150 000 in genua

malte 21.07.2002 08:49 Themen: Globalisierung
grosse, bunte, aber weitgehend harmlose demonstration zum jahrestag des g8-gipfels und mords an carlo giuliani in genua
rund 150 000 menschen (nach angaben der tageszeitung "il manifesto", aber auch nach eigenen beobachtungen eine angemessene zahl) demonstrierten am samstag zum jahrestag des g8-gipfels weitgehend friedlich in den erneut wie leergefegten strassen genuas. die polizei verhielt sich halbwegs angemessen und zeigte sich nur selten, begleitet von wuetenden "assassini"-rufen seitens der demonstrierenden und menschenketten des genoa social forums, die ein aufeinandertreffen von demo und polizei verhinderten.
schon in den vorherigen tagen war nach genua mobilisiert worden, und die beteiligung an der demonstration uebertraf wohl alle positiven erwartungen. aus allen teilen italiens kamen ueberfuellte sonderzuege nach genua, und im gegensatz zum vergangenen jahr beteiligten sich auch die italienischen sozialdemokraten (democrazia della sinistra, ulivo) an der demonstration - gescholten und gemieden wegen der damaligen abstinenz und stuetzung des staatlichen repressionskurses. die ereignisse in der diaz-schule, staatsterrorismus mit parallelen zu chile in den 70ern, wurden durch die besetzung der schule durch rund 50 "disobbedienti" (auch innerhalb der bewegung umstrittene nachfolgeorganisation der "tute bianche") wieder ins gedaechtnis gerufen. in den letzten wochen kam heraus, dass viele von der polizei vorgelegten "beweismittel" ueberhaupt nichts mit der schule zu tun hatten (die beiden molotov-cocktails waren bereits am vormittag auf einer strasse weit entfernt der schule gefunden worden, die messerstiche des angeblichen angriffes eines menschen der diaz-schule auf einen polizisten stimmten nicht mit der vermeintlichen tatwaffe ueberein). den hauptakzent bei der erinnerung an die g8-proteste nahm aber der mord an carlo giuliani ein. puenktlich zur demo erschienen ein neuer film und eine cd, ebenso puenktlich gab der mutmassliche moerder bei seinem ersten tv-auftritt ueberhaupt eine neue version der ereignisse ab (er habe nur in die luft geschossen, inzwischen seine vierte version). an den mord wurde mit einer kundgebung auf der piazza alimonda gedacht, um 17.27 ertoenten am hafen sirenen. carlo giulianis vater verlas einen brief seines sohnes, luftballons stiegen harmlos-pathetisch in den himmel, bevor die kundgebung in die demonstration ueberging, die an der stazione brignole (piazza delle americhe) begann und in das herz der damaligen "roten zone" fuehren sollte - mit einigen verzoegerungen, da einfach zu viele menschen auf den strassen waren.

dass sich veranstalterInnen und die meisten beteiligten gruppen der demo zum friedlichen verlauf der demo auf die schulter klopften, kann man angesichts der traumatischen erlebnisse des vergangenen jahres verstehen. dennoch konnte ich mich des eindrucks nicht erwehren, dass am abend nach der demo der geballte protest einfach verpuffte... hundertfuenfzigtausend leute auf einem haufen, die die strassen von genua verstopften, ihre che-guevara-muskel-shirts und roten fahnen spazieren trugen, "bella ciao" und "avanti popolo" groelten, faeuste gegen die bullen reckten wo diese sich unvorsichtigerweise zeigten, sich teil eines ganzen fuehlten... all das an einem lauen italienischen sommerabend mit malerischem sonnenuntergang ueber dem hafen genuas. dennoch eindrucksvoll - es bleibt wieder mal die einschaetzung, dass deutschland in sachen demokultur noch eine menge von italien lernen kann. und dass die genua-ereignisse vergangenen jahres eine identitaetsstiftende wirkung auf die globalisierungskritische bewegung in italien haben, der sich nicht mal die mitte-links-parteien entziehen koennen.

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Ergänzungen

????

21.07.2002 - 13:18
 http://italy.indymedia.org/news/2002/07/64382.php

Das oberste Bild ist komisch. Ein Attac-Block mit Che Guevara Fahnen...das passt ja wie...

zum letzten Abschnitt

ich 21.07.2002 - 16:19
ich denke mensch sollte diese Kungebung/Demo als erstes als ein gedenken und nicht als Protest sehn (der es natürlich trotzdem ist)geballte Fäuste und Lieder können da schon ausdrücken heute gedenken wir aber morgen kämpfen wir wieder...
mal davon ab könnten wir in d-land ja froh sein wenn mal mehr als 1000 menschen auf ne demo gehn ggesungen wird schon lange nicht mehr und wenn überhaupt wird der Stinkefinger gezeigt...mit Kraft,Gmeinsamkeit,oder sowas hat das hier aber nix zutun meist ehr mit hilflosigkeit und ewigen grabenkämpfen...
trotzdem dank für den guten artikel...
p.s. weiß jemand ob es in Hmburg ne Aktion gab/gibt,außer dem poster bei mir im fenster)

Jahrestag

Genova Libera 21.07.2002 - 19:03
Der Jahrestag der Proteste für eine gerechte und solidarische Welt in Genua bedeutet für viele die Sorge, aufgrung absurder und auf abenteuerlichste Art und Weise konstruierter Beweise zu Haftstrafen verurteilt zu werden...
Die Ermittlungen von Seiten der it. Staatsanwaltschaft werden nach wie vor aufrecht erhalten, und seien die Indizien noch so dünn und zusammengedichtet. So reichten die Zigarrettenfilter, Streichhölzer, Autowerkzeug, schwarze Kleidung u.v.m. aus, um gegen 17 Menschen die bis zu 10 Wochen dauernde U-Haft zu bestärtigen. In den Polizeistationen und im Gefängnis kam es dabei in den ersten Tagen zu äusserst brutalen Attacken und Überfällen gegen die Inhaftierten, faschistische Äusserungen und physische Gewalt waren die ganze Haftzeit gegenwärtig.

-Die Verfahren sollen sofort eingestellt werden!
-Die Überfälle in den Polizeiwachen und im Gefängnis müssen
aufgeklärt werden!
-liebevolle Grüße an die Mutter und den Vater von Carlo und
an alle Menschen die um ihn trauern!
-die wundervolle Blume der Solidarität an die Demonstration
in Genua!
-Freiheit und Glück für die Angeklagten von Genua

mail to:  genova.libera@gmx.net (INFO-Verteiler)

eMail:  genova.libera@gmx.net

Mag ja sein, daß die Linke in D ein Scheiß .

Jemand, der dummerweise neben Carlo stand 22.07.2002 - 04:39
..ist.
Denke ich an Genua zurück, bleibt mir fast nur noch ein starkes Ohnmachtgefühl im Gedächnis. Es lag nicht nur an den Bullen. Nie habe ich derartig unsolidarische Leute erlebt, wie die diversen italienischen Gruppen in diesen Tagen.
Die einzigen Leute, die mir nicht feindselig (das meine ich auch so) oder völlig verschlossen gegenübertraten, waren einzelne Leute von den COBAS und einer kleineren Gruppe die zu YA BASTA gehörte. (Selbst die wenigen netten waren unter dem Strich Parteisoldaten)
Meine Kleingruppe hat 6 Tage versucht an Infos und Material zu kommen, ohne, daß uns jemand einen Tip gegeben hätte.

Ich bin mir sicher, daß es zu dicken Auseinandersetzungen gekommen wäre, hätte es keine räumliche Trennung und den Willen zu einer Art "Burgfrieden" gegeben.

Ich bin nicht irgendwie ideologisch begeistert (im Sinne von "rot oder schwarz-rot"), aber wenn ein solches, elitäres Verhalten gegenüber Menschen aus anderen Gruppen ab einer gewissen Gruppenstärke einstellen sollte, dann weiß ich, was ich nicht will.

Das Gefühl mit dem ich aufgewacht bin, als ich wieder zuhause war, läßt sich am besten mit den Worten ausdrücken; "Nie wieder in dieses Scheißland"
(Egal, wie irgendwer einzelne Worte meiner Blubberrei auch zerhacken möchte.)

Viva Sonstirgendwas (aber bestimmt nicht die Masse der italienischen Linken

Was bitte?

CLC 22.07.2002 - 13:55
Sorry, aber selten habe ich in Deutschland eine solch gute Zusammenarbeit und Solidarität zwischen Anarchos und Kommunisten gesehen wie in Italien. Sie haben zwar auch Differenzen, wissen aber das es wichtig ist zusammen zu kämpfen.

Häääää????

anna 22.07.2002 - 14:20
Etwas merkwürdige Auffassung spiegelt sich im obigen Bericht wieder... wieso ist die power "verpufft"?
Ausser der Demo gab es über die ganzen Tage hinweg thematische Treffen und Diskussionen über die Zukunft der Bewegung und die Arbeit in bestimmten Bereichen (Migration/Rassismus, Arbeit/Streiks usw.). Es war also durchaus sehr erfolgreich, wie überhaupt die Tatsache, dass 150.000 Leute auf der Straße waren, was alle Erwartungen ums drei- bis vierfache übertroffen hat.
Nur zur Information: Die Disobbedienti (die Ungehorsamen) sind keine Organisation und schonmal gar nicht "Nachfolgeorganisation" der Tute Bianche. Es ist ein Bewegungkontext, ein gemeinsamer Bezug auf die Praxis des Sozialen Ungehorsams und die direkte Aktion von den Ex-Tute Bianche, den Jungen Kommunisten, dem No Global Netzwerk Neapel und einigen anderen Gruppen und Bündnissen in Italien. Sicher gibt es auch Kritik an ihnen, aber der Satz sie seie "Umstritten" ist natürlich eine richtige Nullaussage. WEr ist nicht umstritten? In einer breiten Linken sind irgendwie immer alle irgendwie umstritten, d.h. Kritik von anderen Teilen der Bewgung ausgesetzt. Also sollten - wenn es nicht diffamierend klingen soll - die konkreten Kritiken auf einer politischen Ebene benannt werden.
Was Anarchos und Kommunisten betrifft, ist zu bemerken das an der großen Demo auch zahlreiche Anarcho-Gruppen und Vereinigungen teilgenommen (wie die Anarcho-Gewerkschaft USI, Valpreda-Zirkel uvm). Die andere Demo am frühern Nachmittag, an der etwa 1000 Personen teilgenommen haben, war von einigen Hardcore-Anarchos und Autonomia di Classe (ML-lastiger Ableger des Ex-Autonomia Umfeldes, setzt noch auf Diktatur des Proletariats) organisiert.

Polithooligans

Mark 22.07.2002 - 18:27
Hier feiern sich die Polit-Hooligans wohl mal wieder selber.

Ich finde es zwar schlimm, dass ein junger Mensch sterben musste, aber seien wir mal ehrlich: wenn beim Randalieren kein Risiko wäre, würde es doch nur halb so viel Spaß machen! Scheiben einschlagen, Autos demolieren und Graffiti sprayen mach doch nur Spaß, wenn ein gewisses Risiko besteht, erwischt zu werden. Von daher finde ich Demonstrationen gegen "Polizei-Gewalt" ziemlich unglaubwürdig.

Mark

ähäm

Fuck-da-police 24.07.2002 - 03:10
@marc

ich glaub du hast nen talent zur fehleinschätzung.
das risiko ermordet zu werden, treibt wohl niemanden, zu randalieren oder auch nur zu demonstrieren!

Dr.No 24.07.2002 - 23:54
Die Demonstration hat wirklich alle Erwartungen uebetroffen. Ich war etwas spaeter dort und hab im Zug eine Freundin von Carlo getroffen, die Journalistin ist. In Milano und anderswo erwarteten Riot-Cops die heimkehrenden demonstranten... vielleicht schreib ich noch einen Bericht. Ist nicht ganz einfach mit Internetcafes,wenn kaum Geld da ist.

@MARK

kai 12.09.2002 - 22:28
es spricht nicht gerade für dich wenn du ausgerechnet auf demos den kick suchst. schade. und in dem kontext ist es noch weniger lustig. einige trauern, andere hats getrofffen und du freust dich, wirst zynisch. denk bitte ein bischen nach wie du mit solch heiklen themen umgehst. das nächstemal könntest du derjenige sein den es trifft, auch wenn du eigentlich mit "den demonstanten" nichts zu tun haben wolltest.