Der neue heisskalte Weltkrieg

Massive Attack 20.03.2003 16:58 Themen: 3. Golfkrieg Militarismus
Angegriffen werden die Kinder Mesopotamiens.
Gemeint ist der Islam weltweit.
Der Krieg hat begonnen, in den Medien schon vor einer ganzen Weile. Die uebliche Flut der Kommentare und Einschaetzungen dreht sich wie immer vor allem um taktische Fragen. Gibt es eine Resolution, wie lang wird der Krieg dauern, wie viele muessen sterben.

Bei der Frage nach dem strategischen Hintergrund spielt sich die oeffentliche Debatte vor allem zwischen zwei Positionen ab, naemlich einer fanatischen Minderheit, die repetiert und propagiert, was von Cheney & Rummsfeld an netten humanitaeren Gruenden vorgeschuetzt wird, hierzu zaehlen in Deutschland vor allem die Union und die Antinationalen, und der ueberwiegenden Mehrheit von Leuten, die der gegenwaertigen US Regierung nicht ueber den Weg trauen. Diese verorten die wahren Gruende des Ueberfalls vor allem im wirtschaftlichen Bereich: Zugang zu den Oelfeldern, Verteidigung des US Dollar als Leitwaehrung im Oelhandel, Rueckenfreiheit fuer Ariel S. bei seiner ethnischen Saeuberung des Heiligen Landes, was zur Ankunft des Messias fuehren soll, und aehnliche, weniger nette Gruende.

An diesen Argumentationen ist auch eine Menge Wahres dran. Diktatorische Qualitaeten einer Regierung waren in Uncle Sam's Augen noch nie ein entscheidender Makel, man denke allein nur an Pinochet. Die grossen Verbrechen der Regierung Hussein, die den Irak jetzt auf die Nummer eins der Yankee Hit List gesetzt haben, waren sicher viel eher die Verstaatlichung der Oelfoerderung, Vertraege mit Paris-Berlin-Moskau, der geheimen Achse des Boesen, und die Einfuehrung des Euro im Oelhandel.

Das ist jedoch noch nicht das Ende der Geschichte. In Washington D.C. stellt man sich bereits sehr oeffentlich auf eine laengerfristige massive Militaerpraesenz in der Golfregion ein. Der Iran ist bereits als naechstes Ziel markiert, der Unmut ueber Saudi-Arabien wird immer weniger verhohlen. Gleichzeitig laeuft die Medienmaschinerie an und produziert Angst vor islamistischen Terroranschlaegen. Das Klima fuer solche Anschlaege wird ja auch durch Uncle Sam's Auftreten extrem beguenstigt.

Was wir im Moment zu sehen bekommen, ist die Produktion eines Feindbilds nach allen Regeln der Kunst. Anfang des zwanzigsten Jahrhundert wurde vor allem in Mitteleuropa der Hass auf die Juden geschuert. Nach dem WKII wurden im privatkapitalistischen Westen die Kommunisten verteufelt. Und jetzt sind die Moslems dran. Die Mechanismen aehneln sich sehr, werden nur bei jedem neuen Durchgang ein wenig verfeinert und weiterentwickelt. Grundsaetzlich ist aber Der Feind fuer so ziemlich alles Boese in der Welt verantwortlich. Aus irrationalen, teuflischen Motiven will er Uns, die Verteidiger alles Guten und Anstaendigen in der Welt, vernichten.

Wer schuert diese Feindbilder, und warum? Wirft man den Blick auf die Vergangenheit der gegenwaertigen Hauptfiguren in Washington, D.C., muessen einem einige Dinge auffallen. Diese betreiben das Metier der Panikmache naemlich mitnichten erst seit dem Feindbildwechsel 1991. Ihre Sorgen begannen vielmehr schon Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die CIA war damals zu der Einschaetzung gelangt, dass die Sowjetunion keine ausserordentliche Gefahr mehr darstelle und auch keine ernsthaften Expansionsgelueste mehr hege. Ein Klima der Entspannung zwischen Ost und West drohte sich breit zu machen.

Zu dieser Zeit uebernahm dann George Herbert Walker Bush, der Vater der gegenwaertigen Praesidentenmarionette, die Fuehrung der CIA. Seine Amtszeit wurde spaeter von einigen ranghohen CIA Offizieren als fuer die Agency katastrophal beschrieben. Ein Segen war sie jedoch fuer die Ruestungsindustrie. Zusammen mit seinen Freunden Richard Cheney und Donald Rumsfeld setzte er das sogenannte Team B ein, in welchem die Einschaetzung der Bedrohungslage durch die Sowjetunion von unabhaengigen Experten ueberprueft werden sollte. Wieso diese unabhaengigen Experten dazu geeigneter waren als die Agency selbst, blieb ihr Geheimnis. Nicht ganz erstaunlicherweise kam das Team B zu einer voellig anderen Sicht der Dinge: Die Sowjetunion plane den nuklearen Erstschlag gegen die USA. Bei der Erstellung dieses Berichtes wurden uebrigens auch provokative Aufklaerungsfluege in den sowjetischen Luftraum hinein unternommen, die natuerlich in Moskau nur als Vorbereitungen eines Angriffs gedeutet werden konnten, womit auch auf der Gegenseite das Misstrauen geschuert wurde. Jedenfalls gelang es dieser Clique von Fanatikern, das nukleare Wettruesten loszutreten, inclusive der Stationierung von taktischen Nuklearwaffen in Mitteleuropa. Auch hatten sie es nicht versaeumt, noch rechtzeitig vor dem Boom Aktien der Ruestungsfirmen zu erwerben, die dann die entsprechenden Auftraege erhielten.

Das Ende des Kalten Krieges fuehrte zu einer aehnlich bedrohlichen Situation: Die Menschen begannen wieder von ewigem Frieden zu traeumen, und Forderungen nach Kuerzungen der Militaerbudgets machten sich breit. Ein neues Feindbild musste her, und zwar schnell. Zuerst nahm man sich also einen schmutzigen Verbuendeten namens Saddam Hussein, der als Diktator eines Landes fungierte, das einerseits wegen seiner Oelvorkommen interessant, andererseits geographisch und kulturell weit genug entfernt war, dass der Durchschnittsyankee nicht so sehr viel darueber wuesste, zum Beispiel wie dieses Land unter diesem Diktator jahrelang Unser Freund und Verbuendeter gewesen war. Man signalisierte diesem Diktator, der die Ressourcen seines Landes in Unserem Krieg gegen sein Nachbarland ein bisschen overstretched hatte, er koenne sich ja diese ehemalige Provinz seines Landes, die auch so viele Oelfelder hat und einen schoenen grossen Hafen und andere Annehmlichkeiten, unter den Nagel reissen. Das tat er dann auch. Dieses Eingehen auf Unser Angebot nannte man dann einen boesartigen, unprovozierten Ueberfall auf sein armes wehrloses kleines Nachbarland, und schon begannen erste Konturen eines Feindbildes sichtbar zu werden, das dann auch schnell zu einem grossen Feldversuch fuer die neuentwickelten Praezisionsbomben fuehrte.

Aber ein Land allein reicht auf Dauer nicht aus, vor allem wenn es drei bis vier Groessenordnungen kleiner ist als die ehemalige Sowjetunion. Eine Feindliche Ideologie, wie eben zB der Kommunismus damals, ist da viel nuetzlicher. Eine Ideologie laesst sich schnell auf jeden gewuenschten geographischen Ort der Erde projizieren, so wie ja alle sozialen Bewegungen in Lateinamerika Kommunistisch, i.e. von Moskau gesteuert, i.e. bedrohlich fuer Uns waren.

Und schon hatte man das Erfolgsrezept zusammen. Man nehme zunaechst den Islam. Dieser befindet sich in mancher Hinsicht noch in einer Phase wie das Christentum im europaeischen Mittelalter. Dem modernen Menschen scheint das hinreichen irrational, und so kann man Dem Islam so ziemlich alles unterstellen. Denjenigen Bewohnern des Abendlandes, die selbst noch religioes sind, wird Der Islam eben als die Feindliche Gegenreligion dargestellt, die alle Christen und Juden ausrotten will, und so hat man diese auch auf die eigene Seite gezogen. Nun muss nur noch die Verbindung zu einer direkten gewaltsamen Bedrohung gezogen werden. Da die meisten Muslime ziemlich friedfertige Leute sind, und weder Saudi-Arabien noch Iran ueber strategische Nuklearraketen verfuegen, nehme man: eine Verschwoerungstheorie. Nennen Wir sie einfach al-Kaida. Die Basis. Klingt schoen schwammig, kann man so ziemlich alles draus machen. Nehmen Wir Uns also noch einen alten schmutzigen Verbuendeten namens Osama bin Laden, lassen ihn einige Male im Fernsehen auftreten und gegen Uns hetzen. Schnell noch ein paar Anschlaege die Wir ihm in die Schuhe schieben koennen, und fertig ist das Feindbild: der fanatische gewalttaetige Islam schickt seine Terroristen aus um Uns alle zu vernichten. Also heisst es mal wieder Friss Oder Stirb. Und wo steckt der Feind denn nun? Antwort: ueberall. Wie es sich fuer eine richtige Verschwoerung eben gehoert. In Afghanistan, Irak, Iran, auf den Philippinen, im Sudan, in Indonesien..... wo auch immer Wir mal irgendwann Interessen haben koennten: sie haben Verbindungen Zu OBL Und Al Kaida. Also her mit den Tommahawks, schickt die B2s und F117s los.

Und nachdem Wir zwoelf Jahre lang gepredigt haben: Ceterum censeo Baghdad esse delendam, ist die vorbereitende Gehirnwaesche endlich hinreichend von Erfolg gekroent, und der Tag Unseres Zorns ist gekommen. God bless America.
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Ergänzungen

Wäre ein gute Buch!

momibert 20.03.2003 - 17:23
Der Artikel wäre echt top Stoff für ein Buch. Ein paar historische Vergleiche, dären validität ich doch stark anzweifle, ein aktuelles Thema und Bezug auf Gerüchte!
Sogar für eine biographie für George W. Bush könnte man so noch schreiben. Der Tikt sicher nicht ganz sauber, aber von DEN Amerikanern zu sprechen ist der Sache definitiv ncht zuträglich. Aufhetzen gegen Hass, das macht soviel Sinn wie Bomben für den Frieden. Antiamerikanismus ist nicht die Lösung(vgl. "Gegen Amerika und Antiamerikanismus" im Open Posting)!

Stranger than Fiction

Massive Attack 20.03.2003 - 17:57
Ich schreib doch auch nirgends von DEN Amerikanern, sondern von einer fanatischen Clique, die in einem scheinlegalen Staatsstreich die Macht in den USA uebernommen hat.

Um es mal klarzustellen: Ich liebe DIE Amerikaner. Also jedenfalls die ueberwiegende Mehrheit der Leute die ich da drueben kennengelernt habe. Und ich denke, in bezug zum Beispiel auf einige alltaegliche Umgangsformen koennen und sollten DIE Deutschen sich eine ganz saftige Scheibe bei den Yanks abschneiden. Ich versuche jedesmal, wenn einE BekannteR ueber DIE Amerikaner klagt, den Hinweis zu platzieren, dass nicht DIE Amerikaner diesen ganzen Mist bauen, sondern nur eine ganz kleine, sehr radikale Minderheit, die es nur leider bis an die Spitze des politischen / medialen Systems geschafft hat.

Falls das in dem Artikel anders klingt: My excuses!

Ansonsten: danke fuer das Kompliment (top Stoff fuer ein Buch)! :o) Vergleiche brauchen uebrigens mMn keine Validitaet, sondern tun eben einfach nur das: vergleichen, i.e. nebeneinander stellen und nach Aehnlichkeiten und Unterschieden suchen. Die Unterschiede im beanstandeten Fall detailliert auszuarbeiten, waere sicher korrekter gewesen, gerade in bezug auf deutsche Empfindlichkeiten bei diesem Thema, haette aber auch den Rahmen gesprengt. Aber vielleicht schreib ich ja das Buch noch ;-).

Vorsicht...

Georg Moritz 20.03.2003 - 19:44
...mit einem Satz wie "Man nehme zunaechst den Islam". Im Kontext voellig korrekt, es entspricht dem "der Jude" des Nationalsozialismus - aber das Vorurteil des naechsten Satzes: Rückstaendigkeit, Mittelalter - kann nicht unwidersprochen hingenommen werden, zumindest solange es nicht in Anfuehrungszeichen steht und der Wahrnehmungsrahmen nicht bedeutet wird, aus dem es kommt (siehe hierzu  http://www.guerrillanews.com/media/doc1188.html).

Zu al-Qaida: arabisch qajjd bedeutet soviel wie "aufschreiben, buchen"; al Kaida ist nichts anderes als die Gaesteliste Usama Bin Ladins in seinem Haus in Peschawar, damals ein Rekrutierungsbuero fuer junge Freiwillige, die in den Partisanenkrieg gegen die Sowjets in Afghanistan ziehen wollten (siehe  http://www.heise.de/tp/deutsch/special/wtc/11242/1.html, dritter Absatz); ich bin gespannt, wann eine Bankraeuberbande den Namen "kontoauszug" aufgebrummt bekommt.

Das Metier, Feinbilder zu schaffen, spaetere Feinde aufzubauen, um sie speter bekaempfen zu koennen und daran kraeftig zu verdienen, hat eine laengere Tradition in der Familie Bush und der vermoegenden Clique Neuenglands. Sowohl Hitler als auch die Bolschewiken wurden durch sie unterstuetzt und aufgebaut ( http://www.heise.de/tp/deutsch/special/wtc/9643/1.html , a.a.O).

Nebenbei - der 11.9.2001 war der 28.Jahrestag der Bombardierung der Moneda in Santiago de Chile durch amerikanische Piloten. Die Sache ist rund. Am 1. Juli ist der Wiederkehr des Saturns seit diesem Datum... Passt also alles ins kosmische Gefuege.