Silvester im Aufstandsgebiet der Zapatistas

Gruppe B.A.S.T.A. 07.01.2002 20:31 Themen: Weltweit
"Wir wussten von Anfang an, dass unser Kampf lang und schwierig sein würde."

Silvester im Aufstandsgebiet der Zapatistas

Artikel zu Autonomie, Repression, Basisorganisierung und Widerstand von Januar 2002
"Wir wussten von Anfang an, dass unser Kampf lang und schwierig sein würde." 1

Silvester im Aufstandsgebiet der Zapatistas

(Oventic, Chiapas/Mexiko). Als wir am 28.12.2001 im Kleinbus in Oventic ankommen, winkt uns die mit einem roten Halstuch vermummte Frau zügig von der Hauptstrasse herunter. Nachdem wir uns mit Papieren einer Organisation, die mit den Zapatistas zusammenarbeitet, als MenschenrechtsbeobachterInnen ausgewiesen haben, wird uns nach einigen prüfenden Blicken in unser Gepäck unsere leicht abseits liegende Unterkunft für die kommende Woche zugewiesen.
Oventic ist das zweite der insgesamt fünf "Aguascalientes" in der ostchiapanekischen Aufstandsregion. Diese Gemeinden verfügen über deutlich mehr Infrastruktur und dienen als Kultur-, Bildungs- und Kommunikationszentren, als interne Versammlungsknoten und als Orte für überregionale, mexikoweite und internationale Treffen. Während der Tage um Silvester finden im riesigen, mit zahlreichen Transparenten geschmückten Auditorium, das mehreren hundert Personen Raum bietet, Versammlungen der "Responsables", der jeweiligen
Verantworlichen der autonomen Gemeinden, statt. Diese stets sehr langen, nur für die
Angehörigen der Bewegung zugänglichen Plena vermitteln uns einen Eindruck, wie die
Basisorganisierung der widerständigen Regionen funktioniert.
Neben dem Auditorium gibt es in Oventic noch eine weiterführende Schule, eine grosse Bibliothek, eine Klinik, eine Kirche, ein Schuhmanufaktur-Kollektiv, eine Laden-Kooperative, ein Geschäft mit Kunsthandwerk der Frauen der Umgebung, eine riesige überdachte Bühne für grosse Treffen sowie ein mit Flutlicht ausgestattetes Basketballfeld, das auch als Versammlungsplatz genutzt wird - alles in Selbstverwaltung. Darüber hinaus existiert eine Sprachschule mit Lehrern von ausserhalb, in der solidarische Reisende für das Equivalent des Mindestlohnes ihres Staates Spanischunterricht nehmen und gleichzeitig einen Eindruck vom Leben im Widerstand bekommen können. Sämtliche Gewinne fliessen an
die Gemeinde, auch der gut sortierte Laden befindet sich nicht in privater Hand. All dies wurde seit 1994 mühevoll in Eigenregie, ohne Hilfe von öffentlicher Seite und unter permanenter Belästigung und Bedrohung durch Bundesarmee und Paramilitärs aufgebaut. Hilfe wird nur von solidarischen Menschen der "sociedad civil" ("Zivilgesellschaft") angenommen, so arbeitet in diesen Tagen beispielsweise eine Karawane aus Mexiko-Stadt am Neubau eines weiteren Schulgebäudes.
Unsere Aufgabe als MenschenrechtsbeobachterInnen ist es, den Gemeinden, aber auch dem Repressionsapparat unsere Präsenz zu zeigen, eventuelle Militärpatroullien oder Aktivitäten anderer Gruppen zu dokumentieren und über die Situation allgemein zu informieren. Zur Zeit ist die Lage in Oventic selbst eher ruhig. Entscheidendes Kriterium für uns ist, dass wir auf ausdrücklichen Wunsch der Leute dort sind. Die Menschen sind verständlicherweise zunächst zurückhaltend, denn es gibt relativ häufig einen Wechsel der
BeobachterInnen, sie lassen uns jedoch wissen, dass sie die Friedenscamps für wichtig erachten und nach einigen Tagen des Aneinandergewöhnens kommt es hier und da zu netten Gesprächen.

Die Silvesterfeier

Nachdem am 31.12. morgens das Basketballturnier mit über 50 Teams beendet wurde, beginnen die Feierlichkeiten des 8. Jahrestages der Erhebung der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee EZLN, die Anfang 1994 mehrere chiapanekische Städte bewaffnet eingenommen hat, sich aber unter dem Druck der mexikanischen Armee in die Berge zurückzog und seitdem einen rein politischen Kampf führt, dabei aber noch im Besitz ihrer Waffen ist. In der auf Spanisch und Tzotzil (bedeutende regionale Indìgena-Sprache) vorgetragenen Mitteilung der zapatistischen Unterstützungsbasen wird der bewaffnete Aufstand legitimiert, da die Regierung jegliche legale Proteste stets überhört hat, und das
Festhalten an den zentralen Forderungen manifestiert: "Arbeit, Land, lebendige Würde,
Ernährung, Gesundheit, Bildung, Unbhängigkeit, Gleichheit der Rechte zwischen
Männern und Frauen, Respekt für die indigene Bevölkerung, Frieden mit Gerechtigkeit und Würde"*. Der Regierung wird vorgeworfen, die bereits unterzeichneten Abkommen von San Andrés über Rechte und Kultur der Indìgenas, die für ganz Mexiko von integraler Bedeutung sind, nicht einlösen zu wollen und am Krieg niederer Intensität gegen die Zapatistas festzuhalten. Der maskierte EZLN-Sprecher betont jedoch: "Wir werden Widerstand leisten, bis unsere Rechte umgesetzt sind"1. Zudem werden die Menschen der
Zivilgesellschaft aufgefordert, sich nicht durch die Politik der Regierung täuschen zu
lassen.
Die bereits existente Vernetzung links-oppositioneller und indigener Gruppen wird an diesem Abend noch durch Angehörige nordamerikanischer indianischer Gruppen erweitert, die sich in bewegenden Worten und Gesängen solidarisch mit dem zapatistischen Kampf erklären und sich für die Inspiration und den Mut bedanken. Uns persönlich beeinruckt der ruhige, aber gleichzeitig sehr starke Charakter der Veranstaltung, an der etwa 2.000 Personen teilnehmen. Der Widerstand erscheint uns authentisch und lebendig.
Nach dem Absingen der zapatistischen "Hymne" werden eine Stunde vor dem offiziellen Silvester, begleitet von Feuerwerkskörpern, diejenigen hochleben gelassen, die nach Einschätzung der linken Tageszeitung "La Jornada" die ProtagonistInnen des zapatistischen Kampfes sind: "Die zapatistischen Gemeinden, die kämpfenden Aufständischen, die MilizionärInnen, die autonomen Landkreise, der Nationale Indìgena-Kongress CNI, die nationale und internationale Zivilgesellschaft"1. Viele Menschen verbringen daraufhin ausgeglichen die kommenden Stunden tanzend zur Musik der beiden anwesenden Gruppen, die hauptsächlich traditionelle Lieder aber auch einige Radio-Hits spielen.

Die Verteidigung der Autonomie

Am Neujahrsmorgen gibt es dann eine grosse Mobilisierung der Zapatistas zum Hauptsitz des autonomen Landkreises von San Andrés. Drohungen und Gerüchten zufolge wollen Anhänger der PRI, die Mexiko 71 Jahre regierte und in verschiedenen Bundesstaaten - auch in Chiapas - noch immer sehr hohen Einfluss hat, das Gebäude des autonomen Rates einnehmen. Auch wir, als internationale BebachterInnen, werden eingeladen und fahren mit mehreren hundert Compañeros und Compañeras, die der Besetzung zuvorkommen wollen, nach San Andrés. Alle werden aufgefordert, jegliche gewalttätige Provokationen zu ignorieren. In San Andrés angekommen, erklären sich beeindruckend viele autonome Landreise solidarisch und warnen die Regierungstreuen, dass sie eine Zerstörung der eigenen Strukturen nicht zulassen werden. Gleichzeitig werden die AdressatInnen aber
dazu eingeladen, sich innerhalb des Widerstandes zu organisieren und für Selbstverwaltung und Gerechtigkeit zu kämpfen. Die PRIistas und PANistas (PAN: aktuelle konservativ-neoliberale Regierungspartei) tauchen jedoch nicht auf, so dass diese Demonstration als klarer Erfolg für die ausserparlamentarische Bewegung gewertet werden kann.

Die unsichere Zukunft

Während die Lage in der Region Oventic z.Zt. eher ruhig ist, gibt es besorgniserregende Meldungen aus anderen Gebieten mit zapatistischer Präsenz. So meldet z.B. der Landkreis Ricardo Flores Magón (benannt nach dem bekannten mexikanischen Anarchisten) intensive Militärpatroullien und Tiefflüge über Dörfer durch Flugzeuge und Helikopter, die dabei häufig Dächer beschädigen und die Menschen von ihrer dringend notwendigen Arbeit abhalten. Die Lage in diesem Landkreis ist momentan so gespannt, dass aus Sicherheitsgründen keine
ausländischen MenschenrechtsbeobachterInnen dorthin geschickt werden. Auch aus anderen Gemeinden kommen negative Meldungen dieser Art und noch immer sterben viele Menschen an heilbaren Krankheiten und an den Folgen des Terrors. Besonders im Rahmen des so genannten Puebla-Panama-Plans - einem ultra-neoliberalen Mega-Projekt, welches die Arbeitsrechts- und Umweltgesetzgebung völlig aushölt und auf die Ländereien der Indìgenas angewiesen ist - ist mit einer Verschärfung der Situation in Chiapas, aber auch in anderen Bundesstaaten des Südostens, wie z.B. in Oaxaca zu rechnen. Aber, so die
Mitteilung der autonomen Gemeinden, es werde keine Entmutigung geben und der Widerstand werde fortgesetzt. "Die grossen Chefs der Macht vergessen uns, die Armen und
Indigenas. (...) Wir verfolgen niemanden. Wir suchen den wahren Pfad der Befreiung.(...) Für uns ist die Autonomie unsere Rettung, und es gibt einen grossen Unterschied zu den Parteien, die uns dominieren wollen." 2

Luz, Gruppe B.A.S.T.A.,

c/o Infoladen Bankrott, Dahlweg 64, 48153 Münster,  gruppeBASTA@gmx.de

1: aus dem Silvester-Kommuniqué der Unterstützungsbasen der EZLN, La Jornada 2.1.2002.
2: La Jornada 4.1.2001.

(Für Dia-Vortraege, Nachfragen etc. stehen wir gerne zur Verfügung!
Surftipps zum Thema: www.chiapas.ch / www.epo.de/carea )
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

libertärer kommunist 09.01.2002 - 13:28
viva E.Z.L.N. !!!!

viva zapata!

noch ein libertärer kommunist 12.01.2002 - 14:16
viva chiapas! viva mexico! viva la revolucion!

hasta la victoria siempre

denny 13.01.2002 - 14:45
Sehr gute Uebersicht der Lage - Danke fuer diesen Artikel!
Ich war 1999-2000 vier Monate mit dem Rucksack in Mexico und Guatemala unterwegs, sowie 2001 zwei Monate.

Wuerde mich fuer die selbstverwaltete ´Spanischschule´ der Zapatistas interessieren (Unterricht nehmen).
Habt ihr denn ne Kontaktadresse damit ich das bevor ich hinfliege arrangieren kann?

Muchismas gracias, hasta pronto!

arschloecher gobt es ueberall

xy 15.01.2002 - 04:39
ich bin so gegen weihnachten dort gewesen und kann im grossen und ganzen deiem bericht bestaettigen )als ich dort war gab es keine ueberdachte buehne)
nur mit der sprachschule habe ich andere erfahrungen gemacht.als ich mich nachder sprachschule erkundigen wollte hiess es 3 tage des mindestlohnes deines heimischen landes. nur das mir fuer deutschland so ein allgemeingueltiges gesetz nicht einfiel. verweise auf 630 mark gesetz wurden beantwortet damit, das das was anderes sei. ich sollte den satz fuer yankees bezahlen. das ich berlin friedrichhain oftgenug von anderhalbfachen und containerfood lebe, war nicht vom interesse. auch im anbetracht , das f´hain laut lokaler arbeitslosenini,´ne arbeitslosenquote von 36 prozent hat, faellt mir der vergleich zu deutschland recht schwer.ein slovake(mindestlohn vielleicht 250 muecken), der in london gearbeit hat, erzaehlte mir in san christobal, er sollte deshalb den satz fuer englaender zahlen.ganz davon zu schweigen, dass es eine beleidigung fuer mich ist mit amis in einem topf geworfen zu werden, musste ich feststellen das ich in privaten, also kapitalistischen, schulen fairer behandelt wurde.
einmal mehr musste ich sehen das es wohl ueberall arschloecher gibt.