Geschichten eines Kampfes: "El Banco Lezama Sur"

(((i))) ralpho 11.03.2003 06:20
In loser Folge werden unter der Ueberschrift "Geschichten eines Kampfes" Berichte und Reportagen veroeffentlicht, die sich dem Aufbau sozialer Projekte und deren Geschichten widmen. Es geht dabei darum, Indymedia als Medium und Werkzeug sozialer Kaempfe zu begreifen und Blickwinkel zu eroeffnen, die in die aktuellen Kaempfe hier und ueberall einwirken koennen. Nicht um die Geschichten zu kopieren, denn jede Geschichte ist eine einzigartige, sondern um zu lernen, was es bedeutet zu kaempfen und zu leben. Ich hoffe ich bleibe dabei nicht der/die einzige ReporterIn, sondern es fuehlen sich hier und ueberall Menschen motiviert unter dieser Rubrik selbst Geschichten zu veroeffentlichen, denn jeder Mensch ist einE RepoterIn.
El banco de la asamblea Lezama Sur - Die Geschichte einer besetzten Bank

Barrio Boca, Buenos Aires (Argentinien). Dieser Bericht wurde auf der Grundlage eines Interviews mit einem Aktivisten gemacht, der schon lange vor dem 20. Dezember 2001 aktiv war und nun u.a. in der Asamblea Lezama Sur mitarbeitet. Ich danke ihm fuer die Muehe, die er sich macht, mir die Zusammenhaenge der sozialen Bewegungen Argentiniens zu erklaeren.

Geschichte wird gemacht...

Der 19./20. Dezember 2001 ist in Argentinien mittlerweile zu einem historischen Datum geworden. Diese zwei Tage der Rebellion haben das Leben der Menschen und damit den tagtaeglichen Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrueckung in Argentinien nachhaltig veraendert (... mehr dazu). Ueber den Aufstand selbst ist schon viel geschrieben worden, doch nun interessiert vor allem, was sich denn konkret veraendert hat. Die Veraenderung laesst sich erstmal in wenige Worte fassen: Die Bevoelkerung (vor allem die Mittelschicht, die bis dahin ueberhaupt nicht politisch aktiv war) wurde massiv politisiert, es entstanden in den darauffolgenden Wochen und Monaten sehr viele Projekte und Asambleas (Versammlungen).

...Menschen kommen in Bewegung...

Eine dieser Versammlungen war die Asamblea "Lezama Sur" im Barrio Boca, die sich am 15. Januar 2002 zum ersten Mal im Park Lezama traf. Den Aufrufen zu dieser Versammlung folgten etwa 150 Menschen, vor allem aus der Nachbarschaft (es ist ein armer Stadtteil) und aus dem oertlichen sozialen Zentrum ("Tierra del Sur" - das uebrigens die naechsten Tage oder Wochen geraeumt werden soll), vereinzelt waren auch VertreterInnen von Parteien anwesend. Zunaechst drehten sich die Diskussionen um einen politischen Rahmen - also um grundsaetzliche Slogans - um die Asamblea zu positionieren. Das war natuerlich sehr schwer und zeitaufwendig, da der Grossteil der Menschen noch nie politisch aktiv war und aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Hintergruenden kam. Es gab deshalb auch unterschiedlichste Vorstellungen, was zu sehr hitzigen Diskussionen fuehrte. Dennoch konnten einige (wenige) Slogans gefunden werden, denen sich der Grossteil der Menschen anschliessen konnte, wie z.B. "gegen ALCA/FTAA" (die geplante Freihandelszone von Alaska bis Feuerland - mehr dazu: ausfuehrlich / kurz) oder "Que se vayan todos!".Von der Versammlung gingen auch viele Demonstrationen aus, die allerdings in ihren Forderungen genauso wage blieben, wie die Slogans, welchen zugestimmt wurde. Das wichtige allerdings war, dass es eine Aktivitaet/ eine Bewegung gab, welche die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gegenueber der tagtaeglichen Ausbeutung und Unterdrueckung aufbrach. In den naechsten Wochen kamen meist 200 bis 300 Menschen zu der Versammlung und, da dies nicht die einzigste woechentliche Versammlung war, sondern in sehr vielen Barrios Versammlungen entstanden, bildete sich bald eine "Inter-Barrial", also eine Versammlung zur Vernetzung der verschiedenen Versammlungen. An diesen woechentlichen Vernetzungstreffen nahmen bis zu 4000 Menschen teil. Es wurden die Vorschlaege der einzelnen Versammlungen vorgebracht und daraus entstanden einige uebergreifende Forderungen, wie z.B. "gegen Arbeitslosigkeit", "keine Repression", "gegen Hunger",... und auch die ersten groesseren Mobilisierungen, die sich vor allem gegen die Mainstream-Medien richteten, da diese verbreiteten, es haette sich bei der Rebellion am 20. Dezember um einen Aufstand der Mittelklasse gehandelt, um ihr Erspartes zurueckzubekommen. Die wahren Hintergruende der Rebellion, also die Unzufriedenheit mit der Politik und die Ausbeutung und Unterdrueckung durch den Kapitalismus, wurden ausgeblendet.

...Parteien versuchen zu dominieren...

Im Hinblick auf den "Tag der ArbeiterInnen", dem 1. Mai 2002, deutete sich eine Wende bei der Versammlung im Park Lezama an. Die linken Parteien und Organisationen mit ihren verschiedenen Stroemungen (die wie auch in Deutschland zerstritten sind) versuchten die Menschen in der Asamblea fuer ihre jeweillige Veranstaltung zum 1. Mai zu rekrutieren. Aufgrund dieser Auseinandersetzungen verliessen immer mehr Menschen die Asamblea und die Zahl der TeilnehmerInnen reduzierte sich auf 70-80 Menschen. Es gab einen Mehrheitsbeschluss gegen Parteien und Organisationen. Es wurde ihnen vorgeworfen, immer nur Demonstrationen zu wollen, um ihre Positionen gut verkaufen zu koennen, doch der Grossteil der Menschen in der Versammlung wollte mehr, wollte kaempfen gegen die tagtaegliche Unmenschlichkeit des Kapitalismus. Das verstanden die Parteien und Organisationen nicht und argumentierten, dass sie doch gegen Kapitalismus seinen und dagegen ankaempfen, doch in der Sichtweise der Menschen taten sie nichts anderes als das, was auch die rechten Parteien tun, naemlich um die Macht zu kaempfen und dadurch nichts zu veraendern, im Gegensatz, sogar alles zu verschlimmern. Es kam zu einer Spaltung. Da aber niemand die Parteien per Beschluss aus der Versammlung ausschliessen wollte, entstand eine neue (zweite) Versammlung im Park Lezama, ohne die Parteien. In dieser neuen Versammlung begannen sehr bald erste Diskussionen ueber eine Besetzung, da der Winter vor der Tuer stand und ein Raum fuer Aktivitaeten her musste. Es wurden erste leerstehende Hauser abgecheckt. Die Regierung bot der Asamblea zwei leerstehende Haeuser an, unter der Bedingung, dass die Versammlung sich in eine legale Organisation mit Satzung und Vorstand verwandeln solle. Das wurde allerdings mit einem einstimmigen "Fuck Off!" der Menschen der Versammlung beantwortet und sie beschlossen, dass der einzigste Weg, einen Raum zu bekommen und weiterhin als Asamblea existieren zu koennen, eine Besetzung ist.

...Raum wird genommen...

Es wurden also weitere Haeuser abgecheckt und eine leerstehende Bank als idealer Raum empfunden, da es ein grosses Symbol ist fuer den Kampf gegen Unterdrueckung und Macht und den Slogan "Que se vayan todos" deutlich symbolisiert. Dazu muss gesagt werden, dass es sich bei der Bank um eine Filiale der "Banco Mayo" handelt, die bereits 1996 aufgrund von Korruption pleite gegangen war, wobei viele Menschen ihr Geld verloren. Am 13. Juli 2002 (15 Tage nach der Ermordung der Piqueteros Maxi und Dario, deren Namen nun zur Erinnerung den Eingang der Bank zieren) war es dann soweit - die Tuer der Bank war bereits offen (so sagt mensch hier zu Besetzungen) und etwa 100 Leute liefen in einer Demonstration vom sozialen Zentrum "Tierra del Sur" zur Bank. Es war eine grosse Party mit Menschen aus verschiedensten Nationen und verschiedensten sozialen Hintergruenden (Fotos). Vom 80jaehrigen Opa ueber die BewohnerInnen des sozialen Zentrums bis hin zu den Kindern der Nachbarschaft war alles vertreten. Die Polizei hielt sich zurueck. Eine Woche spaeter zur grossen Eroeffnungsparty kamen 500 Menschen.

...kaempfen bedeutet leben...

Die erste Versammlung in dem neuen Gebaeude beschloss, dass in Zukunft nicht mehr abgestimmt, sondern nur noch im Konsens entschieden werden soll. Es waren etwa 60 Menschen und in den ersten Versammlungen wurden nach langen Diskussionen einige grundlegende Prinzipien beschlossen, wie z.B. die Ablehnung von Autoritaeten und Parteien. Sehr schnell kamen diese allerdings und wollten sich beteiligen. Es wurde ihnen entgegnet, dass dies auch durchaus moeglich waere, wenn sie die grundlegenden Prinzipien mittragen. Das konnten sie nicht. Heute sind nur vereinzelt ParteimitgliederInnen auf den Versammlungen, die allerdings von den Menschen der Versammlung kritisch betrachtet werden. Es entstanden in naechster Zeit viele Projekte in der besetzten Bank, getragen von der Asamblea: eine Schulnachhilfe, die Kindern spielend lernen beibrachte, eine Werkstatt fuer Kinder, in der Skulpturen, Bilder und Collagen angefertigt wurden, ein Journalisten-Kurs fuer die Herstellung von Gegeninformationen, Moeglichkeiten zur Herstellung von Drucken, wie Plakate oder T-Shirts, Italienisch- und Englischkurse, eine Theatergruppe, woechentliches Kino... Natuerlich alles kostenlos, frei und offen fuer alle Menschen. Desweiteren wurde die besetzte Bank zu einem wichtigen Raum, der fuer Konferenzen ueber verschiedenste Themen genutzt wird, z.B. gegen Repression oder wie Nachbarschaftshilfe besser funktionieren kann (zu einigen Konferenzen kamen bis zu 400 Menschen, was die Bank nahezu aus den Naehten platzen lies). Ausserdem ist es ein wichtiger Punkt der Koordination mit anderen Bewegungen geworden, so gab es Treffen mit den Piqueteros des MTD (das ist die Piquetero-Organisation, die sich versucht moeglichst horizontal zu organisieren), mit den verschiedenen Organisationen der Nachbarschaft, verschiedenen Volkskuechen,... Desweiteren wurde von der Asamblea in der Bank ein Kindertag organisiert, zu dem 300 Kinder kamen und zum einjaehrigen Geburtstag des 20. Dezembers verschiedene Strassenblockaden ("piquetes") in der Nachbarschaft, die zu einer grossen Fackeldemonstration zusammenfuehrten.

...der Kampf geht weiter: Tag fuer Tag.

Fuer die naechste Zeit ist geplant in der Bank ein Radio fuer das Barrio einzurichten, in dem Gegeninformationen verbreitet werden koennen und es entsteht im Moment gerade eine Bibliothek. Desweiteren gibt es einen Internetraum, der auch von Indymedia Argentinien genutzt wird und noch ausgebaut werden soll. Weiterhin sind verschiedene Konferenzen geplant und Kurse, um den Menschen des Barrios Faehigkeiten zu vermitteln. Das naechste grosse Projekt der Asamblea wird der Kampf gegen die Praesidentschaftswahlen im April sein, von denen sich in Argentinien so gut wie niemand etwas erhofft. Prognosen gehen von einem Stimmenanteil ungueltiger Stimmen von bis zu 50% aus.

"Es ist wichtig all den verschiedenen Stimmen einen Raum zu geben und all die verschiedenen Stimmen zu hoeren. Es ist wichtig Zeit zu haben, um ueber Dinge zu entscheiden, sonst ist am Ende nichts entschieden" (ein Aktivist der Asamblea Lezama Sur)
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Ergänzungen

Sehr gute Sache!

Marat&Kumpanei 11.03.2003 - 08:03
Man darf die Berichterstattung der Gegenwart und der Vergangenheit nicht(!) Miet-Journaile aus den kapitalisischen und staatlichen Medien und die Geschichte nicht den Historikern überlassen!
Orwell sagte im "1984": Wer die Gegenwart beherrscht - beherrscht die Vergangenheit!
Die bürgerlichen Historiker & Journaile haben zu lange "die Vergangenheit" beherrscht - und sie tun es noch, siehe Guido Knopp vom Zweiten Deutschen Staatsfernsehen!

50% ungültige Stimmen

Icke 11.03.2003 - 12:33
In Argentinien herrscht Wahlpflicht. 50% ungültige Stimmen oder Nichtwähler wäre ein weiteres deutliches Zeichend der Ablehnung vieler Menschen.
Mit Sorge ist die steigende Repression zu sehen. Nach mehr als einem Jahr ist bei vielen die Kraft geschwunden und der Staat nutzt die Situation um der Bewegung empfindliche Schläge zu versetzen. Besonders symbolträchtige Institutionen werden angegriffen, um zu demoralisieren. Beispiel ist das seit 20 Jahren besetzte Haus, welches vor 2 Wochen mit brutaler Gewalt geräumt wurde - dabei war es seit 10 Jahren legal. Der Staat versucht ganz offen zu zeigen, daß er die Macht hat, alles zu tun.
Irgendwer meinte mal, daß den meisten Menschen in Argentinien nun zwei Optionen bleiben: zu verhungern oder auf der Straße im Kampf draufzugehen. Verhältnisse, wie wir sie uns hier im Wohlstandswunderland nicht vorstellen können.

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x 11.03.2003 - 14:14
Sehr schoener, vollstaendiger Bericht, gut zu lesen. Bitte mehr in diesem Niveau.

Baskische Geschichte

Ralf 11.03.2003 - 22:46
Schöner Bericht. Weißt du was über die baskische Geschichte von Lezama Sur. Der Name ist der Name einer baskischen Stadt Dorf und immer noch im Original geschrieben. Gibt es dort viele Einwanderer aus dem Baskenland, etwa eine Euskal Etxea. Irgend einen Zusammenhang muss es geben. Vielleicht sind, wie einst viele Basken, auch eine Menge Leute aus Lezama dahin ausgewandert, vor Franco geflohen....

@Ralf

info 12.03.2003 - 19:05
ja, es gibt hier schon auch eine baskische struktur, doch da weiss ich nix darueber, koennte ich aber in erfahrung bringen. auf jeden fall gibt es im barrio "la boca" ein baskisches haus, wo mensch die baskische sprache lernen kann... der name fuer die asamblea kommt allerdings daher, dass der park, wo sie sich zum erstenmal getroffen hatte parc lezama heisst.

@Icke

(((i))) ralpho 12.03.2003 - 19:20
Mit dem Zeichen der Ablehnung bei den naechsten Wahlen hast du recht, doch nur wird das nicht soviel bringen... Zeichen fuer wen? die politiker wissen bereits was sache ist, die leute selbst auch und ein zeichen fuer die weite welt wird es wohl auch nicht sein (und brauchen)... die menschen hier brauchen keine zeichen, das einzigste was zaehlt ist der kampf und das leben.

Die steigende Repression ist wirklich mit Sorge zu betrachten (dazu wird es in naechster zeit noch einen artikel geben). hier waere ein zeichen angebracht, dass den menschen hier rueckhalt gibt, ein zeichen aus europa. solikundgebungen und mehr. mit deiner analyse hast du soweit recht, nur mit deiner schlussfolgerung stimme ich nicht ueberein. es geht nicht darum zu verhungern oder im kampf draufzugehen, sondern ein anderes zusammenleben moeglich zu machen, projekte entstehen zu lassen, die menschen muessen naeher zusammenruecken... und das tun sie auch. es wird gekaempft, tag fuer tag.

>> Verhältnisse, wie wir sie uns hier im Wohlstandswunderland nicht vorstellen können<<

- da hast du recht, doch wir sollten es versuchen, denn soweit ist argentinien nicht von europa entfernt. klar gibt es in europa noch nicht soviel armut, doch im moment funktionieren ja auch noch die sozialen auffangsysteme ... mehr oder weniger ... doch wie lange noch???

vor allem sollten wir im wirtschaftswunderland mal beginnen zu kaempfen, uns zu organisieren und zu vernetzen, denn das bild im fernsehen stimmt schon lange nicht mehr mit der realitaet ueber ein. lassen wir uns nicht taeuschen, geht raus und schaut euch um.... und vor allem: schreibt darueber!!! - benutzt indymedia mal um gegeninformationen zu liefern, berichte von der strasse, nicht nur von tollen radikalo demos oder pazifistischen massenevents... die wahrheit ist irgendwo da draussen - vielleicht auch gleich in der nachbarschaft!!

Geh doch mal fragen

Ralf 12.03.2003 - 21:01
Aupa geht doch mal fragen, die Basken sind nett, pass nur auf, dass du nicht völlig besoffen aus der Euskal Etxea rauskommst. Dass der Park Lezama heißt könnte auch bedeuten, dass sich Fußballfans von Atletico Bilbao dahinter verbergen.

Caio Ralf