viva merida - haeuserkampf in nicaragua

hausfreund internacional 06.03.2002 02:05 Themen: Freiräume
'Bienvenidos a Ometepe, Oasis del Paz'

Diese "Oase des Friedens" ist eine Insel im Lago de Nicaragua, aber der Frieden wurde erheblich gestoert als die nicaraguanische Polizei zum ersten Mal seit langem auf Campesinos geschossen hat... in El Peru und Merida, zwei abgelegenen Doerfern im Sueden der Insel, gehoeren einem Immobilienhai die Grundstuecke auf denen seit Jahrzehnten elf Familien bisher unbeachtet "illegal" gelebt haben. Am 22. Februar wurden 8 Haeuser geraeumt und abgerissen, am Tag darauf stand das Dorf auf um ein weiteres Haus zu verteidigen. Es ging darum zu verhindern, dass die Richterin mit dem endgueltigen Raeumungsbefehl den Ort erreicht.

Gegen 8.15 Uhr morgens treffen in El Peru, etwa 4km von Merida entfernt, 100 Leute auf 30 Bullen. Einige versuchen eine Sitzblockade, andere Ketten, die Polizei draengelt uns mehr oder weniger brutal aus dem Weg. Grosse Steine und spaeter auch Baeume werden auf die Strasse gebracht, die Polizei versucht uns daran zu hindern und muss den Weg fuer ihre Jeeps freiraeumen? so werden wir langsam nach Merida zurueckgedraent. Am Ortseingang liegt ein grosser Baum, der die Bullen eine Weile aufhalten wird. Hier schlaegt die Stimmung um, ploetzlich fliegen massiv Steine und die Bullen muessen hastig zurueckrennen. Dann fallen Schuesse, immer weniger Leute laufen mit Steinen auf die Polizisten zu, die 50 oder 100 Meter weiter in einer Kette ueber die Strasse stehen und mit AK47 und scharfer Munition auf uns zielen... wir verstecken uns hinter grossen Strassenbaeumen, mehr und mehr fliehen in Seitenwege und Gaerten... irgendwann hoeren die Schuesse auf weil die Munition alle ist, und die Strasse gehoert wieder der Staatsgewalt. 9.30 Uhr erreicht sie das Haus. Nach einer Stunde wird begonnen das Haus abzutragen, die Familie sitzt zwischen ihren Habseligkeiten ein paar Meter weiter und sieht der Zerstoerung zu...

Mindestens sechs Demonstranten wurden durch Arm- und Beindurchschuesse verletzt. Ein Mann wird festgenommen weil er mit einer Motorsaege Baeume gefaellt hatte, er ist inzwischen wieder frei. Mich haben die Bullen Stunden spaeter eher zufaellig abgegriffen und verhoert, zwei Stunden spaeter kam ich wieder raus.
Insgesamt wurden 56 Menschen obdachlos gemacht, sie leben momentan in primitiven Huetten am Strassenrand.
Dieser Tag hat in Nicaragua relativ viel Aufsehen erregt, wohl auch weil vier "Touris" Zeugen der Polizeigewalt geworden sind und Unmengen Bilder gemacht haben, und war zwei Tage lang gross in der Presse die ueberraschend objektiv berichtet und Steinewerfen sogar als moegliche Notwehr bezeichnet hat. Der Bullenchef der den Schiessbefehl gegeben hatte wurde suspendiert.

Die Grundstuecke hatten dem Diktator Somoza gehoert, der seine Arbeiter darauf leben liess, wurden nach dessen Ermordung von den Sandinisten konfisziert (1978/90) und nach deren Abwahl 1990 an die neue liberale Regierung weitergegeben, die sie vor fuenf Jahren verkauft hat. Von da an lief der Gerichtsstreit des "Besitzers" gegen die die darauf leben.

Am 3.3. gab es eine grosse Kundgebung in El Peru, kein Uniformierter hat sich sehen lassen. In der Woche davor waren einige Menschenrechtsorgas vor Ort. Den Familien wurden Anwaelte besorgt und sie haben gute Chancen zurueckzuduerfen, denn die Raeumungen waren (vor allem weil den Leuten keine neue Bleibe gegeben wurde) nach nicaraguanischem Gesetz illegal, eventuell hat auch der "Besitzer" der Grundstuecke mit Problemen zu rechnen. In Merida steht an alter Stelle schon die Grundkonstruktion fuer ein neues Haus...

¡El pueblo unido - jamas sera vencido!
Die Haeuser denen die drin leben - in Ometepe und ueberall!!!
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Ergänzungen

Frage

Frager 06.03.2002 - 02:58
Soweit ich weiss, ist nach der Revolution damals durch die Contras (CIA-gestützt) eine Situation geschaffen worden, in der den Sandinisten nichts übrig blieb als nachzugeben und zu einer Einigung zu kommen: Rückkehr in den Kapitalismus und Wahlen, die dann Teile der alten Elite wieder an die Macht brachten. Heute wählen viele lieber die bürgerlichen Kräfte, da sie Angst vor erneuten Schrecken wie in den 80ern haben. Der Bericht scheint aber anzudeuten, daß es immer noch Widerstand in diesem Lande gibt. Hier meine Frage: Wie groß/Wie bedeutend ist dieser? Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

tag frager

hausfreund 06.03.2002 - 03:27
ich bin auch nicht so der profi, jedenfalls wurde somoza 1978 abgeknallt das land in den krieg gestuerzt und 1990 wurden die FSLN/sandinisten durch die plc (mit us-kohle als versprechen) abgewaehlt. jetzt sieht man hier sehr oft schwarzrote fahnen und fsln graffitis. der einfluss ist regional verschieden, in leon (´capital de la revolucion´) im norden zum beispiel wird der bezirk von der fsln regiert, das stadtbild durch sandinistische bilder bestimmt, ich hatte auch den eindruck dass sich das in einer offenen freundlichen stimmung zeigt... viele leute haben auch die hoffnung dass die fsln die naechsten wahlen gewinnt die nicht sehr weit hin sind (und ich will dabei meine euroanarchistische antiwahleinstellung nicht dogmatisch auf ein dritteweltland uebertragen)...

Richtigstellung

Carlos Fonseca 06.03.2002 - 11:49
Die "nächsten Wahlen" waren schon im November und die FSLN hat wider aller Erwartungen verloren. Die nächsten sind in sechs Jahren. Somoza ging übrigens 1979 ins Exil und wurde später von einem internationalen Kommando (vorwiegend Chilenen) erschossen. Am 19. Juli 1979 marschierte die FSLN in Managua ein. 1990 gewann nicht die PLC sondern ein 14-Oarteienbündnis namens UNO (aber auch US-Unterstützt).
Es gibt noch Widerstand in Nicaragua allerdings ist er sehr zersplittert. Die FSLN bzw. ihre Chefs haben sich stark bereichert und viele SandinistInnen der Basis werfen ihnen vor sie hätten die sandinistischen Ideale verraten. Zugleich ist es aber schwer für die verschiedenen kleinen Bewegungen zu einer gemeinsamen Kraft zu kommen. Es ist noch nicht gelungen neben der FSLN - die vor allem auf dem Land noch eine Identifikation darstellt - etwas anderes aufzubauen...

@frager

p.rim1200baud 06.03.2002 - 12:27
landbesetzungen wurden von den sandinistas zumindest
in den fruehen 80ies als destabilisierung der geplanten
errichtung grosser staatlicher agrarpoduktionsbetriebe
betrachtet.
der druck auf die squatter durch die sandinistas resultierte
zum teil unmittelbar aus deren befuerchtung, den contra support durch landbesitzer zu verstaerken - vielmehr aber
noch durch reagen, der u.a. den durch somoza verursachten bankrott als vorwand fuer eine invasion in nicaragua nehmen wollte (die light version war dann spaeter das embargo...).
waehrend ihrer ersten landreform liessen die sandinistas ueber 2/3 der landwirtschaftl. produktionsflaeche also unter kontrolle grosser agrarproduzenten, den rest teilten sie immerhin ungefaehr gleich auf zwischen vorher zumeist landlosen kleinbauern und staatlichen produktionsbetrieben.
absicht war auch, die verarmten campesinos in staatsbetrieben arbeiten zu lassen - allgemeines squatting waere da kontraproduktiv.
konfrontiert mit protesten und massiven besetzungen durch campesinas legten die sandinistas doch nochmal nach durch aufloesungen von staatsfarmen und endlich weiteren enteignungen insbesondere beim somoza clan. allerdings waren ab mitte der 80ies die contras so massiv hochgeruestet, das
landbesetzung auch unter duldung/billigung durch die sandinistas toedlich war. in den 90ies ging es nach der abwahl der sandinistas im wesentlichen darum, welche bourgeoisiefraktion die reformen zu ihren gunsten zuruecknehmen konnte. die truppen, mit denen kleinbaeuerinnen jetzt abgeraeumt werden, bestehen konsequenterweise aus ´reintegrierten´ contras, schlimmeres
ist zu erwarten, da (nicht nur) somozas clan weiter immense
´rueck´forderungen stellt.

der widerstand in merida

hausfreund 06.03.2002 - 18:42
war auf keine art explizit politisch oder gross organisiert. fsln und plc anhaenger haben gemeinsam die strasse blockiert und steine geworfen, den leuten war grosse politik scheissegal als die bullen auf alle geschossen haben... uebrigens habe ich gehoert dass sich auch funktionaere der fsln vor ihrem abtritt land zugeschoben haben und ´sandinistische´ hausraeumungen moeglich waeren... die flsn hat auf keinen fall ein revolutionaeres programm (manche punkte lesen sich auch so als wuerden sie das krampfhaft vermeiden), es geht ihnen hauptsaechlich um die menschenrechte die in centroamerica schon ein riesenfortschritt waeren... und ich habe gehoert dass es in costa rica auch raeumungen gegen campesinos nach dem selben muster gibt, explizit von einem fall wo eine familie ihr haus immer wieder neu aufgebaut hat bis die besitzerin ihr 1mio dollar grundstueck aufgeben musste... achja die bilder aus merida sind bald auf einer website zu sehen.