Argentinien: Basisdemokratische Organisierung

Mensch aus HH 03.01.2002 20:38 Themen: Soziale Kämpfe
Die Proteste der vergangenen Wochen und Tage bleiben nicht wirkungslos. Teile der Bevölkerung Argentiniens organisieren sich basisdemokratisch. Hier die Übersetzung eines beeindruckenden Indymedia-Argentina-Berichtes über eine "Volksversammlung" in Rosario.
Die protestierende Bevölkerung Argentiniens organisiert sich basisdemokratisch! Hier die Übersetzung eines Berichtes aus Indymedia Argentina über eine der "Volksversammlungen", die in Rosario stattgefunden hat:

"Rosario: Bericht von der heutigen Versammlung
by ernesto 9:59pm Wed Jan 2 '02 (Modified on 4:29am Thu Jan 3 '02)

In Rosario (Anmerkung: Großstadt, ca. 300 km im Norden von Buenos Aires gelegen) haben die "Kochtopf-Demonstrationen" begonnen, eine Stimme zu erhalten. Besser gesagt: die Menschen, die in den vergangenen Tagen auf die Straße gegangen sind und auf Kochtöpfe etc. geschlagen haben, haben einen Schritt mehr getan und haben angefangen, sich zu organisieren.

Die "Stimme der Kochtöpfe"

Am Mittwochvormittag unterhielt sich der Journalist Marcelo Zlotogwiazda (alias "der Unaussprechbare") im Rahmen eines Gespräches mit dem Abgeordneten Soria über die Schwierigkeit, die konkreten Forderungen der DemonstrantInnen zu erfassen. Denn Kochtöpfe sprechen nicht. Eigentlich sagen sie viele Dinge, aber sehr unterschiedliche, abhängig davon, wer sie hört, ändert sich der Sinn ihrer Aussage.

In Rosario beginnen die Kochtöpfe, eine Stimme zu haben. Besser gesagt: die Menschen, die in den vergangenen Tagen auf die Straße gegangen sind und auf Kochtöpfe etc. geschlagen haben, haben einen Schritt mehr getan und haben angefangen, sich zu organisieren. Der Vorschlag entstand im Laufe der Kochtopf-Demonstration am Freitag, dem 28., um den Protesten Kontinuität zu verleihen. Am Mittwoch, um 19 Uhr fand unter der Bezeichnung "Volksversammlung" die zweite dieser Zusammenkünfte statt.

Der Aufruf

Gegen 19 Uhr kamen die ersten Menschen zum Amphitheater der Stadt Rosario, das im Park Urquiza gelegen ist. Gegen 19:30 wurde offensichtlich, dass der Aufruf bedeutend war. Mehr als 600 Personen, zumeist Einwohner der Innenstadt, näherten sich dem Ort der Zusammenkunft. Die erste Versammlung hatte aus nicht mehr als 200 Menschen bestanden. Es gab Menschen aller Altersgruppen, insbesondere viele junge. Die Versammlung dauerte bis nach 22 Uhr.

Was wurde besprochen?

Es gab sehr viele Redebeiträge und es ist schwierig, eine Zusammenfassung zu erarbeiten, da es sehr viele erwähnenswerte Redebeiträge gab. Ich werde versuchen, dass Wichtigste darzustellen.

Von vornherein wurde gesagt, wie wichtig es sei, weitere Versammlungen durchzuführen. Es wurde betont, dass es wichtig sei, dass alle Nachbarn und Bürger an diesem Freiraum Teil haben sollen. Politisch Militante und Gewerkschafter könnten ebenfalls teilnehmen - dieser Freiraum ist offen - sie müssen allerdings als Individuum oder Bürger teilnehmen. Auf diese Weise sollte die Gleichheit aller unterstrichen werden.

Es wurde über die Notwendigkeit gesprochen, eigene Verbreitungsmedien, wie z.B. eine eigene Internetseite, zu unterhalten.

In Bezug auf die Situation des Landes wurden folgende Forderungen formuliert:

Weg mit dem Gericht: Dass alle Mitglieder des Obersten Gerichtshofes entlassen werden.

Sofortige Wahlen: Dass sofortige Wahlen in transparenter Art und Weise und ohne "Ley de Lemas" (Anmerkung: Dieses Gesetz regelt u.a. die Präsidenten-Nachfolge bei Amtsniederlegungen) stattfinden.

Eine Frau schlug vor, dass schlagkräftige Demonstrationen vor privatisierten Unternehmen und Banken stattfinden sollen. Eine andere Frau, die von außerhalb der Stadt zu der Versammlung angereist war, forderte, dass die Zahlung von Steuern sofort eingestellt werde und bezeichnete die privatisierten Dienstleistungsunternehmen als Wucherer. Eine dritte Frau äußerte, dass wir schließlich aufgehört hätten, wegzuschauen und beginnen würden, am Leben des Landes Teil zu haben.

Ein Arzt im Praktikum aus einem öffentlichen Krankhaus von Granadero Baigorria, klagte die Pharmakonzerne an, die mit der Wirtschaftlage des Landes spekulieren und die Versorgung der Bevölkerung mit den elementarsten Mitteln wie Mullbinden und Verbänden verhinderten würden.

Ein Landwirt aus Arroyo Seco hielt einen Redebeitrag, der sehr viel Beifall erhielt. Er rechnete vor, dass, wenn man die Gesamtgetreideproduktion des Landes auf die Einwohner umrechnen würde, jeder Einwohner 2 Tonnen jährlich erhalten würde, weshalb es keinen Grund dafür gäbe, dass Menschen hungern. Er sagte auch, dass 70% der Produktion aus dem Süden Santa Fes (Anmerkung: Provinz Argentiniens) durch den Hafen direkt ins Ausland verschifft würden, zumeist unbearbeitet, womit wir "die Beschäftigungsprobleme anderer Länder lösen". Er forderte, den Außenhandel zu verstaatlichen und bat die Menschen, "keine Hoffnung darin zu setzen, was gestern passiert war (Amtsübernahme Duhaldes)...denn, was sollen diejenigen in Ordnung bringen, die die Unordnung erst über das Land gebracht haben". Zu diesem Zeitpunkt begannen alle zu rufen: "Sie alle sollen gehen!"

Im Allgemeinen beschränkten wir politisch Militanten und Gewerkschafter uns darauf, den Menschen zuzuhören, denen man anmerkte, dass sie größtenteils ihre ersten Erfahrungen in politischer Organisierung machten.

Der erste Beitrag eines Gewerkschafters als solchem stammte von einem der entlassenen Angestellten der Supermarktkette Tigre. Die entlassenen Angestellten besetzen seit 8 Monaten die Zentrale der Supermarktkette in der Innenstadt. Dort haben sie ein unabhängiges Kulturzentrum errichtet und organisieren verschiedene Aktivitäten. Aber das Wichtigste ist: sie entwickelten ein Projekt zur Errichtung eines regionalen genossenschaftlich organisierten Supermarktes, durch welches die verlorenen Arbeitsplätze zurückgewonnen werden sollen, aber unter der Leitung der Mitarbeiter. Noch wichtiger: wesentliches Element des Projektes ist der ausschließliche Verkauf von Produkten, die in der Region produziert werden, was ermöglichen würde, dass die kleinen Produzenten mitten in der Innenstadt eine Verkaufstelle haben. Ein weiterer wichtiger Punkt des Projektes ist die Frage der Kosten. Die 700 Personen, die durch die Schließung des Supermarktes geschädigt wurden, mit Arbeitslosengeld zu versorgen, würden den Staat 300.000 US Dollar kosten. Die Wiedereröffnung der Niederlassung unter Wiedergewinnung der Arbeitsplätze würde hingegen nur 120.000 US Dollar kosten. Kurz vor Ende der vorigen Regierung war das Projekt - nach monatelangen Verhandlungen - schließlich genehmigt worden. Aber jetzt ist es unter Vorsitz der Richterin Maria Lloti von einem Gericht gestoppt worden. Diese hatte von den Mitarbeitern ein Bestechungsgeld verlangt. Morgen, Donnerstag, um 10 Uhr wird es für dieses Projekt der ArbeiterInnen eine Soli-Demonstration geben. In Kürze wird es ebenfalls eine schlagkräftige Kundgebung bei der Richterin geben.

Die lokalen Medien wurden ebenfalls kritisiert, weil sie die lokalen Proteste in der Stadt Rosario verschwiegen hatten. Es wurde vorgeschlagen, eine weitere Versammlung vor dem Gebäude einer der Fersehsender zu machen.

Es wurde weiter über die vermeintliche "nationale Einheit" gesprochen, die bei der Sitzung der Bundesversammlung (Anmerkung: die Parlamentssitzung, anlässlich derer der neue Präsident Duhalde gewählt wurde) in aller Munde war. Ein Redner sagte Folgendes: "Ich habe die gesamte Sitzung der Bundesversammlung verfolgt und - bis auf wenige Ausnahmen - sah ich nur gegenseitige Beschimpfungen und Selbstlob, während sie untereinander die Macht verteilt haben. Was ich nicht gesehen habe, war eine einzige gute Idee. Wie kann es sein, dass wir hier, ein Arzt, ein Landwirt, der Mann dort, der Zulieferer ist, dass wir mehr Vorschläge haben als die "politische Klasse". Die Politik der "politischen Klasse" besteht nur aus Mauscheleien und Flickschusterei, während die Politik der Zukunft die ist, die die Menschen machen."

Ein weiterer Aufruf

Gegen 22 Uhr machte ich mich auf den Weg nach Hause und ging durch den Urquiza-Park und als ich mich dem Denkmal Monumento a la Bandera näherte, stellte ich überrascht fest, dass sich dort Menschen versammelt hatten, die auf Kochtöpfe schlugen. Ich erzählte ihnen, dass die Leute immer noch im Amphitheater seien und einige Kollegen fuhren mit Motorrädern los, um ihnen Bescheid zu sagen.

Sie erzählten mir, dass sich ein paar Freunde hier während des Morgens getroffen hätten, um die Aufmerksamkeit der Radiosender und des Fernsehens zu erregen, um zu einer Kochtopf-Demonstration aufzurufen, um die Durchführung von Wahlen einzufordern. Ich blieb bei ihnen und nach kurzer Zeit näherten sich weitere Menschen. Es kamen Autos, ganze Familien stiegen aus, mit Kindern und Kochtöpfen. Hupende Autos fuhren vorbei. Bald kamen die Menschen, die noch im Amphitheater gewesen waren. Um 22:30 Uhr waren wir etwa 200 Menschen dort.

Ich möchte betonen, dass das Megaphon, das ein Junge mitgebracht hatte, ab einem gewissen Zeitpunkt nicht nur zum Rufen von Parolen, sondern zum Halten von Reden genutzt wurde. Und auf einmal waren plötzlich alle Leute dabei, ihre Forderungen vorzutragen. Die Dinge, von denen wir meinen, dass sie geändert werden müssen.

Es reicht nicht mehr, nur Krach zu machen. Wir haben sehr viele Ideen, wir haben sehr viele Vorschläge zu machen.

Die Kochtöpfe beginnen zu sprechen.

WIR VERSAMMELN UNS WIEDER AM FREITAG, 4. JANUAR, UM 21 UHR VOR DEM DENKMAL, ZU EINER KOCHTOPFDEMO UND VOLKSVERSAMMLUNG

KOMMT ALLE ZUM DENKMAL MONUMENTO A LA BANDERA!"

Ende der Übersetzung

Anmerkung: Es folgte eine Reihe von Ankündigungen für Demos und Versammlungen der Bevölkerung für die nächsten Tage, die nicht mehr übersetzt wurden. Sie können unter

 http://argentina.indymedia.org/front.php3?article_id=6433&group=webcast

eingesehen werden.
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Ergänzungen

:)

kalle 03.01.2002 - 23:45
interessant: jedesmal, wenns irgendwo revolten und aufstände gibt, organisieren sich die leute zunächst bsisdemokratisch... folgender text wäre hier mal zu empfehlen:  http://de.indymedia.org/2001/05/2508.html

schickt es doch auch ...

stw 04.01.2002 - 00:54
noch dem imc argentina, die freuen sich bestimmt :)

Nicht direkt zum Thema

Slam 04.01.2002 - 00:56
In den letzten Tagen ist es mir immer bewusster geworden: Wenn ich mich darüber informieren will, was in Argentinien vor sich geht, nutze ich fast nur noch Indymedia und co. Kommerzielle Medien bringen mir fast gar nichts! Neben einigen oberflächlichen Berichten und "DerWestenistsogut"-Gelabere ist dort fast nichts zu erfahren. Selbst bei den Bränden in Australien war mein erster Impuls mal auf Indy-Sydney zu gehen.... Und das beste: Parallel zu diesen Gedanken erschein ein Text auf Telepolis, der das auch erwähnt. (Obwohl er den reformistischen WSF zu unkritisch gegeübersteht ist er nett zu lesen!) Link: www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/11479/1.html

Autoconvocados

seb 04.01.2002 - 01:11
Hab den Text gerade an die Übersetzungsliste geschickt, nachdem ich mich durch Kalles Info daran erinnert habe (der erschien ja schon im mai). Soweit ich weiss, sind die Autoconvocados nicht in allen Gegenden Argentiniens bekannt.... Was mich jetzt aber mal interessieren würde: Wenn iregndwe hier mitliest, der Kontakt zu Indy.Argentinien hat: Wie bekannt ist Indymedia in diesem Land? Wird ein Text auf Indymedia.Argentinien in Argentinien wahrgenommen?

Animation einbauen?

Der mit den Ideen 04.01.2002 - 05:27
Vielleicht hat der Autor und die Indymedos ja Lust diese Animation einzubauen?

Schülerdemo

Rübezahl 04.01.2002 - 13:39
Das erinnert mich an meine Schülerdemos, in der Oberschulzeit. In ein paar Tagen ist alles vorbei. Spätestens mit dem nächsten Überweisung von der Weltbank. Menschen sind käuflich. Wenn die ersten Protestführer/-innen ihren Sessel haben, in den sie pupen können, ist alles wieder beim Alten.

Die Stimmung kopcht auch anderswo:

Jo 04.01.2002 - 17:19
 http://www.pro-linux.de/news/2002/3836.html

Aber Du hast schon recht, es ist wie mit den Schülerdemos. Es gibt ja auch diese gefährlichen gruppendynamischen Prozesse, diese kollektiven Verhaltensmuster, diese Selbstverhetzung der Leute. Man muss schon vorsichtig sein und die Proportionen beibehalten. Der Erfolg jedenfalls in Argentinien ist riesig. Jetzt kommt es darauf an sich zu vernetzen und die Bewegung zu importieren.