Übersetzungen zu Bolivien

Zentralamerika-Sekretariat 13.02.2003 18:27 Themen: Globalisierung Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Weitere Berichte zu den Ereignissen von gestern, 12.2.03, in Bolivien.
Infos zum Aufstand in Bolivien

Chronik der Plaza Murillo


Heinz Dieterich



Um 3h nachmittags am 12. Februar besprach das Exekutivkommittee des Gewerkschaftsverbandes COB (Central Obrera Boliviana) ihr „Manifest der COB an die Nation“. Tränengas drang durch die Fenster und erschwerte die Diskussion. Von der historischen Plaza Murillo, dem Sitz des Kongresses der Nation, fünf Strassenzüge entfernt, drang immer öfter der Knall von Kriegswaffen herein.



Saturnino Mallcu Choquetylla, Exekutivsekretär der COB, verliest den Manifsttext und bittet um Stellungsnahmen. Klagen unterbrechen die Sitzung, als plötzlich eine Tür aufgerissen wird und drei Frauen eintreten, welche die COB um Hilfe bitten: „Die Soldaten bringen uns um wie Tiere, sie töten unsere Männer, helft uns, bitte!“. Sie werden betreut, die Sitzung geht weiter.



sie Delegierte der Minengewerkschaft kommen. „Der Alto erhebt sich“, die rieisge Armutsstadt am Rande von La Paz. „die ArbeiterInnen strömen aus den Fabriken und die Armee hat zu schiessen begonnen. Es gibt schon mehrere Verletzte.“ Das Volk steht auf.



Morgen gibt’s einen nationalen Streik, sagt Saturnino, und die Demo wird sehr stark sein. Der Präsident der Gewerkschaft der Minenarbeiter, ein alter Sozialkämpfer, unterbricht ihn: „Ich glaube, dass wir nicht hier diskutieren dürfen, wenn das Volk auf der Strasse ist. Die COB muss beim Volk sein“.



„Du weißt, dass es sehr schwierig ist, auf die Plaza Murillo zu gelangen. Die ganze Zone ist militarisiert“, antwortet Saturnino. Aber bald ist die Meinung einhellig: die Gewerkschaft muss auf der Strasse kämpfen. „Gehen wir“, sagt Saturnino, packt seine Papiere zusammen und alle folgen ihm auf die Strasse. Sie entfalten die rote Fahne der COB und die zwanzig Leute des Exekutivkommittees versammeln sich dahinter.



Gegenüber befindet sich das Gebäude der Luftwaffe und auf dem Gehsteig observiert sie ein Militärpolizist mit einem Fernglas. Er benachrichtigt das Operationskommando, dass die COB auf der Strasse ist. alle sind besorgt, denn die Armee hat Scharfschützen auf den Dächern der grossen Gebäude aufgestellt, die schon mehrere Personen erschossen haben. Jemand schreit „Schweine“ und die zwanzig Tapferen beginnen ihren Marsch zur Plaza Murillo.



Die Auseinandersetzung auf dem Platz ist gewalttätig. 6 Polizisten, 7 ZvilistInnen und 2 Soldaten sind schon tot. Die Strassenschalacht tobt zwischen zwei Teilen des Staatsapparates. Die Regierung des neoliberalen Präsidenten Gonzalo Sánchez de Losada – eines begüterten Gringounternehmers, der kaum spanisch spricht – hat eine Lohnsteuer von 12.5% verfügt, die die kümmerlichen Einkommen der Arbeiter, Polizisten, Lehrerinnen und anderer Sektoren noch weiter aushöhlt.



Die Ablehnung der Massnahme ist einhellig. Aber der Gringo-Unternehmer/Präsident hört nicht auf die Warnungen der meuternden Polizisten: „Wir werden uns bewaffnet verteidigen, wenn die Armee interveniert“. Aber der Gringopräsident hört nicht auf sie. Er kann nicht. Seine Herrschaft befindet sich in der Nähe. Eine Mission des IWF, welche die Massnahme diktiert hat, residiert in einem 5-Stern-Hotel von La Paz. „Entweder der Steuercoup“, haben sie ihrem Politangestellten Sánchez Losada gesagt, „oder die Benzinpreiserhöhung“. „Steuercoup“, hat Lozada geantwortet. Deshalb fliesst das Blut in der Plaza Murillo.



Die Leute und die Polizisten applaudieren der kleinen Avantgarde der COB, die sich der Plaza nähert. Leute aus den umliegenden Strassen schliessen sich an. Das Gas wird penetranter, Augen, Nase, Hals brennen. „Eine Zigarette rauchen mildert die Wirkung“, raten einige und andere machen zum gleichen Zweck grosse Feuer auf der Strasse. Das kurze und trockene Geräusch leichter Waffen, das Dröhnen von schwererem Kaliber, die MG-Salven und die Tränengasgranaten bedrohen das „pequeño ejército loco“ der COB und des Volkes (die kleine verrückte Armee).



Der entscheidende Moment naht. In den umliegenden Strassen bleiben oder auf den Platz gehen, mit dem Risiko zu sterben. „Con fusil y metralla, el pueblo no se calla“ – mit Gewehr und MG, das Volk schweigt nicht! Der herausfordernde Schrei wächst und mit ausserordentlichem Heroismus dringen die Menschen auf den Platz vor, geführt vom Exekutivkomitee der COB und gedeckt hinter dem roten Transparent.



Im Moment, als der Kopf der Demo auf dem Platz in Richtung Kongress dreht, beginnen die Schüsse. Auf der andern Seite geben die mit leichten M-1-Gewehren bewaffneten Polizisten Zeichen, sich zu decken und zurückzuziehen. Aber es ist zu spät. Die ersten zwanzig bleiben wehrlos vor den MGs des Kongresses, während die Kugeln über den Köpfen der andern achtzig in einem gelben Gebäude einschlagen. Sie verstekcen sich hinter den wenigen Bäumen und einem Zeitungskiosk und warten einen günstigen Moment ab, um die Strasse zu überqueren. 10 Meter, die über Leben und Tod entscheiden können.



Applaus! 3 Polizisten kommen mit Kriegswaffen: M-16 und Handgranaten. Speziakommandos vom Typ Rambo. Der erste rennt über die Strasse, trotz des Feuers eines MG vom Kongress her, das ihn treffen will. Der zweite wiederholt die Tat. Die Leute schreien, klatschen, lachen. Es ist die überbordende Freude der Unbewaffneten, der Armen, der Wehrlosen.



Nach zehn Minuten bewegt sich ein Vorhang im dritten Stock des gelben Hauses. Rambo Nr. 1 kommt zum Vorschein. Er öffnet vorsichtig einen Fensterflügel und der Lauf seines Gewehres wird sichtbar. die Leute rasten angesichts des Moments der süssen Rache aus, welche der erste Schuss aus dieser tödlichen Waffe sein wird. Aber sie schreien nicht, um die Soldaten im Kongress nicht aufmerksam zu machen. Der Schuss geht ab. Die Menge schreit und tobt. Die Stimme der Stimmlosen hat gesprochen, die Waffe der Waffenlosen redet mit.



Um 16:30 befiehlt der Gringopräsident den Rückzug der Streitkräfte, der Nationalpolizei und des Steuercoups seiner Freunde vom IWF. Die Kriminellen mit Krawatte beobachten von ihrem Luxushotel aus die Erhebung des mutigen Volkes der Aymaras, der prähispanischen Collas, der würdigen VertreterInnen heute der Republik, die den Namen des Libertadors, des Befreiers, trägt.



Zu spät. Während das TV der Oligarchie den Schaden an Privateigentum beklagt und Lüge um Lüge erfindet, um das Volk zu verunglimpfen – im Stil der venezolanischen Manipulationsprofis – nimmt das Volksfest seinen Verlauf. Ministerien brennen, die Vizepräsidentschaft, Büros der Partei der schlechten Regierung ....



Unterdessen hat die Regierung die ganze Zone, wo sich das Büro der COB befindet, militarisiert. Zu spät! sie tagt im Untergrund. Sie bereitet den Tag der grossen Demonstration vor ...



PS: Ob Lucio Gutiérrez zuhört?



(Der neue ecuadorianische Präsident Lucio Gutiérez verfügte kürzlich eine massive Benzinpreiserhöhung des IWF).



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Bolivianische Revolution


Juan Carlos Vallejo*



Ja! Bolivianisch! Denn die Bolivarianische hatten wir schon.



Es war eine Frage von Tagen. Die soziale Situation in Bolivien war unerträglich, wie in Argentinien, Paraguay, Uruguay und Kolumbien. Hunderttausende von Campesinas und Indígenas, ihrem Schicksal überlassen durch eine kleine autistische Oligarchie, die fleissig das Knie beugt vor ausländischen Interessen, rebellierten gegen ihre historische Marginalisierung. Die Warnungen internationaler Organisationen vor Hunger und Verarmung der lateinamerikanischen Völker blieben ungehört.



Was heute, 12. Februar 2002, als reiner Lohnprotest der bolivianischen Polizei erwartet war, wandelte sich in eine soziale Revolution ungeheuren Ausmasses. Die ganze Polizei des Landes meuterte. Das indigene Volk schloss sich dem Protest an. Die Regierung rief die Streitkräfte, um „die Meuterei dieser Indios“ zu unterdrücken. Aber sie beachtete nicht, dass die grosse Mehrheit der Soldaten, unteren und mittleren Offiziere Indígenas waren. Und dass die, die sie unterdrücken sollten, ihre Grosselten waren, ihre Onkel und Tanten, Mütter und Väter, ihre Brüder und Schwester! Quechuas und Aymaras, wie sie. „Uray!“ in der Quechua, „Aynache!“ in Aymara, schrie das wütende Volk jene soldaten an, die ihre Waffen immer noch nicht senkten. Die Meisten taten es und schlossen sich der Rebellion an. (In Bolivien sind laut Volkszählung von 1999 55% indigen, 30% MestizInnen und 15% weiss).



Es gibt viele Tote und Verletzte. Einige hohe Offiziere, meist weisse Generäle, die man, trügen sie nicht das Abzeichen „Heer von Bolivien“, mit denen verwechseln würde, die in Irak einmarschieren werden, erteilen weiter den Befehl, auf das Volk zu schiessen.



Bolivien brennt: Es lebe die Bolivianische Revolution!



*Menschenrechtler

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Die Volksrebellion fällt den Steuercoup des IWF



Bolpress.com/La Haine



La Paz, Bolivien, 13.2.02. Über 13 Tote, 89 Verletzte, die Verwüstung des Arbeitsministeriums – Saldo der Repression der Volksrebellion, welche die Regierung mit ihrem Budgetvorschlag auslöste. Der beinhaltete einen Stuercoup von 12.5 Lohnprozenten für die Angestellten des öffentlichen Sektors. Der IWF beharrte bis um 15h darauf, dass die Regierung diese Massnahme beibehalte, als „Aktion, um das Fiskaldefizit von 9 auf 6% zu reduzieren“.


Bankenschliessung und Suspendierung von Aktivitäten



Die Regierung verfügte aufgrund der kritischen Situation für diesen Donnerstag (13.2.) landesweit die Schliessung der Banken und die Suspendierung von öffentlichen und privaten Aktivitäten. Arbeitsminnister Jaime Navarro begründete die Massnahme mit den Zusammenstössen, welche zum Tod von 10 Personen – Soldaten, Polizisten und ZivilistInnen – geführt hatten. Navarro kündigte eine Sitzung des vollständigen Kabinetts mit Präsident Sánchez de Lozana an, ohne dessen Tagungsort anzugeben.


33 Tote in einem Monat der Sozialkämpfe



Die Regierung Sánchez de Lozana schlug den Repressionsrekord der letzten Jahre und selbst die Zahlen während der Diktaturperioden. In einem Monat hatte die Regierungsrepression 33 Tote provoziert. Im September 2002 unterbreiteten die Coca-ProduzentInnen des Chapare der Regierung ihre Forderungen nach einer alternativen Entwicklung und einer neuen Politik zur Vernichtung der Coca-Pflanzungen. Doch trotz einiger Annäherungen der Regierung mit den von Evo Morales vom Movimiento al Socialismo (MAS) geleiteten Cocaleras und Cocaleros kam es nicht zur „erwarteten Verständigung“.



Ab dem 13. Januar blockierten Campesinas und Cocaleros die Strassen. Doch sofort begannen Polizei- und Militäreinheiten die Blockierenden mit brutaler Gewalt zu unterdrücken. 17 Menschen starben bei Auseinandersetzungen in verschiedenen Regionen von Cochabamba, Chuquisaca und Oruro, wo auch ein Minenarbeiter den Militärs zum Opfer fiel.



Ein anderer mit der Regierung unzufridener Sektor, die Pensionierten, starteten im Ort Pacamaya zu einem Marsch auf den Regierungssitz. Sie verlangten die Annullierung eines Artikels des Gesetzes, das ihre Renten an den Kosumentenpreisindex band. Unterwegs wurden sie bei Pan Duro von Polizeieinheiten angegriffen. Als sie sich in ihre Herkunftsregionen zurückzogen, starben bei einem angeblichen Verkehrsunfall acht RentnerInnen. Der den Unfall verursachende Wagen gehörte einem Familienmitglied von Präsidentschaftsminister Carlos Sánchez Berzain.



Später bildeten die ArbeiterInnen der verschiedenen Sektoren den sog. Generalstab des Volkes und verlangten den Rücktritt des Präsidenten. Sie beschlossen, mit diesem alle Forderungen zu verhandeln, darunter nationale und strukturelle Probleme wie die Amerikanische Freihandelszone (ALCA), den Export bolivianischen Gas über einen chilenischen Hafen und die Coca. Nach verschiedenen Zusammenstössen, in denen Cocaleras, Campesinos und Uniformierte ihr Leben verloren, kam es zu sieben bis heute ergebnislosen Verhandlungstischen mit der Regierung.



Die Verkündung des Steuercoups brachte die soziale Situtation zum Kochen.



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Infos auf spanisch: www.rebelion.org und  http://bolivia.indymedia.org

Übersetzung: ZAS, 13.2.02
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Ergänzungen