Wurzeln der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert

Svennie d. R. 23.12.2002 01:30 Themen: Bildung Gender
Während Begriffe wie Demokratisierung, Industrialisierung, Kapitalismus und Sozialismus oder Personen wie Bismarck; James Watt, Marx und Liebknecht oder die Humboldt-Brüder zum einschlägigen Schulstoff gehören, ist über Begründerinnen und Verfechterinnen der Frauenbewegung in Deutschland und Europa nur wenig bekannt. Lediglich Rosa Luxemburg, Bettina von Arnims und Clara Zetkin dürften noch einer breiteren Masse von Menschen, die wahrscheinlich eher in der DDR sozialisiert wurden, geläufig sein. Der Kampf der Frauen für ihre Rechte findet seine Wurzeln im achtzehnten und 19. Jahrhundert und steht in enger Verbindung mit Namen Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft und Caroline Schlegel-Schelling .
In der Geschichte ist die Frau eine gesichtslose Gestalt, die meist nur auf ihre Ergänzungsrolle als Gattin oder Mutter reduziert wird. Betreibt man etwas intensivere Spurensuche nach der Einmischung von Frauen ins öffentliche Leben, so wird man spätestens im 19. Jahrhundert fündig.
Die Namen derer, die in den letzten 200 Jahren daran mitgewirkt haben, daß sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft gravierend verändert hat, sind heute größtenteils in Vergessenheit geraten oder waren nie wirklich bekannt.
Heute können Frauen wählen und gewählt werden, haben ein Recht auf Bildung, Arbeit, freie Berufswahl, Eigentum und gelten als vollmündige Rechtspersonen.
Einstmals waren dies die Forderungen der radikalsten Frauengruppen. Es wäre falsch und naiv zu behaupten, daß sich diese verhältnismäßig jungen Rechte der Frau auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausgewirkt hätten. Die Realität am Arbeitsplatz und in der Familie sieht anders aus.
Ohne die Frauenbewegung des 19. Jh. Wären diese o. g. Errungenschaften heute sicher noch unvorstellbar
Die Französin Olympe de Gouges, die Großmutter von Paul Gaugin, forderte zum ersten Mal in der westlichen Geschichte die Gleichberechtigung der Geschlechter.
Sie war die erste Frau, die sich anläßlich der Hinrichtung des Bürgers Carpet, dem ehemaligen König Ludwig XVI gegen die Todesstrafe äußerte. Sie wehrte sich gegen die Vergeltung unmenschlichen Verhaltens mit ebenso unmenschlichem Verhalten. Robespierre ließ sie daraufhin guillotinieren.
In der ersten Hälfte des 19. Jh. setzte sich Flora Trista für die Rechte von Arbeiterinnen ein. Zu dieser Zeit galt die Frau noch als Eigentum des Mannes und hatte auch nach Napoleons Code Civil kein Recht, die Scheidung einzureichen. Ein Recht auf Schul- und Berufsausbildung oder gar selbstständige Arbeit gab es ebenfalls nicht.
"Und sie beschwor die Frauen "Du wirst weder Sklavin sein noch Paria". In ihrem 1842 veröffentlichten Manifest "l'union ouvrière" ("Arbeiterunion") forderte sie neben den allgemeinen Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse "die Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetz", die "Anerkennung der dringenden Notwendigkeit, den Frauen des Volkes eine moralische, geistige und berufliche Erziehung zu geben, damit sie ihre Aufgaben als Erzieherinnen des Volkes bewältigen können" (Tristan, 1988)
Es gibt zu denken, daß Marx und Engels, die die Werke von Flora Tristan kannten, 5 Jahre später in "Die heilige Familie" eine ähnliche sozialkritische Analyse der Gesellschaft liefern, ohne die Leistung von Flora Tristan zu erwähnen." (Carmen Stadelhofer, Frauen im Aufbruch, 1998)
Seit der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts setzten sich die Saint-Simonistinnen für das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung, freie Partnerwahl und freie Liebe ein. "La femme libre" (Die freie Frau) war die erste Zeitschrift der Frauenbewegung und wurde von dieser Gruppierung herausgegeben.
Die Engländerin Mary Wollstonecraft bemühte sich um ein Wahlrecht für Frauen und war eine wichtige Wegbereiterin für die Frauenbewegung in England.
Während der Revolution von 1848 wurden Frauenrechte nur beiläufig bis gar nicht zur Debatte gestellt.
Die Schriftstellerin Fanny Lewald steckte viel Kraft in den Kampf um Selbstbestimmung für das Recht auf Arbeit und Bildung für Frauen.
Die erste Frau, die in Deutschland zu dieser Thematik öffentlich einen Meinung bekundete, war die politische Dichterin Louise Otto-Peters, die auch die Gründung von Frauenbildungs- und Fachvereinen anregte.
1864 gründete sich in Deutschland der erste Frauenverband. Die erste deutsche Frauenkonferenz fand statt. Die Frauenbewegung wurde größer, stärker und gliederte sich mehr und mehr in radikale und bürgerlichere Strömungen.
Zwischen 1901 und 1906 erschien das Handbuch der Frauenbewegung in fünf Bänden. Die Autorinnen Gertrud Bäumer und Helene Lange gehörten eher dem gemäßigten, bürgerlichen Flügel an.
Das Augenmerk dieser Strömung lag auf dem Recht auf Bildung, Ausbildung und selbstständiger Erwerbstätigkeit. Ein Kampf für das Wahlrecht schoben sie eher auf die lange Bank.
In radikaleren Kreisen ging es von Anfang an um die Durchsetzung politischer Rechte. Eine wichtige Vertretin dieser Strömung ist Hedwig Dohm mit ihrem Werk "Der Frauen Natur und Recht", die erstmals auch das Thema "Frauen im Alter" in die Öffentlichkeit brachte.
Anita Augspurg und Lyda Gustava Heymann traten für die rechtliche Aufklärung von Frauen und die Gleichstellung vorm Bürgerlichen Gesetzbuch ein. 1897 gründete Heymann das erste feministische Frauenzentrum.
Helene Stöcker begründete den Bund für Mutterschutz und Sexualreform und war Mitglied in der Deutschen Friedensgesellschaft, der Internationale der Kriegsgegner und der Gruppe revolutionärer Pazifisten.
Nach der Machtergreifung der NSDAP flüchtete sie in die Schweiz, von wo sie später nach Schweden auswanderte. Später fand sie in den USA eine neue Heimat.
Bei Frauen wie Minna Cauer stieß der gemäßigte Flügel der Frauenbewegung auf große Ablehnung. Sie zählte sich zur proletarischen Strömung und setzte sich die Umsetzung der sozialpolitischen Rechte der Frauen zum Ziel.
1894 wurde in Deutschland der Bund Deutscher Frauenvereine gegründet. Hierin fanden sich jedoch keine Arbeiterinnenvereine wieder, was zu einer Spaltung der Frauenbewegung führte.Schon lange verfolgten bürgerliche und proletarische Strömungen unterschiedliche Ziele und setzten auf verschiedene Ideologien.
Die radikale Bewegung erstrebte eine radikale Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft. Ursache der Mißstände war in ihren Augen der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Sie trugen Hoffnung auf eine Lösung dessen in einer sozialistischen Gesellschaft.
Neben Rosa Luxemburg und Lily Braun hatte auch Clara Zetkin eine wichtige Stellung in der Arbeiterinnenbewegung. Durch ihren Lebensgefährten, den Revolutionär Zetkin, geriet sie in Kontakt mit verschiedenen Sozialisten. Sie tendierte eher zu Rosa Luxemburg und dem linken Flügel der SPD und kritisierte die Standpunkte Lily Brauns als revisionistisch. Später schloß sie sich der USPD, dann der KPD an.
Als Alterspräsidentin im Reichstag richtete sie sich 1932 entschieden gegen die Nationalsozialisten. Im darauffolgenden Jahr starb sie unweit von Moskau.
Lilly Braun stammte aus der von Minna Cauer gegründeten Vereinigung "Frauenwohl" und war Mitbegründerin der Zeitschrift "Frauenbewegung".
Sie versuchte die bürgerlicher und die Arbeiterinnenströmung wieder näher zu bringen. Nachdem aber 1896 den Sozialistinnen die Teilnahme am Bürgerlichen Frauenkongress untersagt wurde, beendete sie ihr politisches Engagement, resignierte und löste ihre Kontakte zur Bewegung. Aufgrund ihrer adligen Abstammung hatte sie stets Anerkennungsprobleme.
Nicht unbedeutend ist auch das Werk von Bertha von Suttner, die aus niederen, adligen Verhältnissen stammte. In ihrem 1889 veröffentlichten Buch "Waffen nieder" wendete sie sich entschieden gegen den Militarismus. Sie war die erste Frau, die einen Friedensnobelpreis erhielt.
Dies kann natürlich nur einen groben und oberflächlichen Überblick über Persönlichkeiten derdie Frauenbewegung des 19. Jh. liefern.
Personenverzeichnis mit Links und weitere detailliertere Informationen und Literaturangaben hier:


Wichtige Persönlichkeiten der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts:

Olympe de Gouges (1755-1793)
Mary Wollstonecraft (1759-1797)
Caroline Schlegel-Schelling (1763-1809)
Rahel Varnhagen von Ense (1771-1833)
Bettina von Arnims (1785-1859)
Fanny Lewald (1811-1889)
Louise Otto-Peters (1819-1895)
Helene Lange (1848-1930)
Hedwig Dohm (1833-1919)
Anita Augspurg (1817-1843)
Mathilde Franziska Anneke (1818-1884)
Lida Gustava Heymann (1886-1943)
Helene Stöcker (1869-1943)
Minna Cauer (1841-1922)
Paula Müller (1865-1946)
Louise Aston (1874-1871)
Clara Zetkin (1857-1933)
Elisabeth Gnauck-Kühne (1850-1917),
Rosa Luxemburg 1871-1919)
Lily Braun, geb. von Kretschmann (1865-1916)
Bertha von Suttner (1843-1914)
Gertrud Bäumer


Literaturangaben:
Frauenbewegung in Deutschland Übergänge zum 19. Jh. / Romantik Arendt, Hannah: Rahel Varnhagen.
Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. 5. Auflage, München, 1984.
Arnim, Bettina von: Das Armenbuch. Nachdruck. Frankfurt, 1981.
Arnim, Bettina von: Dies Buch gehört dem König. Hrsg. Ilse Staff. Frankfurt, 1982.
Becker-Cantarino, Barbara: Die Frau von der Reformation zur Romantik. Die Situation der Frau vor dem Hintergrund der Literatur- und Sozialgeschichte. Bonn, 1980.
Dischner, Gisela: Bettina von Arnim. Eine weibliche Sozialbiographie aus dem 19. Jh. Berlin, 1984.
Klessman, Eckart: Caroline. Das Leben der Caroline Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling, 1963-1809. München, 1979.
Stern, Carola: Caroline Schlegel-Schelling, in: Schultz, 1982/83. S. 8-19,
Vormärz Aston, Louise: Ein Lesebuch. Gedichte, Romane, Schriften (1846-49).Hrg. von K. Fingerhut, Stuttgart, 1983.
Boetcher-Jöres, Ruth-Ellen (Hrsg.): Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung: Louise Otto-Peters. Frankfurt, 1983.
Böttger, Fritz (Hrsg.): Frauen im Aufbruch. Frauenbriefe aus dem Vormärz und der Revolution von 1848. Darmstadt, 1979.
Goetzinger, Germaine: Für die Selbstverwirklichung der Frau: Louise Aston. In Selbstzeugnissen und Dokumenten. Frankfurt, 1983.
Henkel, Martin; Taubert, Rolf: Das Weib im Conflict mit den socialen Verhältnissen. Mathilde F. Anneke und die 1. deutsche Frauenzeitung. Bochum, 1976.
Hummel-Haasis, Gerlinde (Hrsg.): Schwestern, zerreißt eure Ketten. Zeugnisse zur Geschichte der Frauen in der Revolution von 1848/49. München, 1982.
Lewald, Fanny: Meine Lebensgeschichte. Hrsg. von Ulrike Helmer, 3 Bd. Frankfurt, 1988.
Linnhoff, Ursula: "Zur Freiheit, oh, zur einzig wahren -" Schreibende Frauen kämpfen um ihre Rechte. Köln, 1979.
Deutsche Frauenbewegung ab 1865 Bauer, Karin: Clara Zetkin und die proletarische Frauenbewegung. Berlin, 1978.
Borkowski, Dieter: Rebellin gegen Preußen. Das Leben der Lily Braun. Originalausgabe, Frankfurt, 1984. Braun, Lily: Die Frauenfrage. Ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite. Nachdruck von 1901. Bonn, 1979.
Braun, Lily: Memoiren einer Sozialistin. Roman, München, 1985.
Brinker-Gabler, Gisela (Hg.): Kämpferin für den Frieden. Bertha von Suttner. Lebenserinnerungen, Reden und Schriften, Frankfurt, 1982.
Dohm, Hedwig: Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau. Reprint der Ausgabe Berlin, 1874. Zürich, 1977. Dohm, Hedwig: Was die Pastoren von Frauen denken. Neudruck der Ausgabe 1872. Zürich, 1977.
Dohm, Hedwig: Der Frauen Natur und Recht. Neudruck der Ausgabe von 1876. Neunkirch, 1986.
Dohm, Hedwig: "Sind Mutterschaft und Hausfrauentum vereinbar mit Berufstätigkeit?" (1903), in Brinker-Gabler, 1979. S. 244-255. Dohm, Hedwig: DIE ALTE FRAU (1903). Nachdruck in: Brinker-Gabler, 1978. S. 210-220. Heymann, Lida Gustava; Augspurg, Anita: Erlebtes - Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden, 1850-1940; Hain, 1972.
Lange, Helene; Bäumer, Gertrud (Hg.): Handbuch der Frauenbewegung. In 5 Teilen. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1901-1915. Weinheim, 1980.
Roth, Friedericke: Rosa Luxemburg. In: Schultz, 1982/2. S. 280-292 Suttner, Bertha von: Die Waffen nieder. Nachdruck von 1889, München, 1983.
Wickert, Christl: Helene Stöcker. Eine Biographie. Bonn, 1990.


Links:

Projektseite des ZAWiW: Frauen veränderten die Welt
Frauenbewegung im 19. Jahrhundert
Learning in Life
ZAWiW
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Ergänzungen

lesetipp

es gibt noch viel mehr! 23.12.2002 - 17:07
Ein Standardwerk ist auch noch die
"Geschichte der deutschen Frauenbewegung"; Hrsg. v. Florence Herve. (ISBN: 3-89438-084-5)
Das Buch ist immer noch erhältlich - inzwischen in der xten Auflage - bei pappyrossa.

Bekifft mit Schrift

saul 23.12.2002 - 20:29
Nettes Zeitdokument und das war noch ne Typo. Tia, Frakturschrift war damals gängig und wurde auch von linker Seite benutzt.
Siehe:  http://www.de.indymedia.org/2002/11/33074.shtml

Danke

don q. 24.12.2002 - 09:28
Nach dem frühstück.