Warum wir nicht am Weltsozialforum teilnehmen werden

rojinegro 11.01.2003 00:43 Themen: Globalisierung
Das "Movimiento Piquetero de Pié" aus Argentinien hat das französisch/spanische anarchistische Internetprojekt LA HAINE zur Teilnahme an einer Arbeitsgruppe zum Thema Kommunikation auf dem Weltsozialforum 2003 (WSF) in Porto Alegre eingeladen. In einem offenen Brief unterzieht LA HAINE Veranstaltungen vom Schlag des WSF einer Kritik und begründet, warum sie daran unter keinen Umständen teilnehmen werden.
[Antwort von LA HAINE auf die Einladung des "Movimiento Piquetero de Pié, an einer Arbeitsgruppe zum Thema Kommunikation auf dem Weltsozialforum 2003 (WSF) in Porto Alegre teilzunehmen]


Genossen von Barrios de Pie,

Wir freuen uns über eure Einladung am Weltsozialforum in Porto Alegre teilzunehmen, aber wir können Sie nicht annehmen.

Wir werden nicht zum WSF gehen, weil wir nicht an dessen Voraussetzungen und Grundlagen glauben.

Wir glauben nicht an die Möglichkeit eines "Dritten Weges", der weder Kapitalismus noch Sozialismus sein soll und auch nicht an eine bessere Welt durch einen "Neuen Kapitalismus", der "humaner und solidarischer" sein soll, damit die Globalisierung "zivilisierter und humaner" wird.

Wir glauben nicht daran, dass - wie auf dem letzten WSF gesagt wurde - eine "zweite Phase" der Globalisierung notwendig ist weil "die erste Phase ... viel Armut und soziale Ungleichheit erzeugt hat, weil sie die sozialen Aspekte kaum berücksichtigt hat".

Wir glauben nicht an ein Forum, dass neben anderen Gestalten durch den Direktor von Le Monde Diplomatique und Präsidenten von ATTAC Frankreich, Bernard Cassen, organisiert wird, die diesen Forum dazu benutzen, das "neue" politische Konzept der "organisierten internationen Zivilgesellschaft" durchzusetzen, in der es keine Unterschiede zwischen ArbeiterInnen und Bossen gibt.

Wir glauben nicht an ein Forum, dass weder baskische noch kubanische Gruppen einlädt, keine Intelektuellen wie James Petras oder KämpferInnen wie die Mütter der Plaza de Mayo oder die kolumbianische FARC, stattdessen aber französische Minister, Verfolger politischer Strömungen wie den spanischen Richter Baltasar Garzón und Mitglieder der brasilianischen Regierung.

Wir glauben nicht daran, dass "die gewählte Demokratie gestärkt werden" müsse, wie in der Abschlusserklärung des letzten WSF vorgeschlagen.

Wir glauben nicht daran, dass für die "Abschaffung der Auslandsverschuldung" einer Übereinkunft mit den Gläubigern erzielt werden muss, wie das WSF nahelegt.

Wir glauben nicht daran, dass man eine Grußbotschaft des UN-Generalsekretärs, Kofi Annan, an das letzte WSF als "Erfolg" bezeichnen kann, in der dieser feststellte, dass die "Zivilgesellschaft" sich bereithalten müsse, "gemeinsam für eine Wandel zu arbeiten, statt eine indifferente und zweideutige Haltung hinsichtlich einer Politik der Konfrontation einzunehmen".

Wir glauben an das, was im Manifest der jungen brasilianischen Antikapitalisten während des Camps gegen das erste WSF gesagt wurde: "Eine andere Welt ist nur dadurch möglich, dass ... der Kapitalismus zerstört wird".

Wir glauben an die Selbstverwaltung, die Dezentralisierung, die direkte Demokratie und die Autonomie als Antwort auf das Gewaltmonopol, die Information, die Kultur und die Verwaltung des Reichtums, derer sich derzeit der Imperialismus bedient. Wir glauben daran, dass der Aufstände nicht "terroristisch" sind, terroristisch ist vielmehr die staatliche Repression gegen sie. Wir glauben daran, dass der Wandel hin zu einer ökologischeren, feministischeren und solidarischeren Welt radikal sein muss.

Wir wissen, dass Initiativen wie das WSF nicht mehr sind, als eine Antwort der globalisierten Sozialdemokratie und des linken Flügels des Kapitals um die Einstellungen von Oppositions- und Widerstandsbewegungen einzudämmen. Bewegungen, die für das System sehr wohl beunruhigend sind und die durch die reformistischen Pole, in denen sich das Schlechteste der neoliberalen europäischen Sozialdemokratie versammelt hat, zum Schweigen gebracht werden sollen, während "politisch unkorrekte" Optionen an den Rand gedrängt und aus dieser wohlmeinenden sog. "Antiglobalisierung" ausgeschlossen werden sollen.

Wir sind ein Planet von Schafen, die von einem Rudel Wölfe behütet werden, für die wir nicht mehr sind, als das Mittel zur Befriedigung eines immerwährenden Hungers. Das WSF erweckt den Eindruck, als wäre es möglich, diese Realität so zu ändern, dass daraus eine kooperative und gleichwertige Beziehung zwischen Gleichen wird. Eine Sache, die der Natur der Wölfe völlig entgegengesetzt ist.

Wir behaupten, dass die Natur der Wölfe so ist, wie sie ist, dass diese nun mal Fleischfresser sind und dass sie deshalb nicht damit aufhören werden, sich von uns zu ernähren, solange sie existieren. Wir können deshalb nicht an diesen Foren teilnehmen, weil diese - bewußt oder nicht - im Austausch für ein wenig Teilhabe am neokapitalistischen Besäufnis mit den Unterdrückern zusammenarbeiten.

Wir kennen diese für das System notwendige Rolle der Lähmung von Widerstand durch Versprechungen mehr als zur Genüge. Versprechungen, die bestenfalls darauf hinaus laufen, dass sich tatsächlich absolut keine der Ungerechtigkeiten ändert, gegen die wir kämpfen.

Da dies so ist und da wir aus Überzeugung einen politischen Weg verfolgen, der von demjenigen der Repäsentanten des WSF grundsätzlich verschieden ist, können wir nicht anders als eure liebenswerte Einladung ablehnen und stattdessen weiter für eine Menschheit frei von Unterdrückern zu kämpfen.

Wir sind aber jederzeit bereit, über neue Organisationsformen und Treffen außerhalb dieser Struktur zu diskutieren, die sich anfangs als hoffnungsvolle Idee darstellte, heute aber wie viele andere auch durch eine Politik der Versöhnung absorbiert ist.

Da auf dem WSF die Teilnahme verschiedener Organisationen verboten wurde, weil man sie als nicht "respektabel" und "tolerant" ansieht, hat auch La Haine, die wir ebenfalls nicht in dieses Modell passen, dort nichts zu suchen.

Einen solidarischen Gruß an den mutigen Kampf der argentinischen Bevölkerung

La Haine
 http://www.lahaine.org/
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Ergänzungen

Eigene Arbeitsgruppen?

Anarchist 11.01.2003 - 01:06
Gäbe es eigentlich nicht die Möglichkeit auf dem WSF eine eigene (autonome/unabhängige und selbstverwaltete) Arbeitsgruppe aufzubauen, in der antikapitalistische Gruppen zusammenarbeiten?

Achso

Anarchist von eben 11.01.2003 - 01:10
+++ Da auf dem WSF die Teilnahme verschiedener Organisationen verboten wurde, weil man sie als nicht "respektabel" und "tolerant" ansieht, hat auch La Haine, die wir ebenfalls nicht in dieses Modell passen, dort nichts zu suchen. +++

Damit dürfte meine Frage wohl beantwortet sein.

Fuck Attac

Disobedientes waren schlauer

anarchia si 11.01.2003 - 03:13
Beim ESF sind sie in das Forum gegangen und dank der Dynamik vor ort, haben antikapitalistische Positionen dominiert - selbst von einigen attaclern kamen solche Meinungen. LA HAINE glänzt mal wieder surch Sektierertum. Den Machthabenden kanns nur recht sein, wenn sich antikapitalistische Strömungen von sich aus in ihre Nischen zurückziehen und das vor-sich-hin-mesckern als einzige Aktionsform (neben Flugies-schreiben) praktizieren.
Was aber Sektierertum und Kampf gegen andere (statt Kampf FÜR etwas) mit libertären Ideen zu tun haben, ist mir schleierhaft. Scheint so, als wenn einige derer, die sich Anarchisten nennen, verkappte Kommies sind.
Es werden hoffentlich genügend linke und anarchistische Gruppen beim WSF sein, um Einfluss auszuüben.

sandankoro 11.01.2003 - 08:12
Die Gruppen welche am WSF teilnehmen sind genauso vielschichtig wie die Menschen die sich bei Attac engagieren. Wenn wir aber darauf warten, daß es eine Entwicklung gibt die genau unserer Gruppe/Meinung folgt und Recht gibt, und die dann auch noch in der Lage ist etwas zu bewegen, dann kommen wir nie vom Fleck.
Eventuell hilft es wenn mensch, so wie ich, in einem relativ kleinen Ort wohnt, wenn ich hier was bewegen will, muß ich mit Leuten zusammenarbeiten die aus Kirchengruppen kommen, aus der Solzialarbeit und mit der Verwaltung, das gibt mir eine Sicht auf WSF und Attac im Kleinen!
Wenn ich mich hierbei auf meine Position beschränken würde, wäre ich ein Einzelkämpfer ohne Chance wirklich etwas zu bewegen.
Und noch eine Anmerkung: Ich bin immer wieder erstaunt wie gut viele Leute informiert sind, die z.B. aus kirchlichen Grppen kommen oder aus der Umweltbewegung, da wo bei uns immer noch Parolen und Ausgrenzung vorherrschen schaffen es diese "ExpertInnnen im Kleinen", gute Projekte aufzubauen und regional eine Menge zu bewegen.
Wir können natürlich weiterhin warten bis uns die Massen ernst nehmen, daß werden sie aber nie alleine dadurch, daß sie uns in kleinen Gruppen und müde Parolen grölend durch die Städte ziehen sehen. Warum gibt es denn von unseren Gruppen soviel Kritik an Attac, am WSF, an Entwicklungszusammenarbeit und Umweltgruppen aber kaum Ansätze wirklich einmal selber was zu machen?

Ich habe jedenfalls für eine "spießige" Oma die sich jeden Tag damit beschäftigt für die örtliche Tafel die Armen dieses Landes zu versorgen mehr Respekt als für viele der in der Linken versammelten Theoretiker.

Wir können voneinander eine ganze Menge lernen, viele andere sind bereit uns zuzuhören und mit uns zusammenzuarbeiten, warum also sehen wir uns weiterhin als die Creme de la Creme der Gesellschaft und denken der Rest hätte keine Ahnung?

11.01.2003 - 09:32
Sowas weckt eher den Eindruck keine Argumente zu haben!

Das sind doch keine Konzepte!

mannheim-68erz 11.01.2003 - 10:53
Es gibt Leute, die sich in ihrer "kleinbürgerlichen Naivität" doch glatt Gedanken über konkrete Verbesserungsvorschläge für das Leben auf diesem Planeten machen. Igitt, wie spiessig! Das können doch keine unbeugsamen Ritter im Kampf gegen Kapitalismus sein. Allein der Gedanke daran - Reformen, Wandel des Systems - bäääh! Aber zum Glück gibt es ja uns. Wir trotzen allem und jedem, auch diesen verkappten Sozis. Wir sorgen dafür, dass die Linke unverdorben bleibt, eine kleine Elite eben. Dann können wir wenigstens sagen: Die Welt bleibt zwar schlecht, aber wir haben unsere "Nieschen" in der Gesellschaft und sind die Oberchecker!

Aber mal Spass beiseite. Wenn Menschen einen "Dritten Weg" vorschlagen, weil sie realistisch das Beste für die ganze Menschheit erreichen wollen, find ich das OK. Denn in einer Welt, in der man weniger stark kapitalistischen Verwertungszwängen unterworfen ist, bleibt mehr Energie, sich weiter zu emanzipieren.
Unser Feind steht nicht irgendwo in der Linken - er steht rechts und/oder ist neoliberal!

Diesen eigentlich gar nicht so linken Reflex, ohne eigene Konzepte alles nicht radikal-revolutionäre gleich zu dissen, find ich jedenfalls scheisse!

La Haine sagt nur wie's ist

e.goldman 11.01.2003 - 12:12
Ich finde es interessant, wie viele Leute sich hier offensichtlich tummeln, deren Dissidenz sich in der Anlage von ökologischen Gartenteichen und der gönnerhaften Mildtätigkeit für die Verlierer des kapitalistischen Systems erschöpft. Natürlich haben die Leute von La Haine Recht. Wozu sich in Porto Alegre mit dem gleichen Pack an einen Tisch setzen, das uns hier regiert oder regieren möchte? Das können wir getrost den Lehrern, Sozialarbeitern, Projektmanagern, Agenda-Spezialisten und sonstigen Kriegsgewinnlern und Besserverdienern überlassen. Letztes Jahr gab haben anarchistische Gruppen aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas in Porto Alegre einen Gegengipfel gegen das WSF organisiert. Wird es einen solchen dieses Jahr wieder geben?

was haben sie davon?

anti-anti 11.01.2003 - 12:24
abgesehen von der schon über mir genannten kritik an dem schriftstück frage ich mich auch, was die gruppe sich von einer verweigerung erhofft. wenn sie kommen würden wären sie sicher nicht das linke vorzeigeprojekt, mit dem sich das wsf dann alibihalber schmücken würde, und wenn sie fernbleiben wird sie auch keiner vermissen. eindruck hingegen würde ein auftritt mit fundierter und radikaler kritik an den bestehenden verhältnissen und vielleicht (wenn sie es für nötig halten) am wsf, bzw. dessen inhalten und dessen teilnehmern machen, da das die anderen teilnehmerinnen und teilnehmern des wsf bestimmt mehr beeindruckt, als das nichterscheinen.
naja, vielleicht ist es ja auch kein großer verlust ...

schwach

clandestino 11.01.2003 - 13:39
wär doch viel besser, wenn sich die antikapitalisten zusammentun und gemeinsam bei solchen veranstaltungen intervenieren, durch irgendwelche aktionen, wilde gegenveranstaltungen... man muss den reformern, diesen langweiligen funktionären, doch nicht alles kampflos überlassen oder? also die begründung, dass WSF ist zu reformistisch, find ich daher schwach.

die avantgarde bleibt exclusiv!

prof. bienlein 11.01.2003 - 14:41
im unvermeidlichen balance-akt zwischen opportunismus und sektierertum hat haine wohl das gleichgewicht verloren. und jetzt? warten bis die massen ihre kleinbürgerlichen und opportunistischen mängel einsehen und sie später, wenn sie gereift an haines radikalität heranreichen als endlich ebenbürtig akzeprieren? ganz schön bequeme vorstellung von (revolutionärer) politik.. für die vorrevolutionäre zeit viel kraft, liebe und balance allen, die den opportunisten enger auf die pelle rücken! (lieben gruß besonders an die provinz, aus der hier eben gepostet wurde)

damit´s auch alle vermuten

stalinator 11.01.2003 - 18:09
mimen wir die guten.

wen interessiert´s?
wem nützt es?
wer hat jetzt weniger probleme das ding zu dominieren?
erst denken, dannn beschließen

hoch lebe die scmollecke!
hoch lebe der weg des geringsten widerstandes!

WSF

mensch 11.01.2003 - 23:33
Sicherlich gibt es viel berechtigte Kritik an dem WSF und vor allem an einem teil von Attac Frankreich, die teilweise scheinbar die Französische Nation als Alternative zu Amerika verkaufen wollen(aber da sind nicht alle so und wer fuck attac schreit ist ein in Schubladen denkender, ewig gestriger und wird diesem System wohl nie eine wirkliche verenderung entgegensätzen können.
Trotzdem ist es wichtig und richtig mit den ganzen Sud-Amerikanischen Gruppen, den Basis aktiven ob bei attac oder einer Umweltgruppe weiter Internationalen widerstand zu Organisieren.
Wer glaubt es ist nicht möglich diese menschen zu verändern, wie will die es dann schaffen diese Geselschaft zu verändern.

wie

insurgente 12.01.2003 - 16:09
soll mensch es sich überhautp leisten nach brasilien zu reisen.

ist doch klar , dass sich da die 'arbeiteraristokratie' trifft
und ne einladung ist auch noch nötig
das hört sich sehr nach geschlossener gesellschaft an
da bleibt nun die frage , wer hier selektiert und ausGRENZT

Ziel?

mariblues 12.01.2003 - 17:47
ich weiß nicht ob es wirklich eine Lösung ist, die Einladung vom WSF nicht zu akzeptieren, natürlich gibt es am WSF einiges zu kritisieren, und gerade deswegen wäre es wichtig, als WSF-kritische Gruppe, die Einladung anzunehmen, um seine Verbesserungs/Veränderungsvorschläge dort, vor Ort und vor allen anzubringen, anstatt die beleidigte Leberwurst zu spielen und zu sagen, dass sowieso alles scheiße ist.
Außerdem solltet ihr vielleicht ein wenig von eurem etwas weltfremden Menschenbild abrücken; wir sind nicht alle entweder Schafe oder Wölfe.
MfG

bevor ich nach brasilien flieg...

martin 13.01.2003 - 11:18
und mir mit teuer geld einen disko-"urlaub" leiste, verwende ich das geld und meine zeit lieber für ne lokale aktion als urlaub im nem weltweiten theoretischen debattierclub zu machen.

just my 2 pence