Appell Genua Social Forum

Übersetzung Roberto Greco 17.07.2002 14:53 Themen: Globalisierung Soziale Kämpfe
Wir, die im Juli des vergangenen Jahres, die ungewöhnliche und reiche Erfahrung des Genua Social Forum ins Leben gerufen haben, richten einen Appell an alle und besonders an diejenigen, die nach Genua kamen, um ihren Dissens gegen die Regierung dieses Planeten und ihre Politik des Todes, gegen die G8, kundzutun. Wir wenden uns an alle Frauen und Männer, die, wenn sie auch nicht zugegen sein konnten, dennoch mit ihrem Herzen bei uns sind. ... von Genua Social Forum
- Appell des Genua Social Forum -
Er wurde von hunderten Organisationen, Social Foren und Netzwerken unterzeichnet.

Genua – unsere Gründe

Wir, die im Juli des vergangenen Jahres, die ungewöhnliche und reiche Erfahrung des Genua Social Forum ins Leben gerufen haben, richten einen Appell an alle und besonders an diejenigen, die nach Genua kamen, um ihren Dissens gegen die Regierung dieses Planeten und ihre Politik des Todes, gegen die G8, kundzutun. Alle, die sich auf die Arbeitsplattform stellten, die dem Genua Social Forum seinen Ursprung gab und ebenfalls auf die Absichtserklärung des GSF, weder Personen noch Sachen Schaden zuzufügen, sahen ihr Recht, frei demonstrieren zu können, verwehrt und erlitten eine Repression, die ohne Beispiel in der Geschichte der italienischen Republik war. Wir wenden uns an alle Frauen und Männer, die, wenn sie auch nicht zugegen sein konnten, dennoch mit ihrem Herzen bei uns sind. Wir wenden uns an all diejenigen, die das große Signal dieser Tage vernommen haben: an die Armen, die sich wieder zu Wort meldeten, an die letzten, die sich nach Genua aufmachten, an die neue Generation, welche die Bedeutung der politischen Auseinandersetzung erkannt hat. Wir wenden uns auch an die, welche sich zufällig in Genua befanden und erst danach die Bedeutung der Ereignisse erkannt haben.

Wir wenden uns an die Regisseure, welche die farbenprächtigen Demonstrationen gefilmt haben, an die Journalisten, welche sich der organisierten Desinformation zur Wehr setzten und ihren Beruf ausübten, an die Frauen und Männer aus der Kultur, welche die Tragik der Ereignisse wahrgenommen haben. Sie legten einen hartnäckigen Willen an den Tag, zu diskutieren wie diese riesige Torte, gerecht verteilt wird und die Welt verändert werden kann. Dies teilten sie mit allen Menschen, die nach Genua gekommen sind. Wir wollen die Vorschläge wieder aufnehmen, die im Public Forum der Eröffnung des G8-Gipfels vorausgegangen sind. Deshalb bitten wir Euch, ein Jahr danach, nach Genua zurückzukehren, am 19., 20., 21. Juli, um der Welt das zu sagen, was die Repression unterdrücken wollte.

Und hier unsere Gründe:

Ihr seid die G8, wir 6 Milliarden: Was gestern wahr war, ist es heute umso mehr. Die wenigen Maßnahmen, zu denen sich die acht reichsten Länder der Welt im Kampf gegen die Armut verpflichteten, sind tote Buchstaben geblieben. In diesem Jahr haben sich die acht widerrechtlich Regierenden des Planeten, erneuter Verbrechen gegen die Menschheit schuldig gemacht. Daraus ergab sich noch deutlicher, dass ihre Modalitäten der Macht weitere gewaltige Kriege hervorrufen, welche die Zivilbevölkerungen miteinbeziehen. Die Vernichtung durch Hunger und Krankheiten, die heilbar wären, fehlender Zugang zu Trinkwasser, inhumane Ausbeutung der Arbeitskraft, Verschmutzung der Biosphäre und die Vergiftung der Meere sind ungebremst vorangeschritten. Das alles wird inszeniert, um einer Gruppe transnationaler Konzerne den höchsten Profit zu garantieren. Diese Konzerne halten in ihren Händen Reichtümer, welche die Bruttoinlandprodukte (PIL) ganzer Staaten übertreffen.

Von den acht reichsten Staaten ist ein sozialer, ökonomischer und militärischer Krieg gegen die gesamte Menschheit erklärt worden. Es ist ein Krieg, der mit der Waffe der Schulden und der Strukturmaßnahmen tötet, durch die Kontrolle am intellektuellen Eigentum seitens der Multinationalen und durch die Zerstörung auch der geringsten sozialen Gesetzgebung, welche sich der wilden und freien Expansion des Marktes in den Weg stellt. Es ist ein Krieg, der durch ein bisher nie dagewesenes Wachstum der Militärausgaben tötet, mit der Konstruktion neuer Todessysteme wie das Weltraumschutzschild. Es ist ein Krieg, den sie uns als permanent angesagt haben, den sie als Regulator der Diktatur des Marktes wollen, mit dem sie versuchen jegliche Rezession zu überwinden und die Maschine der Ungerechtigkeit auf Hochtouren zum Laufen zu bringen. Zu dieser Art Krieg gesellen sich die „kleinen“ Kriege, die weiterhin zu unzähliger Trauer unter den Bevölkerungen führt.

Die Mächtigen, eingeschlossen in ihrer roten Zone, zusammen mit ihrer Privatarmee von der Welt isoliert, hatten vor den dreihunderttausend in Genua Angst gehabt. Sie fürchteten, dass der Wurm von Seattle, sich so tief festgefressen hat, dass er den steinernen Konsens, den sie so sehr brauchen, zum Wanken bringt. Deshalb entschieden sie sich für die Repression.

Genua wurde an Körper und Seele vergewaltigt und das Blut einer seiner Söhne vergossen, das von Carlo Giuliani. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass unser Schmerz auch zum Schmerz weiter Teile der Menschheit wurde, dass der Name Carlo und Genua über Ozeane und Berge vordrang. Sie erreichten sanft die Ohren von Bäuerinnen/Bauern, Arbeiterinnen/Arbeitern, Studentinnen/Studenten, Arbeitslosen, Wohnungslosen, Landlosen, Hoffnungslosen. Sie erzählten ihnen, dass die Geschichte der Welt noch nicht wirklich abgeschlossen ist und dass ihre Schicksale erneut niedergeschrieben werden können mit der Tinte aus sozialer Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden.

Kehren wir ein Jahr danach nach Genua zurück. Treffen wir die Genueser wieder, in erster Linie die, welche uns mit Sympathie und in der Anteilnahme für unsere Ideale aufgenommen haben. Sie taten dies aus Zivilcourage und Beharrlichkeit, trotz einer besessenen Kampagne der Einschüchterungen. Doch treffen wir auch die, die von einer einschüchternden Propaganda dazu gebracht wurden, wegzubleiben. Treffen wir die, die sich dazu entschieden, weil sie verstanden, dass innerhalb, hinter den Absperrungen die Gewalt lauerte und nicht begriffen, dass hier eine Bewegung von tausenden Menschen wuchs, die sich für eine bessere Welt auf den Plätzen versammelte. Treffen wir uns wieder, um ein Genua zu entdecken, das frei ist von Zäunen, Absperrungen und Kontrollposten. Setzen wir die Betrachtungen fort, die in Italien und in der Welt in tausend Initiativen weiterentwickelt wurden.

Treffen wir uns, um über unsere Zukunft zu diskutieren, über die Möglichkeit einer realen Alternative zur neoliberalen Globalisierung. Treffen wir uns zum radikalen Meinungsaustausch, der ins Zentrum seiner Betrachtungen Ausbildung und Schule für alle stellt, der Produktionen und Stile des Lebens reflektiert. Beginnen wie beim Überdenken der Konsumgewohnheiten, der Weigerung gentechnisch veränderte Lebensmittel zu verbrauchen und der Bevorzugung des biologischen Anbaus und setzen wir die Diskussion mit einer radikalen und unaufschiebbaren Betrachtung der Produktionsbeziehungen fort. Unterstützen und verstärken wir alle Kampagnen wie die gegen die Abänderung des Gesetzes über die Produktion und den Handel mit Waffen, oder die zum Boykott der Markenfirmen aufrufen, die sich schwerer Verletzungen der Rechte und der Zerstörung des Ökosystems schuldig machen. Unterstützen wir die zur Verteidigung und Erweiterung des Arbeiterstatuts, des Kampfes gegen jede Form prekärer Arbeitsverhältnisse, sowie die zur Bestätigung der zivilisatorischen Prinzipien und der Gerechtigkeit, welche durch das Fini-Bossi Gesetz über Einwanderung verletzt werden. Unterstützen wir die Kampagnen zur Transparenz der Gewinne, der Nahrungssicherheit, die zur Beendigung des Irakembargos, die gegen die Nato und die, welche zur Verteidung und Aufwertung des öffentlichen Schulsystems geführt wird.

Kehren wir nach Genua zurück, weil unsere Gründe nach wie vor vorhanden sind. Sie sind noch mehr Anlass zur Bewegung.
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Ergänzungen

TV-TIP

fernsehglotzer 17.07.2002 - 19:00
Heute abend mal arte einschalten: "Genua, 20.Juli 2001- Tod eines Demonstranten", 20:45- 21:40