Berlin: Kiezversammlung gegen Zaun am Helmholtzplatz

eat the rich and drink with the poor 03.07.2002 03:43 Themen: Soziale Kämpfe
Der Helmholtzplatz ist seit einigen Jahren ein umkämpfter Raum. Seit der Sanierung des Platzes werden Nutzungskonflikte vor allem gegen soziale Randgruppen gerichtet. Weil der Platz in die aufgewertete Gegend passen soll - müssen Trinker, Punks und Obdachlose verschwinden. Die neuesten Pläne für einen Zaun und Wachschützer haben jedoch Protest hervorgerufen.
Ein Plakat mit dem Motiv einer Westberliner Aussischtsplattform der Berliner Mauer und dem dahinterliegenden Helmholtzplatz lockte am Dienstag (02.07.02) fast dreihundert Amwohnerinnen und Anwohner zu einer Versammlung unter freiem Himmel. Die geplanten Errichtung eines weiteren Zaunes auf dem Platz und der Einsatz von Wachschützern wurde von fast allen auf der Versammlung abgelehnt.
Proteste gegen Zaun am Helmholtzplatz.


"Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten" - mit diesem Ulbrichtzitat aus den 60er Jahren sollte nicht nur auf die Tradition des Ausschließens in Berlin, sondern vor allem an die Verlogenheit von Politik erinnert werden. Mit Ausreden und zum Teil offenen Lügen versuchen verantwortliche Stadträte, Amtsleiter und Quartiersmanager seit einigen Wochen ihre eigenen Vorschläge für "mehr Ordnung und Sicherheit" auf dem Helmholtzplatz vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Denn die auf einer nicht-öffentlichen Sitzung (am 16.05.02) zusammengetragenen Vorschläge für Zäune, Wachschützer und Hundeverbot stoßen bei den wenigsten Anwohnerinnen und Anwohner auf Zustimmung.

Die Initiative von Kiezladen, Betroffenenvertretung und einer ATTAC-Jugendgruppe wollte zum einen über die neuen Pläne für den Platz informieren, zum anderen sollte die Versammlung aber auch genutzt werden, um ein Stimmungsbild der Nachbarschaft zu den Problemen auf dem Helmholtzplatz zu ermöglichen. Denn seit bekannt werden der Pläne brodelt die Gerüchteküche im Viertel: Wer waren die ausgewählten AnwohnerInnen, die an dem geheimen Treffen vom 16.Mai teilgenommen haben? Welche Stadträte unterstützen die Zaunidee? Wie verhält sich das Quartiersmanagement? Unterstützen vor allem die Zugezogenen die repressiven Vorschläge? Die Versammlung sollte nicht auf alle Fragen eine Antwort finden, doch der erste öffentliche Meinungsaustausch zum Thema war eindeutig - bis auf Stadtrat Lehmann (SPD), der den befürchteten Zaun zu "einem noch nicht abgeschlossenen Gedankenspiel" herunterspielte, war niemand für die Zaunidee. Selbst die jenigen, die sich von dem aggresiven Lärm auf dem Platz auch mal gestört fühlten, konnten den politisch-bürokratischen Sicherheitsphantasien nichts Positives abgewinnen.

Als gleich zu Beginn der Versammlung Stadtrat Lehmann (SPD) erklären wollte, warum alles gar nicht so schlimm sei, kam es zu tumultartigen Szenen - laute Zwischenrufe forderten den Politiker mehrmals auf, endlich Klartext mit den AnwohnerInnen zu reden ("Hör endlich auf zu schwafeln!" "Halts Maul, wenn du uns nichts zu sagen hast!" "Versuch Dich hier nicht rauszureden!"...). Als der Stadtrat seine Rede beendet hatte, ging er kurz darauf. Wegen einer wichtigen Sitzung im Rahmen seiner Bürgervertretung verpasste er die Stimmen derer, die am Platz wohnen. Schade eigentlich, denn das Forum der Straßendemokratie hätte ihm erklären können, warum es keinen Zaun geben sollte. Denn in den anschließenden Beiträgen brachten fast alle RednerInnen ihre Abneigung gegen eine weitere Verdrängung und Ausgrenzung von Leuten auf dem Platz zum Ausdruck. Am Ende der etwa 90 Minuten Aussprache wurde "argentinische Demokratie" praktiziert: die zuvor besprochenen Themen wurde als gemeinsame Forderungen abgestimmt.
Wer ist gegen den Zaun? Fast alle Arme gehen hoch.
Wer ist gegen ein totales Hundeverbot auf dem gesamten Platz? Fast alle melden sich.
Wer ist gegen eine Alkoholverbot auf dem Platz? Wieder eine eindeutige Mehrheit.

Die Diskussionen darum, wem der Helmi gehört, geht nun in die nächsten Runden - eine Diskussion in der BVV und auch die nächste Stadträtesitzung wird zeigen, wie ernst die BewohnerInnen im Bezirk genommen werden. Für alle, die sich dabei nicht nur auf die PolitikerInnen verlassen wollen, gibts nächsten Dienstag um 19.00 eine weiteres Treffen im Kiezladen (Dunckerstraße 14).


Ältere Artikel zur Verdrängung von Randgruppen am Helholtzplatz: 1|2|3|4|5|
Aufruf und Bericht zu Antiverdrängungsaktionen im letzten Jahr:
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Ergänzungen

Bin ja ehrlich überrascht!

jemand aus Berlin 03.07.2002 - 04:13
Ich habe bis mitte der 90er in der Gegend gewohnt und habe miterleben "dürfen", wie die alternativen Strukturen, die zu Wendezeiten enstanden sind (Netwerk Spielkultur, Stadteilläden, Kiez-Initiativen...) zusammen mit den Bewohnern des Kiezes vertrieben worden sind. Heute leben in einigen Gegenden in Prenzlauer Berg nicht mal mehr 10% der alten Bevölkerung. Ein Vermieter, der ein Haus in der Schliemannstrasse erstanden hat, weigert sich ganz offiziell, Berliner in sein Haus ziehen zu lassen.
Während die Gentrifizierung des Kiezes um den Kolle (auch aufgrund des Widerstands) von 1991 bis 1996 gebraucht hat, wurde der LSD-Kiez um den Helmholtzplatz von oben innerhalb eines einzigen Jahres für Yuppies hergerichtet - alle Jugendclubs in der Gegend (4 Stück) wurden geschlossen, Hausprojekte geräumt etc. Heute sind dort Sushi-Bars und Schicki-Cafes. Einzig die Graffitis zeugen von einem Rest an lebendiger Innenstadt. Die Sanierung des Helmholtzplatzes war dann das I-Tüpfelchen.
Das was da gestern stattfand überrascht mich ehrlich. Ich hätte nicht gedacht, daß immer noch (oder wieder?) Strukturen da sind, die sowas auf die Beine stellen.

Die Frage: "Wer waren die ausgewählten AnwohnerInnen, die an dem geheimen Treffen vom 16.Mai teilgenommen haben?" dürfte einfach zu beantworten sein. Es waren weder eingessene Bevölkerung noch zufällig ausgewählte Personen.
Dabei kann ich nur kurz erwähnen, was ich aus dem Wrangelkiz in Kreuzberg kenne, der momentan für den Universal-Konzern und Co hergerichtet werden soll: Das Quartiersmanagement macht unter den zugezogenen Schickies Umfragen, was wo noch besser, sauberer und hipper werden könnte. Natürlich wollen die Schickies, daß alles was nicht so schön clean wie zu Hause in der Kleinstadt wirkt, weggemacht wird. Man kann denen nicht mal böse sein deswegen. Sie kennen es nicht anders und finden das, weswegen sie in die sog. "Szenebezirke" ziehen eigentlich ganz widerlich.

schöne versammlung...

que se vayan todos! 03.07.2002 - 10:57
da sehen wir mal, dass es durchaus funktionieren kann, die menschen/bevölkerung zu befragen bzw. wie in argentinien versammlungen durchzuführen. wurden auch aktionen beschlossen? oder nur die forderungen? aktionen lassen das ganze leben und verbinden und dadurch eine kontinuität herstellen...
spannend wäre es ja nun, vor allem auch, wie mein vorredner bemerkt hat, da in anderen bereichen/bezirken in berlin, aber auch anderswo gleiche oder ähnliche prozesse stattfinden, sich zu vernetzen. eine solche offene plattform entsteht gerade. die soziale consulta ist ein werkzeug, mit welchem wir unsere widerstände vernetzen können. sie ist offener raum, den jedeR selbst füllen kann/soll. es entstehen keine plichten und keine zwänge, nur die vernetzung steht im vordergrund, das suchen von gemeinsamkeiten und das tolerieren von unterschiedlichkeiten...
ich hoffe auf noch viele versammlungen (in berlin) dieser art. es hat gerade erst begonnen!!

Zaun umhaun!

Friedrich Hain 03.07.2002 - 11:49
In Friedrichshain wurde vor kurzem um den Forckenbeckplatz herum ein Zaun gezogen. Der Umbau und die "Neugestaltung" des Platzes schreitet auch immer weiter voran. Geplant ist demnächst noch ein Kiosk auf dem Platz. Dieser soll dann natürlich diverse Nutzungsrechte eingeräumt bekommen. Da dürfen dann bestimmt keine Getränke mehr von ausserhalb mit in den Park gebracht werden. Gegen all diese Pläne gab es bisher nicht viel Widerstand. Aber eindeutiges Ziel scheint es - wie am Helmholtzplatz - zu sein, die sich dort niederlassenden Menschengruppen, die nicht erwünscht sind, zu verdrängen. Die Polizeieinsätze wegen Hundekontrollen sind auf den Forcki auch schon mehr geworden. Aber Friedrichshain wird ja schön langsam zum tollen Yuppiebezirk, wenn sich nicht bald was dagegen tut.

Forckenbeckplatz

F'Hainer 03.07.2002 - 12:24
Der Unterschied zwischen F'Hain und Prenz'lberg ist ja, daß in F'Hain zu Wendezeiten keine Kiezstrukruren gewachsen sind. Zwar gab und gibt es hier viele Hausprojekte, doch die stammen von der "alten" westberliner Linken, die damals (und heute?) kein Interesse an Strukturen ausserhalb der radikaleren Linken hat. Die Yuppiesierung enstand im gegensatz zu Prenz'lberg quasi über nacht und künstlich (ist das das richtige Wort?). Ich hab den Eindruck, das die Simon-Dach-Strasse willkürlich ausgesucht wurde. Eine Szene, die für die Yuppie interessant wäre (wie ja im Prenz'lberg) gabs dort überhaupt nicht.
In F'Hain kann ich mir solche Kiezversammlungen daher kaum vorstellen. Leider.

@f'hainer

mischka 03.07.2002 - 19:41
ja künstlich ist der richtige ausdruck. die (schicken) strukturen rund um die boxi werden derzeit wirklich künstlich vom quartiersmanagement aufgebaut. dieses bezahlt miete ect. für neue kneipen/plattenläden ect. damit diese sich hier ansiedeln können. nach einem jahr müssen die läden dann auf eigenen füßen stehen.
infos:  http://www.boxhagenerplatz.de
versammlungen wie diese find ich sinnvoll und ich würd hingehn.

forcki, gentrification etc

mastermindchaos 04.07.2002 - 01:35
es könnte als xenophobisch ausgelegter lokalpatriotismus interpretiert werden, aber es ist schon scheisse wenn einem die stadt unterm arsch weg saniert wird. und rheinländer & consorten sind ja meist diejenigen, die sich dann breitmachen & ausleben - mit sauberen bürgersteigen, bierpreisen wie in stuttgart und allem drum & dran. die wirtschaft hat selbstverständlich ein vitales interesse an solchen aufwertungen und dem staat kommt's auch grad recht und er pulvert ordentlich fördergelder etc rein. um das ganze zu verdecken, gibt's quariersmanagement und so. alternative kulturansätze werden marginalisiert, verdrängt oder plattgemacht. das ist etwas, was uns alle angeht!! der forcki wird sowieso noch ganz anders aussehen, wenn nebenan erstmal der yuppiezoo auf dem alten schlachthof fertig ist. interessant hierzu ist die lektüre des scheinschlag (www.scheinschlagonline.de) in dem ich auch ein paar artikel zu dem thema, u.a. die subkultur betreffend, publiziert hab. berlin bleibt BUNT!!

Simon-Dach wurde ausgesucht

Klaus 22.04.2003 - 21:51
@F-Hainer
die simon-dach ist nicht zufaellig so, wie sie jetzt ist. mir liegt ein beschluss vom ba vor (von 1996), die ansiedlung von gastronomie gezielt zu foerdern. was daraus geworden ist, sieht man ja ganz gut im kiez-alltag. das bezirksamt, namentlich franz schulz, ist wirklich das letzte. da wird ein kiez gezielt nach weichen standortfaktoren ausgebaut und die folgen (laerm, verdraengung) interessiert dort keinen arsch...