History repeats itself? Die Gladiotoren
History repeats itself?
Über die aktuellen Anschläge in Genua und Venedig herrscht nach wie vor völlige Unklarheit. Wir sollten uns davor hüten, uns hier auf Spekulationen einzulassen und uns an die Fakten halten.Dennoch scheint es wichtig festzustellen, daß durchaus auch andere als die offiziell gehandelten Hintergründe möglich sind.
Über die aktuellen Anschläge in Genua und Venedig herrscht nach wie vor völlige Unklarheit. Wir sollten uns davor hüten, uns hier auf Spekulationen einzulassen und uns an die Fakten halten.Dennoch scheint es wichtig festzustellen, daß durchaus auch andere als die offiziell gehandelten Hintergründe möglich sind.
Das es ausgerechnet in Italien vor und auch nach den Anti - G8 - Protesten zu dubiosen Sprengstoffanschlägen kam, ist schon ein starkes Stück. Der Einsatz von Bombenanschlägen und politischem Mord zur Eliminierung unliebsamer Personen und/oder Diskreditierung linker Strömungen und Bewegungen hat Tradition der jüngeren italienischen Geschichte. Wenn in Italien Hunderttausende (im Vergleich zu z,B. nur einigen Tausend in der BRD) auf die Strassen gehen, um gegen den tödlichen Polizeiterror von Genua zu protestieren, läßt sich das vor allem vor dem Hintergrund eben dieser Geschichte erklären.
Es gibt wohl kaum ein europäisches Land, das derart oft und intensiv von Korruptionsskandalen geschüttelt und von dubiosen Verschwörungen und Geheimbünden überzogen war wie Italien. Insbesondere das Zusammenwirken von VertreterInnen aus Politik und Wirtschaft mit Geheimdiensten und -äußerst wichtig- der katholischen Kirche machen die Brisanz der "italienischen Verhältnisse" aus. Insbesondere der Antikommunismus (der sich freilich nicht nur auf KommunistInnen beschränkt sondern auch auf andere linke Ansätze abzielt) ist das Bindeglied zwischen den verschiedenen Interessengruppen.
Ratlines
Welche zentrale Rolle der Antikommunismus für den Vatikan spielte, zeigte sich sofort nach dem 2.Weltkrieg. Neben dem von Mussolini-Befreier Skorzeny von Madrid aus organisierten SS-Hilfswerk ODESSA, das Naziverbrecher vor allem über Bari ausschleuste, war das Kloster del Annima im Vatikan unter Alois Hudal die wichtigste Anlaufstelle für flüchtende SS-Täter. Hier wurden Pässe und Unterbringung sowie Schiffspassagen organisiert. Den Weg über diese sogenannte Vatikan Linie gingen unter anderem Auschwitz - "Arzt" Mengele,Treblinka-Kommandant Stangl sowie Alois Brunner, die rechte Hand Eichmanns bei der Organisation von Judendeportationen. Eine spätere Schlüsselfigur der italienischen Rechten gelangte ebenfalls auf diesem Weg nach Argentinien: Der zum Tode verurteilte SS-Obersturmführer Licio Gelli, später Gründer und Chef der P2.
Zu den Motiven des Vatikans bemerkte der damals zur Untersuchung eingesetzte Secret Service Agent La Vista in seinem Bericht, der erst in den 80er Jahren öffentlich gemacht wurde: "Der Vatikan ist die größte Organisation, die an der illegalen Ausschleusung von Emigranten beteiligt ist. Der Vatikan begründet seine Beteiligung mit seinem Wunsch, nicht nur europäische, sondern auch lateinamerikanische Länder mit Menschen, unabhängig von ihrer politischen Einstellung, zu infiltrieren, wenn sie nur antikommunistisch und prokatholisch sind."
Angesichts dieser Einschätzung lag es für die CIA nahe, im Vatikan einen Verbündeten im beginnenden Kalten Krieg zu suchen. Die politischen Verhältnisse in Frankreich und vor allem Italien veranlassten die USA, den sogenannten Plan Demagnetize in Kraft zu setzen. Dies schien besonders dringlich, da sich in Italien 1948 ein Wahlsieg der KP abzeichnete.
Anliegen von "Demagnetize" war es, ItalienerInnen wie FranzösInnen vom Kommunismus zu "entmagnetisieren": "Das letzte Ziel des Planes ist es, die Kräfte der kommunistischen Parteien zu reduzieren, ihre materiellen Ressourcen, ihren Einfluß auf die italienischen und französischen Regierungen und im besonderen auf die Gewerkschaften, um die Gefahr so weit wie möglich zu reduzieren, daß sich der Kommunismus nach Italien und Frankreich verpflanzen kann und die Interessen der USA in den beiden Staaten schädigt. Die Einschränkung der Macht des Kommunismus in Italien und Frankreich ist ein prioritäres Ziel und muß mit jedem Mittel erreicht werden. Vom Plan Demagnetize dürfen die italienischen und französischen Regierungen nicht in Kenntnis gesetzt werden, da es klar ist, daß der Plan die jeweilige nationale Souveränität verletzt." (Zitiert nach der Parlamentarischen Untersuchungskommission über die Blutbäder, 20.6.1991.)
Der Plan ging auf: Durch massive finanzielle und logistische Hilfe des CIA, die vornehmlich über vatikanische Kreise ins Land geschleust wurde, gelangte die von ihr unterstützte DC (Christdemokratische Partei) an die Macht.
Einzug der Gladiotoren
Bereits zu jener Zeit enststanden die Pläne zur Schaffung der NATO-Geheimstruktur "stay behind", die auf den Dokumenten NSC 10-2 bzw. 68-48 des Nationalen Sicherheitsrates der USA von 1948 basiert. Der CIA wurde erlaubt illegale, geheime Aktionen und Operationen, covert operations genannt, aller Art durchführen, sie waren politisch und gesetzlich in den USA abgesegnet. Schon 1952 waren von den rund 3.000 CIA Angestellten zwei Drittel für covert operations zuständig und verschlangen drei Viertel des Budgets von 200 Millionen Dollar.
Im den streng geheimen Dokumenten sind erstmals die Aufgaben nordamerikanischer Geheimagenten definiert, die weltweit in sogenannten special projects arbeiten: "Propaganda, Wirtschaftskrieg, vorbeugende Direktmaßnahmen, einschließlich Sabotage, Anti-Sabotage, Zerstörung, Evakuierungsmaßnahmen." Desweiteren geht es um "Subversion in feindlichen Staaten, einschließlich Unterstützung für im Untergrund operierende Widerstandsbewegungen. Guerillakräfte und Gefangenenbefreiungskommandos, sowie Unterstützung einheimischer antikommunistischer Kräfte in bedrohten Ländern der westlichen Welt."
1954 wurde die Direktive modifiziert. Die Anordnung NSC 5411-2 sieht für Gebiete, die vom "internationalen Kommunismus dominiert und bedroht sind" vor, "Widerstand im Untergrund zu entwickeln und verdeckte sowie Guerilla-Operationen zu erleichtern; die Verfügbarkeit dieser Kräfte im Kriegsfalle sicherzustellen; wo immer möglich unter Einschluß von Vorkehrungen aller Art, die dem Militär die Ausbreitung dieser Kräfte in Kriegszeiten innerhalb aktueller Operationsgebiete gestattet."
Das Netzwerk dehnte sich bald unter der Leitung der jeweiligen Geheimdienste auf ganz Westeuropa aus. Die Zusammenarbeit mit SHAPE, oberstes militärisches Hauptquartier der NATO-Streitkräfte in Europa, band die nationalen "stay behind"-Gruppen in Übungen ein und betreute sie fachlich. Stay-behind-Truppen sollten sich im Falle einer Invasion durch die Warschauer Pakt-Staaten überrollen lassen und dann eine Partisanenorganisation aufbauen, die von den NATO-Staaten logistisch versorgt werden sollte.
Die Befugnisse der Geheimdienste wurden ständig erweitert. Das Dokument, das mehr als jedes andere die Mechanismen der geheimen Eingriffe und verdeckten Operationen deutlich werden läßt, ist unter dem Namen Field Manual (FM) 30 - 31 bekannt geworden. Es entstand 1970 im US-amerikanischen Generalstab unter General Westmoreland. Die Field Manuals sind Broschüren, die für die Offiziere und die Büros der 'Intelligence' des Heeres bestimmt sind. Die Nummern weisen auf das Interessengebiet der Dokumente hin. Die Nummer 30 ist für die militärischen Geheimdienste bestimmt, die Nummer 31 behandelt 'Sonderoperationen'.
Das Handbuch enthält Direktiven für den Fall, daß in einem befreundeten Land die Möglichkeit einer politischen Umwälzung zugunsten kommunistischer Kräfte besteht, wobei es keine Rolle spielt, ob legal durch Wahlen oder etwa durch Bürgerkrieg. Im FM werden Direktiven für verschiedenartigste Operationen gegeben. Im 4. Kapitel z.B. heißt es: "Es kann geschehen, daß die Regierungen des befreundeten Landes angesichts der kommunistischen oder von den Kommunisten inspirierten Subversion Passivität oder Unentschlossenheit zeigen, daß sie nicht mit angemessener Kraft auf die Berechnungen der Geheimdienste reagieren, die durch Organisationen der USA weitergegeben werden (...). In diesen Fällen müssen die Geheimdienste der US-Armee die Mittel vorbereiten, um Sonderoperationen durchzuführen, die die Regierung und die Öffentlichkeit des befreundeten Landes überzeugen können, daß die Gefahr real und daß es notwendig ist, Antwortaktionen durchzuführen."
Die italienische Stay-behind-Truppe, nach dem römischen Kurzschwert Gladio benannt, legte ab 1959 geheime Waffenlager an. Es gab Pläne, in Sardinien Internierungslager für linke Oppositionelle einzurichten. Überhaupt erwies sich die italienische Organisation als besonders umtriebig. Bereits ihrem ersten Chef, General de Lorenzo konnte nachgewiesen werden, 1964 einen als "Piano Solo" bezeichneten rechten Putschplan entwickelt zu haben.
Gladio wurde zunehmend von Rechten und Faschisten dominiert. Der italienische Faschismus konnte sich nach 1945 dank der antikommunstischen Interessengleichheit mit den USA, besonders ihres Geheimdienstes CIA sowie des Pentagon und später der NATO sowie des Vatikans über seine Niederlage weitgehend intakt hinwegretten und den veränderten Bedingungen anpassen. Nachdem sich die alten Mussolinifaschisten bereits im August 1945 in der Sammlungsbewegung "Jedermann" (Uomo Qualunque) wieder organisiert hatten, konnten sie sich schon im Dezember 1946 in der MSI als Partei formieren und danach zahlreiche Teilorganisationen aufbauen.
Increasing The Tension
1972 flog GLADIO im Zuge eines Verfahrens gegen einen neofaschistischen Attentäter auf. Der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson ordnete die Öffnung der geheimen Waffenlager an. Im Verlaufe weiterer Ermittlungen stellte sich heraus, daß GLADIO-Waffen bei verschiedenen Anschlägen, die zum Teil der Linken zugeschoben wurden, verwendet worden waren.
Im Verlauf der Jahre kamen dazu zahlreiche Details ans Licht der Öffentlichkeit. So gestand ein Neofaschist, von Gladio Ende 1971 Sprengstoff erhalten zu haben. Mit diesem ermordete er drei Polizisten - das sogenannte "Attentat von Peteano", welches den Untersuchungsrichter Felice Casson auf die Spur von Gladio brachte.
Das Attentat war Bestandteil der sogenannten "Strategie der Spannung", die das wegen des Anschlags verurteilte "Ordine Nuovo"-Mitglied Vincenzo Vinciguerra folgendermassen charakterisierte: "Die Rechten stellen sich selbst in den Dienst des Staatsapparates, in dem sie eine Strategie unterstützen, die man als Strategie der Spannung bezeichnet. Dreißig Jahre lang bis in die achtziger Jahre wurde die Bevölkerung absichtlich in Unruhe und Angst vor einem Ausnahmezustand gehalten. Bis sie bereit war, einen Teil ihrer persönlichen Rechte im Austausch für größere Sicherheit aufzugeben, für die alltägliche Sicherheit, die Straße entlang zu gehen, mit der Bahn oder dem Flugzeug zu reisen, in eine Bank zu gehen. Die Menschen in diese Haltung zu zwingen, das ist die Logik, die hinter den Verbrechen steckt. Und da der Staat dahinter steht, der sich nicht selbst belasten wird, werden diese Verbrechen unaufgeklärt bleiben."
Bei einer Überprüfung der 139 Waffendepots der Gladio im November 1990 wurden zwölf nur mehr leer vorgefunden, so auch das Lager von Aurisina, aus dem der Sprengstoff für das Attentat von Peteano stammte. Laut Felice Casson ging aus den ihm vorliegenden Dokumenten hervor, daß die italienische Gladio-Organisation nicht nur ein informelles NATO-Gebilde, sondern indirekte und bezahlte Befehlsempfängerin der US-Geheimdienstes CIA war. Es wäre sogar beweisbar, daß Gladio die Aufgabe hatte, aktiv auf die Innenpolitik einzuwirken, und daß Genehmigungen für politische Morde ausgestellt wurden.
Am 12. Dezember 1969 explodiert der Piazza Fontana eine Bombe vor der Landwirtschaftsbank im Zentrum Mailands, durch die 16 Menschen getötet und 84 verletzt werden. Schnell werden Verdächtigungen gegen einen Anarchisten als Attentäter laut: Doch Giuseppe Pinelli "fällt" während seiner Einvernahme durch die Polizei aus dem Fenster. Dieser Stoff wurde später von Nobelpreisträger Dario Fo in einem Stück, "Zufälliger Tod eines Anarchisten" verarbeitet. Fo hat übrigens im letzten Jahr eine spektakuläre Eisenbahnreise zu den Orten der Attentate organisiert und dort unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die lückenlose Offenlegung der Zusammenhänge gefordert.
Der Geheimdienst legt falsche Spuren und verwischt richtige, der ermittelnde Polizeikommissar wird von Faschisten ermordet. Weitere zwölf in die Ermittlungen verwickelte Personen begehen entweder "Selbstmord" oder sterben bei "Unfällen".
Hintergrund ist die in jenen Jahren starke StudentInnenbewegung, die durch den Anschlag diskreditiert werden soll. Anders als beispielsweise in der BRD wurden die Kämpfe jedoch nicht nur von StudentInnen, sonern auch von (größtenteils ungelernten) ArbeiterInnen vor allem in den großen Städten Norditaliens geführt.
Die schließlich angeklagten Faschisten werden allesamt 1989 in letzter Instanz freigesprochen. Inzwischen gilt als gesichert, daß das ehemalige "Ordine Nuovo"-Mitglied Delfo Zorzi den Anschlag nach Vorbereitungen durch den Anführer der bewaffneten Gladio-Zellen in Venetien Enrico Minetto ausgeführt hat. Ordine Nuovo,zu deutsch: Neue Ordnung, wurde 1956 vom radikalen Flügel des MSI um Pino Rauti gegründet. AktivistInnen der Terrortruppe oder aus deren Umfeld waren in praktisch alle faschistischen Blutbäder verwickelt.
1974 kommt es zu weiteren Anschlägen. Zunächst explodiert in Brescia während einer antifaschistischen Demonstration der Gewerkschaft eine Bombe, die 9 Tote und 90 Verletzte fordert. Zwei Prozesse 1985 und 1989 enden mit Freisprüchen für alle Angeklagten. Die Explosion einer Bombe in einem Schnellzug auf der Strecke Florenz-Bologna tötet am 4.August 12 Fahrgäste und verletzt 48. Zwei Neofaschisten werden zu lebenslanger Haft verurteilt, die Urteile aber 1986 wieder annulliert.
Zahlreiche Indizien sprechen auch für eine Beteiligung rechter Kreise an der Ermordung Aldo Moros, passte dessen Tod nur zu gut in die "Strategie der Spannung. Insbesondere Moros Initiative, eine Regierungskoalition mit der KPI einzugehen, dürfte wohl den Ausschlag gegeben haben, daß die Suche nach dem Versteck, indem ihn die Roten Brigaden 55 Tage lang gefangen hielten, nicht sehr intensiv betrieben wurde. In später in einem Quartier der "Roten Brigaden" aufgefundenen Briefen aus der Haft deutete Moro an, daß er geopfert werden sollte.
Unbestrittener Höhepunkt der Attentate ist jedoch der Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna am 2. August 1980, der 85 Tote und 200 Verletzte hinterließ. Erst im November 1995 werden rechtskräftige Urteile gefällt. Zwei Mitglieder der terroristischen "Nuclei armati rivoluzionari" (NAR - Bewaffnete Revolutionäre Kerne) werden zu lebenslanger Haft verurteilt, die SISMI-Offiziere Pietro Musumeci und Guiseppe Belmonte wegen Legen falscher Spuren zu mehrjährigen Haftstrafen. Die mutmaßlichen Auftraggeber, P-2-Großmeister Licio Gelli und sein Helfershelfer, der CIA-Agent Francesco Pazienza, zu jeweils zehn Jahren.
Die "Loge" des Puppenspielers
Gellis Geheimloge P2 spielt eine zentrale Rolle im Netzwerk rechter Verschwörungen in Italien. Es handelt sich hier um einen Geheimbund, der sehr erfolgreich den italienischen Staats- und Wirtschaftsapparat unterwandert hatte. Im Mai 1981 wurde anläßlich einer Hausdurchsuchung bei dem in Italien als "Puppenspieler" bekannten Gelli durch die Finanzbehörden die Geheimloge P2 ausgehoben . Erst nach und nach wurde das Ausmaß dieser verdeckt operierenden Organisation bekannt. Die aufgefunden Mitgliederlisten enthielten die Namen von 962 führenden Personen der italienischen Gesellschaft. Die nachfolgende parlamentarische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass es sogar etwa 2500 Mitglieder gab. Unter der Mitgliedsnummer 1816 wird der derzeitige italienische Staatschef Berlusconi geführt .
Ziel der Organisation, so das Ergebnis der Untersuchungen sei der Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung durch einen "colpo bianco", einen weißen Staatsstreich. Der Code für diese Pläne hieß "Plan zur demokratischen Wiedererneuerung". Die P2 kooperierte eng mit dem italienischen sowie mit ausländischen Geheimdiensten. In den strategischen Plänen des amerikanischen Geheimdienstes spielt die Untergrundorganisation eine entscheidende Rolle als Bollwerk gegen den Kommunismus in den Zeiten des Kalten Krieges. Unter den 2500 Mitgliedern befanden sich 43 Generäle, darunter die gesamte Führungsspitze der Geheimdienste der letzten 30 Jahre, der komplette Generalstab des Heeres, hohe Polizeiführer und Carabinieri-Generäle sowie etwa 400 Offiziere. Rechte Hand des Logenmeisters ist der ehemalige Geheimagent Francesco Pazienza.
Mitte der 70er Jahre ist die P2 in einer Vielzahl von weiteren ungeklärten Verbrechen verwickelt, es gab Putschversuche, Fälle von Erpressung, politische Skandale, Bankenzusammenbrüche und Unterschlagungen. Dem ehemaligen Ministerpräsidenten Andreotti, der 1996 des Mordes an dem Journalisten Pecorelli angeklagt wurde, wird von vielen die Rolle des eigentlichen Führers der P2 nachgesagt. 1982 wurde die Geheimorganisation durch ein eigens vom Parlament verabschiedetes Gesetz für aufgelöst erklärt. KennerInnen der Szene gehen allerdings davon aus, dass einzelne Strukturen erhalten blieben und als "P3" weiter im Untergrund operieren.
Am 23. Dezember 1984 explodiert im Eilzug 904 eine Bombe in einem Tunnel und tötet 27 Menschen und verletzt 180.Eine weitere Bombe zerstört im Ma1 1993 die weltberühmten Uffizien von Florenz und tötet fünf Menschen. Die nächsten Bomben folgen Ende Juli desselben Jahres in Rom und Mailand (6 Tote, insgesamt 98 Verletzte). Die drei Anschläge waren der bis dahin letzte aufsehenerregende Versuch, die gegen die faschistisch-geheimdienstliche Allianz ermittelnden PolizistInnen und RichterInnen einzuschüchtern. Der im Mai 1996 verhaftete sizilianische Mafiaboss Giovanni Brusca, auf dessen Konto unter anderem die Ermordung des Anti-Mafia-Richters Giovanni Falcone geht, gestand seine Beteiligung an den Anschlägen.
History repeats itself?
Über die aktuellen Anschläge in Genua und Venedig herrscht nach wie vor völlige Unklarheit. Wir sollten uns davor hüten, uns hier auf Spekulationen einzulassen und uns an die Fakten halten, auch wenn dies in Hinblick auf die gegenwärtige Regierungszusammensetzung in Italien nur allzu verführerisch erscheint. Dennoch scheint es wichtig festzustellen, daß durchaus auch andere als die offiziell gehandelten Hintergründe möglich sind.
Tatsache ist,Staatsanwalt Renato Gavagni erklärte am 20.8., man habe noch keine sicheren Anhaltspunkte, dass die Attentäter von Venedig wirklich zu einer sogenannten antiimperialistischen Zelle gehören, die den Roten Brigaden nahestehe und die sich zu dem Anschlag bekannt habe. Der venezianische Staatsanwalt Felice Casson,der auch den Stein zur Aufdeckung der P2 ins Rollen gebracht hatte, hatte noch am Wochenende zuvor erklärt, der Bekennerbrief erscheine nicht glaubhaft. Eine Analyse des Communiqués der antiimperialistischen Zelle hat die Vermutung auftauchen lassen, dass diese Gruppe sich das Attentat zuschreibt, ohne es tatsächlich ausgeführt zu haben, um eine breite Öffentlichkeitswirkung zu erzielen. Dafür spricht, dass das Bekennerschreiben erst 36 Stunden nach dem Attentat publik wurde, nachdem sich niemand anderes dazu bekannt hatte.
Ob und wann die Hintergründe ans Tageslicht kommen,wird sich zeigen.
Es gibt wohl kaum ein europäisches Land, das derart oft und intensiv von Korruptionsskandalen geschüttelt und von dubiosen Verschwörungen und Geheimbünden überzogen war wie Italien. Insbesondere das Zusammenwirken von VertreterInnen aus Politik und Wirtschaft mit Geheimdiensten und -äußerst wichtig- der katholischen Kirche machen die Brisanz der "italienischen Verhältnisse" aus. Insbesondere der Antikommunismus (der sich freilich nicht nur auf KommunistInnen beschränkt sondern auch auf andere linke Ansätze abzielt) ist das Bindeglied zwischen den verschiedenen Interessengruppen.
Ratlines
Welche zentrale Rolle der Antikommunismus für den Vatikan spielte, zeigte sich sofort nach dem 2.Weltkrieg. Neben dem von Mussolini-Befreier Skorzeny von Madrid aus organisierten SS-Hilfswerk ODESSA, das Naziverbrecher vor allem über Bari ausschleuste, war das Kloster del Annima im Vatikan unter Alois Hudal die wichtigste Anlaufstelle für flüchtende SS-Täter. Hier wurden Pässe und Unterbringung sowie Schiffspassagen organisiert. Den Weg über diese sogenannte Vatikan Linie gingen unter anderem Auschwitz - "Arzt" Mengele,Treblinka-Kommandant Stangl sowie Alois Brunner, die rechte Hand Eichmanns bei der Organisation von Judendeportationen. Eine spätere Schlüsselfigur der italienischen Rechten gelangte ebenfalls auf diesem Weg nach Argentinien: Der zum Tode verurteilte SS-Obersturmführer Licio Gelli, später Gründer und Chef der P2.
Zu den Motiven des Vatikans bemerkte der damals zur Untersuchung eingesetzte Secret Service Agent La Vista in seinem Bericht, der erst in den 80er Jahren öffentlich gemacht wurde: "Der Vatikan ist die größte Organisation, die an der illegalen Ausschleusung von Emigranten beteiligt ist. Der Vatikan begründet seine Beteiligung mit seinem Wunsch, nicht nur europäische, sondern auch lateinamerikanische Länder mit Menschen, unabhängig von ihrer politischen Einstellung, zu infiltrieren, wenn sie nur antikommunistisch und prokatholisch sind."
Angesichts dieser Einschätzung lag es für die CIA nahe, im Vatikan einen Verbündeten im beginnenden Kalten Krieg zu suchen. Die politischen Verhältnisse in Frankreich und vor allem Italien veranlassten die USA, den sogenannten Plan Demagnetize in Kraft zu setzen. Dies schien besonders dringlich, da sich in Italien 1948 ein Wahlsieg der KP abzeichnete.
Anliegen von "Demagnetize" war es, ItalienerInnen wie FranzösInnen vom Kommunismus zu "entmagnetisieren": "Das letzte Ziel des Planes ist es, die Kräfte der kommunistischen Parteien zu reduzieren, ihre materiellen Ressourcen, ihren Einfluß auf die italienischen und französischen Regierungen und im besonderen auf die Gewerkschaften, um die Gefahr so weit wie möglich zu reduzieren, daß sich der Kommunismus nach Italien und Frankreich verpflanzen kann und die Interessen der USA in den beiden Staaten schädigt. Die Einschränkung der Macht des Kommunismus in Italien und Frankreich ist ein prioritäres Ziel und muß mit jedem Mittel erreicht werden. Vom Plan Demagnetize dürfen die italienischen und französischen Regierungen nicht in Kenntnis gesetzt werden, da es klar ist, daß der Plan die jeweilige nationale Souveränität verletzt." (Zitiert nach der Parlamentarischen Untersuchungskommission über die Blutbäder, 20.6.1991.)
Der Plan ging auf: Durch massive finanzielle und logistische Hilfe des CIA, die vornehmlich über vatikanische Kreise ins Land geschleust wurde, gelangte die von ihr unterstützte DC (Christdemokratische Partei) an die Macht.
Einzug der Gladiotoren
Bereits zu jener Zeit enststanden die Pläne zur Schaffung der NATO-Geheimstruktur "stay behind", die auf den Dokumenten NSC 10-2 bzw. 68-48 des Nationalen Sicherheitsrates der USA von 1948 basiert. Der CIA wurde erlaubt illegale, geheime Aktionen und Operationen, covert operations genannt, aller Art durchführen, sie waren politisch und gesetzlich in den USA abgesegnet. Schon 1952 waren von den rund 3.000 CIA Angestellten zwei Drittel für covert operations zuständig und verschlangen drei Viertel des Budgets von 200 Millionen Dollar.
Im den streng geheimen Dokumenten sind erstmals die Aufgaben nordamerikanischer Geheimagenten definiert, die weltweit in sogenannten special projects arbeiten: "Propaganda, Wirtschaftskrieg, vorbeugende Direktmaßnahmen, einschließlich Sabotage, Anti-Sabotage, Zerstörung, Evakuierungsmaßnahmen." Desweiteren geht es um "Subversion in feindlichen Staaten, einschließlich Unterstützung für im Untergrund operierende Widerstandsbewegungen. Guerillakräfte und Gefangenenbefreiungskommandos, sowie Unterstützung einheimischer antikommunistischer Kräfte in bedrohten Ländern der westlichen Welt."
1954 wurde die Direktive modifiziert. Die Anordnung NSC 5411-2 sieht für Gebiete, die vom "internationalen Kommunismus dominiert und bedroht sind" vor, "Widerstand im Untergrund zu entwickeln und verdeckte sowie Guerilla-Operationen zu erleichtern; die Verfügbarkeit dieser Kräfte im Kriegsfalle sicherzustellen; wo immer möglich unter Einschluß von Vorkehrungen aller Art, die dem Militär die Ausbreitung dieser Kräfte in Kriegszeiten innerhalb aktueller Operationsgebiete gestattet."
Das Netzwerk dehnte sich bald unter der Leitung der jeweiligen Geheimdienste auf ganz Westeuropa aus. Die Zusammenarbeit mit SHAPE, oberstes militärisches Hauptquartier der NATO-Streitkräfte in Europa, band die nationalen "stay behind"-Gruppen in Übungen ein und betreute sie fachlich. Stay-behind-Truppen sollten sich im Falle einer Invasion durch die Warschauer Pakt-Staaten überrollen lassen und dann eine Partisanenorganisation aufbauen, die von den NATO-Staaten logistisch versorgt werden sollte.
Die Befugnisse der Geheimdienste wurden ständig erweitert. Das Dokument, das mehr als jedes andere die Mechanismen der geheimen Eingriffe und verdeckten Operationen deutlich werden läßt, ist unter dem Namen Field Manual (FM) 30 - 31 bekannt geworden. Es entstand 1970 im US-amerikanischen Generalstab unter General Westmoreland. Die Field Manuals sind Broschüren, die für die Offiziere und die Büros der 'Intelligence' des Heeres bestimmt sind. Die Nummern weisen auf das Interessengebiet der Dokumente hin. Die Nummer 30 ist für die militärischen Geheimdienste bestimmt, die Nummer 31 behandelt 'Sonderoperationen'.
Das Handbuch enthält Direktiven für den Fall, daß in einem befreundeten Land die Möglichkeit einer politischen Umwälzung zugunsten kommunistischer Kräfte besteht, wobei es keine Rolle spielt, ob legal durch Wahlen oder etwa durch Bürgerkrieg. Im FM werden Direktiven für verschiedenartigste Operationen gegeben. Im 4. Kapitel z.B. heißt es: "Es kann geschehen, daß die Regierungen des befreundeten Landes angesichts der kommunistischen oder von den Kommunisten inspirierten Subversion Passivität oder Unentschlossenheit zeigen, daß sie nicht mit angemessener Kraft auf die Berechnungen der Geheimdienste reagieren, die durch Organisationen der USA weitergegeben werden (...). In diesen Fällen müssen die Geheimdienste der US-Armee die Mittel vorbereiten, um Sonderoperationen durchzuführen, die die Regierung und die Öffentlichkeit des befreundeten Landes überzeugen können, daß die Gefahr real und daß es notwendig ist, Antwortaktionen durchzuführen."
Die italienische Stay-behind-Truppe, nach dem römischen Kurzschwert Gladio benannt, legte ab 1959 geheime Waffenlager an. Es gab Pläne, in Sardinien Internierungslager für linke Oppositionelle einzurichten. Überhaupt erwies sich die italienische Organisation als besonders umtriebig. Bereits ihrem ersten Chef, General de Lorenzo konnte nachgewiesen werden, 1964 einen als "Piano Solo" bezeichneten rechten Putschplan entwickelt zu haben.
Gladio wurde zunehmend von Rechten und Faschisten dominiert. Der italienische Faschismus konnte sich nach 1945 dank der antikommunstischen Interessengleichheit mit den USA, besonders ihres Geheimdienstes CIA sowie des Pentagon und später der NATO sowie des Vatikans über seine Niederlage weitgehend intakt hinwegretten und den veränderten Bedingungen anpassen. Nachdem sich die alten Mussolinifaschisten bereits im August 1945 in der Sammlungsbewegung "Jedermann" (Uomo Qualunque) wieder organisiert hatten, konnten sie sich schon im Dezember 1946 in der MSI als Partei formieren und danach zahlreiche Teilorganisationen aufbauen.
Increasing The Tension
1972 flog GLADIO im Zuge eines Verfahrens gegen einen neofaschistischen Attentäter auf. Der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson ordnete die Öffnung der geheimen Waffenlager an. Im Verlaufe weiterer Ermittlungen stellte sich heraus, daß GLADIO-Waffen bei verschiedenen Anschlägen, die zum Teil der Linken zugeschoben wurden, verwendet worden waren.
Im Verlauf der Jahre kamen dazu zahlreiche Details ans Licht der Öffentlichkeit. So gestand ein Neofaschist, von Gladio Ende 1971 Sprengstoff erhalten zu haben. Mit diesem ermordete er drei Polizisten - das sogenannte "Attentat von Peteano", welches den Untersuchungsrichter Felice Casson auf die Spur von Gladio brachte.
Das Attentat war Bestandteil der sogenannten "Strategie der Spannung", die das wegen des Anschlags verurteilte "Ordine Nuovo"-Mitglied Vincenzo Vinciguerra folgendermassen charakterisierte: "Die Rechten stellen sich selbst in den Dienst des Staatsapparates, in dem sie eine Strategie unterstützen, die man als Strategie der Spannung bezeichnet. Dreißig Jahre lang bis in die achtziger Jahre wurde die Bevölkerung absichtlich in Unruhe und Angst vor einem Ausnahmezustand gehalten. Bis sie bereit war, einen Teil ihrer persönlichen Rechte im Austausch für größere Sicherheit aufzugeben, für die alltägliche Sicherheit, die Straße entlang zu gehen, mit der Bahn oder dem Flugzeug zu reisen, in eine Bank zu gehen. Die Menschen in diese Haltung zu zwingen, das ist die Logik, die hinter den Verbrechen steckt. Und da der Staat dahinter steht, der sich nicht selbst belasten wird, werden diese Verbrechen unaufgeklärt bleiben."
Bei einer Überprüfung der 139 Waffendepots der Gladio im November 1990 wurden zwölf nur mehr leer vorgefunden, so auch das Lager von Aurisina, aus dem der Sprengstoff für das Attentat von Peteano stammte. Laut Felice Casson ging aus den ihm vorliegenden Dokumenten hervor, daß die italienische Gladio-Organisation nicht nur ein informelles NATO-Gebilde, sondern indirekte und bezahlte Befehlsempfängerin der US-Geheimdienstes CIA war. Es wäre sogar beweisbar, daß Gladio die Aufgabe hatte, aktiv auf die Innenpolitik einzuwirken, und daß Genehmigungen für politische Morde ausgestellt wurden.
Am 12. Dezember 1969 explodiert der Piazza Fontana eine Bombe vor der Landwirtschaftsbank im Zentrum Mailands, durch die 16 Menschen getötet und 84 verletzt werden. Schnell werden Verdächtigungen gegen einen Anarchisten als Attentäter laut: Doch Giuseppe Pinelli "fällt" während seiner Einvernahme durch die Polizei aus dem Fenster. Dieser Stoff wurde später von Nobelpreisträger Dario Fo in einem Stück, "Zufälliger Tod eines Anarchisten" verarbeitet. Fo hat übrigens im letzten Jahr eine spektakuläre Eisenbahnreise zu den Orten der Attentate organisiert und dort unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die lückenlose Offenlegung der Zusammenhänge gefordert.
Der Geheimdienst legt falsche Spuren und verwischt richtige, der ermittelnde Polizeikommissar wird von Faschisten ermordet. Weitere zwölf in die Ermittlungen verwickelte Personen begehen entweder "Selbstmord" oder sterben bei "Unfällen".
Hintergrund ist die in jenen Jahren starke StudentInnenbewegung, die durch den Anschlag diskreditiert werden soll. Anders als beispielsweise in der BRD wurden die Kämpfe jedoch nicht nur von StudentInnen, sonern auch von (größtenteils ungelernten) ArbeiterInnen vor allem in den großen Städten Norditaliens geführt.
Die schließlich angeklagten Faschisten werden allesamt 1989 in letzter Instanz freigesprochen. Inzwischen gilt als gesichert, daß das ehemalige "Ordine Nuovo"-Mitglied Delfo Zorzi den Anschlag nach Vorbereitungen durch den Anführer der bewaffneten Gladio-Zellen in Venetien Enrico Minetto ausgeführt hat. Ordine Nuovo,zu deutsch: Neue Ordnung, wurde 1956 vom radikalen Flügel des MSI um Pino Rauti gegründet. AktivistInnen der Terrortruppe oder aus deren Umfeld waren in praktisch alle faschistischen Blutbäder verwickelt.
1974 kommt es zu weiteren Anschlägen. Zunächst explodiert in Brescia während einer antifaschistischen Demonstration der Gewerkschaft eine Bombe, die 9 Tote und 90 Verletzte fordert. Zwei Prozesse 1985 und 1989 enden mit Freisprüchen für alle Angeklagten. Die Explosion einer Bombe in einem Schnellzug auf der Strecke Florenz-Bologna tötet am 4.August 12 Fahrgäste und verletzt 48. Zwei Neofaschisten werden zu lebenslanger Haft verurteilt, die Urteile aber 1986 wieder annulliert.
Zahlreiche Indizien sprechen auch für eine Beteiligung rechter Kreise an der Ermordung Aldo Moros, passte dessen Tod nur zu gut in die "Strategie der Spannung. Insbesondere Moros Initiative, eine Regierungskoalition mit der KPI einzugehen, dürfte wohl den Ausschlag gegeben haben, daß die Suche nach dem Versteck, indem ihn die Roten Brigaden 55 Tage lang gefangen hielten, nicht sehr intensiv betrieben wurde. In später in einem Quartier der "Roten Brigaden" aufgefundenen Briefen aus der Haft deutete Moro an, daß er geopfert werden sollte.
Unbestrittener Höhepunkt der Attentate ist jedoch der Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna am 2. August 1980, der 85 Tote und 200 Verletzte hinterließ. Erst im November 1995 werden rechtskräftige Urteile gefällt. Zwei Mitglieder der terroristischen "Nuclei armati rivoluzionari" (NAR - Bewaffnete Revolutionäre Kerne) werden zu lebenslanger Haft verurteilt, die SISMI-Offiziere Pietro Musumeci und Guiseppe Belmonte wegen Legen falscher Spuren zu mehrjährigen Haftstrafen. Die mutmaßlichen Auftraggeber, P-2-Großmeister Licio Gelli und sein Helfershelfer, der CIA-Agent Francesco Pazienza, zu jeweils zehn Jahren.
Die "Loge" des Puppenspielers
Gellis Geheimloge P2 spielt eine zentrale Rolle im Netzwerk rechter Verschwörungen in Italien. Es handelt sich hier um einen Geheimbund, der sehr erfolgreich den italienischen Staats- und Wirtschaftsapparat unterwandert hatte. Im Mai 1981 wurde anläßlich einer Hausdurchsuchung bei dem in Italien als "Puppenspieler" bekannten Gelli durch die Finanzbehörden die Geheimloge P2 ausgehoben . Erst nach und nach wurde das Ausmaß dieser verdeckt operierenden Organisation bekannt. Die aufgefunden Mitgliederlisten enthielten die Namen von 962 führenden Personen der italienischen Gesellschaft. Die nachfolgende parlamentarische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass es sogar etwa 2500 Mitglieder gab. Unter der Mitgliedsnummer 1816 wird der derzeitige italienische Staatschef Berlusconi geführt .
Ziel der Organisation, so das Ergebnis der Untersuchungen sei der Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung durch einen "colpo bianco", einen weißen Staatsstreich. Der Code für diese Pläne hieß "Plan zur demokratischen Wiedererneuerung". Die P2 kooperierte eng mit dem italienischen sowie mit ausländischen Geheimdiensten. In den strategischen Plänen des amerikanischen Geheimdienstes spielt die Untergrundorganisation eine entscheidende Rolle als Bollwerk gegen den Kommunismus in den Zeiten des Kalten Krieges. Unter den 2500 Mitgliedern befanden sich 43 Generäle, darunter die gesamte Führungsspitze der Geheimdienste der letzten 30 Jahre, der komplette Generalstab des Heeres, hohe Polizeiführer und Carabinieri-Generäle sowie etwa 400 Offiziere. Rechte Hand des Logenmeisters ist der ehemalige Geheimagent Francesco Pazienza.
Mitte der 70er Jahre ist die P2 in einer Vielzahl von weiteren ungeklärten Verbrechen verwickelt, es gab Putschversuche, Fälle von Erpressung, politische Skandale, Bankenzusammenbrüche und Unterschlagungen. Dem ehemaligen Ministerpräsidenten Andreotti, der 1996 des Mordes an dem Journalisten Pecorelli angeklagt wurde, wird von vielen die Rolle des eigentlichen Führers der P2 nachgesagt. 1982 wurde die Geheimorganisation durch ein eigens vom Parlament verabschiedetes Gesetz für aufgelöst erklärt. KennerInnen der Szene gehen allerdings davon aus, dass einzelne Strukturen erhalten blieben und als "P3" weiter im Untergrund operieren.
Am 23. Dezember 1984 explodiert im Eilzug 904 eine Bombe in einem Tunnel und tötet 27 Menschen und verletzt 180.Eine weitere Bombe zerstört im Ma1 1993 die weltberühmten Uffizien von Florenz und tötet fünf Menschen. Die nächsten Bomben folgen Ende Juli desselben Jahres in Rom und Mailand (6 Tote, insgesamt 98 Verletzte). Die drei Anschläge waren der bis dahin letzte aufsehenerregende Versuch, die gegen die faschistisch-geheimdienstliche Allianz ermittelnden PolizistInnen und RichterInnen einzuschüchtern. Der im Mai 1996 verhaftete sizilianische Mafiaboss Giovanni Brusca, auf dessen Konto unter anderem die Ermordung des Anti-Mafia-Richters Giovanni Falcone geht, gestand seine Beteiligung an den Anschlägen.
History repeats itself?
Über die aktuellen Anschläge in Genua und Venedig herrscht nach wie vor völlige Unklarheit. Wir sollten uns davor hüten, uns hier auf Spekulationen einzulassen und uns an die Fakten halten, auch wenn dies in Hinblick auf die gegenwärtige Regierungszusammensetzung in Italien nur allzu verführerisch erscheint. Dennoch scheint es wichtig festzustellen, daß durchaus auch andere als die offiziell gehandelten Hintergründe möglich sind.
Tatsache ist,Staatsanwalt Renato Gavagni erklärte am 20.8., man habe noch keine sicheren Anhaltspunkte, dass die Attentäter von Venedig wirklich zu einer sogenannten antiimperialistischen Zelle gehören, die den Roten Brigaden nahestehe und die sich zu dem Anschlag bekannt habe. Der venezianische Staatsanwalt Felice Casson,der auch den Stein zur Aufdeckung der P2 ins Rollen gebracht hatte, hatte noch am Wochenende zuvor erklärt, der Bekennerbrief erscheine nicht glaubhaft. Eine Analyse des Communiqués der antiimperialistischen Zelle hat die Vermutung auftauchen lassen, dass diese Gruppe sich das Attentat zuschreibt, ohne es tatsächlich ausgeführt zu haben, um eine breite Öffentlichkeitswirkung zu erzielen. Dafür spricht, dass das Bekennerschreiben erst 36 Stunden nach dem Attentat publik wurde, nachdem sich niemand anderes dazu bekannt hatte.
Ob und wann die Hintergründe ans Tageslicht kommen,wird sich zeigen.
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Ergänzungen
ismirschlecht
Schreibfehler ?
antiKAPITALISTISCH und prokatholisch ?
oder ist antikommunistisch und prokatholisch gemeint ?
is n gewisser Unterschied...
Korrekt