Bildung statt Ausbildung

elfmal99tollwut 30.11.2001 19:08 Themen: Bildung
Am 12. Dezember wird anläßlich der Proteste gegen den EU-Gipfel in Brüssel und der europaweiten StudentInnenproteste eine Demonstration unter dem Motto "Bildung statt Ausbildung" in Leipzig stattfinden.
Unter dem Motto "Public education is not for sale" wird für den 11. und 12. Dezember zu den bundesweiten Protesttagen und für die ganze Woche vom 10. bis 14. Dezember zu einer EU- weiten Protestwoche aufgerufen. Dabei soll u.a. gegen das GATS- Abkommen (General Agreement of Trade in Service) und seine Konsequenzen in Schule und Hochschule protestiert werden, welches zur gleichen Zeit im Rahmen des EU-Gipfels in Brüssel verhandelt wird.
Im Gegensatz zu den Motiven eines Großteils der Protestierenden, die lediglich für Schadensbegrenzung, also systemimmanente Reformen auf die Straße gehen, wollen wir das Bildungssystem, im konkreten die Institution Schule, gänzlich infrage stellen.

Das Bildungswesen ist ein integraler Bestandteil der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, das Bildungssystem zu kritisieren muss auch heißen gesellschaftliche Verhältnisse in Gänze zu kritisieren.

Die Schule ist eine der zentralen außerfamiliären Erziehungsinstanzen. Sie bereitet Menschen auf die leistungs- und verwertungsorientierte (Zwangs-)Gesellschaft vor. Schule hat die Funktion Menschen für das kapitalistische System zu formen, zu prägen und zurecht zu erziehen.
Von Geburt an dazu bestimmt, die kapitalistische Logik zu erhalten, in Kindergarten und Familie grundlegend vorgeprägt, folgt in der Schule eine zusätzliche künstliche Selektierung der SchülerInnen. Entsprechend der erbrachten Leistungen und der sogenannten Begabung können SchülerInnen zwischen Hauptschule, Mittelschule und Gymnasium wählen. Durch diese Aufsplittung der Schularten, werden die Lebenswege der SchülerInnen vorbestimmt, Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen zusätzlich verbaut. Eine qualitativ höhere Bildung gibt's im Gymnasium. Ein Abitur ermöglicht den Zugang zum Hochschulstudium, während Mittel- und Hauptschulabschlüsse meist nur den direkten Weg ins Arbeitsleben weisen. Im Endeffekt gerät mensch, egal ob höhere oder "niedere" Bildungswege beschritten, jedoch in die Fänge des Verwertungsprozesses.
Entgegen der formulierten Behauptung Schule sei eine Institution, die logisches Denken fördert, erzwingt sie stupides Auswendiglernen. Kritisches Denken wird nicht gefördert, sondern unterdrückt, da sonst die Autorität und die Absolutheit der kapitalistischen Logik infragegestellt werden könnte.


Schule ist ein Zwangssystem?!

Zwänge offenbaren sich z.B. in der zeitlichen Struktur eines Schultages. Zu unmenschlichen Zeiten sollen SchülerInnen morgens zum Unterricht antreten. Es folgen 45 Minuten frontale Faktenvermittlung. Ein Schultag besteht aus abgesteckten Blöcken (Unterrichtsstunden), die SchülerInnen müssen mehrfach maschinenartig umschalten. Eine Schul- und Hausordnung legt Regeln fest, bei Verstoß hagelt es Strafen in Form von Tadeln, Verweisen etc. Disziplinarmaßnahmen schränken Freiheiten massiv ein, was für SchülerInnen Normierungszwang und starken psychischen Druck bedeuten kann.
Autoritätshörigkeit wird durch das LehrerInnen-SchülerInnen Verhältnis anerzogen und wirkt wegbereitend für das nachschulische Arbeitsleben. Der/ die LehrerIn ist der/die VollstreckerIn des staatlich vorgegebenen Lehrplanes, gibt Vorgaben und Anweisungen, die die SchülerInnen widerspruchslos zu akzeptieren und zu befolgen haben. Im späteren Arbeitsleben übernimmt der/die ChefIn die Funktion des/ der LehrerIn, die SchülerInnen die Funktion der/ des lohnabhängig Beschäftigten. Egal ob ChefIn oder Angestellte/r - jede/r bleibt nur ein mehr oder weniger wichtiges Rädchen im Getriebe des Kapitalismus.
Leistungsorientiertes Denken wird in der Schule mittels subjektiver Bewertungen, z.B. in Form von Noten, anerzogen. Noten machen es möglich Menschen zu selektieren. Sie erleichtern die Auswahl der geeigneten KandidatInnen für den Verwertungsprozess im jeweiligen Arbeitsbereich.
Die wiedereingeführten Kopfnoten geben den LehrerInnen ein effektives Instrument zur Disziplinierung der SchülerInnen in die Hände. Anhand der Kopfnoten kann der/die spätere ChefIn besser erkennen wer sich sehr leicht ein- und unterordnen kann. Auch hier wird klar: wer nachfragt, sich eigene Gedanken macht, diese äußert oder sich nicht entsprechend der gesetzten Verhaltensregeln benimmt, läuft Gefahr schlechtere Noten zu bekommen. Und wer möchte schon einen Menschen einstellen, der Autoritäten und Funktionsweisen hinterfragt?

Bildung dient nicht dem Selbstzweck, sondern orientiert sich an wirtschaftlichen Interessen. Durch konstruierte Lehrpläne, ohne Bezug zu individuellen Interessen der Menschen, durch Lerninhalte, die in einem festgelegten Zeitrahmen absolviert werden müssen, wird weder die selbstbestimmte Entwicklung und Entfaltung des Individuum noch Kreativität und Kritikfähigkeit gefördert.
Nicht mit uns! We don´t need your education!

Die Demonstration ist eine Initiative des Bündnisses für emanzipatorische Bildungskritik.

Demobeginn: 17.00 Uhr am Neuen Rathaus - Martin Lutherring, Roß Platz, Augustusplatz, Goethe Straße, Hauptbahnhof

Diskussions- und Mobilsierungsveranstaltung des Bündnisses für emanzipatorische Bildungskritik: 10.12.01, 19.30 Uhr, Felix-Klein-Hörsaal (Uni Leipzig)
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Ergänzungen

Sehr guter Gedanke

A. N. Griff 02.12.2001 - 03:06
zu diesem Thema mal eine Aktion zu machen. Hat sich wahrscheinlich jede/r schon mal mit auseinandergesetzt. Selbst mir bekannte LehrerInnen sagen, daß unser Schulsystem weder auf dem neuesten Stand, noch sinnvoll ist. Danke für diese Idee! Freien Zugang zu allen Bildungsmöglichkeiten! Elite- und Kaderschmieden abschaffen! Antifaschistische Grüße,