Nobelhotel unter ArbeiterInnenselbstverwaltung (Arg.)

(((i))) chika y ralpho 07.04.2003 03:36 Themen: Globalisierung Soziale Kämpfe Weltweit
In letzter Zeit wurden die sozialen Bewegungen Argentiniens mit ansteigender Repression konfrontiert. Die Situation ist angespannt und wird sich nach allen Einschaetzungen mit den Praesidentschaftswahlen Ende April noch verschlimmern. Doch die Bewegungen und Initiativen sind vielfaeltig. Waehrend sich ein grosser Teil darauf konzentrieren muss, zu retten was noch zu retten ist, entstehen gleichzeitig neue Projekte, die Hoffnung und Kraft verbreiten. Die Bewegungen lassen sich nicht auf einen Abwehrkampf reduzieren - immer wieder gelingt es neue Raeume zu erobern. Am 21. Maerz wurde das Nobelhotel BAUEN von seinen ehemaligen Angestellten besetzt. Wir sprachen mit einem Beteiligten und hoerten Ungewoehnliches.
Avenida Corrientes, Buenos Aires. Eine Strasse, beruehmt fuer ihre Geschaefte, Buchlaeden und ihr Nachtleben, beliebt bei Touristen und Mittelschicht - eine gute Moeglichkeit Geld loszuwerden. Mittendrin steht das 24stoeckige Nobelhotel BAUEN, das mit seinem Glanz und Glamour ueber Jahre hinweg wichtige Persoenlichkeiten anlockte. Trotz der finanziellen Unterstuetzung der Regierung schloss das Hotel am 22. Dezember 2001 seine Pforten. Wie in so vielen Faellen hatten die Besitzer die Moeglichkeit genutzt sich eine goldene Nase zu verdienen und das Geld im Ausland sicher zu deponieren. Das Hotel ging Pleite - 250 Angestellte standen perspektivlos auf der Strasse.


Resignation und Aufbruch

Nach ihrer Entlassung hatte keineR der ehemaligen Angestellten wieder einen festen Arbeitsplatz gefunden. Als sogenannte "Arbeitslose" sahen sie sich in einer auswegslosen Situation. Wie auch in Deutschland und allen anderen Staaten werden Menschen, die nicht im kapitalistischen Sinne beschaeftigt sind als "arbeitslos" und damit nutzlos abgestempelt. Hier und ueberall folgen daraus Resignation und ein Gefuehl der Ohnmacht. Dies wird als persoenliches Problem abgetan und der gesellschaftliche Zusammenhang ausgeblendet - viele Menschen ziehen sich in sich zurueck und vereinsamen.

Die Initiative eines ex-Angestellten des Hotels BAUEN durchbrach diese Logik. Er startete eine Telefonkette, worauf sich 20 der ehemaligen Angestellten des Hotels zusammensetzten, um ueber die Moeglichkeiten einer Besetzung und Wiederinstandsetzung zu beraten. Informationen wurden eingeholt, eine Kooperative gegruendet und schliesslich die Besetzung beschlossen. "Wir klauen niemandem etwas", erklaert ein Mitglied der Kooperative, "wir fordern nur ein, was unseres ist." Nach 1 1/2 Jahren Leerstand ist nun wieder Leben ins Hotel zurueckgekehrt. Vor der Tuer stehen den ganzen Tag ueber Leute, die Informationen an die vorbeieilenden Passanten verteilen und Unterschriften sammeln. Momentan ist die Besetzung voruebergehend geduldet. Um so mehr Unterschriften zusammenkommen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Enteignung des Hotels gerichtlich beschlossen wird. Im Inneren des Hotels wird bereits gearbeitet und die ersten Reperaturen durchgefuehrt, im Foyer sitzen Leute um einen Tisch und werten die taegliche Presse aus - der Andrang der Medien seit der Besetzung ist gross und ungewohnt fuer die ehemaligen Angestellten.

Die Gruendung der Kooperative und das Projekt der Wiederinstandsetzung bedeutet eine grundlegende Veraenderung im Leben der Beteiligten. Ploetzlich eroeffnen sich Perspektiven, es gibt einen Weg, der selbstbestimmt beschritten werden soll. Zwar ist der Weg an sich noch unklar, es gibt viele Fragen und Diskussionen, die noch gefuehrt werden muessen. Doch der Wille und die Kraft sich gemeinsam auf den Weg zu machen ist gewiss. Unser Gespraechspartner sprueht vor Energie, wenn er von den Ideen und Moeglichkeiten erzaehlt, die verwirklicht werden wollen.


Mit der kapitalistischen Logik brechen

Klar ist, dass es einen wuerdigen Lohn fuer alle, die im Hotel arbeiten, geben wird - ueber die genaue Lohnverteilung wird momentan noch diskutiert. Auf jeden Fall soll das Hotel nicht wieder zu dem kapitalistischen Betrieb werden, das es frueher war. Die Kooperative, die mittlerweile aus 35 Leuten besteht, will die kapitalistische Logik durchbrechen und neue Akzente setzen. Ihre Mitglieder wollen alle wieder auf ihre ehemaligen Arbeitsplaetze zurueck, es soll keine Chefs geben - stattdessen werden Entscheidungen in Versammlungen getroffen. Das Projekt soll nicht der Betrieb eines "normalen" Hotels sein, sondern darueber hinausgehen.

Die Kooperative ist noch mitten im Diskussionsprozess darueber wie das verwirklicht werden soll. Ploetzlich stehen Nachbarschaftsversammlungen vor der Tuer und bringen Essen vorbei. Kommissionen aus besetzten Fabriken kommen, um von ihren Erfahrungen zu erzaehlen und Beitraege zu den Diskussionen der Kooperative zu leisten. Auch aus den Universitaeten kommt Unterstuetzung. Mit ihrem Fachwissen helfen StudentInnen bei den anstehenden Reparaturarbeiten - alle wollen bei diesem neu entstehenden Projekt dabei sein. Das ueberrascht die ehemaligen Angestellten, denn bisher hatte keineR von ihnen Kontakt zu den sozialen Bewegungen Argentiniens. Diese Erfahrung der Solidaritaet und gegenseitigen Unterstuetzung eroeffnet neue Welten.


Traeume einer anderen Welt

Die Mitglieder der Kooperative lassen sich von den Erfahrungen der Asambleas und der besetzten Fabriken inspirieren und beginnen zu traeumen. Wichtig ist ihnen die Zusammenarbeit mit den mehr als 300 besetzten Fabriken. Als Betrieb im Dienstleistungsektor sind sie auf viele Produkte angewiesen, die sie nun von diesen beziehen wollen. Davon profitieren auch die Fabriken, fuer die es nicht leicht ist einen Absatzmarkt zu finden. Gleichzeitig will die Kooperative auch in der Provinz unterstuetzen, wo die Repression heftiger ist. So wurde bereits beschlossen, gemeinsam mit den ArbeiterInnen der Fabrik ZANON gegen deren bevorstehende Raeumung anzukaempfen. Dann gibt es da noch die Idee, die grossen Raeume des Hotels fuer die Bewegungen zu nutzen, z.B. fuer einen Kongress der besetzten Betriebe. Auch kulturelles Leben soll im Hotel stattfinden, deshalb ist angedacht, das Theater und den grossen Ballsaal fuer Veranstaltungen zur Verfuegung zu stellen. Das Hotel soll Teil der Bewegungen werden - um die Unterstuetzung zurueckzugeben, die sie erfahren haben und gemeinsam den Prozess der Selbstorganisation voranzubringen.

Den Mitgliedern der Kooperative ist bewusst, dass es entscheidend ist, was mit ihrem Hotel passiert. Wegen seiner Lage im Zentrum von Buenos Aires ist es ein sehr sichtbares Beispiel eines Betriebes unter ArbeiterInnenselbstverwaltung. Der grosse Name des Hotels garantiert eine breite Oeffentlichkeit. Die BesetzerInnen wollen ihre Sache gut machen und zeigen, was es bedeutet, wenn alle fuer alle arbeiten und dass sie als ArbeiterInnen den Betrieb voranbringen, waehrend die Besitzer ihn zerstoert haben. Sie hoffen so die PolitikerInnen unter Druck zu setzen und sie zu einem politischen Richtungswechsel zwingen zu koennen, durch den ArbeiterInnenselbstverwaltung gefoerdert wird.

Das Hotel BAUEN soll ein Beispiel fuer die ganze Welt werden, welches auch andere "arbeitslose" Menschen motiviert sich zusammenzuschliessen, um die Initiative zu ergreifen, selbstverwaltet Neues entstehen zu lassen - als Teil von Bewegungen und gegen die Logik des Kapitalismus.

Viel Kraft und Glueck dabei!
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Ergänzungen

Sozialverträglicher Urlaub

hoffentlich bald mal dagewesener ;-) 07.04.2003 - 04:13
Nachdem es jetzt eine nette sozialverträgliche Unterkunft gibt, fehlt eigentlich nur das Geld für den Flug (oder man heuert einfach irgendwo als Seemann an) und dann ab nach Argentinien. Das macht richtig Lust auf Urlaub! Ich hoffe, das auch die internationalen Konzerne - so verabscheuungswürdig manche von ihnen auch sein mögen - ihre Vertreter in so einem Hotel übernachten lassen werden!

Hoffentlich bleibt das Projekt lange am Leben!

Koops als Element einer progressiven Gesellsc

Jorge I Smýrod 07.04.2003 - 05:48
Coops können auch die Computer-Frage* nicht beantworten. Aber sie sind ein zentrales Element von eigenverantwortlichem Wirtschaften in einer basisdemokratisierten Gesellschaft:
Durch die geringe Größe bietet sich eine Möglichkeit, mit maximal 2 Hierarchieebenen auszukommen (mit 35 Leuten kannst du keine ordentliche freie Besprechung oder Diskussion abhalten. 15-20 sind meiner Erfahrung nach das Maximum, danach evolviert's automatisch zu Plena (vgl. WiKoop ''Kritik an Plena''  http://web775.can12.de/wikoop/downloads/evu_plena.pdf - sie fahren ihre Linie, aber die Ansatzpunkte ihrer Kritik sind sehr berechtigt), z.B. du machst die strategische Planung mit einem Teil der Leute** und erledigst die alltäglichen Dinge mit allen.
Interessant wird, zu sehen, ob für solche 'ultrabasisdemokratischen' Verbände (Zusammenschlüsse mit so wenigen Mitgliedern, daß sie sich alle untereinander irgendwie kennen) die manchmal zitierte magische Grenze von 150 Personen gilt, oberhalb derer es angeblich schnell zu schwierig wird, so etwas ohne Etablierung fester Machtstrukturen aufrechtzuerhalten.
Durch die Bildung eines horizontalen (hierarchiefreien) Netzwerks mit anderen Organisationen ('Expertennetzwerken' für nicht abgedeckte Gebiete, z.B. erfahrenere Selbstverwaltergruppen, Bauarbeiten, Werbung und Vermarktung etc) kann gewährleistet werden, daß vorhandene Schwächen ausgeglichen werden, die durch die Größenbeschränkung zwangsläufig sind.
Dadurch, daß die Anzahl der 'fat cats' (Bosse/Bonzen/Manager) durch die wenigen Hierarchieebenen extrem begrenzt ist, wird nicht nur soziale Gerechtigkeit herbeigeführt (alle gemäß ihren Fähigkeiten, alle gemäß ihren Bedürfnissen oder so), sondern auch die Konkurrenzfähigkeit unter ökonomischen Aspekten tatsächlich [i]herauf[/i]gesetzt! Es ist in letzter Zeit zu beobachten, daß Individuen des gehobenen Managments kapitalistischer Unternehmen versuchen, Negativtrends in der Profitentwicklung durch Aufgabe ihrer persönlichen Bereicherung abzuwenden. Ein selbstverwaltetes Unternehmen kann natürlich auch bei sozial gerechterer Entlohung der Beteiligten weitaus mehr Liquida, wenn es die kapitalistisch-expansiven Träume begräbt und beginnt, sich bewußt als einen von vielen kleinen oder mittleren Komponenten zu verstehen.


* 'Wie komme ich an einen Computer?' Das schließt den gesamten Prozeß ein, vom Rohstoffabbau über Chip- und Platinendesign, Komponentenproduktion, Zusammenbau und Inverkehrbringung bis zum Erwerb.

** so viele wie nur möglich, und in kurzem Turnus rotieren (täglich wechselt 1 von 15 oder so) könnte recht funktionell sein.

Fragen

El Mono 07.04.2003 - 10:59
Super, wie ist denn die Ausbuchung des Hotels? Sind solche Initiativen eine gute Möglichkeit, neue Investitionen ins Land zu locken?

Krise und Widerstand in Argentinien

ccmm 07.04.2003 - 15:28
Literatur:

Neuerscheinung:
Colectivo Situationes:
"!Que sa vayan todos!" - "Krise und Widerstand in Argentinien"
Verlag Assoziation A, Gneisenaustr.2a, 10961 Berlin.

Ende März 2002. 222 Seiten.

in spanischer Sprache unter:
 http://www.comalter.net/virus

auch von Interesse:
"Hacia una Democracia Inclusiva. Un nuevo proyecto liberador" by Takis Fotopoulos. 322 pags.Nordan, Montevideo 2002.  http://www.inclusivedemocracy.org/fotopoulos

netter Versuch....

Oskario 07.04.2003 - 23:12
....aber wie schon 100 mal erlebt, wird nach einem halben Jahr + der 25. Versammlung, der ganze Laden auseinanderbrechen, weil man sich nicht über die Frage einigen kann, ob man dem Zimmermädchen, welches einen Gast beklaut hat, kündigen darf oder nicht.
Zudem werden Wohnugslose kommen + nach Unterkunft fragen...setzt man dann den Manager aus den USA vor die Tür + läßt die eigen Klasse für lau übernachten ??? Das ganze wird wohl im normalen Chaos enden und wenn es doch ne weile gut geht, wird der eine oder andere von den anfangs 35 Leuten schon Gefallen und Spaß an ein bißchen mehr Geld/Macht finden und auch entsprechend handeln....

"normalen Chaos enden"

Icke 07.04.2003 - 23:35
Na dann informier Dich mal, was in Argentinien seit ein paar Jahren läuft. In den mehr als 100 enteigneten Betrieben läuft alles gut. In Chaos endet das nur, wenn die kapitalistische Logik nicht durchbrochen wird.
Kollektive Strukturen sind stärker.
Klappt übrigens in Teilbereichen weltweit: Linux, Internet, Indymedia usw.

...alles wird gut

Oskar 08.04.2003 - 00:40
"....In den mehr als 100 enteigneten Betrieben läuft alles gut...."
na dann, is ja gut ;-)

"...Klappt übrigens in Teilbereichen weltweit: Linux, Internet, Indymedia usw...."
Du machst Witze, oder?!


Always look on the bright side

Schokoschaumkuss 08.04.2003 - 15:31
Ja, ich freu mich, dass die "Selbst-verwalteten" Initiativen in Argentinien so gut laufen. Wahrscheinlich drängen sich auch deshalb gerade so viele Investoren argentinischen Betrieben auf! Weil durch die selbstverwalteten Betriebe alles gut wird im Land. Hoffen wir nur, dass bald die sozialistische Revolution kommt, und die Wiedervereinigung mit Kuba! Dann kann das Land auch bald alle seine Schulden zurückzahlen.

PS: wer Ironie findet, darf sie behalten.

Pinguin?

Tux' Friend 08.04.2003 - 15:34
Was hat denn Linux mit einem enteigneten argentinischen Hotel zu tun? Wen hat Linus Torvald enteignet?

Was Linux damit zu tun hat?

wterm red 08.04.2003 - 17:02
Na überleg doch mal.... Noch nie vom Begriff "Open Source" gehört? Kollektive Strukturen, die nicht allein wie etwa von Schokoschaumkuss bevorzugt, auf Geld und Kommerz basieren?
Lies mal www.oekonux.de - da gibts ne Menge Inos zum Thema.

Open Source

Tux' Friend 09.04.2003 - 17:46
Open Source heisst nicht, dass Quelldateien von jemandem enteignet und dann öffentlich gemacht wurden. Im übrigen läßt sich mit Linux durchaus sehr viel Geld und 'Kommerz' machen (da weiß ich, wovon ich rede) und das ohne schlechtes Gewissen... Die Seite "Oekonux" ist eine Freak-Seite ohne Relevanz, jedenfalls soweit ich das von meinem beruflichen Blickwinkel sehe. D.h. aber nicht, dass ich irgendwas gegen Open Source hätte, ganz im Gegenteil. Ich benutze Open Source wo immer das geht und stelle meine Quellen auch gerne zur Verfügung, so lange dies meine Auftraggeber erlauben. Was dies aber mit mit enteigneten Hotels zu tun haben soll, ist mir immer noch schleierhaft. Ich sehe auch nicht, dass diese "Initiativen" dem Ansehen Argentiniens förderlich sind und neue, dringend benötigte Investoren ins Land locken. Was Argentinien braucht ist ein neuer Unternehmergeist im Schumpeterschen Sinne, und keine Leute, die sich anderer Leute Eigentum aneignen oder besetzen.

mach dich nicht lächerlich "tux friend"

10.04.2003 - 00:57
schon komisch, was leute für krude weltsichten haben. naja, mach mal!

Gute Idee, aber.....

Bernd, Wien 10.04.2003 - 18:30
Die Idee der Selbstverwaltung ist eine ganz und gar "charmante", dennoch bedingt der Betrieb eines Luxushotels geradezu militärische Führungsformen.

Es gibt sicher viel bessere Betriebe für Kooperativen, ein 5-Sterne-Hotel ist damit aber wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.

Ich bin selbst als Trainer bei Four-Seasons und Kempinski tätig und kann mir nicht vorstellen, dieses Niveau mit derart unkonventionellen Mitteln halten zu können.

Vielleicht wär's aber einen Versuch wert.