Post aus Kolumbien

clandestino 05.03.2002 12:56 Themen: Militarismus
Dieser Text hier basiert auf dem Brief einer Bekannten, die nach Kolumbien gegangen ist. Er ist weder aktuell (er stammt aus dem letzten Mai), noch ist er objektiv und auch die Angaben sind vielleicht nicht fundiert. Ich denke aber, dass er ein ziemlich direktes und ungeschöntes Bild von dem vermittelt, was dort in Kolumbien geschieht.
Ein Brief aus Kolumbien

"Wie du siehst, lebe ich noch und schreibe dir gerade aus Bogotá. Ich hab eine harte Zeit hinter mir, aber es hilft mir sehr zu wissen, dass da draussen Menschen gegen das System und für ein selbstbestimmtes Leben arbeiten und sich hingeben- ich meine mit hingeben, dass sie ihre Gefühle, Ansichten und Gedanken ernst nehmen, aus der Situation die Aktion ergreifen und darin ihre Ehrlichkeit gegenüber dem Leben und sich selbst zeigen und ausleben. Wenn Menschen entdecken und verstehen, dass etwas wirklich falsch läuft und wenn sie Respekt und Ehrlichkeit gegenüber dem Leben, sich und anderen zeigen, werden sie alle zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das Gesicht der Zustände zu ändern und auch weiterhin Veränderungen in Bewegung setzen.

Ich habe sehr viele Dinge hier erlebt, es ist einfach nur krass. Der Plan Colombia wird im Fernsehen unglaublich dargestellt:
Man sieht Arbeiter- schwarze, weisse, indigene- in einem grossen Stadion, dreckig in ihren Arbeitsklamotten stehen sie da. Kinder kommen auf sie zugerannt mit Blumen usw. Als die Arbeiter zum Himmel hinauf in die Sonne blicken, sagt eine Stimme: "Für unsere Kinder, für den Frieden, unsere Arbeit und unsere Zukunft wie wir sie wollen... Plan des Friedens: PLAN COLOMBIA."
In den Zeitungen wird gesagt, dass die Verzerrung des Plans durch die Linke und seine Gegner im Allgemeinen die Glaubwürdigkeit der guten Absichten der Vereinigten Staaten nicht treffen wird. Es werden die ganze Zeit Lügen erzählt. Die Yankees werden wie Götter und Retter dargestellt und alles Faschistoide daran wird runtergeredet.

Jeden Tag gibt es Massaker und die Guerilla ist genauso gut dabei wie Paramilitärs. Sie töten beide die kleinen Leute ohne Macht und Stimme. Leute, die aus Angst oder aufgrund unvorstellbaren Drucks mit den Paras zusammenarbeiten, werden von der Guerilla umgenietet und die, die mit der Guerilla zusammenarbeiten werden aus denselben Gründen von den Paras auseinander gesägt. Sie haben keine Chance in diesem Krieg, keine Waffen, jeglicher soziale Widerstand wird unterdrückt bis ins Letzte. Es ist gefährlicher, eine Gewerkschaft zu gründen als eine Guerillaorganisation.
Letzte Woche haben die Paras 180 Menschen entführt, die auf dem Weg zur Arbeit waren (sie arbeiten alle in derselben Firma und fahren jeden Morgen mit speziellen Bussen dorhin). Die Paras zerrten die Leute raus und suchten sich die Fähigsten (fähig? Für was?) heraus und verschleppten sie, damit sie in ihren Reihen kämpfen. Da sie mehr Einheiten brauchen, verschleppen sie die Leute und stellen sie vor die Wahl: Entweder durch eine Motorsäge zu sterben oder in den Reihen der Paras bzw. des Militärs zu sterben. Das Militär ist im Allgemeinen mehr gefürchtet als die Guerilla, da es sehr viel brutaler vorgeht. Die Guerilla tut allerdings das Gleiche- sie verschleppt Bauernkinder und zwingt sie, in ihren Einheiten für die Befreiung zu kämpfen. Aber Befreiung? Für wen? Für das Drogenunternehmen, das sich mit dem Namen der Guerilla schmückt? Für die Stärkung und die Vergrösserung des Drogenkapitals in den Händen der Guerilla?
Von den Entführten waren 55 Personen zwischen 16 und 19 Jahren. Kinderarbeiter in einer Millionenfirma, wie es so üblich ist. Nichts wurde darüber gesagt, es wurden nur sensationsgeil die weinenden, verzweifelten Väter und Mütter vor die Kamera gezerrt, um dem Publikum eine Tragödie vorzuführen. "Sie sind nur Arbeiter, bitte tut ihnen nichts, sie wollten nur zur Arbeit, sie haben niemanden angegriffen, sie sind Kinder..." schluchzte ein Vater mit gesenktem Kopf.

Die indigenen Leute werden von den Weissen zu ihrem eigenen Ansehen ausgenutzt. Es gab eine Sendung über die Kultur der indigenen Menschen in Kolumbien und am Ende hieß es: "Wir Kolumbianer haben aus unseren Indianern gelernt, wir wollen unsere multikulturelle Gesellschaft am Leben erhalten und sie nicht weiterhin zerstören."
Pastrana hat von der Kirche einen goldenen Pokal für die erhaltenen vielfältigen kulturellen Handarbeiten der Indios, für Kolumbien erhalten. Vielleicht sollten sie die indigene Frau mit dem Kind auf dem Rücken, die den ganzen Tag für ein Stück Brot bettelt, mal fragen, wo ihre Leute sind und was sie hier in Bogotá macht. Sie würde höchstwahrscheinlich antworten: "Mein Dorf wurde niedergebrannt, meine Leute in Stücke gesägt- für eine Ölfirma, die dort jetzt die Natur zerstört. Was ich in Bogotá mache? Was macht Bogotá hier? Wo sind meine Vorfahren, die hier lebten?"
Sie würde sich kaum von einer Entschuldigung in Form eines Pokals für ihre Kultur geehrt fühlen. Oder für das Ansehen des weissen Conquistadors, der noch heute mordet und schlachtet. Nur trägt er heute eine neue Maske, eine Maske, die ihn schön macht, da sein wahres Gesicht zu hässlich geworden ist. Die Massen sollen den weissen starken Mann mit den blutgetränkten Händen feiern, damit sie ihre eigene Schuld nicht fühlen müssen.

Ich selber habe viel über die Armut in Südamerika gelesen, viel im Fernsehen gesehn und viel erzählt bekommen. Aber was ich mir an Armut vorgestellt und kennengelernt habe, reicht nicht an das heran, was ich letzte Woche in einem der schlimmsten Armenviertel von Bogotá gesehen habe, meine Beschreibung wird es nicht ganz rüberbringen können.
Es ist eine Strasse, die sich Calle Cartucho nennt, diese Strasse ist eine reine Drogenstrasse, es werden dort allerlei Drogen zu niedrigen Preisen verkauft. Die Strasse ist sehr eng, die Leute sitzen auf beiden Seiten, reden miteinander, schreien und schlafen auf dem Bürgersteig und der Strasse, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Häuser, die keine Häuser sind, sondern Ziegel- und Betonbaracken, haben keine Fenster oder Türen, die man schließen könnte. Jeder wohnt überall, die meisten laufen, wenn sie noch dazu imstande sind, oder stolpern mit Drogen vollgepumpt die Strasse rauf und runter auf der Suche nach Essen. Einige, die etwas ergattert haben, sitzen am Strassenrand und teilen sich Reis aus einer Tüte.
Die Drogen werden in grossen Päckchen abgefüllt und verkauft, meist an Jugendliche aus der Stadt, aus guten bis mittelmäßigen Verhältnissen. Die Leute kennen sie, sie fallen in ihren Klamotten auf, die nicht dreckig und zerfetzt sind. Ich und meine Freund gingen auch aus diesem Grund in die Calle Cartucho.
Die Polizei traut sich dort nicht rein. Einmal wollten sie das Viertel niederreissen, aber die Leute liessen es nicht zu, sie besetzten die Strasse und seitdem schlug jeder Versuch, die Strasse zu reinigen oder die Leute festzunehmen fehl.
Die Polizei steht daher an der nächstbesten Strassenecke, um die Jugendlichen nach ihrem wöchentlichen Grosseinkauf festzunehmen.

Bei unserm Glück packten sie uns natürlich, obwohl uns die Leute solidarischerweise noch vorher gewarnt hatten, nicht die erste Biegung zu nehmen. Doch es war zu spät. Ich hatte nichts, so dass ich nicht in die Zelle musste, aber meine zwei companeros buchteten sie über zwei Tage ein. Sie nannten es Molestación, was soviel bedeutet wie "Nerven" oder "Ärgernis erwecken&". Sie durchsuchten unsere Sachen, verschleppten uns ans Ende der Welt, liessen uns ewig warten und sperrten zwei von uns für zwei Tage ohne vernünftiges Essen ein- und sie sind die "Verärgerten"! Wer zur Hölle sind diese Schweine in Uniform, die sich das Recht nehmen, über meinen Konsum zu bestimmen, meine privaten Dinge zu durchstöbern, meinen Körper von oben nach unten abzutasten, meine Freunde einzusperren und uns das Marihuana wegzunehmen? Es ist kein echtes Delikt, beruhigten sie uns, nur eine Molestación, und ihre Freunde werden morgen um Neun wieder auf freiem Fuss sein... LÜGEN nichts als LÜGEN. Ich scheiss auf eure Molestación, ihr kleinen, gestörten Schweinchen. Wenn es euch stört, dass ich die Strasse entlang laufe, schwör ich euch, dass ihr eines Tages nicht mehr die Strasse entlang laufen werdet. Eines Tages werden wir gewinnen und ihr werdet auf der falschen, ihr werdet auf der Verliererseite stehen. Ich unterhielt mich sehr viel mit diesen Schweinen, ich redete über das System, ich stellte ihre Autorität und Macht in Frage. Ich erzählte ihnen, dass sie Sklaven eines Systems sind, dass sie dazu gebraucht, gegen ihr eigenes Volk und ihre eigenen Leute zu kämpfen, anstatt zusammenzuhalten und die Macht umzustürzen, die uns alle in Kategorien steckt und unser soziales Zusammenleben mit Rassismus und Sexismus vergiftet. Ich redete sehr viel und es wurden immer mehr Polizisten, die sich um mich herum sammelten und mir aufmerksam zuhörten. Sie alle sagten, das sie im Grunde mit mir einverstanden wären, dass die Wurzel all dieser Zerstörung zu bekämpfen sei und nicht die Symptome, die in der Bevölkerung auftreten- wie die Drogen unter dem Machtmonopol der Yankees, die am meisten davon profitieren. Aber trotzdem sind sie immer noch Schweine in Uniform und versuchten mir zu erklären, wo es keine Erklärung gibt- dass sie das alles zu unserer Bestrafung tun müssten, dass es nicht in ihrer Hand läge usw.
Na klar, das Gesetz ist von ganz allein lebendig geworden, hat Autofahren gelernt und sich eine Uniform angezogen. Genauso wie das Gesetz jeden morgen aufsteht und seine Frau vergewaltigt und abends ein paar Obdachlose zusammenschlägt, um sich in seiner Macht zu bestätigen. Aber nein: "Der Polizist ist neutral. Er ist mehr Sklave als jeder andere." traut er sich mir zu sagen. Naja, das ist er auch, aber er ist sich dessen nicht wirklich bewusst, er geniesst es eher noch, da er sich damit abgibt, seine Position und die dazugehörigen Zustände nicht zu ändern, die ihm in dieser Welt Macht und Ansehen geben.
Wieso sollte er den Privilegien entsagen, die ihn so viel höher stellen als den Normalbürger, höher als den Müll, der glaubt, er wäre ein Mensch? Vielleicht aus Liebe zu sich selbst, zum Leben und zu den Menschen? Nein, in dieser Welt sind Konkurrenz und Angst das am meisten ins Hirn gehämmerte.
Hier sind Werte wie Freundschaft eher gefährlich als schön."
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Ergänzungen

Aktuelle Berichte

Me 05.03.2002 - 14:34
Hier mal 2 wirklich heftige Berichte aus Kolumbien, die bei Telepolis erschienen sind:
Die Herren der Selva Auswirkungen des Kriegs auf eine südkolumbianische Stadt Rückkehr in den Krieg Vor fünf Jahren wurden Tausende Bewohner der kolumbianischen Provinz Chocó vertrieben. Einige kehrten zurück und werden nun wieder Opfer der Paramilitärs