Weltsozialforum (Teil III)

Monik@ 05.02.2002 17:37 Themen: Globalisierung
Aktionen (Tortenwuerfe, Stuermung des VIP-Raumes, Spontandemos) und Einschaetzungen: Die Linien verlaufen zwischen offiziellem Forum und Jugendcamp, aber auch zwischen Parteien und anderen Formen der Organisierung
Ich habe festgestellt, dass es sinnvoller ist diesen Bericht anhand von Trennungslinien zu gestalten, als anhand der besuchten Seminare. Gestern (am offiziell letzten Tag des Forums) war ein adrenalin- und ereignisreicher Tag. Diesmal habe ich ihn ganz aus der Perspektive des Jugendcamps wahrgenommen. Das fing morgens mit einem Workshop zum Thema Organisierung innerhalb der Bewegung, Strategien des Widerstandes an, bei dem John Jordan von Reclaim the Streets ueber die vier Grundprinzipien der "Bewegung der Bewegungen" sprach: Vielfalt, Dezentralisierung, Interdependenz, lokal spezifisch aber trotzdem global verbunden zu bleiben (letzteres sah er als die grosse Herausforderung an. Ich war sehr angetan von seinem Vortrag. Fuer alle, die mehr wissen wollen, schaut unter artactivismogn.apc.org nach). Dann gab es einen Vortrag eines Kunst/Aktionskollektivs aus Buenos Aires namens Mesa Scratche (?) und einen Bericht ueber die Tutte Bianche. Dann Diskussion zum Thema Distanzierung vom sog. schwarzen Block, die Agnoletto vom Genoa Social Forum am Vortag noch einmal sehr klar gemacht hatte. Casarini (Mr. Tutte Bianche persoenlich) sprach sehr eloquent darueber, warum in Genua die Zusammenarbeit nicht geklappt hatte (eigentlich auch sehr symphatisch), beantwortete aber nicht wirklich die Frage, wie man noch zusammenarbeiten soll, wenn man von Leuten wie Agnoletto ganz klar auf die GegnerInnenseite gestellt wird. Leider brach dann auch schon die Diskussion ab, weil verschiedene aktionen auf dem zentralen Forum geplant waren und sich alle mal wieder (wie mich das inzwischen nervt!) spontan in alle Richtungen verteilten. Ich beschloss, der Sambagruppe zu folgen, die eine Veranstaltung stoeren wollte, in der die franzoesische Jugendministerin sprechen sollte. Als wir in der Uni ankamen, stellte sich heraus, dass die Torte schon laengst im Ministerinnengesicht plaziert worden war.
Daraufhin gab es einen wirklich sehr vergnueglichen Zug von sambatanzenden teilweise vermummten Jugendcampleuten zum VIP-Raum (wens interessiert: Der war schon im Jahr davor ein Stein des Anstosses. Naomi Klein, die auch dieses Jahr wirklich gute Sachen gesagt hat, hat einen Artikel unter anderem dazu mit Eindruecken vom letzten Forum publiziert, namens"A Fete for the End of the End of History". Ist auf ihrer Website runterzuladen). Wir ueberraschten die reichlich vorhandenen privaten Sicherheitskraefte voellig, tanzten auf den Tischen des VIP-Raumes, mit "Somos Todos Vipes" (wir sind alle VIPs)-Rufen. Dort sassen eigentlich nur zwei veraengstigte Leute, wahrscheinlich aus Indien, die nicht verstanden, was ihnen geschah. Ich halte es aber auf jeden Fall fuer eine gelungene Aktion, weil sowieso das ganze Forum davon gepraegt war, dass es eine klare Trennung zwischen den wichtigen und offiziellen Leuten und dem Fussvolk gab. Ich hoffe, es hat geklappt, heute auf dem offiziellen Abschlussplenum noch etwas zu den verschiedenen Aktionen zu erklaeren, weil natuerlich die meisten Umstehenden nicht viel mitbekamen von den Begruendungszusammenhaengen.
Nachdem wir noch etwas draussen auf der Treppe getanzt und getrommelt hatten ging unsere Gruppe (etwas 6 deutlich als europaeisch/US-Menschen zu erkennende Leute mit Kameras) Richtung Essensstaende und wurde ploetzlch von hinterherstuermendem Sicherheitspersonal ueberrascht, das uns die kameras abnehmen wollte, uns ueber den Campus verfolgte und die Leute mit den Kameras am Ende zu Boden warf und bedrohte.Beherzte Umstehende und die laute Forderung nach Identifizierung der Sicherheitsleute fuehrte am Ende dazu, dass sie das Weite suchten. Aber der Schreck sitzt mir immer noch in den Gliedern. Zumindest hier, hatte ich angenommen, wuerde mir so etwas nicht passieren.
Hier muss jetzt ein kleiner Exkurs zu den Hintergruenden her: Es hat in den letzten Tagen einen versuchten Bankueberfall auf die Bank in der Uni gegeben und in der vorletzten Nacht wurde bei einem bewaffneten Ueberfall auf den Geldtransporter, der die aufgestellten Geldautomaten versorgen sollte, einer der Ueberfallenden getoetet. Dann noch der Tortenanschlag, ein Erstochener auf dem Jugendcamp etc. Die Sicherheitsleute mussten dieses Eindringen in den vIP/Raum als Schmach und Schande empfinden. Hier zeigt sich sehr klar ein grosses Problem des ganzen Forums. Wie geht man damit um, die ganze Zeit von berittenen Riotcops, privaten Cops, Militaerpolizei und was weiss ich, was sonst noch, gegen die hungrige Bevoelkerung abgesichert zu werden, wo wir doch eigentlich alle das Forum sind? Keine Antwort in Sicht. Die Horrorgeschichten, die ich ueber brasilianische Polizei- und Sicherheitskraefte gehoert habe, sind ebenso Legion, wie die ueber Entfuehrungen (von voellig beliebigen Personen), Ueberfaellen auf Busse, Taxis und PassantInnen. Die Frage ist natuerlich, ob wirklich mehr passieren wuerde, wenn es weniger Bullen gaebe. Das kann ich als Gringa einfach nicht einschaetzen. Ich bewege mich hier ziemlich frei, und bisher ist mir absolut gar nichts auch nur ansatzweise beaengstigendes passiert.

Die zweite grosse Trennungslinie wurde spaeter am gestrigen Tag deutlich. Ich war auf einer riesigen Jugendveranstaltung mit einem Podium aus VertreterInnen verschiedenster internationaler Jugendorganisationen. Es gab eine Schlaegerei zwischen den skandierenden Fraktionen zweier kommunistischer brasilianischer Parteijugenden (eine davon die PSTU, von der ich gehoert habe, dass sie leute mit koerperlicher Gewalt davon abhalten bei studiratswahlen missliebig abzustimmen!), das Publikum buhte dazu, die Sprecherin aus Suedafrika wurde vom Mikro weggedraengt und irgendwelche Parteifuzzis rissen sich gegenseitig das Mikro aus der Hand. Der einzige wirklich ueberzeugende Beitrag kam vom Organisator einer argentinischen Radkuriergewerkschaft, die sich inzwischen zu einer Art alternativem Gewerkschaftsverband entwickelt hat, der meinte, in Argentinien sei ihnen klar geworden, dass wir lernen muessen anders zu denken, die alten Strukturen ueber Bord zu werfen und sie jetzt beschlossen haetten, sich horizontal zu organisieren, statt hierarchisch. Leider war der Saal inzwischen leer und der Kommentar eines aufgebrachten Zuschauers, wir seien hier in brasilien und die Parteikomisskoeppe sollten doch gefaelligst durch ein Zeitloch in Richtung Sowjetunion verschwinden, verhallte fast ungehoert.
Dieser Graben tut sich aber nicht etwa nur auf dem offiziellen Forum auf, sondern auch auf dem Jugendcamp, wo jede Parteiorganisation ihren eigenen Bereich hat, die verschiedenen Gruppen sich um Sendeplatz beim Campradio pruegeln (das meine ich jetzt woertlich) und es ueberall, ob auf Demozuegen (gegen FTAA), Veranstaltungen oder Konzerten Handgreiflichkeiten dieser Gruppen gibt. Irgendwann konnte ich auch die skandierenden batallione mit den roten Fahnen und den immer gleichen Parolen nicht mehr ertragen, die ueberall auftauchen, durch die Uni ihre Runde drehen, Veranstaltungen dominieren, Demos ebenso. Wie aber einer aus Argentinien heute bei der Fortsetzung der Strategiedebatte sehr richtig meinte: Hier in lateinamerika, wo vor allem die Leute die nicht lesen und schreiben koennen und aus der Unterschicht kommen in Parteien organisiert sind oder in Gewerkschaften, koennen wir nicht einfach locker unsere Methoden des spontan organisierten Widerstandes, samt des Kontakts ueber Internet voraussetzen und davon ausgehen,dass alle die teilnehmen wollen, schon irgendwie davon erfahren werden. Hier sind sie auf die Auseinandersetzung mit den Parteien angewiesen.
Apropos Internet: Bei einer der Auseinandersetzungen vor der Indymediabaracke wurden gestern mehrere Computer geklaut, woraufhin erst einmal gar kein Internetzugang mehr moeglich war und sie jetzt nur noch akkreditierte JournalistInnen zulassen (was ich nicht bin). Mir gelang es trotzdem, mich einzuschmuggeln, aber das schoene offene Indymediakonzept wird so natuerlich zum Witz.

Ich werde mich bemuehen, in den naechsten Tagen eine etwas tiefer gehende Analyse des Forums hinzukriegen. Fuer Interessierte aus Berlin aber jetzt schon ein Hinweis: Am 19. Maerz wird es eine Auswertungsveranstaltung im Haus der Demokratie in Berlin geben, bei der es um Perspektiven und Anknuepfungspunkte in Berlin und Deutschland gehen soll, die das Weltsozialforum bieten kann.

Bis demnaext!
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Danke...

05.02.2002 - 19:46
...für diesen Bericht, der klar macht, was da noch an Auseinandersetzungen auf uns zu kommen wird. Die Zeit der Integration der Anti-Globalisierungsbewegung hat begonnen, und es wird notwendig sein, weder mit einer fundamentalen Ablehnung eines Dialogs mit der Gesellschaft noch mit dem x-ten dämlichen Marsch durch die Institutionen darauf zu reagieren. An dieser Stelle aber noch eine Anmerkung zu einem beliebten und ebenso amüsanten Schreibfehler. Richtig muss es heißen: "Tute bianche" (weiße Overalls) - "Tutte bianche" heißt übersetzt nämlich "Alles Weiße"...

Lasst uns gegenseitig

Oliver M. 05.02.2002 - 19:52
die Köpfe einhauen, damit die Bullen, Bonzen und Neoliberalen sich nicht die Hände schmutzig machen. Lasst uns gegenseitig als Gegner betrachten, weil eine andere linke Position als die meine, bestimmt schlimmer ist als der Neoliberalismus. Proletarier aller Länder schlagt euch die Schädel ein, dann könnt ihr nicht mehr unterdrückt werden.

Bilder zum Text

Monik@ 05.02.2002 - 23:30
Di Bilder zu den entsprechenden Aktionen findet ihr unter Indymedia Brasilien. Viel Spaß!

Da gehen einem echt 1000 Sachen duch den Kopf

Me 05.02.2002 - 23:40
Einerseits das mit dem Abschirmen nach draussen (wenn ich das richtig verstanden hab). Für die Bevölkerung die in Armut lebt muss das merkwürdig kommen. Oder die Sache mit den Toten.... Was die Streitereien der Parteisoldatenangeht, erinnert mich das, was mal wer zu mir sagte: Die meisten Revolten kommen von den normalen Leuten, wenn dann die Politheis dazu kommen, beginnen die Machtkämpfe. Wenn das echt so ist, hoffe ich, daß die Linek bei der nächsten Revolte überrollt wird... oder eben die basisdemokratisch orientierten dabei sind.

Klein´s Homepage?

URLSucher 06.02.2002 - 08:39
Hast du auch die Adresse von Naomi Kleins Homepage?
Bei Google hab ich nix gefunden.

weitere links

rebels with a cause 06.02.2002 - 14:55
Reclaim the Streets findet sich hier:  http://www.reclaimthestreets.net und  http://www.gn.apc.org/rts - die Webseite von Naomi Klein lautet:  http://www.nologo.org und von Peoples´ Global Action übrigens  http://www.agp.org - Bilder von den Torten und Berichte auf brasilianisch hier:




ich auch 06.02.2002 - 15:11
..und hier: rts in berlin/dtl:  http://rts.squat.net

sehr interessant

Karen 18.07.2002 - 01:58
Ich bin nur durch Zufall auf die Seite gekommen, aber ich muß sagen, daß ich alles sehr interessant finde.
Im Grunde suche ich aber Informationen über die Tutte Bianche. Kann mir da jemand weiterhelfen?

Hab nicht viel

einer 18.07.2002 - 02:17
Bei Indymedia weiss ich von einem Aufruf zu einer Veranstaltung, wo was über die Ideen und Grundsätze der TB's zu finden ist:  http://www.de.indymedia.org/2001/05/2639.shtml
Mittlerweile haben die sich mit anderen Leuten zu den Disobedientes zusammengschlossen und dabei mehrere heftige Aktionen durchgeführt, wie etwa den Sturm auf ein Abschiebelager, das dann irgendwann geschlossen wurde. Ansonsten schon Google probiert?