Urlaub von der Kronzeugenrolle - ein 'Refusenik' zu Gast in Berlin

javier 02.09.2002 20:36 Themen: Militarismus
Als im Frühjahr im Schatten der "Operation Schutzschild" die Mehrheitsfraktionen der öffentlichen Meinung in Europa nach Möglichkeiten suchten, ihre Sympathien mit dem Anliegen der Zweiten Intifada zum Ausdruck zu bringen, ohne sich mit offenen Parteinahmen für die arabischen Milizen politisch angreifbar zu machen, hatten Sie Konjunktur sowohl in der regierungsnahen als auch der oppositionellen israelkritischen Presse: "Refuseniks", partielle und totale Kriegsdienstverweigerer, die die Teilnahme an Einsätzen in Kampfeinheiten, in den umstrittenen Gebieten, bzw. den Israeli Defense Forces generell verweigern.
Der Name "Refusenik", einst ein Begriff für auswanderungswillige Juden, denen durch die ehemalige Sowjetunion die Ausreise verweigert worden war, fand eine zweite Bedeutung als Neuzugang in den Standardwortschatz europäischer Nachrichtenredakteure: "Refuseniks", das sind Israelis, die öffentlichkeitswirksam den Militärdienst verweigern und teilweise mit Arabern in den umstrittenen Gebieten zusammenarbeiten, ihre Organisationen, und solche die sich gegenüber dem Ausland als Repräsentanten der Friedensbewegung ausgeben. Splittergruppen wie "Yesh Gvul" ("Es gibt eine Grenze", 1982), "Ta'Ayush" ("Zusammenarbeit", 2000) oder - am bekanntesten - die von dem Antikommunisten und Jugendfreund des "Spiegel"-Herausgebers Rudolf Augstein, Uri Avneri, geführte "Gush Shalom"-Organisation ("Friedensblock", 1992) erhielten in europäischen Medien unabhängig von der politischen Ausrichtung der Redaktionen eine überproportionale Abdeckung und wurden durchgehend als Gravitationszentrum einer antiisraelischen Fundamentalopposition dargestellt.

Die Historikerin Anat Peri analysierte im August in der Ha'aretz am Beispiel der in Europa mit verschiedenen Friedenspreisen dekorierten Avneri-Gruppe das Aufmerksamkeitsungleichgewicht zwischen israelischen und europäischen Medien: "Man macht sich in Israel aber nicht klar, dass ein weiteres Hauptbetätigungsfeld des 'Gush Shalom' Deutschland ist und dass man heute in Deutschland oder Österreich, ob in den Printmedien, im Radio oder Fernsehen, überall Uri Avneris Gesicht sieht - ob über ihn geschrieben oder ob er interviewt wird, ob er berichtet, diskutiert oder kommentiert. Avneri spielt zur Zeit in Deutschland die Rolle, die antisemitische Gesellschaften häufig Juden zuweisen, die sich bereit erklären, mit ihnen zu kooperieren. Als Jude darf er Israel mit einer Schärfe und Krassheit kritisieren, die kein Deutscher sich anmaßen würde. Dadurch legitimisiert er antisemitische Ansichten."

Meist der massenmedialen Vergrößerung zum Opfer gefallen sind dagegen Hintergründe über die politische und gesellschaftliche Rolle dieser Gruppen. Eine der wenigen Ausnahmen hiervon stellt ein Vortrag des Schweizers Shraga Elam dar, der später für den Auslandsbaathisten Jamal Karsli Partei ergriff und in der Frühphase der Zweiten Intifada erläuterte, daß "wir im israelischen Kontext eher von einem Friedenslager, als von einer Linken sprechen können. Denn trotz einer relativ langen sozialistischen Tradition haben sich die israelischen Linken seit 1967 immer mehr auf die Fragen der Besatzung und der Friedenspolitik konzentriert, wogegen die traditionellen linken Inhalte zumeist vernachlässigt wurden. Dementsprechend wurden die Grenzen zwischen links und rechts verwischt. So werden prominente FriedensaktivistInnen, wie etwa der Publizist Uri Avnery, welcher ein brennender Antisozialist ist, irrtümlicherweise als Linke bezeichnet."

Der 79jährige Avneri, der mit der Intifadaführung kollaboriert, gilt in der europäischen Wahrnehmung als eine Art Oppositionsführer, seine Kolumnen als Manifeste der Friedensbewegung, seine Position als die eines Kronzeugen, der per definitionem nicht antisemitisch sein kann. Doch während die "Gush Shalom"-Organisation gezieltermaßen mit außenpolitscher Schwerpunktsetzung agiert, sind die Gruppen, in denen Militärdienstverweigerer selbst bestimmen, mehrheitlich auf innerisraelische Debatten hin orientiert und Gegenstand von außen kommender Instrumentalisierungsversuche. So hat sich ein WWW-Banner der Gruppierung "Courage to Refuse", das gleich einem dreiziffrigen Zählwerk die aktuelle Anzahl der Unterzeichner unter einer Verweigerungserklärung wiedergibt, im Frühsommer zügig über Websites von Intifada-Unterstützern verbreitet. Während diese nach Sympathieträgern auf der israelischen Seite suchten, um ihre antiisraelische Grundhaltung nicht offenlegen zu müssen, heißt es auf der Website der Unterzeichner, die den Dienst in Kampfeinheiten in den umstrittenen Gebieten verweigern: "Es ist wichtig zu verstehen, dass unsere Kritik am Vorgehen unserer Armee keinesfalls die Unterstützung von Aktionen der Gegenseite impliziert. Wir können nicht zulassen, dass ihre Verbrechen unsere Dummheit legitimieren. Ich fühle mich nur für die Aktionen meines Landes verantwortlich, und nur dagegen kann ich protestieren, egal ob die andere Seite schuldig oder unschuldig ist."

Eine solche Haltung ist in Deutschland freilich bislang nur selten zu finden. Anat Peri: "Seit dem Holocaust versucht Deutschland, den Makel der Schuld zu tilgen, die ihm anhängt, und parallel zu dem deutschen Streben nicht nur nach der wirtschaftlichen, sondern auch nach der militärischen und politischen Hegemonie in Europa bemühte Deutschland sich auch, die Bürde seiner Schuld abzuschütteln. Nachdem man in diesem Land den Versuch aufgegeben hat, den Holocaust zu leugnen, ihn in Vergessenheit geraten zu lassen und 'einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen,' machte sich die Bundesrepublik in den letzten zehn Jahren eine ideologische und politische Strategie zu eigenen, durch einen Rollentausch zwischen Tätern und Opfern bewirken soll: auf der einen Seite durch die Dämonisierung der NS-Opfer, auf der anderen Seite durch die Glorifizierung des Leidens der deutschen Mörder und ihre Darstellung als unschuldige Opfer.

Diese Strategie, die von der Presse, der Literatur und auch von staatlichen Einrichtungen in Deutschland betrieben wird, zielt auf Serben, Tschechen, Polen, Russen, doch vor allem auf Juden ab, die NS-Opfer par excellence. Die Deutschen beschäftigen sich gegenwärtig höchste intensiv mit der Nachkriegsvertreibung der Deutschen aus Osteuropa und planen auch ein Museum in Berlin, das diesem Thema gewidmet ist, in der unverhüllten Absicht, die Vertreibung der Deutschen als Parallele zum Holocaust hinzustellen und die eigenen Verbrechen an den Juden und den osteuropäischen Völkern zu minimalisieren. Die Völker, die im Zweiten Weltkrieg dem Nazismus zum Opfer fielen, werden nicht als Opfer, sondern als Feinde hingestellt, die die Deutschen aus ihren Ländern vertreiben wollten. So schafft man nicht nur eine Analogie zwischen Stalin und Hitler, sondern auch zwischen Hitler und Leuten wie Eduard Benes, dem Präsidenten der Tschechoslowakei vor ihrer Annexion durch das Dritte Reich und nach dem Krieg. Es gibt auch einige respektable Deutsche, die Ariel Sharon mit Hitler verglichen haben, darunter 'Spiegel'-Herausgeber Rudolf Augstein, der in seiner Jugend Unteroffizier in der Wehrmacht war."

Das Anliegen, Parallelen zwischen den Nazis und der aktuellen israelischen Regierung zu ziehen, entpuppt sich dann auch oftmals als das tatsächliche Motiv hinter einer Parteinahme für die Splittergruppen, die mit Arabern auf der Westbank und im Gazastreifen zusammenarbeiten. Denn auch diese sprechen im Zusammenhang mit den Aktionen zur Eindämmung der Intifada von "Besetzung". Doch während die "Refuseniks" darunter die militärische Präsenz der IDF in den umstrittenen Gebieten verstehen, meinen europäische Intifada-Anhänger mit "Besatzung" meist den Staat Israel als solchen. Während die Kritik der "Refuseniks" an der Politik ihrer Regierung gegenüber der palästinensischen Nationalbewegung Bestandteil eines inneren Diskurses ist, der auf den Konsens baut, keine Existenzbedrohung Israels durch die Intifada zuzulassen, versuchen europäische Intifada-Anhänger oftmals, sie als das israelische Feigenblatt einer internationalen antizionistischen Koalition zu instrumentalisieren, hinter dem sich Stimmen, die Israel grundsätzlich ablehnen, gegen kritische Fragen abschirmen wollen. Grundlage für diese Haltung ist die in Deutschland weitverbreitete Annahme, dass Positionen, die von Europäern aus einem israelischen in einen europäischen Diskurs transplantiert werden, allein aufgrund ihres Ursprungs keine antisemitischen Auswirkungen in ihrem neuen Kontext haben könnten.

Wohl nicht ganz ohne die Absicht, in Form einer authentischen Stimme Licht ins Dunkel solcher doppelbödigen Interessen zu bringen, haben Ende August totale Kriegsdienstverweigerer einen israelischen "Refusenik" nach Berlin eingeladen. In der Autonomen-Szene der Hauptstadt herumgereichte Flugblätter und Plakate riefen zu einer "Info-Veranstaltung zu Kriegsdienstverweigerung in Israel und zum Nahost-Konflikt". Angekündigt als Gastredner war Gabriel Wolf, der 1992 "während der Oslo-Euphorie" als Elfjähriger mit seinen Eltern aus Süddeutschland nach Israel emigrierte, in der Jerusalemer linken Szene mitarbeitet und persönliche Kontakte mit deutschen Autonomen pflegt. Der Anfangzwanziger hat sich das lange hellblonde Haar, das er erfolgreich dem Zugriff des Militärfriseurs entziehen konnte, im Nacken zum Zopf zusammengebunden. Er trägt ein dunkles T-Shirt, das in grellpinken hebräischen und arabischen Lettern "gegen die Besetzung und für soziale Gerechtigkeit" eintritt, hat einen bunten Flicken auf der leger sitzenden Hose und ist im Gesicht deutlich vom Sonnenbrand gezeichnet. Gabriel, der sich lediglich mit seinem Vornamen vorstellt, macht einen ruhigen und entschlossenen Eindruck.

Neben ihm auf der Bühne sitzen eine junge Frau mit bunter Punkfrisur, die als persönliche Bekannte Gabriel Wolfs den Abend initiiert hat, Wolfgang Richter, der für den Kölner Jugendclub Courage im deutsch-israelischen Austausch arbeitet und die Diskussion moderieren wird, sowie Andy, eine Frau, die verlegen lächelt, als sie vom Moderator als "Expertin für Kriegsdienstverweigerung" vorgestellt wird. Obwohl Wolfgang Richter in seiner Anmoderation gestelzt von einem "topallergischen Thema" spricht und betont, auf diesem Podium werde wohl Kaum die Lösung des Nahostkonflikts gefunden werden, gelingt es ihm noch innerhalb der ersten Minuten, das Publikum zu Lachen zu bringen, als er sagt, Gabriel Wolf werde "nur kurz" sprechen, das hieße maximal eine Stunde.

Zur Einleitung stellt Andy die rechtlichen Rahmenbedingungen vor. Sie folgen im wesentlichen europäischen Standards und lassen kaum vermuten, dass es um eine Armee geht, die den Krieg im Land hat. Ein israelischer Wehrpflichtiger oder Reservist, der einen Einsatzbefehl verweigert, wird in einem Disziplinarverfahren mit Arrest bestraft, nach dessen Ende der Befehl erneut erteilt wird. Üblicherweise komme es nach 3 - 4 Wiederholungen entweder zu einer anderweitigen Verwendung oder zur Entlassung. Entscheidungen werden von Militärgerichten getroffen - da ein Gesetz aus dem 50er Jahren das Recht gibt "illegale Befehle" zu verweigern, müssten zivile Gerichte auch den fraglichen Einsatz zum Untersuchungsgegenstand machen und weisen daher entsprechende Entscheidungen in der Regel zurück. Wehrdienstgegner gliedern sich in eine starke Strömung, die die Option eines Zivildienstes einführen wollen, und eine Minderheit von totalen Kriegsdienstverweigerern, die aus politischen Gründen den Dienst in der Armee und allen assoziierten Organen ablehnen.

Gabriel beginnt seinen Vortrag mit grundsätzlichen Anmerkungen. Sein fließendes Deutsch - er muss zwischendurch nur selten nach Worten suchen - dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass er hier weniger als Privatperson, sondern als "der Israeli" spreche, obwohl er einen Teil seiner Kindheit in Deutschland verbracht habe - Israel sei schließlich ein Einwanderungsland. Bezogen auf Deutschland urteilt Gabriel mit vorsichtig gesetzten Worten, "dass es kaum so ist, dass die Lösung von hier kommt." Außer in der "Ta'Ayush"-Gruppe arbeitet er bei "Ha'Moked" mit, die er als "Menschenrechtsorganisation für palästinensische Gefangene" beschreibt. Das Publikum solle aber deshalb nicht von ihm erwarten, "dass ich Euch erzähle, wie sehr das palästinensische Volk leidet. Ich fühle mich nicht in der Lage, darüber zu reden, ich kann euch auch nicht wirklich etwas erzählen. Wenn ihr das hören wollt, müsst ihr einen Palästinenser einladen."

Vor einem halben Jahr war Gabriel schon einmal in Berlin gewesen - viel Neues gebe es seitdem nicht zu erzählen. Er hätte zunächst überlegt, ob sein Auftritt überhaupt einen Sinn habe, dann aber das kostenlose Flugticket nicht ablehnen wollen. Schließlich bilanziert er doch: "Die Situation ist schlechter, komplizierter, hoffnungsloser geworden. Damals sah ich noch das Licht am Ende es Tunnels. Heute sehe ich nicht einmal mehr den Anfang des Tunnels." Vor vier Jahren, als siebzehnjähriger Elftklässler, ist er gemustert worden. Schon zuvor sei ihm klargewesen, dass "irgendetwas nicht in Ordnung" sei, die Musterung habe ihm verdeutlicht, "dass es nicht viel hilft, zu wissen, dass die Besetzung falsch ist. Auch wenn ich in Tel Aviv bei der Armee Kaffee koche, koche ich den für jemanden, der beispielsweise einen Befehl fertigmacht, und am Schluss kommt meine Arbeit doch in Gaza oder Ramallah an."

Das habe ihn zu dem Entschluss geführt, sich "auch nicht an anderen Teilen des Systems zu beteiligen." Er habe infolgedessen vor einem sogenannten "Verweigerer-Komitee" gestanden, das "keinen Mann je freigesprochen" hatte. Die Strafdauer betrage heute 3,5 Monate, er habe 2,5 absitzen müssen. Als er in diesem Zusammenhang von einem "besonderen Raum" spricht, schallt "Bunker" als Zwischenruf aus dem Publikum. Als Alternative hätte die Möglichkeit bestanden, sich für verrückt erklären zu lassen. Nach der sogenannten "Profil 21"-Regelung könne man dann 3 Jahre lang keinen Führerschein machen und müsse dann einige Standardtests bestehen, bleibende Folgen für den juristischen Status habe es nicht. Viele junge Israelis verbrächten diese Zeit im indischen Goa, doch er habe sich politisch verhalten wollen.

In den Augen des werdenden Vaters Gabriel steht jede Armee für "militaristische Werte, Chauvinismus und Homophobie". Auf Nachfrage erläutert er: "Homosexualität stellt das Bild des Mannes in der Gesellschaft in Frage." Ein kürzlich produzierter Film, "Jack & Rick", eine Liebesgeschichte zweier schwuler Offiziere, habe in der IDF zu Irritationen geführt. Noch immer gebe es kein Coming Out in der Armee, man praktiziere eine "don't ask, don't tell"-Doktrin. Wie auch Frauen würden offen lebende Schwule nicht an der Waffe eingesetzt. Es gebe nur wenige Frauen in Kampfeinheiten, während von Männern die grundsätzliche Bereitschaft zum Dienst an der Waffe erwartet werde. Militärdienst in einer Kampfeinheit sei in Israel noch immer Voraussetzung für eine Karriere im öffentlichen Sektor oder einen Sitz in der Knesset. Durch den andauernden Kriegszustand sei Israel eine "eingezogene Gesellschaft", der militärische Chauvinismus treffe "sowohl Palästinenser als auch Frauen".

In dieser Situation entwickele sich etwas, "das ihr vielleicht gut verstehen könnt als Deutsche - die Neigung zu gehorchen." Ärger werde abgeleitet: "Wenn der Durchschnitts-Israeli ein Park-Ticket bekommt, dann beschimpft er die Mutter des Polizisten." Die Entwicklung der letzten Jahre habe zu einer Art indirektem "Gehorsam gegenüber Zauberworten wie 'Sicherheit'" geführt, mit dem er auch schon persönlich konfrontiert worden sei: Seine Freudin habe in Jerusalem ein Paket Kaugummi kaufen wollen, die Kioskbesitzerin habe sich über das T-Shirt "gegen Besatzung für soziale Gerechtigkeit" so erregt, dass sie die Münzen zurückwarf. Der Vater der Freundin habe sich geweigert, einen totalen Kriegsdienstverweigerer zu beherbergen, er hätte daraufhin mitten in der Nacht mit dem Bus von Tel Aviv ins heimatliche Jerusalem zurückfahren müssen. Doch Gabriel will nicht als Vaterlandsverräter gesehen werden: "Genausoviel, wie es mir um die palästinensische Gesellschaft geht, geht es mir auch um die israelische Gesellschaft."

Der unter den Bedingungen der aktuellen Intifada zustandegekommene Haushalt "annuliert den Wohlfahrtsstaat", bereits jetzt seien Einschnitte beim Kindergeld vollzogen. Insgesamt stimme ihn das "Zusammenspiel zwischen Militär und Kapitalismus" bedenklich. Israelis unterschiedlicher Nationalität nähmen in dem Einwanderungsland noch immer ungleiche gesellschaftliche Rollen ein, auch wenn, von arabischen Israelis abgesehen, alle militärdienstpflichtig seien. Zwischen persischen und europäischen Juden gebe es keine Chancengleichheit. Aber Kritik an der Innenpolitik werde als "Blasphemie" betrachtet, "weil die bösen Araber uns alle auffressen wollen". Letzeres sagt Gabriel mit einer Nonchalance, die den Zuhörer spekulieren läßt, wie erst es gemeint sein könnte.

Moderator Wolfgang Richter fragt nach: "Die Schilderung läßt die israelische Gesellschaft als einen Haufen von Paranoikern erscheinen. Welche Gründe gibt es dafür?" Gabriel: "Ich bin nicht dafür, dass das Militär morgen aufgelöst wird wird. In den 1967er Grenzen muss das Militär relativ stark sein. Natürlich kann man aus der Geschichte lesen, dass es nicht ganz doof ist, dass es einen jüdischen Staat gibt." Die Gründe für das Benehmen mancher Israelis gingen auf die Erfahrung des Holocaust zurück. Im Zusammenhang mit der "Besetzung" sehe er aber "billige Arbeitskräfte" als das eigentliche Interesse. Doch hiervon einmal abgesehen: "Natürlich hasst uns die arabische Welt und würde uns morgen auffressen." Zwar entspräche die Anzahl der Toten durch die Selbstmordattentate der durch Autounfälle und die Zahl der Lungenkrebstoten sei dreimal höher. Doch auch eine Gefahr, der man sich nicht entziehen könne, ist für Gabriel keine "Rechtfertigung, sich unmenschlich zu benehmen."

Ein älterer Mann im Publikum, der sich als osteuropäischer Jude vorstellt, protestiert: Gabriel habe "kein gutes Wort über Israel" gesagt und kein Wort zu den Attentaten. Mit solchen Ansichten sei er in Israel ein "Fremdkörper", wieso er überhaupt dort lebe? Ein Mann mit Halbglatze fährt auf: "Ich bin Palästinenser, das ist eine Provokation!" Gabriel bleibt ruhig: Es gehe hier nicht darum, "den Deutschen die Situation zu erklären. Waren Sie schonmal in Ramallah?" Der Diskutant schüttelt den Kopf, und auch der Palästinenser gewinnt seine Gelassenheit wieder. Gabriel weist elegant den "Fremdkörper" zurück: Er sehe sich in Israel nicht als solcher und werde von Ausnahmen abgesehen auch nicht so betrachtet. Es gebe aber in Reaktion auf den staatlich organisierten Terror Bestrebungen, "die palästinensische Gesellschaft so zu zerschlagen, dass es keine staatliche Führung mehr gibt und man Friedensabkommen aufzwingen kann. Natürlich ist der Haß in Ramallah auf Juden größer als der Haß auf Palästinenser in Tel Aviv."

Mit diesem Intermezzo geht das Stegreif-Referat in die Publikumsdebatte über. Zuhörer stellen Fragen: Was denkt die israelische Linke zum Irakkrieg? Gabriel: Abgesehen davon, dass man ja die Haltung zu allem was aus den USA komme, erraten könne, "kann ich kaum etwas über die Stellung der Linken sagen." Was meint er selbst zum zukünftigen Verlauf des Nahostkonflikts? "Je mehr Leute das Gefühl haben, Recht zu haben, um so schwieriger ist es, eine Lösung zu finden." Was denkt Gabriel zum Zionismus? "Ich bin mit den zionistischen Ideen so nicht einverstanden." Beispielsweise diskriminiere der Zionismus "Schwule, Frauen und Tiere". Wenn aber die Existenz Israels gefährdet sei, "fahre ich noch heute Abend zurück". Was denken die Eltern zu seinem Schritt? "Sie stehen persönlich, wenn auch nicht politisch hinter mir."

Welche Strategie soll die israelische Friedensbewegung einschlagen? Schwierige Frage. Mit "Zionismus ist schlecht, Besatzung ist schlecht" könne sie inzwischen "keine 2 Hanseln überzeugen. Ich sehe keine großen Chancen, dass in den nächsten drei Generationen sich die Leute im Nahen Osten nicht die Köpfe einschlagen." Was denkt Gabriel über Leute wie Amos Oz, die infolge der neuerlichen Intifada die Zusammenarbeit mit Palästinensern aufgegeben haben? Die Antwort bleibt vage: Die Linke habe sich im Oslo-Prozess teilweise selbst betrogen, wenn sie glaubte, über die Anliegen der Palästinenser besser bescheidzuwissen als diese selbst. Was gibt es an linksradikaler Szene in Jerusalem? Gabriel skizziert: Ein enges Spektrum von ca. 100 Personen, überwiegend Frauen, 10 Grüppchen, die sich vor allem mit Menschenrechtsarbeit beschäftigten.

Er selbst arbeitet in bei "Ta'Ayush" mit, einer Gruppe von 30 Personen, die zwar "nicht nur humanitär" agiere, aber außer der allgemeinen Zielsetzung "gemeinsame Aktionen mit Palästinensern" kein Programm habe und ein Umfeld von 200 Personen anspreche. Obwohl einige arabische Israelis in der Gruppe beteiligt sind, hat er darüber hinaus kaum Kontakte in diese Richtung: "Viele fühlen sich als Palästinenser." Ein spezialisiertes politisches Pendant der Gruppe gibt es auf der palästinensischen Seite nicht - ihre Ansprechpartner dort sind Behörden und gesellschaftliche Organisationen. Andy ergänzt: Jede Aktion von Ta'Ayush "muss mit der palästinensischen Seite gut abgesprochen werden, auch als Schutz." Der größte Teil ihrer Arbeit erstrecke sich darauf, "eine Situation zu schaffen, damit Begegnung überhaupt möglich ist" - auch beim aktuellen Stand der Dinge sei das "nicht ausgeschlossen." Auf die Frage, was Palästinenser zu seiner Verweigerung denken, berichtet Gabriel von grundsätzlich positiven Reaktionen. Diese Frage werde "in der Gruppe wenig diskutiert" und sei "kein großes Thema". Zwar träte ihnen von der arabischen Seite manchmal Skepsis entgegen, "da Kollaborateure sehr geächtet sind. Bisher ist es aber noch nicht passiert, dass einer danach geächtet oder umgebracht worden ist." Schließlich heiße die Palästinensische Autonomiebehörde offiziell die Aktivitäten der Gruppe gut.

Damit sind trotz der anfänglichen Absicht die Palästinenser doch noch zum Thema geworden. Ein schwarzgekleideter junger Mann ganz hinten im Publikum formuliert seine These aus: "Es gibt kein Israel ohne Unterdrückung der Palästinenser." Gabriel fragt gelassen zurück: Wolle er denn "ein Unrecht mit einem anderen vergelten"? Wieso halte er Israel für "per definitionem ungerecht"? Der Zuhörer präzisiert nach einigen rhetorischen Wendungen: "Weil Israel Unheil für die Palästinenser bedeutet." Gabriel sieht ihn fragend an: Die Lage der Palästinenser sei ihm bewusst. "Aber ich sehe keine andere Möglichkeit." Vielleicht könnte hier ein Palästinenser weiterwissen, der eine ähnliche Neigung zu ethischen Grundhaltungen wie Gabriel hat, aber so jemand steht gerade nicht zur Verfügung. Etwas später wird Gabriel gebeten, auf die Grundsatzdiskussion um Israel genauer einzugehen, wendet aber ein: "Ich kenne die antiisraelischen Positionen nicht und kann die Situation nicht klarmachen." dass er für den israelischen Staat eintrete, heiße nicht, dass er alles gutheiße, wie es ist. Etwas nervös reibt er die Hände am Wasserglas: "Ich will mich nicht auf deutsche Debatten einlassen." Mit antiisraelischen Positionen habe er "ein Problem", dass sie in Deutschland einflussreich seien, "geht mir gegen den Strich." Es komme eben noch viel zu oft vor, dass "Leute lieber einseitig denken als nachdenken."

Damit endet kurz nach 22 Uhr ein unspektakulärer Abend, ohne dass Publikumsfragen unbeantwortet geblieben wären. Der Saal, in dem sich eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung ca. 100 hauptsächlich junge Leute eingefunden hatten, hat sich schon teilweise geleert, auch der osteuropäische Jude und der Palästinenser von vorhin sind schon gegangen. Die 50 Personen, die bis zum Ende ausgeharrt haben, verteilen sich auf die umliegenden Kneipen. Stattgefunden hatte der Vortrag im KATO im Berliner U-Bahnhof Schlesisches Tor, dessen Veranstaltungsraum oft für Aktivitäten der Berliner linken Szene genutzt wird. In der Vergangenheit hatten dort sowohl Veranstaltungen der sich der antideutschen Strömung in der Linken zurechnenden Zeitschrift "Bahamas" stattgefunden, die sich an der "Kritischen Theorie" des deutsch-jüdischen Philosophen Theodor W. Adorno orientiert und die Parole einer "bedingungslosen Solidarität mit Israel" ausgegeben hatte, als auch der mit der Jugendorganisation der regierenden Sozialdemokratischen Partei verflochtenen trotzkistischen "Linksruck"-Gruppe, die sich als antiimperialistisch definiert, "für eine globale Intifada in den Betrieben" eintritt und im Januar 2002 in einem Grundsatzpapier zum Antisemitismus behauptet hatte, "das System des Nationalsozialismus wurde nicht unter wohlwollendem Beifall der deutschen Bevölkerung etabliert." Eine Veranstaltung der "Bahamas", die im April im Vorfeld der Demonstration zum palästinensischen "Tag des Bodens" im KATO geplant war, war seinerzeit aufgrund anonymer Drohungen an einen anderen Ort verlegt und dort Ziel eines Überfalls von Intifada-Anhängern geworden. Seitdem hatte das KATO nicht mehr für Aktivitäten in direktem Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt zur Verfügung gestanden. Der Abend mit Gabriel Wolf zählte zum inoffiziellen Rahmenprogramm des am darauffolgenden Wochenende in Berlin stattfindenden Bundestreffens totaler Kriegsdienstverweigerer in Deutschland.
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Ergänzungen

das kann nicht dein ernst sein

8-O 03.09.2002 - 00:17
DAS KANN NICHT DEIN ERNST SEIN

wozu

Persil Schador 03.09.2002 - 10:35
Wie viel politisch ueberkorrektes BLABLABLABLA wird man hierzu noch ueber sich ergehen lassen muessen.

Avnery

Prinzessin 03.09.2002 - 12:46
Zu Uri Avnery ist es auch interessant zu wissen, daß er Arafat als Führer der palästinensischen "Friedensbewegung" bezeichnet und die Ermordung palästinensischer "Kollaborateure" gutheißt. Er hat sogar eine palästinensische Menschenrechtsorganisation, die sich gegen die Tötung von "Kollaborateuren" aussprach, als Organisation von "Kollaborateuren" bezeichnet und ihre Mitarbeiter damit zum Abschuß freigegeben.

Kannst Du das belegen?

HanZ 03.09.2002 - 14:32
Sonst bleibts halt nur eine Behauptung und ein Niedermachen eines Typen, der anders denkt. Ich selbst hab von Avnery nur was zum Regime in Parkistan gelesen, was war recht interessant, zu Nahost hab ich nichts von dem gelesen.

Ergänzung zur Person

03.09.2002 - 16:37
"Der israelische publizist uri avneri kommt übrigens auch aus unserer ecke. er wurde als helmut lehmann in ahlen geboren." Zitat aus dem gästebuch der DKP Münster.

"wer nicht für uns ist, ist gegen uns"

g.w.b. 03.09.2002 - 18:57
javier, könntest du bitte auf die antisemitismusstreit-seite ein "bedingungslose solidarität mit israel"-banner geben? sonst glaubt noch jemand, die seite wäre objektiv!

@ hanz

Prinzessin 03.09.2002 - 21:53
Du könntest ja auch mal selber recherchieren, aber da es Dir offensichtlich nur darum geht, Avnery zu verteidigen, ohne seine Positionen zu kennen, gebe ich jetzt für alle ein paar Links an:

"Arafat ist die Friedensbewegung":

 http://www.judentum.net/europa/avnery.htm

"Es handelt sich bei der Palestinian Human Rights Monitoring Group um eine neue Art von Kollaborateuren":

 http://www.gamla.org.il/english/article/1998/oct/ler6.htm

Hier auch die Antwort von Bassem Eid, dem Leiter der Organisation (vgl. zur PHRMG:  http://phrmg.org).

Daß die Tötung von Kollaborateuren aus Avenerys Sicht gutzuheißen ist, geht auch aus obigem Statement hervor. Avnery expliziert dies noch enmal in konkret, Juni 2002.

Danke fuer die links

HanZ 04.09.2002 - 00:07
Ich wollte niemanden einfach so verteidigen, mir gefällt nur oft die undifferenziertheit nicht, mit der alles und jeder schnell zum Nazi gemacht wird. Ich werde aber mal den Links folgen. Diese Konkret-Ausgabe kenne ich. Dort impliziert nicht Avnery, sondern der Interviewer diese Sache. Nicht gerade sehr seriös!

Quellenangaben zur Person Uri Avneri

javier santana 04.09.2002 - 12:39
gibt es auch auf der Website in der Rubrik "Links", Unterpunkt "Intifada". Da aber hier danach gefragt wurde:

Shraga Elam: Uri Avneri = "brennender Antisozialist"
 http://www.kalaschnikow.net/de/txt/2002/elam07.html

Lebenslauf Uri Avneri (Eigenangaben):  http://www.avnery-news.co.il/english/uri2.html

Uri Avneri: "I have never been a Communist, and, woe is me, not even a Marxist."
 http://www.gush-shalom.org/archives/article24.html

Uri Avneri und Rudolf Augstein:
 http://www.israel-mfa.gov.il/mfa/go.asp?MFAH00i70

Palästinensische Nachrichtenagentur über Uri Avneri (IMRA-Doku):
 http://www.imra.org.il/story.php3?id=9856

Kritik eines Jerusalem Post Kolumnisten an Avneri:
 http://mrbounce.compsoc.man.ac.uk/~yy/essays/boycott.htm

Avneri und der Uexkuell-Preis:
 http://www.megspace.com/politics/dki/snowwhitemirror/flugis/Flugblatt_2002_05_22_BIFFF.html

Anat Peri über Uri Avneris Rolle in Deutschland:
 http://www.nahostfocus.de/artikel.php?id=633
 http://www.henryk-broder.de/html/fr_peri.html

Avneri als Interviewpartner in Deutschland:
ganz links:  http://www.jungewelt.de/2001/10-13/015.php
mitte:  http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-interview/2326.html
ganz rechts:  http://www.jf-archiv.de/archiv02/232yy09.htm

aktuelle jungle World über Ta'Ayush

04.09.2002 - 20:35

Opfer werden dämonisiert?

Sippenhaft und Blutrache sind fortschrittlich 07.09.2002 - 13:34
Wo in Deutschland werden NS-Opfer dämonisiert??

Das ist eine infame Verleumdung.

Die Beleuchtung der Verbrechen, die nach dem Krieg in der Sowjetunion, in Jugoslawien/Serbien oder - leider Gottes - auch in Israel begangen werden, richtet sich ganz bestimmt nicht gegen NS-Opfer, sondern gegen Verbrecher. Es handelt sich in 99,9999 Prozent aller Fälle nicht um die gleichen Personen.

Also?

javier 19.09.2002 - 19:26
Von der Dämonisierung der NS-Opfer ist zwar nicht in meinem Text, sondern im Zitat von Anat Peri die Rede, ich vermute aber, sie bezieht sich auf:

- die Inanspruchnahme der Opferrolle durch deutsche Bevölkerungsanteile, die wegen Kollaboration gemäß den Jalta-Bestimmungen aus verschiedenen osteuropäischen Staaten ausgewiesen werden mußten, sowie durch deren in Deutschland gebürtige Nachkommen(!)
- die Integration der Revanchistenverbände in die gegenwärtige Osteuropapolitik der Bundesregierung
- deutsche Faschismusvorwürfe an das Ausland und die Verniedlichung deutscher Aggression (z.B. gegen Jugoslawien) als Antifaschismus ("Faschismus-das-sind-immer-die-anderen - Syndrom")
- die ausufernden Schlußstrichdebatten der letzten Jahre