US-Antiterrorismus nimmt Zapatisten in Visier

John Ross, igc.org 10.10.2001 04:00 Themen: Weltweit
US-Antiterrorismus nimmt Zapatisten ins Visier
John Ross, Mexico Barbaro #1128

SAN CRISTOBAL DE LAS CASAS (9. Oktober) - Die Indigenas standen
zusammengepfercht vor dem glänzenden Laden, auf dem engen Gehsteig
dieser alten Kolonialstadt, und starrten gebannt auf die ausgestellten
Reihen Fernsehschirme, auf denen Jumbo Jets immer und immer wieder in
zusammenstürzende Wolkenkratzer hineinkrachten. "Sie dachten zuerst es
wäre ein Film", erinnert sich der junge Verkäufer an diesem dunklen
Dienstagmorgen, "sie sprachen auf Tzotzil und ich konnte sie nicht
verstehen."

Die indigenen Reaktionen auf traumatische Ereignise, sogar solche die
ihnen so nahe stehen, wie der siebenjährige Aufstand der Zapatistischen
Armee der Nationalen Befreiung (EZLN), sind in diesem chronisch
verarmten, zutiefst indigenem südlichen Staat, oft stark verhüllt.

"Wir waren gerade auf einem Frauentreffen, und sie sagten uns, dass die
Nordamerikaner bombardiert worden wären. Wir haben das zuerst nicht
verstanden, weil es immer die Nordamerikaner sind, die andere Leute
bombardieren" erinnert sich "Irene", Angehörige eines Kollektivs für
Kunsthandwerk in dem autonomen, zapatistischen Hochlandsbezirk von
Aldama.
John Ross, Mexico Barbaro #1128

SAN CRISTOBAL DE LAS CASAS (9. Oktober) - Die Indigenas standen
zusammengepfercht vor dem glänzenden Laden, auf dem engen Gehsteig
dieser alten Kolonialstadt, und starrten gebannt auf die ausgestellten
Reihen Fernsehschirme, auf denen Jumbo Jets immer und immer wieder in
zusammenstürzende Wolkenkratzer hineinkrachten. "Sie dachten zuerst es
wäre ein Film", erinnert sich der junge Verkäufer an diesem dunklen
Dienstagmorgen, "sie sprachen auf Tzotzil und ich konnte sie nicht
verstehen."

Die indigenen Reaktionen auf traumatische Ereignise, sogar solche die
ihnen so nahe stehen, wie der siebenjährige Aufstand der Zapatistischen
Armee der Nationalen Befreiung (EZLN), sind in diesem chronisch
verarmten, zutiefst indigenem südlichen Staat, oft stark verhüllt.

"Wir waren gerade auf einem Frauentreffen, und sie sagten uns, dass die
Nordamerikaner bombardiert worden wären. Wir haben das zuerst nicht
verstanden, weil es immer die Nordamerikaner sind, die andere Leute
bombardieren" erinnert sich "Irene", Angehörige eines Kollektivs für
Kunsthandwerk in dem autonomen, zapatistischen Hochlandsbezirk von
Aldama.

Damals in 1994, während der ersten Tage der mexikanischen
Militärkampagne gegen die zapatistischen Rebellen, liessen
US-Hubschrauber zahlreiche Bomben fallen, und Kampfjets aus der Schweiz
pumpten US-fabrizierte Raketen in und um Rebellendörfer.

Als an diesem 11. September einige der Männer aus Aldama in Oventic
ankamen, der öffentlichste Vorposten der EZLN, war das
Gemeinderestaurant vollgepackt und alle Augen hingen an dem einzigen
Fernsehbildschirm der Ortschaft. "Ein Compañero scherzte, Bush sei jetzt
'chichiron' (gebratene Schweinehaut), aber die anderen brachten ihn zum
Schweigen" erinnert sich "Manuel", "wir konnten alle sehen, dass viele
Menschen tot sein mussten..."

Überall im Maya Hochland und dem Urwald von Chiapas, versammelten sich
ganze Dörfer um vereinzelte, flackernde Bildschirme, und versuchten aus
den beunruhigenden Bilder des 11. Septembers Sinn zu machen. In einigen,
insbesonders den vielen evangelischen Gemeinde, die die ganze
Konfliktzone durchsetzen, wurde der Schwarze Dienstag als der Beginn vom
Ende der Welt angesehen - heilige Mayaschriften erwarten das Ende dieser
Welt - und den Beginn der Nächsten - zwischen 2010 und 2012.

In anderen Dörfer beobachteten NGO-Mitarbeiter, dass die Haltung "mehr
in Richtung:'was haben die verrückten Gringos jetzt vor?' ging".

"Wir waren in viele Gemeinden, und sie baten uns alle ihnen
Videoaufnahmen von den Flugzeugen zu bringen" berichtet Gustavo Castro,
Chefanalyst der in San Cristobal beheimateten Gruppe CIEPAC. "Die
Indigenas können New York City auf der Landkarte nicht lokalisieren, und
sie wissen nicht wo die Zwillingstürme standen - aber sie wissen, dass
sich etwas geändert hat. Sie assimilieren die Bilder und passen sie
ihrem Verständnis an. Sie haben erfahren, dass das Imperium verletzlich
ist, dass die Vereinigten Staaten nicht unbesiegbar sind. Ist das für
sie hilfreich oder schädlich? Das ist es was sie jetzt abwägen..."

Obwohl die Terrorangriffe auf die U.S.A. noch keine Reaktion der
Generalkommandatur der Zapatistischen Armee zur Nationalen Befreiung
hervorgerufen hat, waren Subcomandante Marcos und seine Compañeros von
den unglaublichen Bildern, die auf ihrem, von Autobatterien betriebenem
Schwarzweissfernseher übertragen wurden, zweifellos genauso gefangen wie
der Rest der Welt.

Zurückgezogen in ihre Bergcamps oberhalb des Dorfes mit dem
faszinierenden Namen La Realidad ("Die Wirklichkeit") tief im
Lacandonischen Urwald, hat das Klandestine Indigene Revolutionäre
Komitee (CCRI) seit fünf Monate kein Wort gesprochen, seit dem 1. Mai,
als der mexikanische Kongress das Gesetz für indigene Rechte, für das
sie so lange gekämpft haben, verstümmelt hat.

Die Zapatistas sind von mexikanischen und U.S.-Autoritäten wiederholt
als Terroristen betitelt worden - auf einer aktuellen Webseite der U.S.
Drogenbehörde (DEA) bezeichnet sie diese [angeblich, siehe (*1)] als
solche. Genau so wie es Diego Fernandez de Cevallos tut, der
Senats-Mehrheitsführer von Präsident Vicente Fox' rechtsgerichteter
Nationalen Aktion, der PAN. Der frühere Präsident Ernesto Zedillo
behauptete während den ersten Tagen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs
von 1995 die EZLN wäre eine terroristische Organisation, und schickte
30.000 Soldaten in den Urwald, um ihre Anführer festzunehmen. 21
zapatistische Unterstützer wurden zusammengetrieben und unter diese
Anklage gestellt - "Terrorismus" wird in den Inhaltsvermerken der
mexikanischen Gerichte meistens mit Begriffe wie "Aufruhr", "Subversion"
und "Verschwörung" gepaart. 20 der als Terroristen Beschuldigten wurden
im Nachhinein von allen Anklagen freigesprochen (ein Militanter der
gestanden hatte, einen Strommasten mit einem Kleinlaster umgefahren zu
haben wurde verurteilt)

Als Chef der zapatistischen "Terroristen" wurde Javier Elorriaga
betrachtet, der 15 Monate hinter Gitter verbrachte, bevor die Anklagen
aufgehoben wurden. Ein sanftmütiger, pfeifenrauchender Intellektueler
aus Mexiko Stadt, kann Elorriaga die Anschuldigungen des Terrorismus
immer noch nicht fassen: "Ich bin kein Terrorist - die EZLN ist
historisch schon immer gegen den Terrorismus gewesen..."

Wenn Terrorismus als die Anwendung tödlicher Gewalt gegen eine zivile
Bevölkerung definiert wird, um Furcht und Zweifel über eine Regierung zu
schüren, die ihre Bürger nicht länger schützen kann, dann sind die
Zapatisten mehr Terrorisierte als Terroristen gewesen. Der gefeierte
Aufstand der Rebellen am 1. Januar 1994, in den ersten Stunden des
Nordamerikanischen Freihandelsvertrages, richtete sich gegen die
Militär- und Polizeistreitkräfte, die die indigenen sozialen Bewegungen
seit Jahrzehnten unterdrückt hatten -- tatsächlich waren es das Militär
und die Polizei, die für fast alle zivile Verluste des 12-tägigen
Krieges verantwortlich gewesen sind. Nach weniger als zwei Wochen des
bewaffneten Aufstandes, beugte sich die EZLN den Forderungen der
Zivilgesellschaft ihre Gewehre zum Schweigen zu bringen und mit der
Regierung einen Dialog zu beginnen. Es hat seitdem wenige bewaffnete
Zwischenfälle gegeben.

Obwohl in den Vereingten Staaten Terrorismus und Guerrillakampf zu einem
Synonym geworden sind, galt Präsident George Bush's Kriegserklärung den
ersteren. Nicht alle Guerrilleros sind Terroristen - und die EZLN ist
keins von beiden. Militärisch gesehen, betrachten sich die Zapatisten
als eine stehende Armee, die den Feind auf dem Schlachtfeld konfrontiert
- die EZLN bleibt weiterhin im Kriegszustand mit der mexikanischen
Regierung.

Seit der ersten Woche des Aufstandes von 1994, als einige ultra-linke
Gruppen ihre Solidarität dadurch unter Beweis zu stellen suchten, indem
sie Banken und Parkhäuser in die Luft jagten, hat die EZLN
Bombenanschläge wiederholt als Provokationen verurteilt, die nur dazu
dienen noch mehr Unterdrückung gegen ihre Unterstützungsbasen zu
entfesseln - die Zapatisten befürworten den kollektiven Massendruck, und
nicht individuelle Akte des Terrorismus, als den effektivsten Weg um
soziale Veränderungen zu erreichen.

In einem scharfen Wortwechsel mit der Revolutionären Volksarmee EPR
1996, eine Gruppe die für vielfache Bombenanschläge und tödliche
Hinterhalte als verantwortlich angesehen wird, bei denen Zivilisten ums
Leben kamen (fünf Mitglieder einer Splittergruppe befinden sich
gegenwärtig wegen Sprengstoffanschläge auf Banken im letzten August, in
Haft (*2) ), schlug Subcomandante Marcos, der goldzüngige Sprecher der
EZLN, die Unterstützung der EPR kurzerhand aus: "Wir haben nicht um eure
Unterstützung gebeten, und wir wollen eure Unterstützung nicht. Wir
haben verschiedene Ziele. Wir kämpfen für Demokratie und Gerechtigkeit.
Wenn ihr jemals die Macht ergreifen solltet, würden wir euch auch
bekämpfen müssen...". In der neueren Zeit, haben die EZLN jedoch um die
Zustimmung der Revolutionären Volksarmee für das nun im Sterben liegende
Gesetz für indigene Rechte ersucht.

Seitdem dieses Gesetz vom Kongress verstümmelt worden ist, hat die EPR
ihre Aktivitäten in Chiapas angehoben, und wird für eine Reihe von
Angriffe auf Polizei-Militärkonvoys zwischen Puerto Cate und Simojovel
im Hochland für verantwortlich gehalten - in einem angsteinflössendem
Angriff sind drei Militärfahrzeuge auf offener Strasse in die Luft
gejagt worden.

Zusätzlich zur Denunzierung des linken Terrorismus, verurteilt die EZLN
den Staatsterrorismus - unabhängig davon ob es sich dabei um von den USA
bereitgestellte, mexikanische Militärhubschrauber handelt, die indigene
Dörfer in Chiapas bombardieren, oder der Bombardierung Serbiens durch
die UN. Die EZLN haben es einmal abgelehnt eine hochgestellte
Menschenrechtsbeauftragte der Vereinten Nationen zu treffen, wegen der
UN-gesponserten Bomardierungen im Balkangebiet.

Wie um seine Nostradamus-artige Aura zu steigern, hat Subcomandante
Marcos des öfteren einen Weltkrieg vorhergesagt, der dem von Bush gegen
den internationalen Terrorismus geplanten sehr ähnelt. In einem Dokument
("Sieben Teile des neoliberalistischen Puzzles", 1997) beschreibt der
Sub die Globalisierung als "die Fragmentierung des Nationstaates", um
später "durch Gewalt" unter einer U.S.-dominierten Koalition vereinigt
zu werden - diese "Megalopolis der Macht" würde terroristische Attacken
als einen Vorwand benutzen, um die wirtschaftliche Kontrolle des
Planeten an sich zu reissen. Ein Szenario, das auf unheimliche Weise an
die Bush-Republikanischen Strategien zur Erringung der "Fast Track"
Autorität für die Aushandlung der Freihandelszone der Amerikas (FTAA) -
der Ausweitung der NAFTA auf den gesamten Kontinent - als ein
angebliches Bollwerk gegen Bin Laden und seine terroristische Bande,
erinnert.

Trotz der Gefahr des Dritten Weltkrieges und des drohenden Triumphes der
Konzernglobalisierung, verharrt die EZLN in einer Todesstille.
Tatsächlich scheinen die maskierten, indigenen "Terroristen", auf ein
sehr institutionelles Signal zu warten - auf eine Entscheidung des
mexikanischen Obersten Gerichtshofes über die Gültigkeit des erwürgten
Gesetzes für indigene Rechte, das vom Kongress erlassen, und von Fox
ausgerufen worden ist. "Es ist beinahe so, als ob sie dem System noch
eine Change geben würden", staunt Castro, "die Zapatisten haben den
legalen Weg gewählt. Sie haben einen Dialog geführt, und haben
verhandelt und Vereinbarungen unterzeichnet, und friedliche Proteste
abgehalten - und sie sind jedesmal wieder und wieder verarscht worden!
Vicente Fox sollte ihnen dafür dankbar sein, dass sie keine Terroristen
sind."

Zu diesem Zeitpunkt, sind 320 Anfechtungen gegen das Gesetz für Indigene
Rechte beim Obersten Gerichtshof eingereicht worden, von Organisationen
wie dem Nationalen Indigenen Kongress, Bezirken mit überwiegend
indigener Bevölkerung, Staatsgouverneuren und politischen Parteien. Ein
Beispiel: 250 indigene Bezirke in Oaxaca füllten so viele Petitionen aus
um das Gesetz zu blockieren, dass ein Lastwagen gemietet werden musste,
um die fünf Tonnen Papier nach Mexiko Stadt zu schaffen, um die
Anfechtungen beim Obersten Gerichtshof zu deponieren. Anstatt auf eine
Gerichtsentscheidung zu warten, mit der man irgendwann Anfang nächsten
Jahres rechnet, erklärte sich in Michoacan die Purepecha Nation
kurzerhand selbst für autonom - die indigene Autonomie ist vom
mexikanischen Senat aus dem Gesetz gestrichen worden.

Die indigene Autonomie ist ein Ziel des Zapatismus, aber sicher nicht
das einzige. Dennoch haben sich die Comandantes durch ihre Weigerung,
vor der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes zu sprechen, in einer
stillen Ecke zurückgezogen, in einem Augenblick in dem viele
Unterstützer die Abwesenheit ihrer Stimme als schmerzhaft empfinden.
"Sie sollten in der Vorhut gegen den kommenden Krieg sein, aber man hört
nichts von ihnen", beklagt Noe Pineda, Kommunikationsdirektor für San
Cristobals Menschenrechtszentrum Fray Bartolome de las Casas.

Nichtsdestotrotz könnte Bush's Krieg gegen den Terrorismus die Rebellen
bald zwingen, das Wort für ihr eigenes Überleben zu ergreifen. Denn
Chiapas ist eine Grenzstaat mit einem Überfluss an Resourcen, es wird
als "strategische Zone" für die nationale Sicherheit betrachtet. Obwohl
keine Zahlen vorliegen, wurden hunderte Soldaten und Beamte der
Fremdenpolizei eiligst abgeordnet, um nach den Angriffen vom Schwarzen
Dienstag die südliche Grenze abzusichern. Nun durchkämen sie laut
Berichten gerade den Urwald und die Sierra nach Arabern (13 Jemeniten
sind neulich in Palenque aufgegriffen worden), "Terroristen" (nicht von
"Arabern" zu trennen, obwohl der letzte [angebliche] ?internationale
Terrorist? der in Chiapas ergriffen wurde ein Österreicher war) und
anderen Subversiven. (*3)

"Indigenas werden immer als Gefahren für die nationale Sicherheit
betrachtet" bemerkt Marcos Matias, der erste indigene Leiter des
regierungseigenen Nationalen Indigenen Institutes, "wir befinden uns
unter ständiger Überwachung." In Zeiten hoher Anspannung, werden solche
Verdächtigungen das Leben der Maya Rebellen nicht leichter machen, deren
Lager sich oft in weniger als 20 km Enfernung von Stellungen der
Bundesarmee befinden.

Darüberhinaus wird Bush´s Kampagne gegen den internationalen Terrorismus
viel Erdöl brauchen um die Kriegsmaschine anzutreiben, und die
Urwaldniederlassungen der EZLN scheinen auf bedeutenden Erdölvorkommen
zu stehen - Marcos wies einst darauf hin, die potentiellen Reserven
wären mit denen des Persischen Golfes vergleichbar. Verstärkte
Bemühungen der Fox Regierung, unter dem Gewand der Kooperation mit
Bush´s Krieg die Erdöl-, Erdgas- und Uraniumvorkommen auf autonomen
zapatistischen Boden auszubeuten, wird in dieser Ecke von Chiapas
unvermeidlich den indigenen Widerstand hervorrufen. Unter der
Bush-Doktrin von entweder "mit uns sein oder mit den Terroristen",
könnte Widerstand gegen die Versorgung der Kriegsbestrebungen
Washingtons, dasselbe wie Terrorismus sein.

Die sich sammelnden Kriegswolken und die sich vertiefende Weltrezession
haben Chiapas wie eine Tonne Felsen getroffen. Der Tourismus, die
zweitgrösste Industrie des Staates, ist nach den terroristischen
Angriffen zusammengebrochen, und der Kaffeepreis, das wichtigste
landwirtschaftliche Exportgut von Chiapas, ist auf den niedrigsten Stand
seit einer Generation gefallen, und wirft 500 indigene Campesinos
monatlich in den nördlichen Migrationsstrom in die USA. Ganze Gemeinden
wie Nuevo Huistan, inmitted des Urwaldes, und San Juan Chamula im
Hochland, sind nun von dem, was Angehörige aus "dem Norden"
zurückschicken, abhängig. In beiden Gemeinden, so berichtet Pineda von
FrayBar, sagen Familien sie haben seit dem Schwarzen Dienstag nichts
mehr von ihnen gehört.

Das zapatistische Feuer flammte in dieser Region vor 10 Jahren auf, als
dem Kaffeemarkt der Boden weggezogen wurde und der
NAFTA-Freihandelsvertrag den Maisanbau der Mayas bedrohte. Aber nun, da
sich die EZLN dem Schweigen verschrieben hat, fühlen Beobachter wie
Pineda und Castro, dass die EPR dieses Vakuum auszufüllen versuchen
wird. "Das ist es, wo der wahre Terrorismus beginnen könnte", sorgt sich
Pineda.

Obwohl die Welt von Washingtons Supermachtsvision dominiert wird,
beinhalten die sieben Jahre des indigenen Kampfes in dem selbsterklärten
zapatistischen "Krieg gegen das Vergessen", für jene die dabei sind die
Welt in einen Exzess der globalen Rache zu stürzen, wichtige Lektionen.

Am Weihnachtsvortag 1997, wurden 46 Mitglieder der Las Abejas ("Die
Bienen"), ein Kaffee-und Honiganbaukollektiv das von der Diözese von San
Cristobal organisiert wurde und mit der zapatistischen Sache
sympathisierte, von fanatischen Presbyterianer massakriert, die der
damals (seit 71 Jahre) regierenden Institutionellen Revolutionären
Partei (PRI) abgehörten, eine vom Militär und der Staatspolizei geplante
Tat um die Zapatisten von ihren zivilen Unterstützungsbasen im Hochland
abzuschneiden. Im Verhältnis zu der geringen Grösse der Abeja Gemeinde,
können die Morde quantitativ mit zehn World Trade Center Desastern
verglichen werden. Nichtsdestotrotz scheint die Rückkehr der Abeja
Familien in die Gemeinden aus denen sie einst zu fliehen gezwungen waren
in den letzten Monaten zu unterstreichen, dass ein Weg der Versöhnung
zwischen den Terrorisierten und den Terroristen immer noch möglich ist.

* * * (übs. von Dana)

(*1) Dazu gibt es noch einige Unklarheiten. Zum ersten Mal hörte man
davon, als Gouverneur Salazar in einer öffentlichen Stellungsnahme die
Anschuldigungen "eines neuen DEA Berichtes", der die EZLN und die EPR
als Terroristen bezeichnet und mit dem Drogenhandel in Verbindung
bringt, mit herzerwärmenden Heftigkeit zurückwies. Das Thema wurde dann
von der gesamten mexikanischen Presse aufgegriffen und die Debatte geht
seitdem weiter. Das Problem ist, dass ein derartiger DEA Bericht nicht
auffindbar ist. Ganz im Gegenteil betonte der DEA Bericht, der am Tag
nach diesem Pressevorfall auf der offiziellen Webseite zu finden war,
dass die EZLN und die EPR *keine* terroristischen Gruppen sind, und mit
dem Drogenhandel "allem Anschein nach" nicht in Verbindung stehen.
Allerdings geht die Debatte in Mexico weiter, und die DEA hat niemals
dementiert diese Beschuldigungen gemacht zu haben. Es ist also nicht
geklärt, ob Salazar nicht von einem *neuen* DEA Bericht spricht, der uns
nicht zugänglich ist, oder ob der Bericht auf der DEA Webseite eine
nachträglich korrigierte Fassung ist, oder ob es sich bei dem ganzen
einfach um ein (vielleicht auch absichtlich herbeigeführtes)
Missverständnis handelt. Allerdings hat in den letzten Tagen auch der UN
Botschafter in Mexico darauf hingewiesen, dass alle mexikanischen
Guerrillagruppen - mit Ausnahme der EZLN - Gefahr laufen als Terroristen
kategorisiert zu werden.

(*2) Das ist keine sehr faire Darstellung. Bei den fünf Gefangenen
handelt es sich um angebliche Angehörige der FARP, eine Splittergruppe,
die sich von der EPR gerade aufgrund ihrer extremistischen
Vorgehensweise scharf distanziert haben. Die nächtlichen sog.
"Sprengstoffanschläge" (auf Filialen der hochkorrupten Banamex, aus
Protest gegen ihren Ausverkauf an die nicht minder korrupte
U.S.-Bankgesellschaft Citibank) sind sogar von der Sicherheitspolizei
selbst als ungefährliche pyrotechnische Sprengsätze bezeichnet worden,
die nur propangadistischen Zwecken dienten, und niemals dazu
beabsichtigt waren - oder dazu in der Lage gewesen wären - Personen zu
verletzen oder gar zu töten. Ein weiterer Sprengsatz sollte vor der
italienischen Botschaft hochgehen, um gegen die Ermordung von Carlos
Giulianni zu protestieren. Die Festnahmen und die "Ermittlung" gegen die
Gefangenen selbst sind von unzähligen Ungereimtheiten begleitet, die in
Mexiko zu einer heftigen Debatte geführt haben. Hinzu kommt, dass den
meisten Verhafteten eine FARP-Zugehörigkeit noch immer nicht einwandfrei
nachgewiesen werden konnte, tatsächlich scheint es so als ob zumindest
zwei Gefangene und UNAM-Studenten nur deswegen festgenommen wurden, weil
ihre Eltern anscheinend der EPR angehörten.

(*3) Ich habe bereits in Juni auf die Versuche des mexikanischen
Verteidigungsministers Adolfo Aguilar Zínser hingewiesen, Anspielungen
auf den angeblichen Aufenthalt terroristischer arabischer Zellen der
Hisbollah und der ETA in Chiapas zu benutzen um eine neue Stufe der
Militarisierung vorzubereiten. Vereinzelte andeutungsschwere Berichte
über die Missionsarbeit islamischer Murabitungruppen bei den Chamulas in
Chiapas machten in den mexikanischen Massenmedien bereits in April und
Mai 2001 die Runde.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Auf dem Weg zur Globalen Diktatur?

Ketzer 10.10.2001 - 14:12
Langsam wird mir echt schlecht - Auch Kolumbien soll angegriffen werden. Die gesamte Opposition gegen den neoliberalen Kapitalismus wird als "terroristisch" eingestuft. In Nicht-Nato-Staaten wird militärisch "eingegriffen", um dort die Opposition zu ermorden. (Das wurde früher ja nacheinander und nun gleichzeitig gemacht) - In den NatoStaaten wird mit Repression und innerer Militarisierung gearbeitet. Genua war nur ein zarter Vorgeschmack. Wenn jetzt nich schnell eine starke Opposition heranwächst (was oft wegen Sektiererei verhindert wird - siehe Antifa M oder K-Parteigruppen), dann werden die nächsten 1000 Jahre echt scheusslich!

scheisse

tomasz 10.10.2001 - 15:02
Die USA führt die FARC-EP und die ELN (beide Kolumbien, die erste ist die größte Guerrilla Südamerikas) als "Terroristische Organisationen". Wenn die Amis in Afghanistan durch sind, werden si wohl auch in Kloumbien aufräumen - unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung. Scheisse, ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!

würg

Yankees Raus 11.10.2001 - 19:10
Ich habe die schnauze voll von den "USA/ss"
überall denken sie sie sind eine allmacht, langsam aber sicher kommt hass auf

danke fuer die uebersetzung

durito (nord) 14.10.2001 - 21:14
der artikel ist hochinteressant. waere echt schoen mal eine einschaetzung von den zapatistas zu hoeren. grade jetzt ist es wichtig die emanzipatorischen bewegungen nicht aus dem auge und dem herzen zu verlieren. weil sie jetzt um so mehr auf internationale solidaritaet angewiesen sind und weil sie (gemeinsam mit uns?) antworten oder zumindest richtige fragestellungen auf den alltaeglichen wahnsinn des kapitalismus und den "neuen" wahnsinn des fundamentalismus haben.
zum vorigem komentar: klar ist die us-regierung und ihre interessen auf der ganzen welt und besonders in lateinamerika verantwortlich fuer elend viel elend. "unsere" europaeischen regierungen mischen da allerdings auch nicht schlecht mit. und wenn sie koennten, dann waeren sie garantiert an alller erster stelle dabei.