D14. Ein erstes Review.

mind-j jizum 14.12.2001 20:36
Ein erstes Review der gesamten Demo. Allgemeiner Bericht. Etwas über Provokateure der Polizei. Etwas über Aktionen.
Es fehlt definitiv noch einiges, aber hier ist schonmal einiges.
Die Demonstration startete mit ca. 25.000 Leuten um 11.00 Uhr am "kleinen Schloss" - es war kalt aber klar und die Stimmung war gut. Die Demo zog ohne Zwischenfälle sehr friedlich, aber sehr angenehm laut in Richtung "Bockstael Platz" - das war das erste mal, dass sich in einer Seitenstrasse präventiv Polizei positionierte um abzusichern, dass die Demo auch auf ihrem vorgegebenen Weg blieb. Gemeinsam mit dieser Polizeitruppe kam jedoch eines der unbeliebtesten "Phantome" auf die Demo - die Provokateure.
In diesem Falle eine Gruppe von sechs Pseudo-Autonomen mit Bomberjacken und schwarzen Mützen, sie wurden frühzeitig gesichtet und konnten wiederholt davon abgehalten werden sich unter die Demo zu mischen, indem wir einfach allen Leuten gesagt haben, dass sie zur Polizei gehören. Wir haben sogar versucht sie zu interviewen - aber sie haben sehr unfreundlich abgelehnt und eine von unseren Fotografinnen mit "I'll fuck you in the asshole" bedroht - wir haben alle präsenten Kamerateams auf die Provokateure aufmerksam gemacht und es dürfte viele Aufnahmen geben, wir haben sie auch gefilmt wie sie in Polizeiwagen ein- und ausgestiegen sind - das Material kommt später.
Wir haben also die ganze Demo abgewartet und immer wieder vor den Provokateuren gewarnt, sie waren entsprechend sauer und wir haben uns dann ganz am Ende der Demo eingereiht um nicht alleine dazustehen. Wir dachten erst, dass sie eh keine Lust mehr haben, aber wir haben uns getäuscht - sie haben sich dann an das Ende der Demo gehängt als wir in eine Seitenstrasse abgebogen sind um eine Polizeianhäufung zu begutachten...
Wir haben dann die Demo kurz aus den Augen verloren, weil wir die Polizeikräfte zu bestaunten, die bisher eigentlich fast unsichtbar waren, doch in den Seitenstrassen waren wirklich viele - prompt haben wir was verpasst. Während wir Kinder interviewten (die uns erzählten dass die Polizei Belgien beschützt) wurden eine Bank und eine Polizeistation gesmasht [wahrscheinlich noch mehr, aber dass weiss ich nicht] - wir kamen zu spät an der mittlerweile fast ausgestorbenen Strasse an und konnten nur noch die Schäden dokumentieren.
Dann rasten aufeinmal jede Menge Wasserwerfer und Transporter an uns vorbei in Richtung Demo - wir also hinterher - am Haltepunkt angekommen war jedoch nix, ausser einer Reihe Polizisten zum "abschneiden" des Rückwegs der Demo, man konnte noch einfach passieren.
Wir waren also am Platz der Endkundgebung angekommen - dem alten (leeren) Schloss "Thurn und Taxis", erstmal verlief alles friedlich, aber es war klar, dass einige Leute nichts gegen etwas "Direct Action" einzuwenden hätten. Die Situation ist ohne Karte relativ schwierig zu beschreiben - also beschränke ich mich auf das wesentliche.
Um das Schloss herum gab es Strassen auf denen viele Leute relativ planlos hin- und hergingen um zu sehen ob irgendwo irgendwas abgeht. Es gab drei sichtbare Polizeisperren - eine war durchlässig und zum Schutze eines Kreditinstituts da - die anderen beiden Polizeireihen waren undurchlässig und unbeweglich, da sonst alles ohne Polizei war sammelten sich zwei bis drei Reihen von Demonstranten vor diesen Polizeiblockaden und begannen die Beamten und Wasserwerfer verbal zu verunglimpfen - einige wenige Farbbeutel wurden von der Polizei ignoriert. Hinter diesen Demonstranten war die Strasse frei bis zum grossen, eisernen Eingangstor des Schlossgeländes. Irgendwann entdeckten die Leute ein offenes Rolltor und dahinter jede Menge Brennholz und Pappe womit vor beiden Polizeilinien Feuer errichtet wurden worüber sich alle freuten, anfangs lächelte auch die Polizei. Die Feuer wurden grösser und somit wurde exakt zur Zeitpunkt der Lautsprecherdurchsage "Please move back - we have to extinguish the fire" die Strasse zur Schlacht freigegeben. Die Wasserwerfer hielten erst kurz auf das Feuer und dann auf die Leute, die sofort alle die Strasse runterrannten und bis zum Tor zurückgetrieben wurden - natürlich flogen jetzt auch Gegenstände aller Art in Richtung Polizei.
Fast alle Leute zogen sich durch das eiserne Flügeltor auf das sonst komplett geschlossene Schlossgelände zurück. Wirklich kämpfen wollten aber anscheinend nur wenige weswegen das Tor nicht sofort geschlossen wurde während der Kampf unübersichtlich tobte. Auf den Ruf "Close the gates!" stürmten dann einige entschlossene vor und schlossen das Tor, was mit einer Dusche aus den Wasserwerfern belohnt wurde, die gerade durch das Tor rollen wollten. Es gab also einen Kampf um das Tor - mal war es halb auf - dann wieder zu - eigentlich wäre es kein Problem gewesen es sofort zu schliessen, aber es gab mal wieder querelen zwischen Peacekeepern und militanten Aktivisten und unentschlossener Masse. Es wurden dann ein Müllcontainer und einige Gitter und andere undefinierbare Eisengegenstände angeschleppt und im Steinhagel wurde das Tor verkeilt und war somit geschlossen - definitiv. Die Zäune des Schlosses waren 6m hoch auf einer kleinen Mauer und innerhalb des leeren Schlosses und den umliegenden Gebäuden gab es mehr als genug Material für Barrikaden, es entstand also eine fast klassische Belagerungssituation und die Polizei hatte keine Chance die festung zu stürmen. Nach einer weile ebbten die Kämpfe ab und die D14-Koordinatoren begannen Verhandlungen mit der Polizei - die Polizei musste einlenken, da ein Angriff auf dieses Gelände für sie im Alptraum und einige andere im Guerrilla-Paradise geendet hätte. Es wurde also freier Abzug für alle Ausgehandelt, was von einigen erst sehr skeptisch aufgenommen wurde, aber letztendlich war die Situation dann wieder so wie vorher - man konnte den Ort verlassen oder auch da bleiben - die meisten gingen aber mindestens 1000 Leute blieben noch da und feierten an grossen Feuern oder mit den Soundsystems im "Konferenz"-Zelt.
Wir haben uns dann erstmal kurz erholt und sind dann rausgegangen und in einer Gruppe ins IMC gewandert, was sich für uns angenehmerweise problemlos gestaltete.

News trudeln hier zur Zeit jede Menge ein insofern schreib ich hier nochmal ein paar in Kurzform auf:

- es wurden Aufnahmen von der Polizei beschlagnahmt

- die Existenz von Provokateuren wird von vielen Seiten bestätigt

- in der Stadt ist jetzt ziemlich viel Polizei sichtbar, sie versteckt sich nicht mehr, man kann sich aber noch bewegen

Es gibt noch ne Menge zu berichten und viele Bilder werden folgen. Das war's erstmal von mir.

j.on
j.of
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Ergänzungen

Naja

schwarzrot 14.12.2001 - 20:48
Die Bullen war bislang ganz friedlich gewesen - im Vergleich zu Genua oder Göteborg. Mal sehen, was morgen passiert. Ach ja: Auch wenn ich der Fan von Inhalten und für statt gegen etwas kämpfen bin, find ich die Aktionen des Black Block heute einigermassen ok und vermittelbar: Besonders das mit der Bullenwache ist ok. (Das hätten die mal in Berlin machen sollen.. aber hier werden von Teenies ja nur die Kleinwagen der Gemüsehändler entglast)

zum beschlagnahmten material

mind-j jizum 14.12.2001 - 21:11
Die Verhaftete Person mit dem Videomaterial ist mittlerweile wieder frei und hat alles Material zurückerhalten.

ergaenzung

aus bruessel 14.12.2001 - 22:18
wir stimmen dem bericht zu, bis auf die einschaetzung, dass die bullen es sich nicht getraut haetten, das taxicenter zu stuermen.
die strategie der regierung und polizei scheint aufzugehen: die provokationen ihrerseits wie die gestrige raeumung des besetzten hauses, um genug schlafplaetze fuer die angereisten demonstrantInnen zu haben, oder die verhaftung und ausweisung von den besetzerInnen der chemielobby, vorgestern werden kaum erwaehnt. (mal voellig abgesehen von einreisebehinderungen, ausreiseverbotsandrohungen und weiteren terroristischen sicherheitspaketen seitens der volksvertreterInnen undundund)
stattdessen wird die polizei als friedlich und zurueckhaltend bei der heutigen demonstration beschrieben, der wasserwerfereinsatz heute wird als reaktion auf steinwurfangriffe und barrikadenbau dargestellt. so koennen gewaltfreie und miltante froehlich aggressiv miteinander diskutieren, die gewaltdiskussion wird untereinander ausgetragen und die polizei kann ,mit ein bisschen wohl dossierter repression - immerhin wurden mehrere 1000 menschen mehrere stunden auf dem taxigelaende am freien und selbstbestimmten verlassen gehindert - sich als fair und gelassen praesentieren. die wenigen kaputten banken werden scheinbar gerne in kauf genommen, um danach ein bisschen sicherheitsstaat zu demonstrieren, eine gewalttaetige, randalierende menge auszumachen und fuer diese noch haertere gesetze zu fordern... und den schwer einschaetzbaren bunten widerstand ein wenig mit sich selbst beschaeftigen zu lassen - sie sollen sich doch ein bisschen spalten und vor lauter geschimpfe den eigentlichen feind/gegner/widersacher/imwegsteher vergessen...
THINK ´N´ ACT !!
fight the police! fuck the gouvernment!

Banken zerstören

logisch gefolgert 14.12.2001 - 22:20
Ist progressiv und revolutionär. Weiter so. Wenn es keine Banken gäbe, dann wäre die Welt besser.

polizei und provokation

mind-j jizum 14.12.2001 - 22:34
ich merkte ja an, dass einiges fehlt und ich setze es als bekannt voraus, dass allein die existenz von polizei provokant ist.j

nicht nur 6 ...

... 14.12.2001 - 22:38
vermummte provokateure, sondern ein kleiner block (?)

news update und korrektur.

mind-j jizum 14.12.2001 - 22:46
korrektur.

eine indymedia-journalistin wurde festgenommen. das lief so in den belgischen tv-nachrichten. sie wurde freigelassen mit allem material. in dieser reihenfolge.

6 videotapes wurden einem indymedia-journalisten auf der strasse von polizisten in zivil abgenommen und die chancen sie zurückzubekommen sind schlecht. belgische polizeitechnik. das legal-team arbeitet an der sache, der journalist wurde nicht festgenommen.



news-update.

es waren insgesamt ca.40 undercover-polizisten in der demonstration. sie laufen durch die demo und beschatten "verdächtige" personen, wenn jemand eine illegale handlung vollzieht warten sie ab bis die person ungeschützt ist und greifen sie sich zu dritt oder viert und werfen die person in einen polizeiwagen. es werden auch listen benutzt, deren existenz jedoch bestritten wird - das archivieren von videomaterial ist der polizei gesetzlich verboten, es muss nach kurzer zeit vernichtet werden und "nur" die aktenvermerke dürfen bleiben.

alle banken auf dem weg der demonstration wurden gesmasht.
2 polizeistationen wurden gesmasht.

arbeiter von sabena haben heute abend am flughafen demonstriert - von 13000, die ihren arbeitsplatz verloren haben erscheinen nur noch 50. hart, aber wahr.

Brüssel von staatlicher seite perfekt

suburban childhood 15.12.2001 - 01:40
besonders erstaunlich war, dass keine halbe stunde nachdem die banken gesmahst wurden schon handwerker vor ort waren und alles mit spahnplatten zugenagelt haben. die graffitis,
die während der demo gesprüht wurden, sind auch unmittelbar im anschluss an deren ende von ptuzkolonnen entfernt worden, als wenn hinter der demo ein "sauber-machteam" gelaufen wäre. ich würde das mal neoliberale verhältnisse nennen