Eine Fundgrube für Verwirrungen
Die Nazis schicken Messerstecher unter die Linken, 2. TeilWie mögliche/behauptete Infiltrationen von der Polizei verwendet werden. Der Polizeibericht, eine Fundgrube für Verwirrungen.
Im ersten Teil wurde (1) aus einem Bericht der genuesischen Polizei berichtet, in dem drei faschistische Organisationen angeführt wurden, die sich in die Linke eingeschlichen hätten. Von ihnen provozierte Attacken auf die Polizei sollten den Linken in die Schuhe geschoben werden. Die Faschisten seien mit Messern ausgerüstet gewesen. Einige Zahlen werden genannt.Die Nazis schicken Messerstecher unter die Linken, 2. Teil
Der Polizeibericht über die Unterwanderung des vagen und uneinheitlichen Phänomens ?black bloc"/Schwarzer Block, das von den italienischen Staats-Zeitungen im allgemeinen als Synonym für die verteufelte radikale Linke verwendet wird, durch faschistische Organisationen wie Forza Nuova und andere ist kein pures Stück polizeilich verdienstvoller Aufklärung, sondern er dient einem konkreten Zweck.
Durch die permanente unmittelbare Aneinanderstellung von Organisationen der radikalen Rechten und der radikalen Linken sollen Lager wie fortschrittlich (links) und reaktionär/repressiv (rechts) relativiert und beliebig durcheinander kompromittiert oder ersetzt werden. Entfaltete Kämpfe auf der linken Seite würden eigentlich das Spiel der Rechten treiben, seien im Grunde rechts, soll damit bedeutet werden. Dadurch wird eine primitive Neugier und geheimnisvolle Deutungslust angestachelt, die, ohne viel von den Dingen zu verstehen, ein jedes Phänomen durch ihr geheimnisvolles Gegenteil entlarven möchte. Die Rechte sei so gefährlich wie die (eo ipso) gefährliche Linke. Präzise begriffliche Abgrenzungen werden durch dieses Vorgehen bewußt nicht bloß aufgelöst, sondern regelrecht kaputtgeschlagen, dadurch soll im Ansatz das Denken selbst verwirrt werden (2).
Der italienische Staatsapparat und seine Desinformations- und Ideologieproduktion hat dieses Spiel in den Siebzigerjahren bis zum Äußersten getrieben, der Fachausdruck dafür lautet ?opposti estremismi": die einander entgegengestellten (und doch - scheinbar - spiegelgleichen) Extreme, ?extremistischen" Positionen sei?s der Rechten, sei?s der Linken, die einander verdächtig verwandt seien. Eine jede radikale Aufstandsorganisation konnte mit dieser Methode sofort mit dem Odium des Faschismus oder der geheimdienstlichen Fremdgesteuertheit diskreditiert werden.
Im Kontext der Erstveröffentlichung des ursprünglich geheimen Polizeiberichts aus Genua im Secolo XIX wird dieses Spiel in klassischer Weise durchexerziert. Unmittelbar nach der Erwähnung von faschistischen Kommandos und ihrer Strategie der Errichtung einer ringförmigen Blockade um die Stadt, die wir am Ende des ersten Teils zitiert haben, heißt es, mit den Worten des Reporters Giovanni Mari, kryptisch und demagogisch:
?Und das ist ja auch passiert."
Und unversehens und unvermittelt gleitet der Bericht in eine Denunziation des linken Bereichs über: ?Die Quästur (das Polizeipräsidium) konnte im anarchistischen centro sociale in Valbisagno (3) (hinter dem Marassi-Stadion) den zentralen Stützpunkt identifizieren, anarchistische Gruppierungen aus Genua und dem Piemont stellten die Logistik für den black bloc zur Verfügung."
Als ob Anarchisten und Faschisten zusammenarbeiten würden! Als ob die Anarchisten die Faschisten logistisch unterstützt hätten!
Ein perfektes, ein perfekt primitives Beispiel für ?opposti estremismi".
So der Polizeireporter des Secolo XIX. Im folgenden Abschnitt des Polizei-Dokuments wird das Wort ?insurrezionalisti" verwendet, ein neuer Schreckausdruck, mit dem seit einiger Zeit radikale ?Aufständische", also Staatsgegner aus dem anarchistischen Bereich bezeichnet werden, eine von der ROS (Politische Task Force der Carabinieri) hochstilisierte Tendenz innerhalb der AnarchistInnen, die als mediale Keule zur Kriminalisierung des anarchistischen Lagers verwendet wird, stellvertretend für das gesamte Lager der radikalen Linken.
In diesem Bericht heißt es: ?Die insurrezionalisti sind dabei, ein Konzept zur Stärkung der Bewegung auszuarbeiten, wobei die Auswirkung ihrer Aktionen auf die öffentliche Meinung einen besonderen Stellenwert erhält."
Ähnliches wurde zuvor über die drei faschistischen Organisationen gesagt und eine von ihnen beabsichtigte Kampagne (1) (im Original: azione di rilancio. ). Rilancio bedeutet wörtlich: Wiedererneuerung, Stärkung, Neupropagierung. Eben dieses Wort rilancio, das im faschistischen Kontext verwendet wurde, taucht nicht ohne Grund wieder bei den insurrezionalisti, also Anarchisten, also Linken auf. Im Original heißt die Wendung Stanno elaborando un rilancio: sind dabei, eine Festigung, Stärkung, oder freier übersetzt: ein Konzept zur Stärkung, sehr frei übersetzt: eine neue Kampagne auszuarbeiten. Das Wort rilancio dient als eine Art linguistische Spange zwischen rechts und links, mit der die unmittelbare Aneinanderreihung der ?Extreme" noch verstärkt werden soll.
Ein wahrhaft kriminelles design - mit sprachlichen Mitteln. Der Bereich, der für Fortschritt und Widerstand steht, soll durch das Odium des dreckigsten Bereichs der Menschheit, des Faschismus, beschmutzt oder verschmutzt werden. Das ist geheimdienstliche Desinformation, wie sie weltweit praktiziert wird, wobei es wohl noch einige Zeit dauernd wird, bis die ?Befehlskette" von den italienischen Geheimdiensten bis hinunter zur Genueser Quästur dokumentiert und erwiesen sein wird.
Unmittelbar nach der Anlehnung des linken Schreckbegriffes ?insurrezionalisti" an die Faschisten fährt der Polizeireporter des Secolo XIX mit folgenden Worten fort:
?In den vergangenen Monaten hat der Bezirksrat Christian Abbondanza (4) die Polizeibehörde auf verdächtige Bewegungen in Valbisagno aufmerksam gemacht. Er beobachtete etwa ein Dutzend Leute, augenscheinlich Ausländer, als sie eben mit Plänen in der Hand sich durch das Stadtviertel San Fruttuso (3) bewegten und sich auch in der Nähe der Banca Nazionale del Lavoro aufhielten, die ja später mit wissenschaftlicher Präzision zerstört wurde - dazu diente offensichtlich ein mehrmals vorgenommener Lokalaugenschein. Der Quästur selbst fiel in den vergangenen Tagen und auch nach dem G-8-Gipfel auf, daß sich in dieser Zone Zeltplätze mit deutschen Anarchisten befanden. (Schwören Sie, guter Giovanni Mari, daß keine Anarcho-Kommunisten darunter waren?) Und nach den Krawallen bezeugen die Genuesen einmütig, daß die Tute Nere in dieses Tal zurückgeflohen seien." Soweit der Polizeireporter Giovanni Mari .
Die Einführung des Wortzaubers Tute Nere ist eine besondere Infamie, denn durch diese Terminologie wird der gesamte Bereich der Linken diffamiert.
In welchem Zusammenhang wurde tuta ursprünglich verwendet? Tuta blú ist ein Synonym für Proletarier, Arbeiter, ?Blaumann", wie es in der Arbeiterbewegung gebraucht wird. In Anlehnung daran wurde von (unter anderem norditalienischen, ehemals marxistischen Autonomen) die Bezeichnung tute bianche geprägt: die weißen, sich ganz am Rande befindlichen, schwer identifizierbaren, nie am selben Platz verweilenden und auch völlig aufgeriebenen Prekären, Arbeitslosen, ungeschützten ArbeiterInnen: ein neues politisches Subjekt. Weiß als Farbe der Nicht-Identifizierbarkeit. (5)
Die polizeilich-geheimdienstliche Infamie aber, wie sie sich in den Zeilen des Herrn Mari niederschlägt, besteht darin, daß er mit seiner Assoziationstechnik zynisch und rücksichtslos ?Forza Nuova", insurrezionalisti, tute blú, bianche und nere in einen Topf wirft.
Tute nere wird allgemein in der rechten Presse sprachlich-atmosphärisch als Synonym für die uns bereits bekannte polizeiliche Begriffsüberhöhung black bloc verwendet (wobei man sich fragt, aus welcher Sprache das stammt: es klingt wie ein Gemeinschaftsprodukt der französischen und britischen Geheimdienste); nero ist aber im Italienischen die Farbe nicht nur der Reaktion, sondern des Faschismus. Internazionale nera wird im Italienischen für ?Faschistische Internationale" gebraucht. Ist schon der Terminus der Paduaner Ex-Außerparlamentarier um Luca Casarini (6) tute bianche etwas suspekt, oder sagen wir, von wenig Überlegung geleitet, da bianco, etwa im Terminus zona bianca, im Italienischen das Synonym für reaktionär-christdemokratisch ist, im Gegensatz etwa zur zona rossa der (ehemalig kommunistischen) Emilia-Romagna oder zu Umbrien (man sieht hier, was für eine Infamie darin liegt, ausgerechnet während imperialistischer Tagungen eingerichtete städtische Sperrgebiete zone rosse zu nennen!), so ist die Verwendung des Ausdrucks tute nere in der mehr als auffälligen Nachbarschaft von Forza Nuova, Fronte Nazionale und Comunità Politica di Avanguardia mehr als hinterhältig und infam. Dadurch wird die alte proletarische Metapher diskriminiert, und Radikale und Anarchisten werden als ?Schwarze" diffamiert. Zu allem Überfluß ist schwarz auch noch die Farbe der Anarchisten. Das Ganze hat etwas Karnevaleskes.
Aber es ist eine begriffliche und wertmäßige Verzerrung eines Wortes, ähnlich der, die mit ?Solidarität" vorgenommen wurde!
Und nun endet der Teil des Polizei-Reportes und wir haben das Vergnügen, wieder ein Stück Genueser Polizeibericht genießen zu können.
?Etwa 500 anarchistische Militante aus England könnten als besonders gewaltbereit eingestuft werden; etwa 100 gewaltbereite Personen aus Berlin sollten in einem Zug von Bonn aus angereist kommen, gegen den Widerstand der Behörden, finanziert von dem anarchistischen Aktivisten ... (es folgt der Name, AuO)." Also offensichtlich ein Bin Laden der Anarchisten. ?Aus Griechenland: zahlreiche Mitglieder von Bewegungen, von denen Gewalt befürwortet wird."
Das letzte, griechische Profil ist etwas schwach.
Aber wie perfekt die konkreten Zahlen, die im folgenden im Zusammenhang mit Linken genannt werden, sofort an die einzigen konkreten Zahlen erinnern, die bisher, und zwar über unterwandernde Rechte, genannt worden waren (man erinnere sich: 4 Gruppen zu je 40 Elementen")! (1)
Hier konkrete Zahlen, dort konkrete Zahlen! Zwei kleine Statistiken, eine über die Rechte, eine über die Linke. Auch durch die Detailliertheit der Zahlen werden die opposti estremismi aneinander gebunden.
Zum Abschluß heißt es nämlich, nachdem noch kurz die unvermeidlichen ?baskischen Extremisten" erwähnt werden, daß in diesem Bericht des Ufficio di Gabinetto (7) des Polizeipräsidiums die jeweilige Herkunft der ?black-bloc"-Elemente aus den einzelnen norditalienischen Provinzen zahlenmäßig genau aufgelistet wird: ?10 aus Aosta, 100 aus Turin, 30 aus Alessandria, 15 aus Asti, 70 aus Cuneo, 25 aus Novara, 3 aus Vercelli, 10 aus Biella, 150 aus Mailand." Detagliatissimo, sagt unser Polizeischriftsteller lobend dazu, genau bis in die kleinsten Einzelheiten.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß kein Leser mehr, ob die Rede von Faschisten oder von Linken ist.
Das ist die Verwirrungstaktik der opposti estremismi.
Die Elaborate der italienischen Polizei sind von einer derartigen Inkohärenz und (bewußt täuschenden) Unsauberkeit, daß sie als Grundlage für Kenntnis und Erkenntnis der Realität nicht geeignet sind.
Eine jegliche Übernahme von Daten aus einem solchen Bereich der italienischen Polizei durch polizeiliche Instanzen anderer europäischer Länder kann nur als unseriös und unsauber bezeichnet werden.
Quelle: Giovanni Mari: Neonazisti infiltrati nel corteo (?Die Demonstrationen wurden von Neonazis unterwandert"), Il Secolo XIX, 26. 7. 2001
Anmerkungen:
(1) Der erste Teil des Artikels findet sich unter: Die Nazis schicken Messerstecher unter die Linken, Aug und Ohr, http://www.de.indymedia.org/2001/08/6222.html.
(2) Eine rechte Organisation, die das Jonglieren und Durcheinanderwirbeln dieser Gegensätze perfekt durchzieht und die Verwirrung des Denkens durch permanente gegenseitige Zuweisung der Extreme zum zentralen Plan und Konzept ihrer Tätigkeiten gemacht hat, ist die sektenähnliche sogenannte ?Initiative Neue Linke". Vgl. hiezu u. a.: El Awadalla: Freunde der Freiheit, http://www.awadalla.at/el/inltext.html
(3) Bezirk von Genua
(4) Einziger Genueser Vertreter der Wahlliste Italia dei Valori (?Italien der Werte") des ehemaligen Mafiaaufdeckers Antonio Di Pietro. Abbondanza fordert den Rücktritt des Genueser Bürgermeisters Pericu, des Genueser Polizeichefs Colucci, des Präfekten Antonio Di Giovine, übrigens auch des Innenministers Scaiola, des Polizeichefs Giovanni Di Gennaro und des Oberkommandierenden der Carabinieri Sergio Siracusa. Darunter macht er´s nicht.
Will er gegen die Folterungen und Überfälle protestieren? Weit gefehlt! Sein Feindbild ist das anarchistische centro sociale Pinelli in Valbisagno (www.ecn.org/csoapinelli). Die politischen Verantwortlichen der Zone hätten die Warnungen des Innenministeriums nicht ernst genommen, denen zufolge die gefährlichsten Aktivisten des anarchistischen Bereichs dem centro sociale Pinelli zuzurechnen seien.
?Dazu kommt noch, daß sämtliche Gewaltaktionen des black bloc ihren Ursprung in Valbisagno haben. Ganz offensichtlich sind diese Extremisten als Rechtfertigung für die brutale Repression der pazifistischen Bewegung eingesetzt worden, inklusive für die sogenannte Durchsuchung der Schule, in der das GSF untergebracht war." meint Abbondanza. (Chieste da Italia dei Valori: Dimissioni per tutti i responsabili, in: Genova. Repubblica.it, 27. 7. 2001, http://www.repubblica.genova.it/archivio/20010727/cronaca/04fixio.html.
Vorher war er bei einer Sinistra dei Cittadini (Linken Bürgerliste) aktiv und hat sogar eine (übernationale) Petition gegen den NATO-Angriff auf Jugoslawien unterschrieben. Wie ambivalent man sein kann als bürgerlicher Politiker!
Der Anarchist Pinelli wurde 1969 von der italienischen Polizei ermordet, nachdem er verdächtigt worden war, der Urheber eines mörderischen faschistischen Anschlags gewesen zu sein.
Die Linksdemokraten hierzulande sind fähig, diesen oder ähnliche Typen wie Abbondanza dem ignoranten Publikum als Vertreter des demokratischen Italien, oder gar des Widerstandes heraufzubringen. Und bei einer Solidaritätsveranstaltung anzudrehen. Wir müssen uns wappnen.
(5) Die Organisationen und die Bewegung, die das hervorgebracht und in ihre Regie gebracht haben, sind ein etwas domestiziertes, zivilgesellschaftliches Spät-Derivat der 68er-Bewegung, die unter anderem mit (für hiesige Verhältnisse allerdings sehr offenen, lebendigen und auch linken) Grünen zusammenarbeiten, der bekannteste unter ihnen ist Beppe Caccia .
(6) Ein junger, noch nicht völlig abgeschworener Joschka Fischer, aber ein sehr interessanter, nicht so primitiv und machistisch wie der junge Fischer; in der derzeitigen Situation gebührt ihm, gegenüber dem Staat, natürlich die völlige Solidarität der Bewegung!
(7) Eine polizeiliche Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit und für den Kontakt mit den (kommunalen) Behörden.
Aug und Ohr, GegeninformationsinitiativeIm ersten Teil wurde (1) aus einem Bericht der genuesischen Polizei berichtet, in dem drei faschistische Organisationen angeführt wurden, die sich in die Linke eingeschlichen hätten. Von ihnen provozierte Attacken auf die Polizei sollten den Linken in die Schuhe geschoben werden. Die Faschisten seien mit Messern ausgerüstet gewesen. Einige Zahlen werden genannt.Die Nazis schicken Messerstecher unter die Linken, 2. Teil
Der Polizeibericht über die Unterwanderung des vagen und uneinheitlichen Phänomens ?black bloc"/Schwarzer Block, das von den italienischen Staats-Zeitungen im allgemeinen als Synonym für die verteufelte radikale Linke verwendet wird, durch faschistische Organisationen wie Forza Nuova und andere ist kein pures Stück polizeilich verdienstvoller Aufklärung, sondern er dient einem konkreten Zweck.
Durch die permanente unmittelbare Aneinanderstellung von Organisationen der radikalen Rechten und der radikalen Linken sollen Lager wie fortschrittlich (links) und reaktionär/repressiv (rechts) relativiert und beliebig durcheinander kompromittiert oder ersetzt werden. Entfaltete Kämpfe auf der linken Seite würden eigentlich das Spiel der Rechten treiben, seien im Grunde rechts, soll damit bedeutet werden. Dadurch wird eine primitive Neugier und geheimnisvolle Deutungslust angestachelt, die, ohne viel von den Dingen zu verstehen, ein jedes Phänomen durch ihr geheimnisvolles Gegenteil entlarven möchte. Die Rechte sei so gefährlich wie die (eo ipso) gefährliche Linke. Präzise begriffliche Abgrenzungen werden durch dieses Vorgehen bewußt nicht bloß aufgelöst, sondern regelrecht kaputtgeschlagen, dadurch soll im Ansatz das Denken selbst verwirrt werden (2).
Der italienische Staatsapparat und seine Desinformations- und Ideologieproduktion hat dieses Spiel in den Siebzigerjahren bis zum Äußersten getrieben, der Fachausdruck dafür lautet ?opposti estremismi": die einander entgegengestellten (und doch - scheinbar - spiegelgleichen) Extreme, ?extremistischen" Positionen sei?s der Rechten, sei?s der Linken, die einander verdächtig verwandt seien. Eine jede radikale Aufstandsorganisation konnte mit dieser Methode sofort mit dem Odium des Faschismus oder der geheimdienstlichen Fremdgesteuertheit diskreditiert werden.
Im Kontext der Erstveröffentlichung des ursprünglich geheimen Polizeiberichts aus Genua im Secolo XIX wird dieses Spiel in klassischer Weise durchexerziert. Unmittelbar nach der Erwähnung von faschistischen Kommandos und ihrer Strategie der Errichtung einer ringförmigen Blockade um die Stadt, die wir am Ende des ersten Teils zitiert haben, heißt es, mit den Worten des Reporters Giovanni Mari, kryptisch und demagogisch:
?Und das ist ja auch passiert."
Und unversehens und unvermittelt gleitet der Bericht in eine Denunziation des linken Bereichs über: ?Die Quästur (das Polizeipräsidium) konnte im anarchistischen centro sociale in Valbisagno (3) (hinter dem Marassi-Stadion) den zentralen Stützpunkt identifizieren, anarchistische Gruppierungen aus Genua und dem Piemont stellten die Logistik für den black bloc zur Verfügung."
Als ob Anarchisten und Faschisten zusammenarbeiten würden! Als ob die Anarchisten die Faschisten logistisch unterstützt hätten!
Ein perfektes, ein perfekt primitives Beispiel für ?opposti estremismi".
So der Polizeireporter des Secolo XIX. Im folgenden Abschnitt des Polizei-Dokuments wird das Wort ?insurrezionalisti" verwendet, ein neuer Schreckausdruck, mit dem seit einiger Zeit radikale ?Aufständische", also Staatsgegner aus dem anarchistischen Bereich bezeichnet werden, eine von der ROS (Politische Task Force der Carabinieri) hochstilisierte Tendenz innerhalb der AnarchistInnen, die als mediale Keule zur Kriminalisierung des anarchistischen Lagers verwendet wird, stellvertretend für das gesamte Lager der radikalen Linken.
In diesem Bericht heißt es: ?Die insurrezionalisti sind dabei, ein Konzept zur Stärkung der Bewegung auszuarbeiten, wobei die Auswirkung ihrer Aktionen auf die öffentliche Meinung einen besonderen Stellenwert erhält."
Ähnliches wurde zuvor über die drei faschistischen Organisationen gesagt und eine von ihnen beabsichtigte Kampagne (1) (im Original: azione di rilancio. ). Rilancio bedeutet wörtlich: Wiedererneuerung, Stärkung, Neupropagierung. Eben dieses Wort rilancio, das im faschistischen Kontext verwendet wurde, taucht nicht ohne Grund wieder bei den insurrezionalisti, also Anarchisten, also Linken auf. Im Original heißt die Wendung Stanno elaborando un rilancio: sind dabei, eine Festigung, Stärkung, oder freier übersetzt: ein Konzept zur Stärkung, sehr frei übersetzt: eine neue Kampagne auszuarbeiten. Das Wort rilancio dient als eine Art linguistische Spange zwischen rechts und links, mit der die unmittelbare Aneinanderreihung der ?Extreme" noch verstärkt werden soll.
Ein wahrhaft kriminelles design - mit sprachlichen Mitteln. Der Bereich, der für Fortschritt und Widerstand steht, soll durch das Odium des dreckigsten Bereichs der Menschheit, des Faschismus, beschmutzt oder verschmutzt werden. Das ist geheimdienstliche Desinformation, wie sie weltweit praktiziert wird, wobei es wohl noch einige Zeit dauernd wird, bis die ?Befehlskette" von den italienischen Geheimdiensten bis hinunter zur Genueser Quästur dokumentiert und erwiesen sein wird.
Unmittelbar nach der Anlehnung des linken Schreckbegriffes ?insurrezionalisti" an die Faschisten fährt der Polizeireporter des Secolo XIX mit folgenden Worten fort:
?In den vergangenen Monaten hat der Bezirksrat Christian Abbondanza (4) die Polizeibehörde auf verdächtige Bewegungen in Valbisagno aufmerksam gemacht. Er beobachtete etwa ein Dutzend Leute, augenscheinlich Ausländer, als sie eben mit Plänen in der Hand sich durch das Stadtviertel San Fruttuso (3) bewegten und sich auch in der Nähe der Banca Nazionale del Lavoro aufhielten, die ja später mit wissenschaftlicher Präzision zerstört wurde - dazu diente offensichtlich ein mehrmals vorgenommener Lokalaugenschein. Der Quästur selbst fiel in den vergangenen Tagen und auch nach dem G-8-Gipfel auf, daß sich in dieser Zone Zeltplätze mit deutschen Anarchisten befanden. (Schwören Sie, guter Giovanni Mari, daß keine Anarcho-Kommunisten darunter waren?) Und nach den Krawallen bezeugen die Genuesen einmütig, daß die Tute Nere in dieses Tal zurückgeflohen seien." Soweit der Polizeireporter Giovanni Mari .
Die Einführung des Wortzaubers Tute Nere ist eine besondere Infamie, denn durch diese Terminologie wird der gesamte Bereich der Linken diffamiert.
In welchem Zusammenhang wurde tuta ursprünglich verwendet? Tuta blú ist ein Synonym für Proletarier, Arbeiter, ?Blaumann", wie es in der Arbeiterbewegung gebraucht wird. In Anlehnung daran wurde von (unter anderem norditalienischen, ehemals marxistischen Autonomen) die Bezeichnung tute bianche geprägt: die weißen, sich ganz am Rande befindlichen, schwer identifizierbaren, nie am selben Platz verweilenden und auch völlig aufgeriebenen Prekären, Arbeitslosen, ungeschützten ArbeiterInnen: ein neues politisches Subjekt. Weiß als Farbe der Nicht-Identifizierbarkeit. (5)
Die polizeilich-geheimdienstliche Infamie aber, wie sie sich in den Zeilen des Herrn Mari niederschlägt, besteht darin, daß er mit seiner Assoziationstechnik zynisch und rücksichtslos ?Forza Nuova", insurrezionalisti, tute blú, bianche und nere in einen Topf wirft.
Tute nere wird allgemein in der rechten Presse sprachlich-atmosphärisch als Synonym für die uns bereits bekannte polizeiliche Begriffsüberhöhung black bloc verwendet (wobei man sich fragt, aus welcher Sprache das stammt: es klingt wie ein Gemeinschaftsprodukt der französischen und britischen Geheimdienste); nero ist aber im Italienischen die Farbe nicht nur der Reaktion, sondern des Faschismus. Internazionale nera wird im Italienischen für ?Faschistische Internationale" gebraucht. Ist schon der Terminus der Paduaner Ex-Außerparlamentarier um Luca Casarini (6) tute bianche etwas suspekt, oder sagen wir, von wenig Überlegung geleitet, da bianco, etwa im Terminus zona bianca, im Italienischen das Synonym für reaktionär-christdemokratisch ist, im Gegensatz etwa zur zona rossa der (ehemalig kommunistischen) Emilia-Romagna oder zu Umbrien (man sieht hier, was für eine Infamie darin liegt, ausgerechnet während imperialistischer Tagungen eingerichtete städtische Sperrgebiete zone rosse zu nennen!), so ist die Verwendung des Ausdrucks tute nere in der mehr als auffälligen Nachbarschaft von Forza Nuova, Fronte Nazionale und Comunità Politica di Avanguardia mehr als hinterhältig und infam. Dadurch wird die alte proletarische Metapher diskriminiert, und Radikale und Anarchisten werden als ?Schwarze" diffamiert. Zu allem Überfluß ist schwarz auch noch die Farbe der Anarchisten. Das Ganze hat etwas Karnevaleskes.
Aber es ist eine begriffliche und wertmäßige Verzerrung eines Wortes, ähnlich der, die mit ?Solidarität" vorgenommen wurde!
Und nun endet der Teil des Polizei-Reportes und wir haben das Vergnügen, wieder ein Stück Genueser Polizeibericht genießen zu können.
?Etwa 500 anarchistische Militante aus England könnten als besonders gewaltbereit eingestuft werden; etwa 100 gewaltbereite Personen aus Berlin sollten in einem Zug von Bonn aus angereist kommen, gegen den Widerstand der Behörden, finanziert von dem anarchistischen Aktivisten ... (es folgt der Name, AuO)." Also offensichtlich ein Bin Laden der Anarchisten. ?Aus Griechenland: zahlreiche Mitglieder von Bewegungen, von denen Gewalt befürwortet wird."
Das letzte, griechische Profil ist etwas schwach.
Aber wie perfekt die konkreten Zahlen, die im folgenden im Zusammenhang mit Linken genannt werden, sofort an die einzigen konkreten Zahlen erinnern, die bisher, und zwar über unterwandernde Rechte, genannt worden waren (man erinnere sich: 4 Gruppen zu je 40 Elementen")! (1)
Hier konkrete Zahlen, dort konkrete Zahlen! Zwei kleine Statistiken, eine über die Rechte, eine über die Linke. Auch durch die Detailliertheit der Zahlen werden die opposti estremismi aneinander gebunden.
Zum Abschluß heißt es nämlich, nachdem noch kurz die unvermeidlichen ?baskischen Extremisten" erwähnt werden, daß in diesem Bericht des Ufficio di Gabinetto (7) des Polizeipräsidiums die jeweilige Herkunft der ?black-bloc"-Elemente aus den einzelnen norditalienischen Provinzen zahlenmäßig genau aufgelistet wird: ?10 aus Aosta, 100 aus Turin, 30 aus Alessandria, 15 aus Asti, 70 aus Cuneo, 25 aus Novara, 3 aus Vercelli, 10 aus Biella, 150 aus Mailand." Detagliatissimo, sagt unser Polizeischriftsteller lobend dazu, genau bis in die kleinsten Einzelheiten.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß kein Leser mehr, ob die Rede von Faschisten oder von Linken ist.
Das ist die Verwirrungstaktik der opposti estremismi.
Die Elaborate der italienischen Polizei sind von einer derartigen Inkohärenz und (bewußt täuschenden) Unsauberkeit, daß sie als Grundlage für Kenntnis und Erkenntnis der Realität nicht geeignet sind.
Eine jegliche Übernahme von Daten aus einem solchen Bereich der italienischen Polizei durch polizeiliche Instanzen anderer europäischer Länder kann nur als unseriös und unsauber bezeichnet werden.
Quelle: Giovanni Mari: Neonazisti infiltrati nel corteo (?Die Demonstrationen wurden von Neonazis unterwandert"), Il Secolo XIX, 26. 7. 2001
Anmerkungen:
(1) Der erste Teil des Artikels findet sich unter: Die Nazis schicken Messerstecher unter die Linken, Aug und Ohr, http://www.de.indymedia.org/2001/08/6222.html.
(2) Eine rechte Organisation, die das Jonglieren und Durcheinanderwirbeln dieser Gegensätze perfekt durchzieht und die Verwirrung des Denkens durch permanente gegenseitige Zuweisung der Extreme zum zentralen Plan und Konzept ihrer Tätigkeiten gemacht hat, ist die sektenähnliche sogenannte ?Initiative Neue Linke". Vgl. hiezu u. a.: El Awadalla: Freunde der Freiheit, http://www.awadalla.at/el/inltext.html
(3) Bezirk von Genua
(4) Einziger Genueser Vertreter der Wahlliste Italia dei Valori (?Italien der Werte") des ehemaligen Mafiaaufdeckers Antonio Di Pietro. Abbondanza fordert den Rücktritt des Genueser Bürgermeisters Pericu, des Genueser Polizeichefs Colucci, des Präfekten Antonio Di Giovine, übrigens auch des Innenministers Scaiola, des Polizeichefs Giovanni Di Gennaro und des Oberkommandierenden der Carabinieri Sergio Siracusa. Darunter macht er´s nicht.
Will er gegen die Folterungen und Überfälle protestieren? Weit gefehlt! Sein Feindbild ist das anarchistische centro sociale Pinelli in Valbisagno (www.ecn.org/csoapinelli). Die politischen Verantwortlichen der Zone hätten die Warnungen des Innenministeriums nicht ernst genommen, denen zufolge die gefährlichsten Aktivisten des anarchistischen Bereichs dem centro sociale Pinelli zuzurechnen seien.
?Dazu kommt noch, daß sämtliche Gewaltaktionen des black bloc ihren Ursprung in Valbisagno haben. Ganz offensichtlich sind diese Extremisten als Rechtfertigung für die brutale Repression der pazifistischen Bewegung eingesetzt worden, inklusive für die sogenannte Durchsuchung der Schule, in der das GSF untergebracht war." meint Abbondanza. (Chieste da Italia dei Valori: Dimissioni per tutti i responsabili, in: Genova. Repubblica.it, 27. 7. 2001, http://www.repubblica.genova.it/archivio/20010727/cronaca/04fixio.html.
Vorher war er bei einer Sinistra dei Cittadini (Linken Bürgerliste) aktiv und
Der Polizeibericht über die Unterwanderung des vagen und uneinheitlichen Phänomens ?black bloc"/Schwarzer Block, das von den italienischen Staats-Zeitungen im allgemeinen als Synonym für die verteufelte radikale Linke verwendet wird, durch faschistische Organisationen wie Forza Nuova und andere ist kein pures Stück polizeilich verdienstvoller Aufklärung, sondern er dient einem konkreten Zweck.
Durch die permanente unmittelbare Aneinanderstellung von Organisationen der radikalen Rechten und der radikalen Linken sollen Lager wie fortschrittlich (links) und reaktionär/repressiv (rechts) relativiert und beliebig durcheinander kompromittiert oder ersetzt werden. Entfaltete Kämpfe auf der linken Seite würden eigentlich das Spiel der Rechten treiben, seien im Grunde rechts, soll damit bedeutet werden. Dadurch wird eine primitive Neugier und geheimnisvolle Deutungslust angestachelt, die, ohne viel von den Dingen zu verstehen, ein jedes Phänomen durch ihr geheimnisvolles Gegenteil entlarven möchte. Die Rechte sei so gefährlich wie die (eo ipso) gefährliche Linke. Präzise begriffliche Abgrenzungen werden durch dieses Vorgehen bewußt nicht bloß aufgelöst, sondern regelrecht kaputtgeschlagen, dadurch soll im Ansatz das Denken selbst verwirrt werden (2).
Der italienische Staatsapparat und seine Desinformations- und Ideologieproduktion hat dieses Spiel in den Siebzigerjahren bis zum Äußersten getrieben, der Fachausdruck dafür lautet ?opposti estremismi": die einander entgegengestellten (und doch - scheinbar - spiegelgleichen) Extreme, ?extremistischen" Positionen sei?s der Rechten, sei?s der Linken, die einander verdächtig verwandt seien. Eine jede radikale Aufstandsorganisation konnte mit dieser Methode sofort mit dem Odium des Faschismus oder der geheimdienstlichen Fremdgesteuertheit diskreditiert werden.
Im Kontext der Erstveröffentlichung des ursprünglich geheimen Polizeiberichts aus Genua im Secolo XIX wird dieses Spiel in klassischer Weise durchexerziert. Unmittelbar nach der Erwähnung von faschistischen Kommandos und ihrer Strategie der Errichtung einer ringförmigen Blockade um die Stadt, die wir am Ende des ersten Teils zitiert haben, heißt es, mit den Worten des Reporters Giovanni Mari, kryptisch und demagogisch:
?Und das ist ja auch passiert."
Und unversehens und unvermittelt gleitet der Bericht in eine Denunziation des linken Bereichs über: ?Die Quästur (das Polizeipräsidium) konnte im anarchistischen centro sociale in Valbisagno (3) (hinter dem Marassi-Stadion) den zentralen Stützpunkt identifizieren, anarchistische Gruppierungen aus Genua und dem Piemont stellten die Logistik für den black bloc zur Verfügung."
Als ob Anarchisten und Faschisten zusammenarbeiten würden! Als ob die Anarchisten die Faschisten logistisch unterstützt hätten!
Ein perfektes, ein perfekt primitives Beispiel für ?opposti estremismi".
So der Polizeireporter des Secolo XIX. Im folgenden Abschnitt des Polizei-Dokuments wird das Wort ?insurrezionalisti" verwendet, ein neuer Schreckausdruck, mit dem seit einiger Zeit radikale ?Aufständische", also Staatsgegner aus dem anarchistischen Bereich bezeichnet werden, eine von der ROS (Politische Task Force der Carabinieri) hochstilisierte Tendenz innerhalb der AnarchistInnen, die als mediale Keule zur Kriminalisierung des anarchistischen Lagers verwendet wird, stellvertretend für das gesamte Lager der radikalen Linken.
In diesem Bericht heißt es: ?Die insurrezionalisti sind dabei, ein Konzept zur Stärkung der Bewegung auszuarbeiten, wobei die Auswirkung ihrer Aktionen auf die öffentliche Meinung einen besonderen Stellenwert erhält."
Ähnliches wurde zuvor über die drei faschistischen Organisationen gesagt und eine von ihnen beabsichtigte Kampagne (1) (im Original: azione di rilancio. ). Rilancio bedeutet wörtlich: Wiedererneuerung, Stärkung, Neupropagierung. Eben dieses Wort rilancio, das im faschistischen Kontext verwendet wurde, taucht nicht ohne Grund wieder bei den insurrezionalisti, also Anarchisten, also Linken auf. Im Original heißt die Wendung Stanno elaborando un rilancio: sind dabei, eine Festigung, Stärkung, oder freier übersetzt: ein Konzept zur Stärkung, sehr frei übersetzt: eine neue Kampagne auszuarbeiten. Das Wort rilancio dient als eine Art linguistische Spange zwischen rechts und links, mit der die unmittelbare Aneinanderreihung der ?Extreme" noch verstärkt werden soll.
Ein wahrhaft kriminelles design - mit sprachlichen Mitteln. Der Bereich, der für Fortschritt und Widerstand steht, soll durch das Odium des dreckigsten Bereichs der Menschheit, des Faschismus, beschmutzt oder verschmutzt werden. Das ist geheimdienstliche Desinformation, wie sie weltweit praktiziert wird, wobei es wohl noch einige Zeit dauernd wird, bis die ?Befehlskette" von den italienischen Geheimdiensten bis hinunter zur Genueser Quästur dokumentiert und erwiesen sein wird.
Unmittelbar nach der Anlehnung des linken Schreckbegriffes ?insurrezionalisti" an die Faschisten fährt der Polizeireporter des Secolo XIX mit folgenden Worten fort:
?In den vergangenen Monaten hat der Bezirksrat Christian Abbondanza (4) die Polizeibehörde auf verdächtige Bewegungen in Valbisagno aufmerksam gemacht. Er beobachtete etwa ein Dutzend Leute, augenscheinlich Ausländer, als sie eben mit Plänen in der Hand sich durch das Stadtviertel San Fruttuso (3) bewegten und sich auch in der Nähe der Banca Nazionale del Lavoro aufhielten, die ja später mit wissenschaftlicher Präzision zerstört wurde - dazu diente offensichtlich ein mehrmals vorgenommener Lokalaugenschein. Der Quästur selbst fiel in den vergangenen Tagen und auch nach dem G-8-Gipfel auf, daß sich in dieser Zone Zeltplätze mit deutschen Anarchisten befanden. (Schwören Sie, guter Giovanni Mari, daß keine Anarcho-Kommunisten darunter waren?) Und nach den Krawallen bezeugen die Genuesen einmütig, daß die Tute Nere in dieses Tal zurückgeflohen seien." Soweit der Polizeireporter Giovanni Mari .
Die Einführung des Wortzaubers Tute Nere ist eine besondere Infamie, denn durch diese Terminologie wird der gesamte Bereich der Linken diffamiert.
In welchem Zusammenhang wurde tuta ursprünglich verwendet? Tuta blú ist ein Synonym für Proletarier, Arbeiter, ?Blaumann", wie es in der Arbeiterbewegung gebraucht wird. In Anlehnung daran wurde von (unter anderem norditalienischen, ehemals marxistischen Autonomen) die Bezeichnung tute bianche geprägt: die weißen, sich ganz am Rande befindlichen, schwer identifizierbaren, nie am selben Platz verweilenden und auch völlig aufgeriebenen Prekären, Arbeitslosen, ungeschützten ArbeiterInnen: ein neues politisches Subjekt. Weiß als Farbe der Nicht-Identifizierbarkeit. (5)
Die polizeilich-geheimdienstliche Infamie aber, wie sie sich in den Zeilen des Herrn Mari niederschlägt, besteht darin, daß er mit seiner Assoziationstechnik zynisch und rücksichtslos ?Forza Nuova", insurrezionalisti, tute blú, bianche und nere in einen Topf wirft.
Tute nere wird allgemein in der rechten Presse sprachlich-atmosphärisch als Synonym für die uns bereits bekannte polizeiliche Begriffsüberhöhung black bloc verwendet (wobei man sich fragt, aus welcher Sprache das stammt: es klingt wie ein Gemeinschaftsprodukt der französischen und britischen Geheimdienste); nero ist aber im Italienischen die Farbe nicht nur der Reaktion, sondern des Faschismus. Internazionale nera wird im Italienischen für ?Faschistische Internationale" gebraucht. Ist schon der Terminus der Paduaner Ex-Außerparlamentarier um Luca Casarini (6) tute bianche etwas suspekt, oder sagen wir, von wenig Überlegung geleitet, da bianco, etwa im Terminus zona bianca, im Italienischen das Synonym für reaktionär-christdemokratisch ist, im Gegensatz etwa zur zona rossa der (ehemalig kommunistischen) Emilia-Romagna oder zu Umbrien (man sieht hier, was für eine Infamie darin liegt, ausgerechnet während imperialistischer Tagungen eingerichtete städtische Sperrgebiete zone rosse zu nennen!), so ist die Verwendung des Ausdrucks tute nere in der mehr als auffälligen Nachbarschaft von Forza Nuova, Fronte Nazionale und Comunità Politica di Avanguardia mehr als hinterhältig und infam. Dadurch wird die alte proletarische Metapher diskriminiert, und Radikale und Anarchisten werden als ?Schwarze" diffamiert. Zu allem Überfluß ist schwarz auch noch die Farbe der Anarchisten. Das Ganze hat etwas Karnevaleskes.
Aber es ist eine begriffliche und wertmäßige Verzerrung eines Wortes, ähnlich der, die mit ?Solidarität" vorgenommen wurde!
Und nun endet der Teil des Polizei-Reportes und wir haben das Vergnügen, wieder ein Stück Genueser Polizeibericht genießen zu können.
?Etwa 500 anarchistische Militante aus England könnten als besonders gewaltbereit eingestuft werden; etwa 100 gewaltbereite Personen aus Berlin sollten in einem Zug von Bonn aus angereist kommen, gegen den Widerstand der Behörden, finanziert von dem anarchistischen Aktivisten ... (es folgt der Name, AuO)." Also offensichtlich ein Bin Laden der Anarchisten. ?Aus Griechenland: zahlreiche Mitglieder von Bewegungen, von denen Gewalt befürwortet wird."
Das letzte, griechische Profil ist etwas schwach.
Aber wie perfekt die konkreten Zahlen, die im folgenden im Zusammenhang mit Linken genannt werden, sofort an die einzigen konkreten Zahlen erinnern, die bisher, und zwar über unterwandernde Rechte, genannt worden waren (man erinnere sich: 4 Gruppen zu je 40 Elementen")! (1)
Hier konkrete Zahlen, dort konkrete Zahlen! Zwei kleine Statistiken, eine über die Rechte, eine über die Linke. Auch durch die Detailliertheit der Zahlen werden die opposti estremismi aneinander gebunden.
Zum Abschluß heißt es nämlich, nachdem noch kurz die unvermeidlichen ?baskischen Extremisten" erwähnt werden, daß in diesem Bericht des Ufficio di Gabinetto (7) des Polizeipräsidiums die jeweilige Herkunft der ?black-bloc"-Elemente aus den einzelnen norditalienischen Provinzen zahlenmäßig genau aufgelistet wird: ?10 aus Aosta, 100 aus Turin, 30 aus Alessandria, 15 aus Asti, 70 aus Cuneo, 25 aus Novara, 3 aus Vercelli, 10 aus Biella, 150 aus Mailand." Detagliatissimo, sagt unser Polizeischriftsteller lobend dazu, genau bis in die kleinsten Einzelheiten.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß kein Leser mehr, ob die Rede von Faschisten oder von Linken ist.
Das ist die Verwirrungstaktik der opposti estremismi.
Die Elaborate der italienischen Polizei sind von einer derartigen Inkohärenz und (bewußt täuschenden) Unsauberkeit, daß sie als Grundlage für Kenntnis und Erkenntnis der Realität nicht geeignet sind.
Eine jegliche Übernahme von Daten aus einem solchen Bereich der italienischen Polizei durch polizeiliche Instanzen anderer europäischer Länder kann nur als unseriös und unsauber bezeichnet werden.
Quelle: Giovanni Mari: Neonazisti infiltrati nel corteo (?Die Demonstrationen wurden von Neonazis unterwandert"), Il Secolo XIX, 26. 7. 2001
Anmerkungen:
(1) Der erste Teil des Artikels findet sich unter: Die Nazis schicken Messerstecher unter die Linken, Aug und Ohr, http://www.de.indymedia.org/2001/08/6222.html.
(2) Eine rechte Organisation, die das Jonglieren und Durcheinanderwirbeln dieser Gegensätze perfekt durchzieht und die Verwirrung des Denkens durch permanente gegenseitige Zuweisung der Extreme zum zentralen Plan und Konzept ihrer Tätigkeiten gemacht hat, ist die sektenähnliche sogenannte ?Initiative Neue Linke". Vgl. hiezu u. a.: El Awadalla: Freunde der Freiheit, http://www.awadalla.at/el/inltext.html
(3) Bezirk von Genua
(4) Einziger Genueser Vertreter der Wahlliste Italia dei Valori (?Italien der Werte") des ehemaligen Mafiaaufdeckers Antonio Di Pietro. Abbondanza fordert den Rücktritt des Genueser Bürgermeisters Pericu, des Genueser Polizeichefs Colucci, des Präfekten Antonio Di Giovine, übrigens auch des Innenministers Scaiola, des Polizeichefs Giovanni Di Gennaro und des Oberkommandierenden der Carabinieri Sergio Siracusa. Darunter macht er´s nicht.
Will er gegen die Folterungen und Überfälle protestieren? Weit gefehlt! Sein Feindbild ist das anarchistische centro sociale Pinelli in Valbisagno (www.ecn.org/csoapinelli). Die politischen Verantwortlichen der Zone hätten die Warnungen des Innenministeriums nicht ernst genommen, denen zufolge die gefährlichsten Aktivisten des anarchistischen Bereichs dem centro sociale Pinelli zuzurechnen seien.
?Dazu kommt noch, daß sämtliche Gewaltaktionen des black bloc ihren Ursprung in Valbisagno haben. Ganz offensichtlich sind diese Extremisten als Rechtfertigung für die brutale Repression der pazifistischen Bewegung eingesetzt worden, inklusive für die sogenannte Durchsuchung der Schule, in der das GSF untergebracht war." meint Abbondanza. (Chieste da Italia dei Valori: Dimissioni per tutti i responsabili, in: Genova. Repubblica.it, 27. 7. 2001, http://www.repubblica.genova.it/archivio/20010727/cronaca/04fixio.html.
Vorher war er bei einer Sinistra dei Cittadini (Linken Bürgerliste) aktiv und hat sogar eine (übernationale) Petition gegen den NATO-Angriff auf Jugoslawien unterschrieben. Wie ambivalent man sein kann als bürgerlicher Politiker!
Der Anarchist Pinelli wurde 1969 von der italienischen Polizei ermordet, nachdem er verdächtigt worden war, der Urheber eines mörderischen faschistischen Anschlags gewesen zu sein.
Die Linksdemokraten hierzulande sind fähig, diesen oder ähnliche Typen wie Abbondanza dem ignoranten Publikum als Vertreter des demokratischen Italien, oder gar des Widerstandes heraufzubringen. Und bei einer Solidaritätsveranstaltung anzudrehen. Wir müssen uns wappnen.
(5) Die Organisationen und die Bewegung, die das hervorgebracht und in ihre Regie gebracht haben, sind ein etwas domestiziertes, zivilgesellschaftliches Spät-Derivat der 68er-Bewegung, die unter anderem mit (für hiesige Verhältnisse allerdings sehr offenen, lebendigen und auch linken) Grünen zusammenarbeiten, der bekannteste unter ihnen ist Beppe Caccia .
(6) Ein junger, noch nicht völlig abgeschworener Joschka Fischer, aber ein sehr interessanter, nicht so primitiv und machistisch wie der junge Fischer; in der derzeitigen Situation gebührt ihm, gegenüber dem Staat, natürlich die völlige Solidarität der Bewegung!
(7) Eine polizeiliche Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit und für den Kontakt mit den (kommunalen) Behörden.
Aug und Ohr, GegeninformationsinitiativeIm ersten Teil wurde (1) aus einem Bericht der genuesischen Polizei berichtet, in dem drei faschistische Organisationen angeführt wurden, die sich in die Linke eingeschlichen hätten. Von ihnen provozierte Attacken auf die Polizei sollten den Linken in die Schuhe geschoben werden. Die Faschisten seien mit Messern ausgerüstet gewesen. Einige Zahlen werden genannt.Die Nazis schicken Messerstecher unter die Linken, 2. Teil
Der Polizeibericht über die Unterwanderung des vagen und uneinheitlichen Phänomens ?black bloc"/Schwarzer Block, das von den italienischen Staats-Zeitungen im allgemeinen als Synonym für die verteufelte radikale Linke verwendet wird, durch faschistische Organisationen wie Forza Nuova und andere ist kein pures Stück polizeilich verdienstvoller Aufklärung, sondern er dient einem konkreten Zweck.
Durch die permanente unmittelbare Aneinanderstellung von Organisationen der radikalen Rechten und der radikalen Linken sollen Lager wie fortschrittlich (links) und reaktionär/repressiv (rechts) relativiert und beliebig durcheinander kompromittiert oder ersetzt werden. Entfaltete Kämpfe auf der linken Seite würden eigentlich das Spiel der Rechten treiben, seien im Grunde rechts, soll damit bedeutet werden. Dadurch wird eine primitive Neugier und geheimnisvolle Deutungslust angestachelt, die, ohne viel von den Dingen zu verstehen, ein jedes Phänomen durch ihr geheimnisvolles Gegenteil entlarven möchte. Die Rechte sei so gefährlich wie die (eo ipso) gefährliche Linke. Präzise begriffliche Abgrenzungen werden durch dieses Vorgehen bewußt nicht bloß aufgelöst, sondern regelrecht kaputtgeschlagen, dadurch soll im Ansatz das Denken selbst verwirrt werden (2).
Der italienische Staatsapparat und seine Desinformations- und Ideologieproduktion hat dieses Spiel in den Siebzigerjahren bis zum Äußersten getrieben, der Fachausdruck dafür lautet ?opposti estremismi": die einander entgegengestellten (und doch - scheinbar - spiegelgleichen) Extreme, ?extremistischen" Positionen sei?s der Rechten, sei?s der Linken, die einander verdächtig verwandt seien. Eine jede radikale Aufstandsorganisation konnte mit dieser Methode sofort mit dem Odium des Faschismus oder der geheimdienstlichen Fremdgesteuertheit diskreditiert werden.
Im Kontext der Erstveröffentlichung des ursprünglich geheimen Polizeiberichts aus Genua im Secolo XIX wird dieses Spiel in klassischer Weise durchexerziert. Unmittelbar nach der Erwähnung von faschistischen Kommandos und ihrer Strategie der Errichtung einer ringförmigen Blockade um die Stadt, die wir am Ende des ersten Teils zitiert haben, heißt es, mit den Worten des Reporters Giovanni Mari, kryptisch und demagogisch:
?Und das ist ja auch passiert."
Und unversehens und unvermittelt gleitet der Bericht in eine Denunziation des linken Bereichs über: ?Die Quästur (das Polizeipräsidium) konnte im anarchistischen centro sociale in Valbisagno (3) (hinter dem Marassi-Stadion) den zentralen Stützpunkt identifizieren, anarchistische Gruppierungen aus Genua und dem Piemont stellten die Logistik für den black bloc zur Verfügung."
Als ob Anarchisten und Faschisten zusammenarbeiten würden! Als ob die Anarchisten die Faschisten logistisch unterstützt hätten!
Ein perfektes, ein perfekt primitives Beispiel für ?opposti estremismi".
So der Polizeireporter des Secolo XIX. Im folgenden Abschnitt des Polizei-Dokuments wird das Wort ?insurrezionalisti" verwendet, ein neuer Schreckausdruck, mit dem seit einiger Zeit radikale ?Aufständische", also Staatsgegner aus dem anarchistischen Bereich bezeichnet werden, eine von der ROS (Politische Task Force der Carabinieri) hochstilisierte Tendenz innerhalb der AnarchistInnen, die als mediale Keule zur Kriminalisierung des anarchistischen Lagers verwendet wird, stellvertretend für das gesamte Lager der radikalen Linken.
In diesem Bericht heißt es: ?Die insurrezionalisti sind dabei, ein Konzept zur Stärkung der Bewegung auszuarbeiten, wobei die Auswirkung ihrer Aktionen auf die öffentliche Meinung einen besonderen Stellenwert erhält."
Ähnliches wurde zuvor über die drei faschistischen Organisationen gesagt und eine von ihnen beabsichtigte Kampagne (1) (im Original: azione di rilancio. ). Rilancio bedeutet wörtlich: Wiedererneuerung, Stärkung, Neupropagierung. Eben dieses Wort rilancio, das im faschistischen Kontext verwendet wurde, taucht nicht ohne Grund wieder bei den insurrezionalisti, also Anarchisten, also Linken auf. Im Original heißt die Wendung Stanno elaborando un rilancio: sind dabei, eine Festigung, Stärkung, oder freier übersetzt: ein Konzept zur Stärkung, sehr frei übersetzt: eine neue Kampagne auszuarbeiten. Das Wort rilancio dient als eine Art linguistische Spange zwischen rechts und links, mit der die unmittelbare Aneinanderreihung der ?Extreme" noch verstärkt werden soll.
Ein wahrhaft kriminelles design - mit sprachlichen Mitteln. Der Bereich, der für Fortschritt und Widerstand steht, soll durch das Odium des dreckigsten Bereichs der Menschheit, des Faschismus, beschmutzt oder verschmutzt werden. Das ist geheimdienstliche Desinformation, wie sie weltweit praktiziert wird, wobei es wohl noch einige Zeit dauernd wird, bis die ?Befehlskette" von den italienischen Geheimdiensten bis hinunter zur Genueser Quästur dokumentiert und erwiesen sein wird.
Unmittelbar nach der Anlehnung des linken Schreckbegriffes ?insurrezionalisti" an die Faschisten fährt der Polizeireporter des Secolo XIX mit folgenden Worten fort:
?In den vergangenen Monaten hat der Bezirksrat Christian Abbondanza (4) die Polizeibehörde auf verdächtige Bewegungen in Valbisagno aufmerksam gemacht. Er beobachtete etwa ein Dutzend Leute, augenscheinlich Ausländer, als sie eben mit Plänen in der Hand sich durch das Stadtviertel San Fruttuso (3) bewegten und sich auch in der Nähe der Banca Nazionale del Lavoro aufhielten, die ja später mit wissenschaftlicher Präzision zerstört wurde - dazu diente offensichtlich ein mehrmals vorgenommener Lokalaugenschein. Der Quästur selbst fiel in den vergangenen Tagen und auch nach dem G-8-Gipfel auf, daß sich in dieser Zone Zeltplätze mit deutschen Anarchisten befanden. (Schwören Sie, guter Giovanni Mari, daß keine Anarcho-Kommunisten darunter waren?) Und nach den Krawallen bezeugen die Genuesen einmütig, daß die Tute Nere in dieses Tal zurückgeflohen seien." Soweit der Polizeireporter Giovanni Mari .
Die Einführung des Wortzaubers Tute Nere ist eine besondere Infamie, denn durch diese Terminologie wird der gesamte Bereich der Linken diffamiert.
In welchem Zusammenhang wurde tuta ursprünglich verwendet? Tuta blú ist ein Synonym für Proletarier, Arbeiter, ?Blaumann", wie es in der Arbeiterbewegung gebraucht wird. In Anlehnung daran wurde von (unter anderem norditalienischen, ehemals marxistischen Autonomen) die Bezeichnung tute bianche geprägt: die weißen, sich ganz am Rande befindlichen, schwer identifizierbaren, nie am selben Platz verweilenden und auch völlig aufgeriebenen Prekären, Arbeitslosen, ungeschützten ArbeiterInnen: ein neues politisches Subjekt. Weiß als Farbe der Nicht-Identifizierbarkeit. (5)
Die polizeilich-geheimdienstliche Infamie aber, wie sie sich in den Zeilen des Herrn Mari niederschlägt, besteht darin, daß er mit seiner Assoziationstechnik zynisch und rücksichtslos ?Forza Nuova", insurrezionalisti, tute blú, bianche und nere in einen Topf wirft.
Tute nere wird allgemein in der rechten Presse sprachlich-atmosphärisch als Synonym für die uns bereits bekannte polizeiliche Begriffsüberhöhung black bloc verwendet (wobei man sich fragt, aus welcher Sprache das stammt: es klingt wie ein Gemeinschaftsprodukt der französischen und britischen Geheimdienste); nero ist aber im Italienischen die Farbe nicht nur der Reaktion, sondern des Faschismus. Internazionale nera wird im Italienischen für ?Faschistische Internationale" gebraucht. Ist schon der Terminus der Paduaner Ex-Außerparlamentarier um Luca Casarini (6) tute bianche etwas suspekt, oder sagen wir, von wenig Überlegung geleitet, da bianco, etwa im Terminus zona bianca, im Italienischen das Synonym für reaktionär-christdemokratisch ist, im Gegensatz etwa zur zona rossa der (ehemalig kommunistischen) Emilia-Romagna oder zu Umbrien (man sieht hier, was für eine Infamie darin liegt, ausgerechnet während imperialistischer Tagungen eingerichtete städtische Sperrgebiete zone rosse zu nennen!), so ist die Verwendung des Ausdrucks tute nere in der mehr als auffälligen Nachbarschaft von Forza Nuova, Fronte Nazionale und Comunità Politica di Avanguardia mehr als hinterhältig und infam. Dadurch wird die alte proletarische Metapher diskriminiert, und Radikale und Anarchisten werden als ?Schwarze" diffamiert. Zu allem Überfluß ist schwarz auch noch die Farbe der Anarchisten. Das Ganze hat etwas Karnevaleskes.
Aber es ist eine begriffliche und wertmäßige Verzerrung eines Wortes, ähnlich der, die mit ?Solidarität" vorgenommen wurde!
Und nun endet der Teil des Polizei-Reportes und wir haben das Vergnügen, wieder ein Stück Genueser Polizeibericht genießen zu können.
?Etwa 500 anarchistische Militante aus England könnten als besonders gewaltbereit eingestuft werden; etwa 100 gewaltbereite Personen aus Berlin sollten in einem Zug von Bonn aus angereist kommen, gegen den Widerstand der Behörden, finanziert von dem anarchistischen Aktivisten ... (es folgt der Name, AuO)." Also offensichtlich ein Bin Laden der Anarchisten. ?Aus Griechenland: zahlreiche Mitglieder von Bewegungen, von denen Gewalt befürwortet wird."
Das letzte, griechische Profil ist etwas schwach.
Aber wie perfekt die konkreten Zahlen, die im folgenden im Zusammenhang mit Linken genannt werden, sofort an die einzigen konkreten Zahlen erinnern, die bisher, und zwar über unterwandernde Rechte, genannt worden waren (man erinnere sich: 4 Gruppen zu je 40 Elementen")! (1)
Hier konkrete Zahlen, dort konkrete Zahlen! Zwei kleine Statistiken, eine über die Rechte, eine über die Linke. Auch durch die Detailliertheit der Zahlen werden die opposti estremismi aneinander gebunden.
Zum Abschluß heißt es nämlich, nachdem noch kurz die unvermeidlichen ?baskischen Extremisten" erwähnt werden, daß in diesem Bericht des Ufficio di Gabinetto (7) des Polizeipräsidiums die jeweilige Herkunft der ?black-bloc"-Elemente aus den einzelnen norditalienischen Provinzen zahlenmäßig genau aufgelistet wird: ?10 aus Aosta, 100 aus Turin, 30 aus Alessandria, 15 aus Asti, 70 aus Cuneo, 25 aus Novara, 3 aus Vercelli, 10 aus Biella, 150 aus Mailand." Detagliatissimo, sagt unser Polizeischriftsteller lobend dazu, genau bis in die kleinsten Einzelheiten.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß kein Leser mehr, ob die Rede von Faschisten oder von Linken ist.
Das ist die Verwirrungstaktik der opposti estremismi.
Die Elaborate der italienischen Polizei sind von einer derartigen Inkohärenz und (bewußt täuschenden) Unsauberkeit, daß sie als Grundlage für Kenntnis und Erkenntnis der Realität nicht geeignet sind.
Eine jegliche Übernahme von Daten aus einem solchen Bereich der italienischen Polizei durch polizeiliche Instanzen anderer europäischer Länder kann nur als unseriös und unsauber bezeichnet werden.
Quelle: Giovanni Mari: Neonazisti infiltrati nel corteo (?Die Demonstrationen wurden von Neonazis unterwandert"), Il Secolo XIX, 26. 7. 2001
Anmerkungen:
(1) Der erste Teil des Artikels findet sich unter: Die Nazis schicken Messerstecher unter die Linken, Aug und Ohr, http://www.de.indymedia.org/2001/08/6222.html.
(2) Eine rechte Organisation, die das Jonglieren und Durcheinanderwirbeln dieser Gegensätze perfekt durchzieht und die Verwirrung des Denkens durch permanente gegenseitige Zuweisung der Extreme zum zentralen Plan und Konzept ihrer Tätigkeiten gemacht hat, ist die sektenähnliche sogenannte ?Initiative Neue Linke". Vgl. hiezu u. a.: El Awadalla: Freunde der Freiheit, http://www.awadalla.at/el/inltext.html
(3) Bezirk von Genua
(4) Einziger Genueser Vertreter der Wahlliste Italia dei Valori (?Italien der Werte") des ehemaligen Mafiaaufdeckers Antonio Di Pietro. Abbondanza fordert den Rücktritt des Genueser Bürgermeisters Pericu, des Genueser Polizeichefs Colucci, des Präfekten Antonio Di Giovine, übrigens auch des Innenministers Scaiola, des Polizeichefs Giovanni Di Gennaro und des Oberkommandierenden der Carabinieri Sergio Siracusa. Darunter macht er´s nicht.
Will er gegen die Folterungen und Überfälle protestieren? Weit gefehlt! Sein Feindbild ist das anarchistische centro sociale Pinelli in Valbisagno (www.ecn.org/csoapinelli). Die politischen Verantwortlichen der Zone hätten die Warnungen des Innenministeriums nicht ernst genommen, denen zufolge die gefährlichsten Aktivisten des anarchistischen Bereichs dem centro sociale Pinelli zuzurechnen seien.
?Dazu kommt noch, daß sämtliche Gewaltaktionen des black bloc ihren Ursprung in Valbisagno haben. Ganz offensichtlich sind diese Extremisten als Rechtfertigung für die brutale Repression der pazifistischen Bewegung eingesetzt worden, inklusive für die sogenannte Durchsuchung der Schule, in der das GSF untergebracht war." meint Abbondanza. (Chieste da Italia dei Valori: Dimissioni per tutti i responsabili, in: Genova. Repubblica.it, 27. 7. 2001, http://www.repubblica.genova.it/archivio/20010727/cronaca/04fixio.html.
Vorher war er bei einer Sinistra dei Cittadini (Linken Bürgerliste) aktiv und
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(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
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Ergänzungen
rinks & lechts
der GLEICHEN Medaille, kurz, sie
bedingen einander.Ist doch klasse,es
steht immer ein Feindbild parat, damit
ist garantiert das man immer der GUTE ist.
Lieber Julius
in gewisser weise...
Es bedarf immer einer fortschrittlichen, revolutionären kraft (im allgemeinen linke genannt), die dich der reaktionären oder systemerhaltenden kraft (im allgemeinen rechte genannt) entgegen stellt und so die weitere entwicklung der menschheit voran bringt. was es wirklich nicht braucht, ist eine mitte (hier wendehälse genannt), die sich - egal ob reaktion oder fortschritt oberhand gewinnt - auf die seite des siegers stellt.
hoffe ich nur, dass julius nicht zuviele knoten im hals hat...
Weitere Entwicklung der Menschheit
Diskussionen fortsetzen
Natürlich passiert es, daß die "uns" was in
die Schuhe schieben wollen.....
Hinweis und Anfrage
Ich kann die beiden Teile ja noch einmal
zusammenstoppeln, dazu brauch ich aber die Mitarbeit
der supports von indymedia. Zum ersten, um zu wissen, wie man die lästigen Fragezeichen, die statt des Anführungszeichens auftauchen, weggkriegt, und dann
auch warum immer verschiedene Schrifttypen auftauchen,
und schließlich auch, warum der Text zwei mal erscheint, obwohl er nur ein mal gepostet wurde. Trotz zahlreicher Anfragen wegen dieser und anderer Schwierigkeiten
bekamen wir von den technicschen Beratern von indy.de
keine Antwort. War´s Echelon?