Demonstration in Rom

Günter Melle 20.12.2001 18:38 Themen: Bildung
Italiens Schüler und Studenten demonstrieren gegen das neoliberale Bildungskonzept der Berlusconi Regierung
Hunderttausend in Rom gegen die Privatisierungspläne im Bildungsbereich und gegen Krieg

20.12.01/G.M.

Es ist kurz nach 10, ein Demonstrationszug von mehr als hunderttausend Schülern und Studenten besetzt die Straßen Roms. Er bewegt sich zum neuen Kongresszentrum EUR der italienischen Hauptstadt, wo die Bildungsministerin Letizia Moratti im Kreis der Experten zum Thema Schulreform tagt. ?Assediamo la Moratti - Belagern wir die Moratti!? skandieren die Studenten, die aus allen Teilen Italiens angereist kamen. Die Regierung Berlusconi stößt mittlerweile in allen gesellschaftlichen Bereichen ihrer Politik auf breiten Widerstand. Waren es noch vorigen Monat hunderttausende Metallarbeiter, die gegen Sozialabbau, für Tarifverträge, mehr Demokratie und gegen Krieg demonstrierten, sind es jetzt die Studenten, Professoren und Dozenten, die ihr Nein zu den Privatisierungsplänen im Bildungsbereich sagen: ?Il nostro cervello non è in vendita - Unser Gehirn steht nicht zum Verkauf!?. Die nationale Bildungskonferenz beabsichtigt eine Umwandlung des staatlichen Schulsystems in ökonomisch effizienter Gestalt, angefangen bei der Einführung von Schulgebühren, bis hin zu einer Ausrichtung der Lehrinhalte auf die Belange der Industrie. Bildung soll immer mehr zum Privileg der der ohnehin schon Privilegierten werden. Die verfassungsmäßig zugesicherte freie Wahl auf Wissen und Ausbildung wird durch die Errichtung weiterer

ökonomischer Schranken für die breite Masse der Bevölkerung immer unerreichbarer.
Doch die Kritik an den Bildungsplänen der italienischen Regierung steht nicht isoliert, nicht nur im Bereich der heute Betroffenen. Das zeigt deutlich die heutige Großdemonstration, an der zwar überwiegend Studenten, Schüler und Dozenten aus Universitäten und Oberschulen vertreten sind, aber auch das gesamte Spektrum der No-Global-Bewegung Italiens. Die Reform von Schule und Bildung stellt die Frage nach der demokratischen Gesellschaft von Morgen. Wer heute dem Bildungsbereich Geld entzieht, um den Krieg zu finanzieren, sagen Schüler und No Global, beabsichtigt eine antidemokratische und neoliberale Gesellschaft, diktiert vom Primat der Ökonomie multinationaler Konzerne. ?Dieser Krieg ist nicht unser Krieg -?Questa guerra non ci appartiene!? und folgerichtig werden auch die Spitzen der linken Reformparteien attackiert, die im Parlament für den Krieg in Afghanistan votierten. Die honoren Vertreter der Politik, ernten außer Kritik und Schmährufen auch einen Verweis auf den zweiten Platz im Zug. Keine werbewirksamen Fernsehbilder an der Spitze. ?Die Spitze des Zuges gehört den Studenten und ihrem Protest!?

Die Bewegung Italiens ist überall, keine Stadt, kein Dorf, wo sie sich nicht bemerkbar macht. So musste Bildungsministerin Moratti die nationale Bildungskonferenz von Foligno nach Rom verlegen, weil dort sogar die Geschäftsleute (aus Furcht vor Geschäftseinbußen) gegen den Belagerungszustand der Stadt mitten im Weihnachtsgeschäft protestierten. Die antike Kleinstadt in Mittelitalien glich einem Heerlager, das schon Wochen zuvor für erhebliches Chaos sorgte. Auf der ganzen Halbinsel, von Nord nach Süd gab und gibt es Aktionen gegen die Schulreform und gegen den Krieg: Sit-ins, Straßenblockaden, Schulbesetzungen, und Demonstrationen. Fausto Bertinotti von Rifondazione Comunista, der als einziger der anwesenden Parteispitzen mit Applaus bedacht wurde, kommentiert: ?Das ist ein Signal des Wiedererwachens unserer Gesellschaft nach so vielen grauen Jahren einer Mittelinks- und dunklen Jahren einer Mitterechtsregierung.? Und er fügt hinzu: ?Die Unkenrufe haben sich nicht bewahrheitet: Die Bewegung ist weder durch den Terrorismus noch durch den Krieg geschwächt worden. Jetzt muss der Ulivo erklären, ob er einen Platz in der Bewegung haben will. Ich habe hier sicherlich den meinen!? Und Casarini von den Tute Bianche meinte: ?Die Bewegung kämpft gegen ein bestimmtes Gesellschaftsmodell, das gleiche, welches die Schulreform von Moratti inspiriert. Dies hier ist ein Kampf für eine gerechtere Gesellschaft und das will auch die No-Global-Bewegung!? Und dass die Regierenden Italiens die Kampfansage ernst nehmen, zeigt auch heute wieder die Belagerungsstrategie des Staatsapparates, der seine ?demokratischen Reformen? mit großem Polizeiaufgebot, Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen vor der Bevölkerung schützen muss.
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Ergänzungen

10,100,1000 und die brd??

dr.pflasterstein 20.12.2001 - 20:02
in italien regt sich widerstand im ganzen land, heute 100 moregn 1000 und übermorgen 100000 und was ist hier los?? lebt der widerstand?? ich möchte ihn sehen, mit jedem blick den ich auf die staße seh. ich möcht ihn spürn mit jedem schritt den ich mich beweg, ich werd ihn sehen den ich werd aufstehen!!

Kommt schon.

Bis dann 20.12.2001 - 20:13
Ja dann sehen wir uns in München im Februar!
Apropos: treffen sich zwei Pflastersteine im Flug. Sagt der eine: "hallo, lange nicht gesehen, wie geht´s denn?" Darauf der andere: "kann nicht klagen, bin dick im Geschäft. Gestern hab´ ich den Polizeipräsidenten getroffen. Aber ich hab´ jetzt wenig Zeit, ich muß noch zur Bank."

UND HIER`?

MLX249 20.12.2001 - 20:31
wenn man sich die lage in der welt genau anschaut, sollte es einen schon mulmig werden.
unruhen in argentinien, die polizisten schlagen auf alles was sich demonstrant nennt. boar sah das derb aus, sowas kotzt mich echt an.

2. die situation in indien macht mir echt angst. beide laender sind ATOMMAECHTE!

3. den meisten menschen in germany ist dies scheissegal oder nehmen dies einfach hin.

warum schaffen wir es in de. nicht, eine DEMONSTRATION der groessenordnung wie in italien zu organisieren?

sind die deutschen denn nicht von der kapitalisierung sowie privatisierung betroffen? verdammt, ist das euch scheissegal?

bitte melden...

Mobilisiert nach München

spaghetti 20.12.2001 - 20:41
Die Mobilisierung ist in D katastrophal. Ich weiss nicht woran das liegt bin aber auch selber dran schuld. Hier muss wieder schwe#ung in die bewegung. also von italien lernen heisst wein und spaghetti

sieht so aus

mir 20.12.2001 - 20:54
Den Deutschen geht es einfach zu gut!
Und die haben einfach nur Angst vor Ausschreitungen!Könnte ja weh tun, seinen Mund auf zu machen! ich muss sagen für ein faschistisch regiertes Land verdammt starke Demos in Italien!Respekt!

Zu Deutschland

Erich Muehsam 21.12.2001 - 12:15
Naja, das es in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern kaum Widerstand gegen den alltäglichen kapitalistischen Irrsinn gibt, liegt vielleicht auch daran, dass es in Deutschland als postfaschistischen Staat zu einem weiterwabern der Volksgemeinschaftsidee kam. Neokorporatistische Einbindungsstrategien wie die Konzertierte Aktion in den Siebzigern oder das Buednis für Arbeit aktuell stehen dafür, aber auch gelbe Gewerkschaften, deren Ziel es ist jegliche soziale Unruhe in "ungefaehrliche" Bahnen zu lenken. Dies hat natuerlich auch Auswirkungen auf die Bevoelkerung, die davon abweichende Klassenforderungen mit Hass quitiert. Erinnert sei hier an die verbalen Wutausbrueche als die Piloten der Lufthansa gestreikt haben, oder die angeblich ueberzogenen Forderungen der IG Metall!
Deshalb Deutschland pulverisieren!!
Für die staaten-und klassenlose Weltgesellschaft!!

mobilisieren ist schwer

dekan 21.12.2001 - 13:22
davon kann ich bei mir zuhause ein lied singen.
im gegenteil, da kommt man von einer anti-castor aktion zurück und was passiert? der blanke hass schlägt dir ins gesicht, wo du gehst hörst du kommentare wie "sind doch selbst schuld", "ich würd einfach drüber fahren", "der hat noch lange nich genuch abgekricht" usw...
was aber hilft lamentieren? lösungen müssen gefunden werden! und das so schnell wie möglich!
wir arbeiten bei uns schon daran, so ist in planung, eine ag aufzumachen, um vor allem jüngere leute erstmal aufzuwecken, die müssen merken, dass sie was machen können, das kriegen sie nämlich weder vom fernsehn, noch von eltern oder lehrern beigebracht, also müssen wir ran!
für einen starken nachwuchs sorgen, informieren, leutz aufwecken!
grüne grüße,
dekan

Interessant, die Entwicklung

Lo 21.12.2001 - 14:33
Einerseits war die Italienische Linke eh stark und zum anderen gibt es die sozialen Zentren, die sehr effektiv sind. (Sowas wäre hierzulande undenkbar) ... Berlusconi hat den Rest getan. In Österreich gabs ja nach dem Machtantritt Haiders auch Proteste und ein Aufblühen der Protestbewegung. Dort ist sie aber wieder zusammengebrochen, weil Österreich einfach Österreich ist: Nur Dörfer.
Hoffentlich werden wir nach der Revolution woanders befreit. (Scherz)

Egoismus, oder die Grauen Herren....

Momo 21.12.2001 - 15:20
Hauptsache uns geht es soweit gut, wen störts das heute, bei unserer Geschichte,immer noch Faschos rumlaufen?Wen störts, das in der "3.Welt" KInder krepiern,unsere Politiker können doch soo schön debattieren, wen störts das alles privatisiert wird etc.?Es stört die, die sich die ZEIT NEHMEN, nachzudenken, etwas infragezustellen, zu hinterfragen, zu kritisiren etc.! Es hat aber jeder (die breite Masse) Arbeit etc. ergo keine Zeit. Erinnert mich zimlich an die alte (aber erstaunlich aktuelle und realitätsnahe Geschichte) Geschichte von Momo Und den Grauen Herren.Warum gab es den die 70er Revolte?Die Menschen haben sichZeit genommen,wurden noch nicht so beschäftigt,haben nicht gearbeitet wie Maschienen.

najo

kopfloser chaot 21.12.2001 - 15:25
naja deutschland is imemrnoch nicht so schlimm wie österreich. während bei euch auf a antikriegsdemo in berlin vielleich 10000-20000 menschen gehen (in irom allerdings 100000-200000) sinds in wien grad mal 200(!)-1000.. katastrophal muss ich sagen.