Was in Florenz so los ist

TLC 08.11.2002 16:25 Themen: Globalisierung
EIn paar Ereignisse und Stimmungen vom ESF Florenz
Donnerstag in Florenz: Die Sonne scheint wieder und es ist einigermassen ertraeglich warm.
Die "Fortezza da Basso", das Fort im Stadtzentrum, wo die meisten Veranstaltungen stattfinden, ist rappelvoll mit Menschen. In der Stadt beim ESF sind um die 35.000 Menschen laut VeranstalterInnen. Davon natuerlich gut 90% aus Italien. Die Fortezza ist wie ein gigantischer Jahrmarkt aller linken Gruppen die nur vorstellbar sind (und einige mehr). Vieles geht durcheinander, faellt aus, findet ueberraschend doch statt, aber insgesamt klappt es.
Die Stimmung in der Stadt ist trotz der heftigen Medienhetze locker. Am Tag vor der Eroeffnung hatte die Schriftstellerin Oriana Fallaci noch eine wueste Hetzrede gegen das ESF losgelassen, alle Laeden wurden aufgerufen, aus Protest gegen das ESF zu schliessen... und es haben auch wirklich etliche zu. Carabieneri, Polizia etc. halten sich bisher noch im Hintergrund.

Eine dominierende "Linie" ist in dem ganzen Gewusel nicht auszumachen. Natuerlich sind die grossen Konferenzen fest in der Hand der reformerischen Organisationen (v.a. Attac und linke Gewerkschaften), und sie werden mittels Schlusserklaerungen etc. versuchen, das ganze als ihren grossen Erfolg zu verbuchen. Aber vor allem ist es ein grossen Treffen linker Bewegungen (mit sehr maessiger Beteiligung aus Deutschland).

Die Streitereien zwischen radikalen linken Fraktionen, wie sie auch hier auf Indymedia nachzulesen sind (HUB vs. Disobbedienti), kriegt kaum jemand mit. Das HUB wird mehr oder weniger einfach als ein Workshop unter vielen wahrgenommen. Heute nachmittag gab es einen Rave mit ca.100 Leuten vom HUB zur Fortezza, um dagegen zu protestieren, dass einige Leute keinen Eintritts-Pass fuer die Fortezza bekamen, weil sie zu wenig Geld gehabt haben sollen. Was aber angesichts der tausenden, die sich da am Eingang draengeln, nicht so der Knaller war.
Das Ippodromo, das die Disobbedienti haben, platzt aus allen Naehten. Allerdings ist fuer uns, die wir hier durch die Stadt eiern, von "Global TV" und "Radio Global" nicht so viel mitzubekommen.
Disobbedienti haben heute vormittag eine "No-Copyright"-AKtion gemacht: Sie haben eine Buero-Etage besetzt, die zu einer Italienischen Entsprechung der deutschen "VG Wort" gehoert, um gegen das Privateigentum und die kapitalistische Verwertung von Ideen und schoepferischer Taetigkeit zu protestieren.
Um den bisherigen allzu Friede-Freude-Eierkuchen-Ausdruck des ESF etwas in Fahrt zu bringen, wollen sie bald fuer ein bisschen Spannung sorgen und zu den "verbotenen Orten" in der Stadt gehen...
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Ergänzungen

parallel writing....

mrg 08.11.2002 - 16:46
ESF

Seit 3 Tagen findet das Europaeische Sozialforum in FLorenz statt. Tausende TeilnehmerInnen bewegen sich konfus meist innerhalb des riesigen Fortezza de Basso, einer alten Festung, welche von der Stadt den ESF OrganisatorInnen zur Verfuegung gestellt worden ist. Seit 3 Tagen ist mensch hier mit Unmengen an Informationen (Seminare, workshops, Konferenzen sowie auch ein "Markt" an Buechern, T-Shirts, etc.) konfrontiert. Nicht nur dadurch ist es schwierig sich zu orientieren, auch die wahnsinnig weite Entfernung und chaotische Beschreibung der Veranstaltungsorte traegt zur Konfusion bei. Viele der workshops, die von Leuten gestaltet werden, die unabhaengig von ESF-nahen Gruppierungen sind, werden kaum oder gar nicht besucht. Dagegen nehmen an den grossen Konferenzen mit den "Ikonen der Bewegung" von tausende Menschen teil. Die theorethischen Auseinandersetzungen dominieren das geschehen. Natuerlich ist es wichtig sich durch Erfahrungsaustausch und inhaltliche Auseinandersetzung an einer Strategisierung des weltweiten Widerstandes bzw. den Anspruechen und Anforderungen an das eigentliche ZIel: "Eine andere Welt ist moeglich" zu beteiligen. Aber der praktische Bezug zu den eigentlichen Misstaenden bleibt den workshops oder Seminaren ueberlassen. Diese befinden sich nur leider ziemlich weit vom ESF Zentrum entfernt.

Dazu gehoeren auch nur teilweise partizipierende Projekte wie das HUB Eur@ction Project und das der Disobbedienti inclusiveGlobal radio/tv bei denen der Wunsch nach eigenstaendiger Gestaltung der Raeume und Geschehnisse vorrangiger ist, als beim ESF. Trotzdem sind natuerlich auch da Kritikpunkte(Informationshierarchien, Abgrenzung, Fehlen inhaltlicher Arbeit) zu finden, aber es ist schwierig alles gleichzeitig zu machen. Menschen die sich einbringen wollen, sind willkommen und aufgefordert das Geschehen mitzugestalten.

Im HUB finden sich vorallem internationale Medien AktivistInnen (Indymedia, Yo Mango,Zmag) und andere Gruppen wie intergalaktika zusammen. Die angebotenen workshops (siehe HUB Eur@ction Project )finden eher sporadisch statt, dafuer gibt es einen Piraten TV Kanal, Radio stream, Medialab bzw. Aktionen beim ESF (z.B. video lkw, rave).

Insgesamt scheint es, dass trotz des Wunsches nach Vielfalt von Positionen und TeilnehmerInnen, es einige weniger erwuenschte Menschen gibt, gerade diejenigen am Rande der Konsumgesellschaft werden durch den Unkostenbeitrag von 10 Euro abgeschreckt oder erhalten begrenzte Bewegungsmoeglichkeiten (Tagespass, Babelfisch). Abgesehen davon, das die meisten TeilnehmerInnen eher dem gebildeten Mittelstand entspringen.
Was ist mit der Arbeitslosenbewegung, den Obdachlosen, Kindern, Frauen? Denn ja, auch patriachale Strukturen sind nicht abzuweisen.
Es kann an einer hierarchischen Strukturierung des ESF nicht vorbeigesehen werden, egal ob durch Wissens-/Informationshierarchie oder eben nur Eintritt.
Diskussionen zu Strategien zur Veraenderung der herrschenden Verhaeltnisse sind wichtig und auch hier anwesend. Die Reaktionen sind positiv. Dazu aber spaeter ausfuehrlicher.

Das naechste Seminar faengt an: Europaeische Consulta!

Was ist "HUB"?

clandestino 08.11.2002 - 17:22

@ clandestino

08.11.2002 - 18:51
über HUB kannst du dich hier über indy informieren, da gibt´s sogar im feature ´ne extra sparte. ansonsten, ist es genau das, was TLC sagt. ein workshop unter vielen. und ein projekt, eine diskussion, ein ansatz, eine initiative unter vielen.

weil manches, was die sich vornehmen oder zum thema zu machen versuchen ja gar nicht so übel ist, was übrigens auch für die disobbedienti gilt, ist es um so schade, dass die macher/innen sich nicht als solche wahrnehmen, sondern so tun, als sei´n se die träger/innen der einzig wahren radikalität und alternative, und das offenbar auch richtig glauben. hier sind gerade organisierte vernetzte oft sehr schwach. der reale bezug zu den dingen geht verloren, die eigentlich oft weiten horizonte verkleinern sich, weil der horizont ganz schnell da endet, wo die real existierende inhaltliche und praktische vernetzung aufhört, wenn mensch nicht aufpasst und vergisst, ernsthaft und ehrlich zu gucken, wie es draußen wirklich aussieht.

dass es immer wieder auf´s neue nicht zum durchbruch reicht ist eh´dann spätestens bei der nächsten fiesta in den trauten hölen schnell verschmerzt.und immer auf´s neue ´mal wieder, xmal schade. so finden sich menschen nie, die eigentlich wirklich viel verbindet. auch weit über die ganz radikalen und die sonstigen linken sippen und netze hinaus.

HUB

Besucher des ESF 09.11.2002 - 01:05
Der Begriff Hub meint diese Knotenpunkte, mit denen man Netzwerke zusammenstöpselt. Beim HUB-Projekt sind Indy, Radio GAP, Yomango, diverse weitere Gruppen.... beteiligt.
Gerade ist hier Party mit ein paar Tausend Leute.

HUB FOTOS

Dokumentator 09.11.2002 - 12:19


200 HUB-Aktivisten machten sich am 8. November auf dem Weg zur Fortezza Da Basso, dem Hauptveranstaltungsort des EFS. Sie enterten kreativ-demonstrativ und sehr sehr feierlich bewusst ohne 10 Euro-EFS Pass die Fortezza, mit dem erklärten Anliegen, Ausgrenzung zu thematisieren, unter direkter Anspielung auf Ausgrenzung ihrer selbst durch das EFS. Unter anderem soll der EFS-Apparat gestern Indymedia Aktivisten die Ausstellung des kostenlosen Medienaktivisten-Passes verweigert haben (Quelle: Indymedia Italien). Ohne den, keine Fortezza da Basso for free und keinen Zugang zum Media-Center. War wohl alles sehr nett, und dann gab´s paaty. Hiervon gibt´s (noch?) keine Bilder, dafür aber Bilder vom Knotenpunkt-Hauptquartier im unabhängigen EFS-Exil. Berichte darüber, ob und wie das Knotenpunkt-Prinzip greift und was dabei so ´rumkommt, sind (leider) weit und breit nicht zu finden.

Die HUB-in-Florence Fotogalerie hier:

 http://italy.indymedia.org/news/2002/11/106529.php

 http://italy.indymedia.org/news/2002/11/106632.php

 http://italy.indymedia.org/news/2002/11/106466.php

 http://italy.indymedia.org/news/2002/11/106114.php