Ein paar Wirren Kolumbiens

danjel 27.05.2002 20:45 Themen: Weltweit
Im Rahmen der Medienhetze und Gleichstellung von rechten Paramiliaters mit linken Guerillas sowie der psychologischen Kriegsfuehrung US-amerikanischer Schule findet sich in Kolumbien eine in vielerlei Hinsicht paraodoxe Gesellschaft wieder.

Die deutsche Linke positioniert sich gerne zu allem moeglichen, ohne sich dabei auszukennen. Das Kolumbien bei zu Vielen mit raubenden Politbanden bzw. Drogenguerilla assoziiert wird und dadurch eine Gleichsetzung mit den rechten Kraeften konstruiert wird, ist ein trauriges Manko. Ich mache hier den Versuch, einen unstrukturierten Text aus dem Bauch heraus zu liefern, der alles mehr als vollstaendig ist...
...In dem Zusammenhang "Unvollstaendigkeit" will ich erstmal auf das in hervorragende Buch "Kolumbien - Grosse Geschaefte, staatlicher Terror und Aufstandbewegung" von Raul Zelik und Dario N. Azzellini verweisen.
Ich bin uebrigens Anhaenger der Gegeninformation - also bitte erwarte niemand, dass ich den winzigen Teil der herrschenden Propaganda, den ich fuer vielleicht richtig halte, hier nochmal wiederkeue. Dazu koennt Ihr dann Spiegel und Konsorten lesen - aber den Filter im Gehirn nicht vergessen :)...


Die bewaffneten Akteure

Heutzutage glauben viele Menschen verschiedenster Schichten in Kolumbien - wie auch im Ausland -, die Guerilla sei auch nur eine angemalte Drogenmafia und Banditenbande. Ich selber habe leider nicht die Gelegenheit gehabt, eine Region kennenzulernen, die unter dem direkten Einfluss der Guerilla steht. Das jedoch, was einige Syndikalisten, Campesino-Aktivisten und Menschenrechtler fluesternd fuer ein Bild vermitteln, gleicht zweifellos dem von Raul Zelik vermittelten. Die Guerilla ist Opfer der Propagandamaschine, auf die sogar noch viele deutsche Linke hereinzufallen zu scheinen. Dennoch - um das nicht zu vergessen - haben sich die Guerillaorganisationen schwerwiegende Fehler zu Schulde kommen lassen und letztendlich haben ja auch nicht wenige Kaempfer einen kompletten Seitungswechsel zu den Paramilitaers vollzogen (grosse Teile der EPL, maoistische Guerilla, spalteten sich ab und liessen sich kaufen, wobei sie vielfach sogar noch betrogen wurden). Die Kritik, die gegen die Guerillas meiner Meinung nach am meisten fusst, ist die der vernachlaessigten Politisierung der kaempfenden und sozialen Basis. Die FARC als kampfkraeftigste Guerilla noch viel staerker als die ELN kann es sich leisten, den Staat rein militaerisch herauszufordern und unter Druck zu setzten. Und schliesslich entspringt die zugenommene Extremisierung der militaerischen Option (auf Kosten von Ideologisierung) dem Schrei nach Ueberleben. Nicht zuletzt herrscht in einigen laendlichen Regionen (in den Staedten sowieso) eine ziemliche Ablehnung gegen alle bewaffneten Akteure - wie auch die Guerilla (auch gegenueber politischer Propaganda und Agitation), weil diese halt nur die eine Seite der Medalle ist: die andere sind (Para-)Militaers. Gewaehrt ein Einwohner der Guerilla Unterstuetzung, wie nicht selten erzwungenen Unterschlupf, ist es naheliegend, dass dieser Bewohner denunziert und spaeter von Staatsterroristen ermordet wird - genauso auch andersherum. Womit ich nicht sagen will, dass die Methoden von Guerilla und AUC allgemeinhin die gleichen sind (die AUC wuerden vermutlich gleich die ganze Familie ausraeuchern oder zersaegen) - aber als sicher erscheint mir, dass das (o.g.) gleiche Schema zumindest vorkommt. Und die Kaempfe in Doerfern und Stadtteilen betreffen schliesslich immer irgendwie die Zivilbevoelkerung. Bei der Guerilla ist dies in der Regel einkalkuliertes Uebel, das u.U. in Kauf genommen wird, um bestimmte Ziele zu erreichen (und komme hier jetzt niemand damit, dass sie diktatorisch ueber andere Menschen entscheiden, in dem sie ungefragt auf deren Ruecken "ihre" Konflikte austragen; die Guerilla passt sich durchaus den Beduerfnissen eines Dorfes an - dafuer ist sie da -, das Ganze ist nur in der Regel wesentlich komplizierter! ). Bei den (para-)staatlichen Organen dagegen ist der Terror gegen die Zivilbevoelkerung das naechste Anliegen. Alleine die brutalen Massenvertreibungen verfolgen vor allem zwei Interessen: Das (praeventive) Unmoeglichmachen moeglichen Widerstandes der Bevoelkerung gegen (oftmals multinationale) Firmen in oekonomisch wichtigen Gebieten sowie die Schaffung billiger Arbeitskraefte, die auch unter dem staatlich festgelegten Mindestlohn (von ca. 150 Euro) bei den Ausbeuterunternehmen Schlange stehen.
Dass es bei der Masse an verschiedenen Guerillagruppen (die meisten der rund 12 sind aber nur wenig bedeutende Abspaltungen) auch vorkommt, dass die Grenzen zu marodierenden Banden fluessig werden, ist logisch. Im Namen der Freiheit rauben hoert sich doch gut an - jedoch: genausowenig wie die AUC Guerilleros sind, jedoch trotzdem gerne ihre Verbrechen auf die Guerillas abgeschoben haben, um diese zu diffarmieren, sind die zu den Paras uebergelaufenen Teile der EPL oder diese sog. marorierenden Banden Guerilleros. Der Begriff "Freiheitskaempfer" findet in kaum einem Land der Welt soviel Legitimation wie in Kolumbien! Und Freiheitskaempfer aller Color werden hier rund um die Uhr verarscht und betrogen.
Ein Gewerkschafter erzaehlte uebrigens, dass die hoechstmoegliche Strafe in Kolumbien wegen dem Tatbestand der Entfuehrung moeglich ist - der Mord kann gesetzlich nicht derartig streng geahndet werden! Klar, die Armen entfuehren oefter, waehrend die Reichen lieber ermorden (lassen). Dass sowieso nur 2% oder so landesweit und in Barranca 0% der Menschenrechtsverbrechen - wie u.a. Morde - aufgeklaert werden, sei hier auch noch erwaehnt.


Ein wenig Realitaet am Beispiel Barrancabermeja

Dass die (nicht nur natuerlich) oertliche Presse luegt und luegt, so dass die BILDzeitung dagegen ganz harmlos wirkt, ist ja klar.
Dass sich eine Gruppe aus Menschenrechtsorganisationen bei einem Treffen mit Regierungsvertretern (incl. Polizei und Militaer) als reine Farce darstellt, war ebenfalls allen Anwesenden schon vorher bewusst - fuer mich war es aber eine besondere, niederschmaetternde Erfahrung. Da wird diplomatisch gelogen (bzw. nicht erwaehnt) und um den heissen Brei geredet, weil dies die einzige Moeglichkeit ist, ueberhaupt mit Regierungsvertretern zu reden. Weil die kolumbianische Realitaet so verschissen ist, dass sie bloss nicht auf den Punkt gebracht werden darf - sonst ist Schluss mit Dialog.
"No vale la pena!" - oder vielleicht doch?! Beim Kampf nach gerechtigkeit wird alles versucht...
Dass die Frauen von Gewerkschaftsaktivisten gerne mal Uribe oder Serpa waehlten, verstehe ich an alldem am wenigsten. Uribe, der die CONVIVIR-Paras legalisierte und Serpa, der deren Waffen autorisierte - dabei wollen diese Frauen ihre Maenner doch garnicht totsehen... Ein klischeehafter Widerspruch, der viele nicht weniger klischeehafte Gruende haben mag...
Der politische Dialog hier ist tot. Waehrend in Bogota zum Beispiel noch relativ viel linke Alltagskultur existiert, z.B. unter Studies und insbesondere an der Uni "Nacional", manifestiert fuer meine Begriffe auch in der kuenstlerischen Gegenkultur, existieren hier fast Gestapo- bzw. Stasi- (nein, ich glaube nicht, dass diese Orgas sich besonders aehnlich sind, auch nicht kolumbianischen, halt nur in dieser Hinsicht! Ich will nichts relativieren etc.) Bedingungen: die Bevoelkerung traut Niemandem, ueber Politik in z.B. einer Bar zu reden ist absolutes Tabu; alleine zuzugeben, dass dieses und jenes sozial-politische Thema interessiert, passiert nur unter entsprechenden Umstaenden bei viel Vertrauen. Die "Paracos" (Paramilitaers) lauern ueberall. Infilitrieren, spionieren, strafen, arbeiten mit Politikern, Unternehmern, "der norm. Kriminalitaet", Sicherheits- und Geheimdiensten, Polizei und Militaer zusammen. Und haben es psychologisch geschafft, hier eine soziale Situation der Abschottung und des "Wegdenkens" herzustellen.
Nachdem die AUC in vier Monaten Kampf bis zum Maerz 2001 die Stadt besetzt und die Guerilla vertrieben hatten, kehrte fuer viele Bewohner ein "Frieden" ein. Der Kampf auf offener Strasse hatte aufgehoert, der selektive Mord an sozialen Protagonisten fing aber erst so richtig an. Daneben die sog. sozialen Saeuberungen: Morde an Obdachlosen, Homosexuellen, Drogenuechtigen, Prostituierten, Strassenkindern.
Grosse Strukturen der politischen Linken zu zerschlagen war nicht zuletzt auch durch die Mitarbeit von Jugendlichen moeglich, die sich beim "polit. Gegner" nur zu gut auskannten: Ehemalige Kruecken der Guerillaherrschaft, zumeist Jugendliche, die mit dem Machtwechsel einfach in die Dienste der AUC wechselten. Auch hier gilt, dass die Guerilla es versaeumte, ihren bezahlten Unterstuetzern ein polit. (menschliches) Gewissen zu vermitteln. Die Masse an Jugendlichen, die im Strassenbild die AUC representieren, handeln nicht aus politischer Motivation. Ganz im Gegenteil wissen sie oft nicht, wofuer sie da arbeiten. Manchmal werden sie zu Mord und Folterungen gezwungen, manchmal leben sie damit aber vermutlich auch ihren durch das System und seine Folgen kranken Geist aus. Und zu den Schnueffel- Boten- und Wachdiensten fuehrt sie die Moeglichkeit in der oekonomischen Perpektivlosigkeit ein wenig Geld zu verdienen - manchmal auch die Moeglichkeit, mit einer Knarre rumposen zu koennen oder Rivalitaeten mit mehr Macht austragen zu koennen.
Die AUC haben fuer nicht wenige - wie ich bereits erwaehnte - jedoch die Stadt befriedet. Nicht nur hat der Strassenkampf (vor dem sich die Anwohner unter ihre Betten fluechteten aber dennoch Menschen durch Kugeln, die durch die Waende kamen, toedlich getroffen wurden) aufgehoert, sondern auch wurden Diebesbanden und der Drogenmissbrauch eingedaemmt - mit den "sozialen Saeuberungen" wurde das Stadtbild verschoenert . Klar - die Drogen werden jetzt "ganz ordentlich" von den AUC kontrolliert und vermutlich direkt gehandelt. Und Menschen, die sich erdreisten, nicht innerhalb der AUC zu drohen, zu erpressen und zu morden, werden selbstredend von den AUC beseitigt...
Doch werden die AUC auch von "unpolitischen" Menschen als unkontrollierbares Risiko gesehen. Dass sie morden und bestrafen wie es ihnen beliebt, ist gemeinhin bekannt. Dies zu denken und zu sagen sind andere Dinge - normalerweise wird erst etwas gedacht und dann gesagt. Doch manchmal wird das Wort zum Gedanken, wenn es nur oft genug widerholt und gehoert wurde. Ja, die AUC sind gut fuer uns, wir wollen die AUC. Oder - schon etwas vertrauensvoller: Die Guerilla und die AUC sind doch genauso.. Absolut keine Seltenheit in barrancenjischen (und sicherlich gesammtkolumbianschen) Landen.
Dass Politik im europaeischen Sinne und Ueberleben im kolumbianischen viele Gemeinsamkeiten und viele Verschiedenheiten mit sich bringt, will ich jetzt noch im ganz subjektiver Art abschliessend anbringen - und garnicht auf den Punkt bringen, mir reicht es naemlich gerade.
Dabei unterscheiden sich fuer mich nochmal solidarisierte Gruppen und z. B. Bauern- und Gewerkschaftsorganisationen. Erstere bringen nach meiner Erfahrung auch gerne Mal die so bekannte Politarroganz mit sich, selten verheddern sie sich auch im Gestrick aus allzu kalkulierender Vorsicht. Zweitere sind das Ziel und Opfer von Angriffen, das Objekt der Ungerechtigkeit ueberhaupt. Ihre Organisierung, die in bestimmter Weise aus einem "sich mit sich selber solidarisieren" entspringt, ist Alltag, das Unkonstrukt schlechthin. Ueber Aufmerksamkeit und simple Unterstuetzung freuen sich diese Leute auf ganz natuerliche menschliche Art und Weise. Motivation ist da neben ein bisschen mehr Sicherheit ein ganz entscheidender Punkt.
Diese Stadt, dieses Land braucht mehr Solidaritaet - sie wird sowohl hier als auch dort benoetigt.


Solidarischer Kampf!

Ich rufe Euch dazu auf, den deutschen Staat und seine mordunterstuetzende Politik in seine Schranken zu weisen; deweiteren sich von der kolumbianischen Realitaet zu ueberzeugen, die fuer uns Auslaender nicht diesen wiederwaertig uebertriebenen Klischees von Gefahr, Mord und Totschlag entspricht - wenn man nicht voellig bloed durch die Gegend laeuft. Sich - irgendwie (durchaus unabhaengig) organisiert - von dieser Realitaet zu ueberzeugen und sich mit der kolumbianischen Linken zu solidarisieren!!!
Doch, es ist ja richtig: wir sind dort gebraucht wo wir leben - gehen wir also auf die Barrikaden!
Kampf der deutschen menschenverachtenden Politik ueberall!!!!
Macht den Dreck oeffentlich, macht ihn bewusst!!!
Herzlichen Dank ;)
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Ergänzungen

Das nenne ich Demagogie

Fujikuro 27.05.2002 - 22:22
Tut mir leid, das zu sagen, aber Du hast nicht nur eine falsche, sondern auch eine fast gefährliche Meinung.
Diese "linke" Guerilla ist eine ganz, ganz üble Terrororganisation, die sich tatsächlich über Drogenhandel, aber auch über Entführungen finanziert. Mütter, Töchter, Söhne, Ehemänner, Kinder werden entführt, manchmal über Jahre festgehalten und teilweise sogar vergewaltigt und gefoltert. Einige wurden bereits drei- oder viermal entführt, fast alle haben wegen der Lösegelder ihre Existenz verloren. Viele kommen bei Gewaltmärschen durch den Dschungel um. Die Guerilla geht auch sehr brutal mit der Zivilbevölkerung um, es gibt ungezählte Opfer bei Bombenanschlägen, auch gefangengenommene Polizisten behandelt man keineswegs gemäß des Kriegsrechts.

Du solltest mal auf weltspiegel.de einen Bericht über die Guerilla lesen und Deine wirklich verquere "Meinung" aufgeben.

---
Ich verteidige keineswegs die Paramilitärs, die sind sogar noch schlimmer. Aber mehr oder weniger mit der Guerilla sympathisieren, das ist der blanke Hohn gegenüber den Opfern.

Sag das alles mal der Ehefrau eines Entführten ins Gesicht.

Fujimori heißt jetzt Fujikuro :-))

27.05.2002 - 23:39

Ergaenzung zu "ein paar Wirren Kolumbiens"

Danjel 28.05.2002 - 00:33
Ja, also aeheemmmm, da habe ich jetzt glatt vergessen mich wirklich zum Thema Guerilla in Kolumbien zu aeussern, wie eigentlich vorgenommen. Unstrukturierter text halt :)
- aber es ist ja (fast) nie zu spaet!
Wie gesagt: ich war weder in einer Guerillagegend, noch habe ich mit einem Guerillavertreter gesprochen. Aber dafuer mit einigen Leuten, die derartige Erfahrungen und Kontakte eben hatten und teilweise immernoch ab und an haben.
Desweiteren gebe ich dort wo es mir sinnvoll erscheint auch ein paar Infos aus dem o. g. Buch von Raul Zelik wieder (darf ich doch oder?:).

1. Die "Drogen-Guerilla" ("Narco Guerilla")

Ein Begriff, der irgendwann vom US-Botschafter in Bogota eingefuehrt wurde.
Erst war es die komunistische Bedrohung, dann die des terrorisierenden Rauschgiftes und jetzt ist es eher - ganz platt aber schliesslich anhand der ex-Tuermlein "bewiesen" - der anti-US-Weltterrorismus, der als Legitimierung fuer die Neokreuzzuege der Staaten herhalten muss. Jetzt wird also offen auf "die Terroristen" gebombt, ohne zu behaupten, es handele sich in erster Linie um Koka-Felder.

Die ELN betreibt Programme fuer Alternativen zum Drogenanbau. Verbietet diesen sogar teilweise. Nur ist sie nicht so verantwortungslos, wie die Regierung und die USA - sprich, sie verbietet und zerstoert nicht bloed drauf los, sondern weiss genau, dass v.a. die Koka fuer sehr viele Bauern die oekonomische Lebensgrundlage darstellt.

Die FARC-Doktrin verbietet ihren Kaempfern den Konsum von und Handel mit Drogen.
Die FARC sitzt v.a. in den Anbaugebieten, sie kassiert "Steuern" fuer den Anbau und Verkauf von Drogen. Sie beschuetzt die Kleinbauern und deren Anbau in "ihrem" Gebiet und waere (zumindest noch vor einigen Jahren) bereit, sich um die totale Eindaemmerung des Anbaus zu kuemmern, wenn oekonomische Alternativen durch den Staat praktisch durchgefuehrt werden wuerden.

Doch weder Staat noch USA sind an der wirklichen Eindaemmerung des Drogenmarktes interessiert. Unter dem Vorwand der Drogenbekaempfung bekaempfen sie direkt die Guerilla und deren soziale Basis, die Kleinbauern, waehrend sie mit den grossen Fischen zusammenarbeiten, sie unterstuetzen und sich indirekt durch sie finanzieren.
Ein Begriff wie "Drogenstaat" oder "Drogenparamilitarismus" wuerde sehr viel eher passen. Auch z. B. fuer das anonyme Sondergericht hielt urspruenglich der angebliche Drogenkampf als Begruendung her - es werden aber fast nur politische Akteure, wie Gewerkschafter, durch diese Gerichte erbarmungslos mit falschen Anschuldigungen verknackt...

2. Warum und wie Guerilla?

Die Guerilla war die Antwort auf das ausbeutende und moerderische kolumbianische System und die v. a. davon profitierenden USA im Hintergrund. Nicht anders herum!
Zwar meinen Viele hier in Kolumbien (v.a. in Bogota), die Guerillas haetten ihre Ideale verloren, diese Meinung speist sich jedoch v.a. aus Unwissenheit und Propaganda. Zwar gibt es definitiv auch nicht ideelle, nicht represantive Aktionen (wie z.B. die Bunkerung von Bombenpaketen in der Bogoter Innenstadt - wobei man nie weiss, was daran wahr ist, ob es die Guerilla war etc...), diese sind aber - so denke ich - die Minderzahl.
Die Guerilla kaempft gegen den Paramilitarismus (wobei ihnen gerne unterstellt wird, sie haetten da gerade Zivilisten ermordet), schuetzt Interessen "ihres Klientels" (die elementarsten wie das Recht zu leben) auf verschiedenen Ebenen. Hier in der Region diktiert sie teilweise z.B. Loehne, Arbeitsbedingungen etc. - sprich: uebernimmt Funktionen eines sozialen Staates, die dieser zu Gunsten der Unternehmen nicht wahrnehmen will.
Jedoch hat dieses Erscheinen auch kritisch zu bewertende Seiten. So hat sich die Guerilla hier in Barranca in viele "unpolitische" Privatgeschichten eingemischt, um sich auf jeder Ebene als Ordnungsmacht zu legitmieren, so wie es jetzt die AUC machen.

Des weiteren wurden nicht nur Mammuteinrichtungen, wie militaerische Stuetzpunkte, Rohstoff-Verschiffungsanlagen und Drogenlabors, zerstoert.
Auch machten die Guerillas immer wieder und wieder Anschlaege und Sabotageakte auf z.B. Oelpipelines, um auf die Situation der skrupellos ausbeutenden Unternehmen aufmerksam zu machen und neue Vertraege zu erpressen. In diesem Zusammenhang wurden die USO- (Erdoel-) Gewerkschafter unter falschen Anschuldigungen der Subversion fuer Jahre eingesperrt, deren juristische Vertretung ermordet usw. usf...
Auch zuletzt vielfach kritisch bewertete Flugzeugentfuehrungen und Geiselnahmen (zur Finanzierung und zum Gefangenenaustausch) werden stets sehr "gerne" praktiziert. ...
Die USA benennen zwar sowohl ELN und FARC als auch die AUC als Terroristen und behauptet, sie alle mit den "Plan Colombia"-Geldern bekaempfen zu wollen, dies ist aber genauso, wie dass Uribe angeblich die AUC bekaempfen will: ein Witz!
Bis jetzt sind FARC und ELN noch nicht auf der europaeischen Terroristen-Liste gelandet - und wenn, dann wuerde das wuerde bedeuten, dass sie mit ihnen nicht mehr verhandelt werden wuerde -, sorgen wir dafuer, dass es so bleibt!!!


@ Fujikuro

danjel 28.05.2002 - 00:39
Was ich auch ausdruecken wollte ist: es gibt nicht "DIE Guerilla". Ich denke sehr wohl, dass da einiges schief geht. Deswegen bin ich Dir als Gegengegeninformant natuerlich auch verbunden :)
ABER: Das Konstrukt DER Guerilla ist gefaehrlich. Kolumbien hat nicht nur EINE Realitaet. Und die von mir beschriebene scheint mir keine falsche, sondern eine ziemlich passende...
hm. da vertaue ich uebrigens auch eher auf die Leute hier, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, als auf eine HP, aber ich schau gerne rein...

eine zwei drei realitaeten...

danjel 28.05.2002 - 06:05
also dumm gesagt.
natuerlich gibt es die guerilla. natuerlich gibt es nur eine realitaet.
nur die darstellung davon ist halt sehr verschieden.
fukidingsbums ist ja nicht die erste kritische stimme, die ich da lese. ganz im gegenteil!
nur: ich frage mich inwieweit ihn da die propagandamaschinerie erwischt hat.
es liegt mir nahe, diferenziert zu sein. das bin ich auch ein stueck weit (so weit ich wie beschrieben sein WILL). aber so, wie fukido.. die guerilla diffarmiert, erinnert mich das eben an die gaengige weise, sie zu diffarmieren. jaja.
ich habe gehoert, dass die guerilla respektvoll und gut mit ihren gefangenen umgeht. mit moerdern, folterknechten etc. sicher nicht, vermutlich auch nicht kriegsrecht-maesig.
vergewaltigungen und sterben beim urwaldmarsch kommen vielleicht/warscheinlich vor, aber das auf DIE guerilla zu schieben halte ich fuer falsch. DIE guerilla besteht aus so vielen fronten, einheiten, menschen. wir wissen gut, dass sich ueberall pseudolinke schweine und menschenverachter verlaufen, sicher auch in der guerilla!

ich habe auch schon ein paar erfahrungen gemacht, was die kolumbianische presse und die "boesen" angeht. und will an dieser stelle bemerken, dass nachdem was ich gelesen habe, die meisten berichterstatter ihre informationen aus staatlichen quellen beziehen, was nur verschissen sein kann!
ich gebe mal ein beispiel:
eines tages zeigte uns der lebensmittelgewerkschaftspraesi einen kleinen zeitungsartikel.
darin hiess es in etwa: dieser praesi ist mit seinen drei leibwaechtern, die allesamt schlaegervisagen haben (hahaha) in ein buero marschiert, um einer person dort (dem chef glaub ich) geld zurueckzuzahlen. ein angestellter sah die truppe und hatte prompt nen herzimfarkt, musste sogleich per krankenwagen abgeholt werden.
die quintessenz des artikels lautet: wer ist am uebel schuld? der praesident der gewerkschaft!
OHNE WITZ! hahahahahahahahaha :)
zu gut!
der angestellte war, so hiess es (nicht im artikel!) zuvor von todesschwadronen bedroht (weiss nich obs stimmt). sah da vier fremde maenner (die durch ihre schusssicheren westen bestimmt nicht die schmalsten waren) ziemlich zielbwusst eintreten, da ging der imfarkt ab. der, der da mit seiner leibgarde eintrat war nichtmal der praesi der lebensm.-gewerkschaft sondern der praesi des gewerkschaftsdachverbands.
aber das ist den schreiberlingen scheissegal. hauptsache stimmungmache.
und irgendne schlaue truppe wird vielleicht im internet schreiben "tot wegen brutalem auftritt des lebensmittelgewerkschaftschefs" hahahahahahaha. das ist einerseits komisch, andererseits an der wahrheit bitter nahe drann!




@ fuijkuro

vi subversas little sister 28.05.2002 - 09:28

gut, dass Danjel selber drauf gekommen ist, stunden spaeter noch mal lauter zu schreien, wegen dem was du dir da erlaubst. ja was soll die ganze (auch noch recht dubiose) besserwisserische predigerei? gegen konstruktives widersprechen, korrigieren, ergaenzen, richtigstellen und so weiter habe ich nichts, im gegenteil. was du da gebracht hast ist aber bar jeder berechtigung, [mit bitte um verständnis an die geister aller toten die nicht gerechterweise durch guerrillerohand sterben mussten und natuerlich mit bitte um verständnis an alle, die nicht starben, aber sonstwie zu leide kamen oder gute gruende haben kritik ueben zu wollen]. auch danjel macht sich offenbarb wenig bis keine illusionen darueber, dass da seitens/innerhalb der guerrillas manches schief laeuft/gelaufen ist. das ganze ist aber teil einer sehr komplizierten und furchtbaren geschichte, in der, wie danjel zu recht versucht anzumerken, ganz andere bosheits- und widerwaertigkeitskaliber mitspielen, ueber die du dich wiederum gar nicht aufzuregen scheinst. auch ich habe schon vor stunden, als ich den kram hier schon einmal las, gedacht, huj, du bist aber maechtig einseitig der propagandamaschine erlegen. jemand, dessen sympathien wohl anders gelagert sind als bei dir, hat mit deinem auftritt erstmal lakonisch-kurzen prozess gemacht und dich ganz keck kurzerhand zum fujimori umbenannt. Danjel aber hat dir und damit uns allen die hier mitlesen- und denken anfangs echt ´ne chance gegeben, er war selbstkritisch und hat zunächst nach fehlern bei sich gesucht und sogar welche gefunden, er hat sich dann naemlich hingesetzt und versucht ergaenzungen anzufuehren, damit das bild mancher geschichte im columbianischen land differenzierter gelesen werden kann. du schweigst aber, das spricht nicht fuer dich. um so feiner, dass der autor des beitrags bei aller wohl recht argen betroffenheit sich ungebrochen zeigt und mit aller kraft dran bleibt, fuer klaerung und verdeutlichung von hintergruenden einzustehen. Fujikuro, Fujikuro, versuche bitte, offener zu sein und lerne aufmerksamer, viiiiel aufmerksamer zu lesen und zu kommunizieren....

kleine ergaenzung und was geklautes

v.s.l.s. 28.05.2002 - 10:03
der gerechtigleit halber:

ok, fujikuro, du sagst schon, nebenbei, die paramilitaers seien "auch" schlimm und sogar noch schlimmer . das aendert aber nichts an deiner voll unkonstruktiven art.

der rest hier geht an alle. unabhaengiges sich bilden und sich moeglichst selbstbestimmt ein unmanipuliertes bild machen wollen, ist sehr wichtig und naturgemaess ein
laufender prozess, zumindest bei denen, die sowas betreiben. zusammen dran basteln ist tausendmal besser als abkanzeln und dann abtauchen.

die folgenden zeilen sind die angekuendigten geklauten dinger... ciao!

ich glaube, dass es einen weg gibt,
dass es einen weg fuer mich gibt,
den zu gehen keine schande ist. / ...

das ist der weg des durchwanderns,
des durchwanderns und erforschens
der sozialen schichten der gesellschaft/ ...

was kann interessanter,
was kann spannender sein,
als die kenntnis sozialer gruppen /...

die erforschung roter, zerrissener struempfe,
metallverarbeitender fabriken
der "deutschen bank" und "philps"/...

...und vom ganzen dreck und dem bißchen hoffnung, sage ich noch dazu!

Der revolutionäre Kampf ist kein Terrorismus

asyn 28.05.2002 - 18:19
Auf www.Jungewelt.de gibts dass offizielle Heft der FARC-EP abonnieren und noch einige Texte der jeweiligen neusten Ausgabe lesen, das ist sehr empfehlenswert.Da es ansonsten schwierig ist ist ein objektive Ansicht zu haben.(Resistencia)

Man kann aber die paramilitärs auf keinen Fall mit der FARC-EP vergleichen, das Recht der indigenen Völker auf selbstbestimmung muss endlich anerkannt werden.

Bin Laden 28.05.2002 - 23:41
"Der revolutionäre Kampf ist kein Terrorismus"
*lol*

Entführungen

Max 31.05.2002 - 16:17
Die FARC entführt PolitikerInnen, hochrängige Armee- und Polizeiangehörige, JournalistInnen, Beamten, Geschäftsmänner und ausländische MitarbeiterInnen der Großkonzern. Alle von der Mittel- und Oberschicht. Alle werden von der unterdrückerischen "demokratischen" Diktatur begünstigt (Death Squad Democracy). Im Gegensatz foltern, vergewaltigen und ermörden die Paramilitärs arme BäuerInnen, ArbeiterInnen, so wie die Linke Opposition.
Die Paramilitärs kriegen ihr Geld von dem Drogengeschäft und Washington, wo Krieg die FARC Geld sonst? Es ist nichts im Vergliech zu dem, was der Staat und Paramilitärs tun.

Frage

Frager 31.05.2002 - 18:07
"Es ist nichts im Vergliech zu dem, was der Staat und Paramilitärs tun." Woher weisst Du das, Max?

entfuehrungen

danjel 01.06.2002 - 02:10
dass die qualitaeten der entfuehrungen beider seiten sehr unterschiedlich sind, weiss wohl jeder ehrliche kolumbienkenner zu sagen!
also warum ueberhaupt eine solche frage "woher weisst du das?" (und nichts mehr...), die bringt niemanden weiter. wenn du da etwas anders siehst oder dich etwas stoert, bist du zu einem konstruktiven kommentar eingeladen! liefer "fakten", die sich auf ein fuer dich glaubwuerdiges fundament stuetzen, stelle dieses "fundament" ggf. noch dar (da du es schliesslich auch von anderen gerne so haettest - ich halte das ja auch fuer eine gute sache!).
nichtsdestotrotz: deine frage ist legitim. manchmal leidet indy unter der altgebackenen krankheit, dass manche leute glauben, dass je oefter eine sache gesagt wird, desto mehr glauben die leute sie - obwohl jeder nachweis oder aehnliches ausbleibt...


Zu meiner Frage

Frager 01.06.2002 - 03:32
Ich hatte diese Frage eigentlich nur gestellt, weil ich es schade finde, daß zu oft in einfachen Kategorien gedacht einfache Feindbilder aufgebaut werden. Gerade in Kriegen dieser Art gibt es keine einfaches Gut-Böse. Insofern war meine Frage eine kleine Provokation um darauf hinzuweisen. (Auch darauf sich eben nicht auf Medien -egal welcher Art- zu verlassen)

jup

danjel 11.06.2002 - 08:45
weiss auch nich was mich da geritten hat. deine frage is ja echt nur ne frage und mein anschliessendes geblubba absolut ueberfluessig...
:(