Die westlichen Werte

M. Hammerschmitt 07.11.2001 15:21 Themen: Militarismus
Deutschland auf der Suche nach dem Petro-Euro in Zentralasien
Wie man hört, will Bundeskanzler Gerhard Schröder zur "Verteidigung der Werte der westlichen Welt" deutsche Soldaten an dem Krieg in Afghanistan beteiligen.

Zur Illustrierung, was unter diesen
"westlichen Werten" genau zu verstehen ist, sei noch einmal aus den
Verteidigungspolitischen
Richtlinien von 1992 zitiert, die seinerzeit festlegten, wohin die Reise gehen sollte:

> Wichtiger für die neue Strategie sind aber die am 26. November 1992 vom neuen Verteidigungsminister Volker Rühe erlassenen
»Verteidigungspolitischen Richtlinien« (VPR). Sie sind das Planungspapier der
Bundeswehrführung, das die neue strategische
Ausrichtung der Bundeswehr am offensten und deutlichsten formuliert: In den VPR werden »vitale Sicherheitsinteressen« Deutschlands formuliert. Diese sind z.B.: 8. Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung. (...) 10. Einflußnahme auf die internationalen Institutionen und Prozesse im Sinne unserer Interessen und gegründet auf unsere Wirtschaftskraft, unseren militärischen
Beitrag und vor allem unsere Glaubwürdigkeit als stabile, handlungsfähige Demokratie.<

Zitiert nach:

 http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-96/9640203m.htm

Die jetzt zu beobachtende Umsetzung dieser Richtlinien (übrigens aus dem Hause Rühe) heißt nichts anderes, als daß Deutschland mit
weltweiten Militäreinsätzen einen Status als Weltmacht zu reklamieren beginnt, den es vor der deutschen Wiedervereinigung nicht hatte und nicht haben konnte. Wer in schlecht antiamerikanischer Tradition die
uneingeschränkten Solidaritätsbekundungen und das nichtendenwollende Gebettel führender deutscher Politiker um einen Kampfeinsatz deutscher Soldaten als reinen Kotau gekaufter Mandarine vor dem großen Bruder USA begreift, hat in Wirklichkeit gar nichts begriffen. Es geht für die deutschen Eliten darum, zu einer weltweit bedeutenden Ordnungsmacht anzuwachsen, erst noch im Windschatten und im Zusammenspiel mit dem altbekannten NATO-Imperialismus, dann in Konkurrenz zu, und am Ende möglicherweise in offener Auseinandersetzung mit der bisherigen
Führungsmacht USA. Warum sollte nicht in Zentralasien funktionieren, was auf dem Balkan schon einmal funktioniert hat? Nach geschicktem Taktieren und mehreren Kriegen hat dort in den neugeschaffenen Protektoraten und Vasallenstaaten die BRD das Sagen, ist die D-Mark die einzig relevante Währung (und wird es in Form des Euro, sollte Deutschland seine Führungsrolle in Europa weiter ausbauen, wieder sein). Diese Politik hatte in Mazedonien schon dazu geführt, daß, von
der Weltöffentlichkeit im Strudel von 9-11 fast übersehen, die Bundeswehr zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt das Kommando
einer NATO-Aktion übernahm. Radio-Interview dazu:

 http://freieradios.nadir.org/content.php?id=198

Es könnte durchaus dazu kommen, daß die USA in "Dankbarkeit" für die rückhaltlose "Solidarität" der groß gewordenen kleinen Brüder diesen kleinen Brüdern eigene Einflußsphären in und um Afghanistan herum
einräumen muß, und das ist angesichts der strategischen Bedeutung des Landes und all der "westlichen Werte" (sprich Rohstoffe), die in der Region lagern, genau das, was der größte kleine Bruder, die (offizielle) BRD, will.

Daß das alles mit dem "Kampf gegen den Terrorismus" oder einer irgendwie humanitär begründeten Abneigung gegen das Taliban-Regime nichts zu tun hat, ist unmittelbar evident, wird aber inn nicht zu überbietender Klarheit durch das Verhalten auf dem Balkan selbst illustriert. Während das Weltböse in Afghanistan ausgemacht wurde (freilich stets ohne Erläuterungen zu der Frage, wie es dort hinkam), gedeihen die Dependancen desselben Weltbösen auf dem Balkan prächtig, und werden nur ab und zu symbolisch und sehr diskret ein wenig abgestraft, wenn sie zu sehr aufmucken. In Bosnien, wo mittlerweile mancherorts Frauen am Studieren gehindert werden, und andere, die rauchen oder keine Schleier tragen, eingeschüchtert werden (z.B. in Travnik, Zenica, Bihac), agieren islamistische Zellen ohne große Behinderungen, und an den Wänden tauchen Parolen auf, die Bin Laden als Helden feiern:

 http://www.lexpress.fr/Express/Info/Europe/Dossier/bosnie/dossier.asp?n
om=chasse

Das heißt, man bekämpft in Afghanistan aus geostrategischen Gründen das, was man aus anderen geostrategischen Gründen auf dem Balkan duldet, oder sogar, in Gestalt der UCK, noch fördert. Wollte man dem islamistischen Terrorismus Einhalt gebieten, müßte man nicht mehr in Afghanistan ansetzen, sondern auf dem Balkan, den man aus rein machtpolitischen Gründen im Bündnis mit dem Islamismus in einen
wahrhaft "afghanischen" Hexenkessel verwandelt hat. Vor allem müßte man, und das ist die undenkbarste Alternative von allen, bei der eigenen Politik ansetzen.

Grüße,

M. Hammerschmitt

 http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/high.html
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Ergänzungen

Guter Text!

Max W. 08.11.2001 - 01:01
Zum letzten Absatz fällt mir noch ein: Man bekämpft vor allem etwas, was man selbst geschaffen hat. Und man wusste von Beginn an, was man geschaffen hat.

Na und?

Rad Dadaist 21.07.2002 - 15:13
Was ist eigentlich das Schlimme an den genannten Dingen?

Dass "wir" einen dritten Weltkrieg verlieren?
Oder, dass mysteriöse, geheime "Eliten" uns unbedarfte Leute mal wieder ins Verderben treiben?
That´s life!
Viel glück, Don Quichotte, beim Aufhalten der Windmühlenflügel!