Russische Zensur greift nach Deutschland
Nach der Geiselnahme in Moskau gibt es von höchtser Stelle (Russische Botschaft) eine schwere Kritik an der Berichterstattung gegenüber der ARD. Nachfolgend gibt es den Brief der russischen Botschaft und das Antwortschreiben des Sprechers vom Intendanten der ARD Fritz Pleitgen. Außerdem noch ein Interview, welches mit Thomas Roth, einem langjährigen Russlandkorrespondenten und jetztigen Chef des ARD-Hauotstadtstudios, im Rahmen einer Tagesschausendung geführt wurde.
Quelle: www.wdr.de
Quelle: www.wdr.de
Der Brief von der russische Botschaft liegt unter folgendem Link als pdf-Datei:
http://www.wdr.de/themen/_images_/images/2/politik/international/russland_ard/brief.pdf?rubrikenstyle=politik
Die ARD-Antwort an die russische Botschaft
ARD-Sprecher Rüdiger Oppers schreibt an Michael Grabar
Herrn
Michael Grabar
Botschaft der Russischen Föderation
Unter den Linden 63-65
10117 Berlin
Sehr geehrter Herr Grabar,
Sie haben den ARD-Vorsitzenden Fritz Pleitgen angeschrieben. Ihrem Rang entsprechend antworte ich Ihnen als Sprecher der ARD. Ihr Schreiben vom 29. Oktober haben wir mit Bedauern, aber auch großem Erstaunen zur Kenntnis genommen. Ich muss Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen in den zentralen Punkten Ihrer Argumentation nicht folgen können.
Bevor ich im Einzelnen darauf eingehe, möchte ich Ihnen versichern, dass die ARD selbstverständlich in ihrer Berichterstattung Geiselnahmen durchweg verurteilt, ganz gleich wo und von wem diese als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Also auch bei der blutigen Aktion tschetschenischer Terroristen im Moskauer Musical Theater. Unsere große Anteilnahme und Sympathie gehören ohne Einschränkung den Opfern dieser verurteilungswürdigen Tragödie.
Ihre Kritik an unserer Berichterstattung muss ich jedoch deutlich zurück weisen. Außer dem scheinbar wörtlichen Zitat "verzweifelte" Banditen, enthält Ihr Brief bezeichnenderweise auch keinen einzigen konkreten Vorwurf.
Unsere Korrespondenten in Moskau, alle bekannt für ihre gründliche und objektive journalistische Arbeit, haben in der gesamten Berichterstattung nie für die Geiselnehmer Partei ergriffen. Allerdings haben sie auch nicht durchgängig die offizielle russische Wortwahl "Banditen" etc. übernommen, sondern von Geiselnehmern, politischen Gewalttätern und auch von Terroristen gesprochen.
Unsere Kollegen vor Ort hielten sich während der gesamten fast 60 Stunden der Geiselnahme in der Nähe des Kulturhauses auf. Sie beschrieben die Situation, wie sie sie selbst wahrnahmen, inklusive der spärlichen und oft falschen Informationen durch russische Geheimdienstvertreter.
Unsere Berichterstattung referierte außerdem das russische Presseecho auf die Geiselnahme und Befreiung sowie die kritischen Reaktionen von russischen Menschenrechtlern und Politikern. Das ist das normale journalistische Vorgehen.
Es ist richtig, dass die ARD, wie übrigens alle internationalen Medien, die Gewalttat in Moskau in den Zusammenhang des Tschetschenien Konflikts gestellt hat. Dies diente jedoch keineswegs als Rechtfertigung der Geiselnahme. Unser Programmauftrag verpflichtet uns, auch über die Ursachen von Terrorismus und über Menschenrechtsverstöße zu berichten. Und dass in Tschetschenien die Menschenrechte leider auch durch das russische Militär permanent verletzt werden, ist kein Geheimnis. Internationale Medien und viele unabhängige Menschenrechtsgruppen haben darauf immer wieder hingewiesen, zuletzt vor knapp zwei Wochen der neueste Menschenrechtsbericht von Amnesty International. Hierin werden, wie Sie sicherlich wissen, Russland detailliert schwerste Übergriffe gegen die tschetschenische Zivilbevölkerung vorgeworfen.Ihre Analyse der tschetschenischen Wirklichkeit in den Jahren 1996-1999 teile ich weitgehend. Über die Menschenrechtsverletzungen, die in Tschetschenien von Seiten der Rebellen begangen wurden und werden, hat die ARD selbstverständlich auch in bekannter Objektivität berichtet. In der aktuellen Berichterstattung, aber auch in Dokumentationen. So zum Beispiel in der ARD-Dokumentation "Suche nach Soldat Falikow", in der genau die Ihnen beschriebenen Phänomene zwischen beiden Kriegen behandelt wurden. Ausführlich kamen darin russische Spezialisten zu Wort, die unterirdische Käfige in tschetschenischen Häusern in Urus Martan zeigten, in denen Hunderte von Geiseln gehalten wurden. Andere Filmausschnitte zeigten die Exekution russischer Wehrpflichtiger durch den inzwischen verurteilten Tschetschenen Temirbulatow. Immer wieder kamen Flüchtlinge zu Wort, die Grausamkeiten der tschetschenischen Rebellen beklagten.
Ich weise deshalb Ihren Vorwurf, die ARD würde nicht objektiv berichten, aufs Schärfste zurück. Unsere Korrespondenten haben gründlich und kenntnisreich gearbeitet und standen, wie oben beschrieben, mit ihrer Einordnung ja auch nicht alleine. Mit unserer Berichterstattung folgen wir unserem Programmauftrag und den Anforderungen und Kriterien einer freien Berichterstattung.
Der letzte Satz Ihres Schreibens ist als Drohung zu verstehen, die wir nicht akzeptieren werden. Im Umgang zwischen den demokratischen Völkern ist sie ein ungewöhnlicher Vorgang, der an das Gebaren eines autoritären Regimes erinnert. Ich werde hierüber den ARD-Vorsitzenden, aber auch das Auswärtige Amt informieren.
Wie Sie schreiben, haben Sie Ihren Brief über die Webseite Ihrer Botschaft veröffentlicht. Ich werde meinerseits die Öffentlichkeit zusammen mit meiner Antwort insbesondere auf den Schlusssatz Ihres Briefes aufmerksam machen.
Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger Oppers
Roth verteidigt Tschetschenien-Berichte
Der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios Berlin und langjährige Russland-Korrespondent, Thomas Roth, hat sich verwundert über die Kritik der russischen Regierung an der Berichterstattung deutscher Medien über den Tschetschenien-Konflikt geäußert.
Beide Seiten hören. In einem Interview mit tagesschau.de sagte Roth, die ARD und die deutschen Medien insgesamt hätten sich nichts vorzuwerfen. Die ARD habe sich stets bemüht, "realistisch über den Konflikt zu berichten" und "beide Seiten zu Wort kommen zu lassen". Das bedeute auch, die tschetschenische Sicht des Konflikts darzustellen. Roth betonte, dass auf tschetschenischer Seite auch terroristische Banden und Drogenschmuggler aktiv seien. Auch darüber habe die ARD berichtet. Ebenso müsse man aber über die Menschenrechtsverletzungen durch die russische Armee informieren. Bei der Kritik habe sich die russische Seite "schlicht und einfach im Ton vergriffen".
Eigenes Verständnis von Pressefreiheit
Darin offenbare sich, so Roth, "ein unterschiedliches Verständnis von den Aufgaben der Presse". Hierbei handele es sich um eine neue Entwicklung. Er selbst, so Roth, habe während seiner Zeit als Korrespondent durchweg gute Erfahrungen gemacht. Diese Entwicklung behindere die Annäherung in Europa. Man könne der russischen Regierung " nur davon abraten, diese Linie weiter zu verfolgen". Eine Annäherung in Europa sei notwendig. Aber Differenzen im Verständnis der Pressefreiheit stellten "sicher eine Schwierigkeit dar, der sich die deutsche Politik annehmen muss".
Gravierende Vorwürfe
Die russische Botschaft hatte sich in einem Brief an den ARD-Vorsitzenden Fritz Pleitgen über die Berichterstattung deutscher Medien und insbesondere der ARD über die Geiselnahme in Moskau beschwert. Sie bezeichnete sie als "schockierend, unhaltbar und verwerflich." Den Korrespondenten warf sie eine "ungeheuerliche Wortwahl" und "recht befangene Bildanreihung" vor. Von der weiteren Berichterstattung werde abhängen, ob die Zusammenarbeit russischer Stellen mit der ARD und deren Korrespondenten "in gewohntem Maße fortgesetzwerden kann." ARD-Sprecher Rüdiger Oppers hatte diese Kritik "deutlich" zurückgewiesen.
Den vollständigen Text des Interviews lesen Sie hier:
Unterschiedliches Verständnis von Pressefreiheit
Die russische Botschaft hat schwere Kritik an der Berichterstattung deutscher Medien und insbesondere der ARD über die Geiselnahme in Moskau geübt. In einem Brief des Pressesprechers der russischen Botschaft an den ARD-Vorsitzenden Fritz Pleitgen werden die Berichte als "schockierend, unhaltbar und verwerflich" bezeichnet. Den Korrespondenten wird eine "ungeheuerliche Wortwahl" und "recht befangene Bildanreihung" vorgeworfen. Von der weiteren Berichterstattung werde abhängen, ob die Zusammenarbeit russischer Stellen mit der ARD und deren Korrespondenten in gewohntem Maße fortgesetzwerden kann."
tagesschau.de sprach darüber mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten in Moskau und heutigem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Thomas Roth.
tagesschau.de: Herr Roth, sie haben als Moskau-Korrespondent oft aus Tschetschenien berichtet. Fühlen Sie sich von den Vorwürfe angesprochen?
Thomas Roth: Nein, ich fühle mich nicht angesprochen. Wir haben uns immer große Mühe gegeben, realistisch über den Konflikt zu berichten. Wir haben immer versucht, so gut es uns möglich war, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen, und das heißt eben: auch die tschetschenische Seite. Ich denke, die ARD hat sich in ihrer Berichterstattung nichts vorzuwerfen, und das gilt auch für alle deutschen seriösen Medien.
tagesschau.de: Putin hat ja nicht nur die deutschen Medien angegriffen, sondern auch die dänische und französische Presse, so dass man fast schon von einer Generalattacke auf die ausländischen Medien sprechen kann. Was verleitet ihn dazu?
Roth: Ich glaube, wir haben ein unterschiedliches Verständnis von den Aufgaben der Presse - nämlich: Von beiden Seiten zu berichten, vor nichts die Augen zu verschließen und sich von keiner Regierungspolitik instrumentalisieren zu lassen. Nach meiner Einschätzung folgt die seriöse internationale Presse diesem Weg, auch wenn es der russischen Regierung nicht gefällt.
Putin beschäftigt das tschetschenische Problem sehr, aber er löst es auf eine Weise, die diesen Konflikt nicht beilegen wird. Er ist am Ende nicht militärisch zu gewinnen.
Putin hat in einem Punkt recht: Auf der tschetschenischen Seite sind auch terroristische Banden, Drogenschmuggler und andere aktiv. Einer der herausragenden Figuren war der Jordanier Chatab, der diesen Konflikt seinerseits zu instrumentalisieren versucht hat. Darüber muss man auch berichten, und das haben wir getan. Auf der anderen Seite gilt es genauso über die Menschenrechtsverletzungen durch die russische Armee zu berichten. Einäugigkeit ist eine Haltung, die unseren Aufgaben als Medien nicht gerecht wird - und sie ist übrigens auch eine schlechte Regierungspolitik. Wenn das die russische Seite nicht aushalten kann, haben wir eben ein unterschiedliches Verständnis. Nur können wir uns nicht an das russische Verständnis anpassen.
tagesschau.de: Entsprechen solche Angriffe, die ja in Teilen drastisch waren, dem normalen Umgang von Partnern miteinander, dem normalen Umgang von Ländern, die sich in einer Wertegemeinschaft glauben?
Roth: Nein. Da hat sich der eine oder andere schlicht und einfach im Ton vergriffen. Ich habe während meiner Zeit in Russland durchgehend sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich habe insgesamt fast acht Jahre aus Russland berichtet, und in dieser Zeit habe ich so etwas nicht erlebt. Das ist eine neue Entwicklung, und man kann eigentlich nur der russischen Regierung davon abraten, diese Linie weiter zu verfolgen. In der Tat haben wir in Europa ein anderes Verständnis von Pressefreiheit, und es sollte keinen Dissens in dieser Frage geben, je näher wir einander kommen. Das behindert in meiner Sicht die Annäherung. Ich hänge leidenschaftlich an Russland, und Annäherung ist das, was wir brauchen. Wir sind Nachbarn, und ich bin froh, dass wir nach all diesen Jahren so weit sind. Aber Differenzen in diesem Bereich stellen sicher eine Schwierigkeit dar, der sich die deutsche Politik annehmen muss.
Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de
http://www.wdr.de/themen/_images_/images/2/politik/international/russland_ard/brief.pdf?rubrikenstyle=politik Die ARD-Antwort an die russische Botschaft
ARD-Sprecher Rüdiger Oppers schreibt an Michael Grabar
Herrn
Michael Grabar
Botschaft der Russischen Föderation
Unter den Linden 63-65
10117 Berlin
Sehr geehrter Herr Grabar,
Sie haben den ARD-Vorsitzenden Fritz Pleitgen angeschrieben. Ihrem Rang entsprechend antworte ich Ihnen als Sprecher der ARD. Ihr Schreiben vom 29. Oktober haben wir mit Bedauern, aber auch großem Erstaunen zur Kenntnis genommen. Ich muss Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen in den zentralen Punkten Ihrer Argumentation nicht folgen können.
Bevor ich im Einzelnen darauf eingehe, möchte ich Ihnen versichern, dass die ARD selbstverständlich in ihrer Berichterstattung Geiselnahmen durchweg verurteilt, ganz gleich wo und von wem diese als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Also auch bei der blutigen Aktion tschetschenischer Terroristen im Moskauer Musical Theater. Unsere große Anteilnahme und Sympathie gehören ohne Einschränkung den Opfern dieser verurteilungswürdigen Tragödie.
Ihre Kritik an unserer Berichterstattung muss ich jedoch deutlich zurück weisen. Außer dem scheinbar wörtlichen Zitat "verzweifelte" Banditen, enthält Ihr Brief bezeichnenderweise auch keinen einzigen konkreten Vorwurf.
Unsere Korrespondenten in Moskau, alle bekannt für ihre gründliche und objektive journalistische Arbeit, haben in der gesamten Berichterstattung nie für die Geiselnehmer Partei ergriffen. Allerdings haben sie auch nicht durchgängig die offizielle russische Wortwahl "Banditen" etc. übernommen, sondern von Geiselnehmern, politischen Gewalttätern und auch von Terroristen gesprochen.
Unsere Kollegen vor Ort hielten sich während der gesamten fast 60 Stunden der Geiselnahme in der Nähe des Kulturhauses auf. Sie beschrieben die Situation, wie sie sie selbst wahrnahmen, inklusive der spärlichen und oft falschen Informationen durch russische Geheimdienstvertreter.
Unsere Berichterstattung referierte außerdem das russische Presseecho auf die Geiselnahme und Befreiung sowie die kritischen Reaktionen von russischen Menschenrechtlern und Politikern. Das ist das normale journalistische Vorgehen.
Es ist richtig, dass die ARD, wie übrigens alle internationalen Medien, die Gewalttat in Moskau in den Zusammenhang des Tschetschenien Konflikts gestellt hat. Dies diente jedoch keineswegs als Rechtfertigung der Geiselnahme. Unser Programmauftrag verpflichtet uns, auch über die Ursachen von Terrorismus und über Menschenrechtsverstöße zu berichten. Und dass in Tschetschenien die Menschenrechte leider auch durch das russische Militär permanent verletzt werden, ist kein Geheimnis. Internationale Medien und viele unabhängige Menschenrechtsgruppen haben darauf immer wieder hingewiesen, zuletzt vor knapp zwei Wochen der neueste Menschenrechtsbericht von Amnesty International. Hierin werden, wie Sie sicherlich wissen, Russland detailliert schwerste Übergriffe gegen die tschetschenische Zivilbevölkerung vorgeworfen.Ihre Analyse der tschetschenischen Wirklichkeit in den Jahren 1996-1999 teile ich weitgehend. Über die Menschenrechtsverletzungen, die in Tschetschenien von Seiten der Rebellen begangen wurden und werden, hat die ARD selbstverständlich auch in bekannter Objektivität berichtet. In der aktuellen Berichterstattung, aber auch in Dokumentationen. So zum Beispiel in der ARD-Dokumentation "Suche nach Soldat Falikow", in der genau die Ihnen beschriebenen Phänomene zwischen beiden Kriegen behandelt wurden. Ausführlich kamen darin russische Spezialisten zu Wort, die unterirdische Käfige in tschetschenischen Häusern in Urus Martan zeigten, in denen Hunderte von Geiseln gehalten wurden. Andere Filmausschnitte zeigten die Exekution russischer Wehrpflichtiger durch den inzwischen verurteilten Tschetschenen Temirbulatow. Immer wieder kamen Flüchtlinge zu Wort, die Grausamkeiten der tschetschenischen Rebellen beklagten.
Ich weise deshalb Ihren Vorwurf, die ARD würde nicht objektiv berichten, aufs Schärfste zurück. Unsere Korrespondenten haben gründlich und kenntnisreich gearbeitet und standen, wie oben beschrieben, mit ihrer Einordnung ja auch nicht alleine. Mit unserer Berichterstattung folgen wir unserem Programmauftrag und den Anforderungen und Kriterien einer freien Berichterstattung.
Der letzte Satz Ihres Schreibens ist als Drohung zu verstehen, die wir nicht akzeptieren werden. Im Umgang zwischen den demokratischen Völkern ist sie ein ungewöhnlicher Vorgang, der an das Gebaren eines autoritären Regimes erinnert. Ich werde hierüber den ARD-Vorsitzenden, aber auch das Auswärtige Amt informieren.
Wie Sie schreiben, haben Sie Ihren Brief über die Webseite Ihrer Botschaft veröffentlicht. Ich werde meinerseits die Öffentlichkeit zusammen mit meiner Antwort insbesondere auf den Schlusssatz Ihres Briefes aufmerksam machen.
Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger Oppers
Roth verteidigt Tschetschenien-Berichte
Der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios Berlin und langjährige Russland-Korrespondent, Thomas Roth, hat sich verwundert über die Kritik der russischen Regierung an der Berichterstattung deutscher Medien über den Tschetschenien-Konflikt geäußert.
Beide Seiten hören. In einem Interview mit tagesschau.de sagte Roth, die ARD und die deutschen Medien insgesamt hätten sich nichts vorzuwerfen. Die ARD habe sich stets bemüht, "realistisch über den Konflikt zu berichten" und "beide Seiten zu Wort kommen zu lassen". Das bedeute auch, die tschetschenische Sicht des Konflikts darzustellen. Roth betonte, dass auf tschetschenischer Seite auch terroristische Banden und Drogenschmuggler aktiv seien. Auch darüber habe die ARD berichtet. Ebenso müsse man aber über die Menschenrechtsverletzungen durch die russische Armee informieren. Bei der Kritik habe sich die russische Seite "schlicht und einfach im Ton vergriffen".
Eigenes Verständnis von Pressefreiheit
Darin offenbare sich, so Roth, "ein unterschiedliches Verständnis von den Aufgaben der Presse". Hierbei handele es sich um eine neue Entwicklung. Er selbst, so Roth, habe während seiner Zeit als Korrespondent durchweg gute Erfahrungen gemacht. Diese Entwicklung behindere die Annäherung in Europa. Man könne der russischen Regierung " nur davon abraten, diese Linie weiter zu verfolgen". Eine Annäherung in Europa sei notwendig. Aber Differenzen im Verständnis der Pressefreiheit stellten "sicher eine Schwierigkeit dar, der sich die deutsche Politik annehmen muss".
Gravierende Vorwürfe
Die russische Botschaft hatte sich in einem Brief an den ARD-Vorsitzenden Fritz Pleitgen über die Berichterstattung deutscher Medien und insbesondere der ARD über die Geiselnahme in Moskau beschwert. Sie bezeichnete sie als "schockierend, unhaltbar und verwerflich." Den Korrespondenten warf sie eine "ungeheuerliche Wortwahl" und "recht befangene Bildanreihung" vor. Von der weiteren Berichterstattung werde abhängen, ob die Zusammenarbeit russischer Stellen mit der ARD und deren Korrespondenten "in gewohntem Maße fortgesetzwerden kann." ARD-Sprecher Rüdiger Oppers hatte diese Kritik "deutlich" zurückgewiesen.
Den vollständigen Text des Interviews lesen Sie hier:
Unterschiedliches Verständnis von Pressefreiheit
Die russische Botschaft hat schwere Kritik an der Berichterstattung deutscher Medien und insbesondere der ARD über die Geiselnahme in Moskau geübt. In einem Brief des Pressesprechers der russischen Botschaft an den ARD-Vorsitzenden Fritz Pleitgen werden die Berichte als "schockierend, unhaltbar und verwerflich" bezeichnet. Den Korrespondenten wird eine "ungeheuerliche Wortwahl" und "recht befangene Bildanreihung" vorgeworfen. Von der weiteren Berichterstattung werde abhängen, ob die Zusammenarbeit russischer Stellen mit der ARD und deren Korrespondenten in gewohntem Maße fortgesetzwerden kann."
tagesschau.de sprach darüber mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten in Moskau und heutigem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Thomas Roth.
tagesschau.de: Herr Roth, sie haben als Moskau-Korrespondent oft aus Tschetschenien berichtet. Fühlen Sie sich von den Vorwürfe angesprochen?
Thomas Roth: Nein, ich fühle mich nicht angesprochen. Wir haben uns immer große Mühe gegeben, realistisch über den Konflikt zu berichten. Wir haben immer versucht, so gut es uns möglich war, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen, und das heißt eben: auch die tschetschenische Seite. Ich denke, die ARD hat sich in ihrer Berichterstattung nichts vorzuwerfen, und das gilt auch für alle deutschen seriösen Medien.
tagesschau.de: Putin hat ja nicht nur die deutschen Medien angegriffen, sondern auch die dänische und französische Presse, so dass man fast schon von einer Generalattacke auf die ausländischen Medien sprechen kann. Was verleitet ihn dazu?
Roth: Ich glaube, wir haben ein unterschiedliches Verständnis von den Aufgaben der Presse - nämlich: Von beiden Seiten zu berichten, vor nichts die Augen zu verschließen und sich von keiner Regierungspolitik instrumentalisieren zu lassen. Nach meiner Einschätzung folgt die seriöse internationale Presse diesem Weg, auch wenn es der russischen Regierung nicht gefällt.
Putin beschäftigt das tschetschenische Problem sehr, aber er löst es auf eine Weise, die diesen Konflikt nicht beilegen wird. Er ist am Ende nicht militärisch zu gewinnen.
Putin hat in einem Punkt recht: Auf der tschetschenischen Seite sind auch terroristische Banden, Drogenschmuggler und andere aktiv. Einer der herausragenden Figuren war der Jordanier Chatab, der diesen Konflikt seinerseits zu instrumentalisieren versucht hat. Darüber muss man auch berichten, und das haben wir getan. Auf der anderen Seite gilt es genauso über die Menschenrechtsverletzungen durch die russische Armee zu berichten. Einäugigkeit ist eine Haltung, die unseren Aufgaben als Medien nicht gerecht wird - und sie ist übrigens auch eine schlechte Regierungspolitik. Wenn das die russische Seite nicht aushalten kann, haben wir eben ein unterschiedliches Verständnis. Nur können wir uns nicht an das russische Verständnis anpassen.
tagesschau.de: Entsprechen solche Angriffe, die ja in Teilen drastisch waren, dem normalen Umgang von Partnern miteinander, dem normalen Umgang von Ländern, die sich in einer Wertegemeinschaft glauben?
Roth: Nein. Da hat sich der eine oder andere schlicht und einfach im Ton vergriffen. Ich habe während meiner Zeit in Russland durchgehend sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich habe insgesamt fast acht Jahre aus Russland berichtet, und in dieser Zeit habe ich so etwas nicht erlebt. Das ist eine neue Entwicklung, und man kann eigentlich nur der russischen Regierung davon abraten, diese Linie weiter zu verfolgen. In der Tat haben wir in Europa ein anderes Verständnis von Pressefreiheit, und es sollte keinen Dissens in dieser Frage geben, je näher wir einander kommen. Das behindert in meiner Sicht die Annäherung. Ich hänge leidenschaftlich an Russland, und Annäherung ist das, was wir brauchen. Wir sind Nachbarn, und ich bin froh, dass wir nach all diesen Jahren so weit sind. Aber Differenzen in diesem Bereich stellen sicher eine Schwierigkeit dar, der sich die deutsche Politik annehmen muss.
Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de
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Ergänzungen