Was nun? (Porto Alegre Teil IV)

Monik@ 08.02.2002 16:58 Themen: Globalisierung
Warum war das Weltsozialforum wichtig? Wohin kann es nun weitergehen? Und wie kriegen wir die Bewegung(en) in Deutschland dazu, sich an dem zu beteiligen, was sich gerade im Rest der Welt tut, statt sich mit dem eigenen Darniederliegen zu beschaeftigen. Immer nach der Devise: Think Global - Act Local!
Nun ist es vorbei, das Weltsozialforum und die eigentliche (Denk)arbeit faengt erst an. Erst einmal: Danke fuer die Kommentare. Vor allem die zu meinem letzten Beitrag haben mir klar gemacht, wie stimmungsabhaengig meine direkte Berichterstattung war. Den letzten Tag, den ich als so anstrengend und teilweise frustrierend geschildert habe, wurde von anderen als besonders spannend und erhellend erlebt. Und auch fuer mich ist der Gesamteindruck dieses Forums ein positiver. Ich habe viel gelernt, viele Vernetzungsmoeglichkeiten erkannt, viel diskutiert und jetzt viel Stoff zum nachdenken.
Der erste Punkt der mir wichtig erscheint, um das Bild das ich gezeichnet habe gerade zu ruecken ist, dass diese Art von Veranstaltung in Brasilien tatsaechlich nur in diesem Bundesstaat (Rio Grande do Sul), vielleicht sogar nur in der Stadt Porto Alegre moeglich ist. So problematisch die Bewachung durch tausende von privaten und oeffentlichen Polizeikraeften sein mag: Mir wurde mehrfach versichert, dass nirgends sonst in Brasilien, vielleicht sogar in ganz Lateinamerika, ein Jugendcamp dieses Ausmasses in einem oeffentlichen Park, mit fuer hiesige Verhaeltnisse durchlaessiger Struktur moeglich gewesen waere. Sollte ich den Eindruck erweckt haben, dass es so etwas wie eine hermetische Abriegelung der ForumsteilnehmerInnen gegeben hat, dann muss ich das jetzt klar stellen. Im Grunde konnten alle die wollten sich auf dem Gelaende frei bewegen. Es gab verschiedene Veranstaltungen, die nicht fuer alle zugaenglich waren und auch Kontrollen durch Polizeikraefte, aber keine direkte Abriegelung. Mir ging es eher um die Atmosphaere von schwer bewachter Ruhe.

Nun zu meinem Fazit dieser sehr bewegten Woche:
Mir ist deutlich geworden, welch unglaublich wichtige Rolle die bei uns doch sehr aus der Mode gekommenen Grundpfeiler fortschrittlicher Politik Bildung und Aufklaerung spielen. Hier in Lateinamerika (und in vielen anderen Teilen der Welt) ganz besonders. Wie willst du Leute motivieren und mobilisieren, die nicht lesen und schreiben koennen, wenn deine Konzepte widerstaendiger Politik sich auf Kommunikation und Vernetzung ueber Internet beziehen? Wir werden immer nur einen sehr kleinen Prozentsatz der Menschen erreichen. Aber auch zurueckgebunden auf Deutschland und Europa zeigt sich, wie wichtig es ist, Zugang zu Bildung fuer alle mit Zaehnen und Klauen zu verteidigen, und nicht zu sehr auf das ironisch abgeklaerte Verhaeltnis zum Projekt Aufklaerung zu bauen, das bei intelllektuellen Linken so beliebt ist. Hier in Brasilien haben sich MST (die Landlosenbewegung), das Theater der Unterdrueckten, viele NGOs und Projekte erst einmal nicht schriftliche Methoden zur Vermittlung von Ideen und mobilisierenden Gedanken ausgedacht. Theater (an dem das Publikum teilnimmt und sich dabei mit seiner gesellschaftlichen Situation auseinandersetzt) und freie Radios sind sehr wichtig. Die PT (ArbeiterInnenpartei) reserviert in ihren Experimenten mit dem partizipativen Budget 30% der Steuereinnahmen fuer Bildung, egal wa sonst noch wichtig sein mag.

Auf dem Forum wurde viel ueber Strategien und Alternativen diskutiert, wobei sich aber sehr deutlich zeigte, dass wir da noch ganz am Anfang sind. Trotzdem ist es wichtig, dass es hier nicht nur um die Planung des garantiert stattfindenden naechsten Gipfels der Gegenseite ging, den es zu stuermen gilt, nicht nur um die naechste Aktion oder Kampagne, sondern um den Versuch andere Welten tatsachlich zumindest anzudenken.Hier hat sicher Attac wichtiges geleistet, auch wenn ich die Art, wie diese Foren von Attac dominiert werden fuer problematisch halte. Naomi Klein (Autorin von No Logo) meinte immerhin, letztes Jahr habe sie noch befuerchtet, Attac koennte die ganze Veranstaltung an sich ziehen und voellig monopolisieren, dieses Jahr gab es keine Chance mehr dazu. Zu gross, zu verschieden, zu streitbar war das ganze, um von einer einzigen Gruppierung dominiert zu werden.Allerdings bleibt unklar, wie die Erklaerungen, die es ja dann doch in der Presse gab, obwohl ausdruecklich kein Abschlussdokument vorgesehen war, zustande kamen. Ich war in keinem Seminar/Konferenz/Workshop wo davon die Rede gewesen waere irgendetwas abzustimmen, zu beschliessen oder auch nur zu formulieren, was dann haette nach draussen gehen sollen. Es gibt auf jeden Fall eine In-Group die dieses Forum nach aussen repraesentiert. Ich denke, es ist unsere Aufgabe dafuer zu sorgen, dass sie sich nicht zur Institution entwickelt, die das Sagen hat.
Eine Moeglichkeit dazu bietet sich bei der Vorbereitung zum naechsten Weltsozialforum auf dem Europaeischen Sozialforum, das im Herbst in Italien stattfinden soll.Eine starke Praesenz der undogmatischen Linken mit Ideen und Diskussionsvorschlaegen waere extrem wuenschenswert!
Ein grosses Manko auf dem diesjaehrigen Forum und in der linken Allgemein scheint mir der Mangel an zuendenden Ideen zu oekonomischen Alternativen zum Kapitalismus. Auch da merkt man, wie schwer es ist, ueberhaupt noch andere Welten denken zu koennen, in der Situation in der wir momentan leben. Ohne durchdachte oekonomische Alternativen ist aber auch Bildung und Aufklaerung nicht viel wert. Solange die Leute auf der Strasse verhungern (wie hier in Brasilien, einem eigentlich gar nicht so armen Land) wird die schoenste Vernetzungsarbeit, werden die intelligentesten Aktionsformen nur eine Farce bleiben (obwohl ich es trotzdem auf jeden Fall wichtig finde daran weiter zu arbeiten).
Eine wichtige Frage die dieses Forum fuer mich aufwirft, also: Wie machen wir die elementare Frage einer anderen oekonomischen Struktur politisch so sexy, dass sich Leute darauf stuerzen, daran arbeiten, zuendende Ideen entwickeln?
Die Antwort habe ich nicht, aber ich bin ganz guter Dinge, dass die Bewegung der Bewegungen, die da gerade entsteht, sich diesem Thema stellen wird!
Noch etwas in eigener Sache: Die angekuendigte Veranstaltung zu Porto Alegre und dem Europaeischen Sozialforum findet nicht wie von mir behauptet am 19. 3. statt, sondern am 13. 3. um 19:00 Uhr im Haus der Demokratie (Greifswalder Strasse) in Berlin.

Ich verabschiede mich in den Carnaval von Recife und hoffe, euch naechstes Jahr (oder vielleicht Ende dieses Jahres in Italien) zu begegnen!

Monik@
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Ergänzungen

weiter gehts

eine besucherin 08.02.2002 - 23:06
hey monika, vielen dank, dass du dir die muehe gemacht hast, deine gedanken zum kongress festzuhalten. ich denke, dass dem forum gerade nach den ereignisse dieses jahr besondere bedeutung zukommt.das bezieht sich auf den aktionistischen hoehepunkt in genua und den ueberrollenden ereignissen nach dem 11. september. wie wichtig es ist, dass wir uns raum zum diskutieren, rumspinnen und vernetzen nehmen wurde mir in porto alegre besonders klar. ich hoffe, dass war nur der anfang und auf den naechsten kongressen fangen wir damit an visionen zu entwickeln, die es wagen, eine oekonomische alternative zum kapitalismus zu denken. das hat meines wissens in porto alegre nur proud gemacht und die sind mir in einigen sachen doch zu spirituell.
gruesse s.

Hey...

Mike Myers 08.02.2002 - 23:42
.. da sind sind wieder die Nervensägen aus Bielefeld, die zu zu jedem Thema, egal, ob´s passt oder nicht, ihre Demoaufforderungen auf Indymedia posten möchten. Kriegt ihr sonst keinen in euer langweiliges Nest, oder warum müsst ihr sowas machen???

@ Mike Myers

Camillo 09.02.2002 - 14:57
Heul doch!!!

Danke für die Erklärung

Me 09.02.2002 - 15:09
Da wird einiges deutlicher. Ansonsten hoffe ich auch, daß zumindest ein Teil der Linken mal ihre Selbstbezogenheit überwindet. Die Teile, die das Ganze als so eine Art Denver-Clan sehen (wo es darum geht die Szene zu dominieren und nicht etwa was zu verändern) hab ich eh abgeschrieben.

weitere Berichte aus Porto Alegre

09.02.2002 - 16:38
Hier ein Bericht zu den Torten:  http://www.de.indymedia.org/2002/02/15429.html und eine Übersicht zu mehreren Berichten und Bildern aus Porto Alegre:  http://www.de.indymedia.org/2002/02/15474.html - bitte auch mal auf der Startseite verlinken!!!

Wie weiter

Lisa 09.02.2002 - 18:32
Die Beiträge von Monika haben mir gut gefallen. Ich denke die Frage die jetzt zu stellen ist, ist wie es weiter geht. Wir sollten uns als undogmatische radikale Linke massiv in das Forum in Italien einmischen.
Ich denke es ist wichtig zu begreifen, dass die Foren offen Diskussionsmöglichkeiten sind und nicht eine neue Internationale oder ähnliches.