber unterschätz die kleinen kämpfe des alltags nicht.
und natürlich hast du recht. es gibt viel zu sagen und zu tun. resignation ist nicht!!! nicht gegen diesen feigen gegner...