Berlin: 8000 gegen Sozialkürzung (Bilder)

local activist 02.10.2002 16:32
Berlin ist pleite! Das bekommen in letzter Zeit immer mehr Menschen zu spühren. Der rot-rote Senat sorgt für Ärger in der Berliner Bevölkerung, denn er will die 53 Milliaden Euro Schulden hauptsächlich über radikale Kürzungen im sozialen Bereich und (na wen wundert es?) bei denen holen, die schon wenig haben und kaum eine Lobby besitzen. Nach den Kürzungen bei den Kitas und im Bildungsbereich, sind momentan die Behinderten an der Reihe. 19% der staatlichen Leistungen sollen eingespart werden, was gestern in Berlin 8000 Menschen auf die Beine (oder den Rolli) brachte. Dabei gab es deutliche Unterschiede zwischen den offiziellen Reden und Forderungen und dem Protest der Menschen, die diesen auf vielen selbstgemalten Transparenten zum Ausdruck brachten.
Während auf der Bühne von den offiziell geladenen Rednern (aller Parteien) betont wurde, dass die Kürzungen nicht gerecht sind und Protest dagegen legitim und doch alle wollen, dass gar nicht so viel, sondern weniger gekürzt wird, oder vielleicht in anderen Bereichen, ging die Kritik der anwesenden Protestierenden weiter. Sie fühlten sich als Opfer einer Politik, die z.B. den Bankenskandal hervorgebracht hat. Die Menschen fühlten sich betrogen und es war deutlich, dass sie den PolitikerInnen der Parteien nicht wirklich die Fähigkeit zustanden, Verbesserungen herbeizuführen. Besonders deutlich wurde dies, als die Sozialsenatorin der PDS das Podium betrat. Lautstarke Buh-Rufe und Pfeifkonzerte zwangen die PDS-Senatorin dazu, den größten Teil ihrer Rede mit weinerlicher Stimme zu fordern: "Jetzt lasst mich doch auch mal was sagen...!". Sie sagte dann auch noch was, wirklich interessiert hat das aber niemand.
Realistisch betrachtet wird dieser Protest nicht viel an der unsozialen, neoliberalen Politik des Berliner Senats ändern. Erst kürzlich wurde eine sogenannte "Giftliste" bekannt, die grausamme Pläne offenbarte: weitere Sozialkürzungen in vielen Bereichen. Nach und nach wird der Berliner Senat versuchen diese durchzusetzen und der Protest dagegen wird gering bleiben, solange die verschiedenen Initiativen nur in ihren jeweiligen Teilbereichen protestieren und nicht den Blick über den Tellerrand wagen und sich zusammenschliessen oder vernetzen gegen "die neoliberalen Sozialkürzungen" des Berliner Senats. Diese Entwicklung ist nicht nur eine Berliner Entwicklung, sondern ein weltweiter Trend und kann in vielen Städten der Welt beobachtet werden. Es wird in den nächsten Wochen und Monaten zwangsläufig zu neuen Sparmaßnahmen in verschiedenen Bereichen kommen, daran führt kein Weg vorbei. Es bedarf einer breiten Diskussion darüber, wie diesen Plänen entgegnet werden kann und auch dann steht der Bevölkerung ein harter Kampf bevor, denn für die PolitikerInnen des Senats gibt es eigentlich keine Alternativen zu Sozialkürzungen und Steuererhöhungen, um alles Geld was geht zusammenzukratzen. Immerhin liegt der aktuelle Schuldenstand Berlins bei 53 Milliarden Euro. Immerhin zahlt die bankrotte Hauptstadt ab 2002 täglich fast 6 Millionen Euro Zinsen, also jährlich rund 4 Milliarden Euro. Ansonsten müssten die Verantwortlichen ja einräumen, dass ihre Politik versagt hat. Doch genau dieses Eingeständnis sollten wir von ihnen fordern!


LINKS:

Berlin zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung - eine Armutsbilanz:  http://www.indymedia.de/2002/09/30377.shtml
Argentinien, Bankgesellschaft, Berlin und wir:  http://www.de.indymedia.org/2002/09/30432.shtml
Vernetzung sozialer Gruppen und Initiativen:  http://www.soziale-consulta.de
Initiative "Berliner Bankenskandal":  http://www.berliner-bankenskandal.de
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

super!!!

endlich bewegt sich mal was 02.10.2002 - 17:25
Aktionsbündnis Das Blaue Kamel:  http://www.kokonet.de/dasblauekamel

Bin da gestern vorbeiglaufen...

Berliner 02.10.2002 - 17:37
..habs erst für eine Gewerkschaftsveranstaltung gehalten. Aber das ist schon mal ein erster Schritt. Der Zweite müsste sein, sich mit anderen ebenfalls Betroffenen (Studierenden, Bauarbeitern, Abgestellten, Arbeitslosen...) zusammenzufinden und gemeinsam gegen die Verhältnisse anzugehen...

spaltung durch arbeitgeber

urmel 02.10.2002 - 18:17
die träger/arbeitgeber der ambulanten dienste spielen die mitarbeiter des öffentlichen dienstes gegen die mitarbeiter der freien wohlfahrtspflege aus. so fordern die träger gehaltsverzicht im öffentlichen dienst,damit für sie noch was an geld übrig bleibt - so argumentiert auch der senat in den "solidarpakt-verhandlungen" und versucht druck auf die tarifautonomie auszuüben. damit gehen sie den spaltungsversuchen (ausstieg aus flächentarifvertrag und einstieg in lokale tarif-willkür) des senats auf den leim. die haltung der basis-mitarbeiter ist sehr vielfältig,da kann ich keine geschlossene einschätzung abgeben. solche demos sind wohl sehr nötig,aber ohne spaltung bitteschön.

Nicht nur Behinderte

tim 03.10.2002 - 13:41
Bei der Veranstaltung waren auch viele Menschen
aus dem psychatrischen Bereich vertreten. Der Bereich
ist genauso von den Kürzungen betroffen.

Es soll überall weiter gespart werden, obwohl z.B. der
psychatrische Bereich schon seine ihm vorgegebenen
Sparzwänge erfüllt hat.

Neue Abrechnungsmodelle bei z.B betreutem Wohnen werden
die Lebensqualität der Menschen erheblich beschränken.

Die Mitarbeiter werden in 30 Stunden-Verträge gezwungen
um ganze Vereine der Branche noch am Leben zu erhalten. Das schürt die Angst um den Job und verschlechtert das Arbeitsklima unter den Mitarbeitern.

Die Schwächsten der Gesellschaft werden kräftig bluten müssen. Wieso gibt es keinen wirklich starken Widerstand
gegen das Phänomen "Senat-Bankgesellschaft"? Im Endeffekt
ist jeder Berliner von betroffen.

Überall heulen und fluchen nur keine Aktionen...
Andere Länder, andere Sitten - England, Frankreich,
Italien, Österreich wenns drauf ankommt, können
Hunderttausende über Wochen mobilisiert werden.

Nur in good old germany bleiben Massenproteste eine Wunschvorstellung. Bei Aktionen trifft man sehr oft die gleichen Gesichter wieder und fühlt sich wie in einem Gallier-Dorf.






Psychiatrischer Bereich

Hass 03.10.2002 - 19:38
Hallo Tim,
lese doch mal die Hartz Papiere genau, dann wirst du finden das einige psychologische Beratungsdienste demnächst dem Jobcenter zugeordnet werden. Damit können dann Menschen in Therapien von Arbeitslos auf Sozialempfänger verschoben werden (da sie nicht arbeitsfähig mehr sind). Statistiken schönen, noch ein paar Euro einsparen und endlich dieses dumme Datenschutzgesetz aufheben. Also nicht sparen in der sondern mit der Psychiatrie.

Scheiss schöne neue Welt.

@hass

tim 04.10.2002 - 17:13
Mit dem psychatrischen Bereich
waren keine psychologischen Beratungsdienste
gemeint, sondern die direkte Psychatrie
mit Ärzten, Anstalten und z.B. Projekten
des betreuten Wohnens.

Hier besteht weiterhin ein Sparzwang, der
allein zu Einschnitten für kranke Menschen
und den dort Arbeitenden führt -
ohne "Hartz-Kooperation".