Wo steht der Feind? Neues von der Moralfront

M. Hammerschmitt 14.09.2001 12:50 Themen: Weltweit
Über die anwachsende Hysterie und Heuchelei des christlichen Abendlands
Wer gestern noch geglaubt hatte, daß der Mount Everest der Verlogenheit von den Edmund Hilarys und Tenzing Norgays aus Politik und Gesellschaft endgültig bezwungen sei, sieht sich heute getäuscht. Es ist ja ein gemeinsames Kennzeichen unserer interessanten Zeiten, daß es immer noch schlimmer geht, aber der Medienterror, der jetzt auf uns hereinprasselt, sprengt alle Dimensionen. Vorgestern wurden wir mit Bildern von einstürzenden Hochhäusern bombardiert, seit gestern ist das Thema nur noch der Teufel, der dafür verantwortlich sein
soll: bin Laden, bin Laden, bin Laden. Während aus den USA schon Angriffe auf Moscheen gemeldet werden, ist man hierzulande noch einen Schritt zurück und begnügt sich noch mit anonymen Morddrohungen an muslimische Gemeinschaften. Das ganze Geschehen hat den Charakter einer Massenpsychose: Während die veranstaltete Trauer, die nichts mehr mit der Äußerung von Gefühlsregungen zu tun hat, epidemische Ausmaße erreicht, predigen uns die Priester der Medienkultur, daß wahlweise das Abendland, die Freiheit, der Weltfrieden und alles was gut und recht ist unter Feuer steht, und daß die Rechtschaffenen jetzt handeln müssen. Der Feind ist gleichzeitig vage und klar umrissen, er hat ein Gesicht bekommen, aber er ist nirgends und überall, während man ihn bestrafen wird, wie nie jemand bestraft worden ist, weiß man jetzt schon, daß er überall die Saat des Verderbens bereits gesäht hat, und deswegen bis in alle Ewigkeit verfolgt und bekämpft werden muß: der Islam. Nicht nur wird die Tatsache geleugnet, daß man den bewaffneten Islamismus konstant und bis heute andauernd mit Waffen, Geld, Logistik und ideologischer Schützenhilfe da unterstützt, wo es einem geopolitisch sinnvoll erscheint. In einem Akt akuter politischer Schizophrenie hat der US-Außenminister Powell angekündigt, daß jetzt ausgerechnet Pakistan zur Basis des erwarteten Rachefeldzug gegen
Afghanistan gemacht werden soll, also genau jenes Land, dessen Geheimdienst mithilfe der CIA die Taliban überhaupt erst geschaffen hat. Die sich herauskristallisierende Mega-Propagandalüge dieses Konflikts besteht in der Behauptung, daß allein der Islam religiösen Fanatismus vorzuweisen hat. Dies, während man sich bereits in den öffentlich rechtlichen Medien Kommentare anhören muß, die wie die Aufrufe eines alttestamentarischen Eiferers zum heiligen Krieg klingen: "Nicht nur in der Stunde der Trauer, sondern auch in der Stunde des Zorns wird Deutschland fest an der Seite Amerikas stehen". Tapfer gesprochen, oh ihr Propheten von "Tagesschau" und "Heute". Mit einem Mal steht durch einen Anschlag auf das größte Geschäftshochhaus der Welt ausgerechnet das christliche Abendland von allen Sünden gereinigt vor der Geschichte da. Daß bin Laden tatsächlich mittelbar oder unmittelbar in die Anschläge verwickelt sein kann, spielt dabei überhaupt keine Rolle mehr. Er, das ursprüngliche Böse, das voraussetzungslos vom Himmel gefallene Weltübel, das "uns" in all unserer Unschuld vollkommen unvorbereitet getroffen hat, ist die ideale Projektionsfigur für die Schattenseiten, die das rein gute, demokratische, friedliebende christliche Abendland und die allerchristlichste Neue Welt in einem kollektiven Seufzer der Erleichterung von ihren Schultern abwerfen: Seht, wie böse die da sind. Die Kreuzzüge haben nie stattgefunden. 500 Jahre Mord, Terror und Ausbeutung in Südamerika im Namen erst des Christentums und dann der westlichen Demokratie: vergessen. Die stabilen christlich-muslimischen Allianzen bei der Zerschlagung Jugoslawiens: Schnee von gestern. Die UCK: kennen wir nicht. Opus dei: gibt's nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Machenschaften der Vatikanbank, der kein Geschäft zu dreckig ist: nie gehört. Halbwegs rationale Stimmen, die wenigstens den brüllend deutlichen Zusammenhang zwischen westlicher Politik und totaler Verzweiflung im Rest der Welt ausdrücken, gehen unter in einem blökenden Chor politisch orchestrierter Pseudobetroffenheit und atavistischer Rachegefühle, die im Nadelstreifenanzug auch noch wie das besonnene Maßnehmen des ehrlichen Maklers daherkommen.

Die simple Tatsache, daß alle großen Religionen zu jedem Zeitpunkt ihrer Geschichte militante Bewegungen kannten, die religiösen Eifer unmittelbar in politische Macht umzumünzen versuchten, wird schlicht und ergreifend geleugnet. Aber eine historische Begebenheit wirft ein deutlicheres Licht auf unsere Tage als alle andere: Die Geschichte der Assassinen. Die Assassinen waren eine radikalislamische Terrororganisation, gegründet von Hasan I Sabah (aka "Alter vom Berge", aka Scheich al-Djebel), die zur Zeit der Kreuzzüge Mordanschläge auf alle verübten, die ihnen nicht passten. Unter Haschischeinfluß wurde den Kämpfern vorgemacht, sie würden nach dem Tod im heiligen Krieg sofort ins Paradies eingehen, mit allen nur erdenklichen Annehmlichkeiten,die man sich vorstellen konnte. Die Grausamkeit dieser Leute wurde so berühmt, daß "Mörder" auf englisch bzw. französisch bis heute "assassin" heißt. Allein das ist bedeutsam, weil natürlich niemand auf die Idee kommt, die Grausamkeit der christlichen Kreuzritter zur ethymologhischen Grundlage des Begriffs "Mörder" zu machen, und wenn die islamische Welt das täte, wäre man hier baß erstaunt über soviel Fanatismus. Noch viel interessanter aber ist, was Hasan I Sabah auf dem Sterbebett gesagt haben soll: "Alles ist erlaubt." Und dieses nihilistische Credo ist das wahre Credo aller religiösen Fanatiker, ob sie nun Schlips und Kragen oder Umhang und Turban tragen.

Grüße,

M. Hammerschmitt

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Ergänzungen

lieber marcus

seltsAm 14.09.2001 - 14:58
eine berichtigung zu den assassinen: sie haben in erster linie (übersetzt in den heutigen sprachgebrauch) politiker und militärs hingerichtet, um kriege zu verhindern und in erster linie angriffe auf sich selbst zu verhindern. jemand hat das mal formuliert als ´der weisheit alternative zu krieg´.

Sehr guter Beitrag

Nihil 14.09.2001 - 20:22
Aber du hast den Kern nicht getroffen. Keiner hat ein Recht, Menschen zu vernichten (regieren). Warum glaubst du, dass es dieses gibt? Kaum ein Allah-Anhänger will etwas mit diesen Menschenfeinden (Taleban) zu tun haben. Ich wette, 90% der afghanischen Bevölkerung hassen die Taliban. Und ich hoffe die USA wissen das auch, bevor sie sinnlos eine Bevölkerung bombardieren. Es gilt, den Terrorismus zu besiegen. Geht zwar nicht, aber eindämmen. Diesen Hass, der z. B. unter Kaplan in Köln verbreitet wurde, ist für jeden Islami, den ich kenne, ebenso unerträglich, wie für uns.
PS: Ich bin Atheist

Buenaventura 15.09.2001 - 05:06
wollte nur mal sagen, heute meinte der Busch, man muesse losziehen um das Boese in der Welt zu vernichten. es ist echt unfassbar.

Leider Falsch

Hass 15.09.2001 - 12:41
Deine angegliche Erkenntnis:

Die simple Tatsache, daß alle großen Religionen zu jedem Zeitpunkt ihrer Geschichte militante Bewegungen kannten, die religiösen Eifer unmittelbar in politische Macht umzumünzen versuchten, wird schlicht und ergreifend geleugnet.

Trifft aber nicht auf alle Weltreligionen zu. Du wirst beispielsweise in 3000 Buddismus keine einzige Situation dafuer finden wo er Kriege unterstuetzt hat. Und auch im Konfuziusschen Teil (z.B. Japan) waren das alles nicht religioese Kriege von Landesherren bzw. Koenigen (in konfuzistisch/buddistischen Japen ist der Koenig nicht wie in anderen Buddistischen Laendern auch gleich religioeses Oberhaupt).

Un mit 800 Mio. Glaeubigen handelt es sich hier glaube ich schon um eine Weltreligion. Also auch hier etwas genauer formulieren bitte.