Vom Protest zum Widerstand
Vom Protest zum Widerstand
Kriegswiderstand nach dem 11. September 2001
Eine Analyse der MitarbeiterInnen der War Resisters´ International. Die WRI ist ein Netzwerk pazifistischer Organisationen mit 90 Mitgliedsorganisationen in 45 Laendern. Sie wurde 1921 in den Niederlanden gegruendet. Dieser Artikel erscheint in Peace News Nr. 2445, Dezember 2001-Februar 2002.
Kriegswiderstand nach dem 11. September 2001
Eine Analyse der MitarbeiterInnen der War Resisters´ International. Die WRI ist ein Netzwerk pazifistischer Organisationen mit 90 Mitgliedsorganisationen in 45 Laendern. Sie wurde 1921 in den Niederlanden gegruendet. Dieser Artikel erscheint in Peace News Nr. 2445, Dezember 2001-Februar 2002.
Waehrend wir dies schreiben, werden Grossbritannien - wo wir, MitarbeiterInnen der WRI - leben, und die USA Bomben auf Afghanistan - die ersten Wochen des "Krieges gegen Terrorismus". Zur gleichen Zeit geht auf der Oxford Street - einige Kilometer vom WRI-Buero entfernt - Mainstream-Grossbritannien einkaufen; das Leben geht so normal wie moeglich weiter, auch wenn Schutzkleidung und Gasmasken ausverkauft sind, aus Angst vor Milzbrand-Angriffen. Wen kuemmern schon die Bomben, die tausende von Kilometern entfernt fallen, um die westliche Zivilisation vor dem Terrorismus zu schuetzen?
Hat sich irgendwas geaendert?
Es wird gesagt, dass der 11. September - die Angriffe auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, bei denen mehr als 5.000 Menschen getoetet wurden - die Welt veraendert hat. Doch selbst diese Aeusserung ist die Sichtweise der wohlhabenden westlichen Enklave in weltweiter Armut und Zerstoerung, eine Sicht aus der "Festung Europa" oder "USA" (oder Australien, das im August seine Tore fuer hunderte Fluechtlinge aus Afghanistan geschlossen hat - schon vergessen?) in eine Welt der Ausbeutung und des Krieges, genaehrt durch westliche Waffen und wachsende Armut als Ergebnis wirtschaftlicher Globalisierung, kurz: struktureller und kultureller Gewalt. Hat sich die Welt wirklich geaendert fuer die Menschen im Kongo, in Angola, oder Kolumbien, wo die Zivilbevoelkerung zwischen verschiedenen Kriegsparteien in "Buerger"kriegen gefangen ist? Hat sich die Welt wirklich geaendert fuer die Millionen von Fluechtlingen, die in Fluechtlingslagern ueberall in der Welt vegetieren, oder verzweifelt versuchen die Insel des Wohlstandes, genannt Europa oder USA, zu erreichen? Hat es irgendeine Verbesserung in Sachen sozialer Gerechtigkeit gegeben? Wir sind uns sicher, dass dieser "Wandel" im wesentlichen ein mehr des blutigen Jetzt bedeutet - mehr Ungerechtigkeit, mehr US-Dominanz, mehr staatlich unterstuetzter (und "Graswurzel") Terrorismus.
Waehrend der vier Wochen zwischen "nach-11-9" und "vor-dem-Krieg" haben tausende von emails aus aller Welt das WRI-Buero erreicht. Was durch diese emails, und durch viele Diskussionen, die wir hatten, klar wurde ist die Isolierung des Mainstream-Denkens im Westen vom Rest der Welt - von der grossen Mehrheit der Weltbevoelkerung. Waehrend hier, im "Westen", die schlichte Erwaehnung von US-unterstuetztem Terrorismus im Sueden - von Chile, Vietnam, Libyen bis zu Irak und den Taliban - schon fast als Verrat angesehen wird, oder zumindest als Rechtfertigung der terroristischen Angriffe des 11. September, so sind fuer die Mehrheit der Welt diese Fragen mehr als offensichtlich, und im wesentlichen rethorisch. Die Symbole des 11. September waren gut gewaehlt; Symbole des globalen Kapitalismus und US-amerikanischer militaerischer Vorherrschaft. Auch wenn warscheinlich die Mehrheit der Weltbevoelkerung die Anschlaege des 11. September verurteilt (so hoffen wir zumindest), so wurde die Botschaft doch verstanden, und trifft auf weitgehende Zustimmung: die Opfer der Globalisierung und westlicher (kultureller, politischer, militaerischer und wirtschaftlicher) Vorherrschaft schlagen zurueck. Die Gewalt, die vom Westen genaehrt wurde, kehrt auf eine Art zu ihrem Ursprung zurueck.
Woran liegt es, dass fast niemand im Westen sich mit diesen Fragen beschaeftigt? Woran liegt es, dass wir als PazifistInnen fast noch isolierter erscheinen denn je, mit mehr als dreiviertel der Bevoelkerung des Westens fuer eine militaerische Antwort auf "Terrorismus", wenn wir denn Meinungsumfragen glauben koennen? Woran liegt es, dass eine Mehrheit erfreut ernsthaften neuen Begrenzungen buergerlicher Freiheiten zustimmt, und noch strikteren Einwanderungskontrollen in die Festung Europa oder die USA? Wird ihnen bewusst, dass der westliche Lebensstil nicht ohne Ausbeutung des Suedens aufrecht erhalten werden kann? Wird ihnen bewusst, dass selbst die westlichen unteren Schichten im globalen Sinne eher "Oberschichten" sind, und dass sie tatsaechlich etwas zu verlieren haben, wenn sie Kapitalismus nicht in Frage stellen wollen? Oder ist das schlicht die Ignoranz des Konsumismus und des "weiter so" im Wettbewerb um Wohlstand und Macht?
Die Antwort der Friedensbewegung
Nach dem 11. September hat die Friedensbewegung (was immer das ist) nicht lange gebraucht um sich aufzurappeln, und eine eindrucksvolle Zahl von Mahnwachen, Kundgebungen, Demonstrationen, Petitionen und Erklaerungen zu organisieren. Neue und Breite Buendnisse wurden geformt, und am 13. Oktober haben weltweit wohl mehr als 1 Million Menschen demonstriert, und ein Ende der Bombardierung Afghanistans gefordert. Das ist ein Grund fuer eine zarte und schwache Hoffnung.
Und wir haben starke Bedenken. Waehrend es sehr leicht ist, all die Demonstrationen auf der ganzen Welt gegen den Krieg zusammen zu addieren (und die Zahlen, die wir ueber das internet erhalten, sind beeindruckend), so ist doch ein sorgfaeltiger Blick von Noeten. Wer protestiert gegen was? Was sind ihre Methoden? Was sind die Ziele? Suchen sie nicht nur nach einem Raum, um ihre Wut und Ungluecklichkeit auszudruecken? Was passiert nach einer auch nur kleinen Chance, den Krieg zu beenden? Auf der Demonstration in London wurde klar, dass dies nicht einfach eine Demonstration fuer Frieden war, sondern viel mehr eine merkwuerdige Mischung von Demonstrationen fuer (oder mehr gegen) alle moeglichen Dinge, einig nur in der Opposition zu der Bombardierung Afghanistans (auch wenn einige TeilnehmerInnen wahrscheinlich ueber zahlreiche andere Ziele sehr erfreut waeren, wenn nur die Ausfuehrenden nicht die USA oder NATO waeren). Wenn wir das global betrachten, dann muessen wir sogar noch vorsichtiger sein, denn nicht jede "Anti"-Kriegs-Demonstration ist wirklich anti-Krieg.
Als KriegsgegnerInnen muessen wir die grundlegenden Prinzipien der GegnerInnenschaft zum Krieg hervorheben und betonen: dass unsere GegnerInnenschaft nicht relativ oder einseitig sein kann, und dass wir gegen alle Kriege sein muessen, und den Kampf fuer die Beseitigung aller Kriegsursachen fortfuehren muessen. Dabei koennen wir die reiche Erfahrung aus mehr als 80 Jahren War Resisters' International nutzen, waehrend wir gleichzeitig anerkennen, dass wir mehr Fragen als Antworten haben.
Wir muessen uns selbst ernst nehmen, wenn wir erklaeren, dass wir, wenn "von Goerge W. Bush vor die Wahl gestellt 'wenn ihr nicht fuer uns seid, seid ihr fuer die Terroristen'", wir die dritte Moeglichkeit waehlen: Gewaltfreiheit. Das schliesst den Umgang mit unserer Wut ein, und diese eben nicht in Hass auf die USA, oder wen auch immer, zu verwandeln (und die US-Flagge zu verbrennen), sondern eine kreativere Antwort zu finden. Wir muessen nicht nur in der Lage sein, dagegen zu opponieren, wir sollten in der Lage sein, dagegen Widerstand zu leisten.
Vom Protest zum Widerstand
Potest ist nicht genug - auf zwei Ebenen. Auf der einen Seite muessen wir uns selbst fragen, welche Bedeutung Protest als einziges Mittel hat - nette Demonstrationen durch unsere Staedte und Petitionen an die Machthabenden - wenn gleichzeitig die Militaermaschine wie geschmiert laeuft, und ungestoert. Zeiten des Krieges sollten fuer jene, die gegen Krieg sind, Zeiten des Widerstandes sein, und nicht nur des Protestes - direkte gewaltfreie Aktion gegen die Militaermaschine, Aufrufe zur Kriegsdienstverweigerung und Desertion, direkte Unterstuetzung fuer Deserteure und Wehrfluechtige, Zeiten der Steuerverweigerung und Nicht-Zusammenarbeit mit einer im Grundatz militaristischen Verwaltung. Einer der grundlegendsten Gedanken der Gewaltfreiheit ist, dass die an der Macht auf unsere Zustimmung angewiesen sind, um ihre Herrschaft ausueben zu koennen. Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, sehr deutlich zu machen, dass diese Zustimmung nicht existiert? Und wie, wenn nicht durch direkte gewaltfreie Aktion, koennen wir das tun?
Auf der anderen Seite muessen wir uns eine sehr wichtige Frage stellen: was kommt nach dem Protest (und nach dem Widerstand)? Wenn dieser Krieg zu Ende sein wird - entweder aufgrund unseres Widerstandes, oder weil die Kriegstreiber ihre Ziele erreicht haben - was wird sich veraendert haben? Wenn sprechen wir an, und mit wem arbeiten wir, um weiter zu kommen? Es gibt viele, die zustimmen wuerden, dass wir in einer Welt ohne soziale Gerechtigkeit leben, doch die Ursachen dessen sind Gegenstand eines Disputes, und selbst die Frage, was wir unter sozialer Gerechtigkeit verstehen. Und viele sind sich nicht bewusst, dass es fuer verschiedene Menschen und Kulturen Verschiedenes heissen kann. Wir koennen sicher sein, dass es dann keine soziale Gerechtigkeit geben wird.
Worueber wir jetzt nachdenken muessen, dass sind langfristige Strategien fuer soziale Gerechtigkeit - und langfristige Strategien, mit den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit umzugehen - nicht nur mit dem 11. September und dem derzeitigen "Krieg gegen Terrorismus", sondern mit der Ungerechtigkeit des globalen Kapitalismus. Mit dieser Vergangenheit umzugehen darf nicht nur beinhalten, ueber die Wahrheit zu reden - eine Vielzahl von Wahrheitskomissionen Nord-Sued mag eine Idee sein, dies zu tun - sondern muss zu allererst bedeuten, die Fortdauer dieser Ungerechtigkeiten zu beenden, es bedeudet radikale Veraenderungen.
Andernfalls wird das Ende des Krieges gegen Terrorismus - wann immer das sein wird - nur der Beginn einer neuen "Vorkriegs"-Zeit sein.
Andreas Speck, Angela McCann und Roberta Bacic arbeiten im internationalen Buero der War Resisters' International in London.
Hat sich irgendwas geaendert?
Es wird gesagt, dass der 11. September - die Angriffe auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, bei denen mehr als 5.000 Menschen getoetet wurden - die Welt veraendert hat. Doch selbst diese Aeusserung ist die Sichtweise der wohlhabenden westlichen Enklave in weltweiter Armut und Zerstoerung, eine Sicht aus der "Festung Europa" oder "USA" (oder Australien, das im August seine Tore fuer hunderte Fluechtlinge aus Afghanistan geschlossen hat - schon vergessen?) in eine Welt der Ausbeutung und des Krieges, genaehrt durch westliche Waffen und wachsende Armut als Ergebnis wirtschaftlicher Globalisierung, kurz: struktureller und kultureller Gewalt. Hat sich die Welt wirklich geaendert fuer die Menschen im Kongo, in Angola, oder Kolumbien, wo die Zivilbevoelkerung zwischen verschiedenen Kriegsparteien in "Buerger"kriegen gefangen ist? Hat sich die Welt wirklich geaendert fuer die Millionen von Fluechtlingen, die in Fluechtlingslagern ueberall in der Welt vegetieren, oder verzweifelt versuchen die Insel des Wohlstandes, genannt Europa oder USA, zu erreichen? Hat es irgendeine Verbesserung in Sachen sozialer Gerechtigkeit gegeben? Wir sind uns sicher, dass dieser "Wandel" im wesentlichen ein mehr des blutigen Jetzt bedeutet - mehr Ungerechtigkeit, mehr US-Dominanz, mehr staatlich unterstuetzter (und "Graswurzel") Terrorismus.
Waehrend der vier Wochen zwischen "nach-11-9" und "vor-dem-Krieg" haben tausende von emails aus aller Welt das WRI-Buero erreicht. Was durch diese emails, und durch viele Diskussionen, die wir hatten, klar wurde ist die Isolierung des Mainstream-Denkens im Westen vom Rest der Welt - von der grossen Mehrheit der Weltbevoelkerung. Waehrend hier, im "Westen", die schlichte Erwaehnung von US-unterstuetztem Terrorismus im Sueden - von Chile, Vietnam, Libyen bis zu Irak und den Taliban - schon fast als Verrat angesehen wird, oder zumindest als Rechtfertigung der terroristischen Angriffe des 11. September, so sind fuer die Mehrheit der Welt diese Fragen mehr als offensichtlich, und im wesentlichen rethorisch. Die Symbole des 11. September waren gut gewaehlt; Symbole des globalen Kapitalismus und US-amerikanischer militaerischer Vorherrschaft. Auch wenn warscheinlich die Mehrheit der Weltbevoelkerung die Anschlaege des 11. September verurteilt (so hoffen wir zumindest), so wurde die Botschaft doch verstanden, und trifft auf weitgehende Zustimmung: die Opfer der Globalisierung und westlicher (kultureller, politischer, militaerischer und wirtschaftlicher) Vorherrschaft schlagen zurueck. Die Gewalt, die vom Westen genaehrt wurde, kehrt auf eine Art zu ihrem Ursprung zurueck.
Woran liegt es, dass fast niemand im Westen sich mit diesen Fragen beschaeftigt? Woran liegt es, dass wir als PazifistInnen fast noch isolierter erscheinen denn je, mit mehr als dreiviertel der Bevoelkerung des Westens fuer eine militaerische Antwort auf "Terrorismus", wenn wir denn Meinungsumfragen glauben koennen? Woran liegt es, dass eine Mehrheit erfreut ernsthaften neuen Begrenzungen buergerlicher Freiheiten zustimmt, und noch strikteren Einwanderungskontrollen in die Festung Europa oder die USA? Wird ihnen bewusst, dass der westliche Lebensstil nicht ohne Ausbeutung des Suedens aufrecht erhalten werden kann? Wird ihnen bewusst, dass selbst die westlichen unteren Schichten im globalen Sinne eher "Oberschichten" sind, und dass sie tatsaechlich etwas zu verlieren haben, wenn sie Kapitalismus nicht in Frage stellen wollen? Oder ist das schlicht die Ignoranz des Konsumismus und des "weiter so" im Wettbewerb um Wohlstand und Macht?
Die Antwort der Friedensbewegung
Nach dem 11. September hat die Friedensbewegung (was immer das ist) nicht lange gebraucht um sich aufzurappeln, und eine eindrucksvolle Zahl von Mahnwachen, Kundgebungen, Demonstrationen, Petitionen und Erklaerungen zu organisieren. Neue und Breite Buendnisse wurden geformt, und am 13. Oktober haben weltweit wohl mehr als 1 Million Menschen demonstriert, und ein Ende der Bombardierung Afghanistans gefordert. Das ist ein Grund fuer eine zarte und schwache Hoffnung.
Und wir haben starke Bedenken. Waehrend es sehr leicht ist, all die Demonstrationen auf der ganzen Welt gegen den Krieg zusammen zu addieren (und die Zahlen, die wir ueber das internet erhalten, sind beeindruckend), so ist doch ein sorgfaeltiger Blick von Noeten. Wer protestiert gegen was? Was sind ihre Methoden? Was sind die Ziele? Suchen sie nicht nur nach einem Raum, um ihre Wut und Ungluecklichkeit auszudruecken? Was passiert nach einer auch nur kleinen Chance, den Krieg zu beenden? Auf der Demonstration in London wurde klar, dass dies nicht einfach eine Demonstration fuer Frieden war, sondern viel mehr eine merkwuerdige Mischung von Demonstrationen fuer (oder mehr gegen) alle moeglichen Dinge, einig nur in der Opposition zu der Bombardierung Afghanistans (auch wenn einige TeilnehmerInnen wahrscheinlich ueber zahlreiche andere Ziele sehr erfreut waeren, wenn nur die Ausfuehrenden nicht die USA oder NATO waeren). Wenn wir das global betrachten, dann muessen wir sogar noch vorsichtiger sein, denn nicht jede "Anti"-Kriegs-Demonstration ist wirklich anti-Krieg.
Als KriegsgegnerInnen muessen wir die grundlegenden Prinzipien der GegnerInnenschaft zum Krieg hervorheben und betonen: dass unsere GegnerInnenschaft nicht relativ oder einseitig sein kann, und dass wir gegen alle Kriege sein muessen, und den Kampf fuer die Beseitigung aller Kriegsursachen fortfuehren muessen. Dabei koennen wir die reiche Erfahrung aus mehr als 80 Jahren War Resisters' International nutzen, waehrend wir gleichzeitig anerkennen, dass wir mehr Fragen als Antworten haben.
Wir muessen uns selbst ernst nehmen, wenn wir erklaeren, dass wir, wenn "von Goerge W. Bush vor die Wahl gestellt 'wenn ihr nicht fuer uns seid, seid ihr fuer die Terroristen'", wir die dritte Moeglichkeit waehlen: Gewaltfreiheit. Das schliesst den Umgang mit unserer Wut ein, und diese eben nicht in Hass auf die USA, oder wen auch immer, zu verwandeln (und die US-Flagge zu verbrennen), sondern eine kreativere Antwort zu finden. Wir muessen nicht nur in der Lage sein, dagegen zu opponieren, wir sollten in der Lage sein, dagegen Widerstand zu leisten.
Vom Protest zum Widerstand
Potest ist nicht genug - auf zwei Ebenen. Auf der einen Seite muessen wir uns selbst fragen, welche Bedeutung Protest als einziges Mittel hat - nette Demonstrationen durch unsere Staedte und Petitionen an die Machthabenden - wenn gleichzeitig die Militaermaschine wie geschmiert laeuft, und ungestoert. Zeiten des Krieges sollten fuer jene, die gegen Krieg sind, Zeiten des Widerstandes sein, und nicht nur des Protestes - direkte gewaltfreie Aktion gegen die Militaermaschine, Aufrufe zur Kriegsdienstverweigerung und Desertion, direkte Unterstuetzung fuer Deserteure und Wehrfluechtige, Zeiten der Steuerverweigerung und Nicht-Zusammenarbeit mit einer im Grundatz militaristischen Verwaltung. Einer der grundlegendsten Gedanken der Gewaltfreiheit ist, dass die an der Macht auf unsere Zustimmung angewiesen sind, um ihre Herrschaft ausueben zu koennen. Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, sehr deutlich zu machen, dass diese Zustimmung nicht existiert? Und wie, wenn nicht durch direkte gewaltfreie Aktion, koennen wir das tun?
Auf der anderen Seite muessen wir uns eine sehr wichtige Frage stellen: was kommt nach dem Protest (und nach dem Widerstand)? Wenn dieser Krieg zu Ende sein wird - entweder aufgrund unseres Widerstandes, oder weil die Kriegstreiber ihre Ziele erreicht haben - was wird sich veraendert haben? Wenn sprechen wir an, und mit wem arbeiten wir, um weiter zu kommen? Es gibt viele, die zustimmen wuerden, dass wir in einer Welt ohne soziale Gerechtigkeit leben, doch die Ursachen dessen sind Gegenstand eines Disputes, und selbst die Frage, was wir unter sozialer Gerechtigkeit verstehen. Und viele sind sich nicht bewusst, dass es fuer verschiedene Menschen und Kulturen Verschiedenes heissen kann. Wir koennen sicher sein, dass es dann keine soziale Gerechtigkeit geben wird.
Worueber wir jetzt nachdenken muessen, dass sind langfristige Strategien fuer soziale Gerechtigkeit - und langfristige Strategien, mit den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit umzugehen - nicht nur mit dem 11. September und dem derzeitigen "Krieg gegen Terrorismus", sondern mit der Ungerechtigkeit des globalen Kapitalismus. Mit dieser Vergangenheit umzugehen darf nicht nur beinhalten, ueber die Wahrheit zu reden - eine Vielzahl von Wahrheitskomissionen Nord-Sued mag eine Idee sein, dies zu tun - sondern muss zu allererst bedeuten, die Fortdauer dieser Ungerechtigkeiten zu beenden, es bedeudet radikale Veraenderungen.
Andernfalls wird das Ende des Krieges gegen Terrorismus - wann immer das sein wird - nur der Beginn einer neuen "Vorkriegs"-Zeit sein.
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Ergänzungen
grund genug zum widerstand, für ALLE
die vielfältigen massnahmen der westlichen regierungen nach dem 11.9. haben ihre wirksamkeit gegen den terror erst noch zu beweisen, und das liegt in keiner sichtweite.
etwas anderes haben sie aber durchaus bewirkt, und zwar so beeindruckend wie ein gut dirigiertes orchester:
immer mehr menschen denken, dass "man" nichts machen kann. nicht gegen den terror, nicht gegen die ungerechtfertigten bombenangriffe, nichts gegen die gemeinsame militarisierung unter amerikanischer herrschaft.
immer mehr menschen denken, dass aussenpolitik _keine_ angelegenheit der demokratie ist, dass die verantwortung für militärische aktivitäten völlig ausserhalb ihrer persönlichen reichweite liegt.
wir spüren, dass die vielen politikermeetings unserem informationsstand weit voraus sind, hinter verschlossenen türen werden dubiose beweise ausgetauscht und strategien vereinbart.
ein schröder sagt drohend, man habe die strategie der usa nicht zu kritisieren.
was für ein chain of command ist da entstanden?
(immerhin kontert lafontaine: "ein oberbefehlshaber, der sich für strategie nicht interessiert, dem sollte man nicht folgen")
also wer ist der oberbefehlshaber?
wird man uns europäern in einigen jahrzehnten eine kollektivschuld zuweisen?
werden wir sagen, wir hätten nichts gewusst, nichts machen können etc. ?
diese fragen wird man uns natürlich nur stellen, wenn wir dann einen krieg verloren haben.
kann denn die neue situation, dass kein konkreter gegner existiert, kein rassistischer vernichtungsbeschluss ausgesprochen wurde, kein bewusstsein einer militärischen besetzung unserer länder herrscht, noch keine uniformierten unsere häuser durchsuchen (nur nur die asylantenheime und lager), verhindern, dass wir die richtung erkennen, in die das orchesterkonzert bläst ?
wir wissen natürlich nicht, ob wir einen richtigen, eigentlichen krieg zu verlieren haben. doch die medien berichten täglich von den gefahren, die der unsichtbare gegner auf uns loslassen kann: biologische und nukleare verseuchung, noch mehr boeings und selbstmordattentäter, taktische nukes aus russischen beständen, was auch immer.
doch gerüstet wird auf allen ebenen. geheimdienste, bespitzelung, neue technologien der aufstandsbekämpfung für die polizei, und starke betonung der aussengrenzen. dazu sehen wir täglich flugzeugträger und explosionen.
es gibt 2 arten von gegnern, und hier liegt die notwendigkeit des widerstandes:
die eine art ist gerade dadurch definiert, dass sie nicht definiert ist, ausser dass es willkürlich benannte personengruppen sind, die des terrorismus bezichtigt werden, dessen neueste definition ebenfalls ausser unserer reichweite ist. das ist bereits eine freikarte zur ausschaltung politischer und - wie bereits in genua erlebt - ausserparlamentarischer opposition, und auch die ankündigung einer weiteren marginalisierung von minderheiten und unterprivilegierten.
die andere art gegner sind staaten, die zu einem zukünftigen, bestimmten zeitpunkt ausserhalb der allianz stehen werden.
wir können einfach nicht ausschliessen, dass die interessen an ressourcen unseres planeten der koordination entgleiten und die derzeitige antiterrorallianz daran zerbricht. schliesslich sind auch die siegermächte von 1945 in zwei blöcke zerfallen, aus den bekannten gründen. unter diesen gesichtspunkten - und die ressourcen in zentralasien sind essenziell für dieses jahrhundert - gibt es keine garantie, dass wir unbeschädigt auf der gewinnerseite stehen werden.
sollte die befürchtung wahr werden, dass millionen menschen in asien direkt oder indirekt dem amerikanisch dirigierten krieg zum opfer fallen (und das wäre nicht der erste blutzoll, um an indochina und vietnam zu erinnern), wissen wir nicht, wer uns einmal fragen wird, warum unsere europäischen soldaten dabei waren.
die zeit läuft davon. wir müssen dafür sorgen, dass die hierarchie von unten nach oben zu wirken beginnt, bis personen erreicht werden, die für die entscheidungsfähigkeit notwendig sind, und bis der widerstand zu teuer für die vorhaben der kriegsbefürworter wird.
hans