Genua-ein persönlicher Rückblick

Karl Licht 23.08.2001 00:11 Themen: Globalisierung
Persönlicher Bericht einer Reise nach Genua...
Gedanken. Gefühle. Eindrücke.
Subjektive Eindrücke eines Aktivisten
Ligurische Impressionen
[Technisches: zwei ;; sind Anführungszeichen]

Wir sind zu fünft. Eine handvoll engagierter junger SozialistInnen, die trotz Bombenwarnungen, Bombendetonationen, Boden-Luft-Raketen und 200 bestellter body-bags nach Genua fahren, um an den antikapitalistischen Protesten anläßlich des dort stattfindenden G8-Gipfels teilzuhaben. Klingt rettungslos sozialromantisch und abenteuerhungrig aber mein Gott - wir haben keinen Bock, uns ständig zynisch durch die politische Alltagsarbeit zu mosern. Also ab nach Italien, auf zur Revolution (hüstel...)!

Donnerstag (19/07), vor dem Tränenpalast in Berlin-Mitte: mal wieder erst in letzter Sekunde alles zusammengepackt und zum Treffpunkt gefahren. Tara, Paul, Karl, Wladi und Tomas sind bereit - und die Paranoia fängt schon an. ;;Wie kannst Du nur ein Schweizer Taschenmesser mitnehmen? Das ist Grund genug, die AktivistInnen an der Grenze wegzuheften;;. Na gut, vielleicht hat Wladi recht. Das nützliche Messer wird bei einer Bekannten deponiert. Um 17.00 Uhr sind wir aus Berlin raus und auf der Autobahn. Kofferraum überfüllt, der Rest des Wagens ebenso. Wir sind alle sehr ‚normal;; und unauffällig gekleidet. Die Farbe schwarz ist weitgehend tabu. Unsere beste Tarnung hingegen ist unser Mietwagen: ein Mercedes der A-Klasse!
Der Berliner Innensenator hatte im Vorfeld rumgetönt, daß es kein Grundrecht auf Ausreise gäbe. Wir überlegen hin und her, welche Grenze am besten wäre. Gerüchten zufolge soll die Französisch-Italienische am wenigsten kontrolliert werden. Im Laufe der nächsten Tage werden wir mit vielen Gerüchten konfrontiert, die (oft zum Glück!) sich nicht bewahrheiteten. Wir entscheiden uns schließlich für die kürzeste Strecke, erst durch Österreich, dann über den Brenner nach Italien. Je näher Kufstein kommt, desto nervöser werden wir. Aber siehe da, kein einziger Beamter ist zu sehen. Irgendwann nachts um ca. 1 Uhr kommen wir an die österreichisch-italienische Grenze. Es gießt in Strömen. Einige Carabinieri-Fahrzeuge stehen herum. Die Bullen werfen im Vorbeifahren einen kurzen Blick in unsere Karre. Das war´s, mehr nicht. Wir sind in Italien! Eine gute Tarnung ist alles!

Freitag (20/07), in Genua: es ist 6.30 Uhr. In gut dreizehn Stunden sind wir bei durchschnittlich 160 km/h und einem wahnsinnigen Benzinverbrauch bis zur ligurischen Hauptstadt durchgebrettert. Wir sind müde und hungrig. Am Convergence Centre parken wir kurz und versuchen, an Infos zu gelangen. Das Centre besteht aus einer Vielzahl von weißen Infostandzelten (marktplatzmäßig), die an den Rändern eines großen Parkplatzes, welcher sich direkt an der Bucht befindet, aufgebaut sind. Dort präsentieren sich die unterschiedlichsten Politgruppen, die Slogans reichen von ;;streicht die Schulden der ärmsten Länder;; bis hin zu ;;wir sind kurz vor der weltweiten revolutionären Umwälzung;;. Wir grapschen uns am Infozelt einige Flugblätter, die aber letztlich nicht sehr informativ sind.
Eine Bühne steht auf der weiten Fläche. Tags zuvor fand hier das Mano-Chao-Konzert statt, dessen Nachwehen mensch deutlich sehen kann. In den Zelten, auf der Bühne, auf den kleinen Grünflächen, an zahlreichen Hauswänden und -eingängen, überall liegen in Schlafsäcken eingerollt friedlich vor sich hinschlummernde Menschen. Welch eine Idylle. Weniger idyllisch sieht es in der Gegend um den Stazione Brignole (zweitgrößter Bahnhof in Genua) aus. Viele Geschäfte sind geschlossen und mit Holzbrettern und ähnlichem Material verrammelt. Wir fahren durch die Straßen, um Geldautomat und Bäckerei zu finden. Währenddessen können wir uns an der Ästhetik der verschiedenen Typen italienischer Polizeifahrzeuge ergötzen, denn diese fahren zuhauf durch die Gegend. Zudem sind auffallend viele Nichtuniformierte unterwegs, die mit ihren dicken Funkgeräten wichtig aussehen wollen.
Mit einer Mischung aus Angst, Ungewißheit und Vorfreude tuckern wir durch die engen Straßen zur Via Cesare Battisti, in welcher sich in einem öffentlichen Gebäude u.a. das Indymedia Centre befindet. In einem babylonischen Sprachwirrwarr versuchen wir, Infos über die heute angedachten Aktionen zu ergattern. Viel weiter können uns die Indys aber auch nicht helfen. Endlich erreichen wir per Mobiltelephon einen Bekannten, der uns hochkonspirativ einen bestimmten Ort (nebst Uhrzeit) verrät. Mehr nicht!

Freitagmittag, Stadion Carlini: Der Treffpunkt war ein Flopp. Stattdessen gehen wir gegen Halbelf ins Stadion Carlini, dort sammeln sich die tute bianche. Eine phantastische Atmosphäre! Tausende von Menschen aus zahlreichen Ländern sind dort. Die Tribünen sind proppevoll, ebenso der Innenraum, in welchem sich in der Mitte ein überdimensionales, weißes Großraumzelt befindet. Drumherum und auf einem Nebenplatz stehen hunderte Kleinzelte. Überall präparieren sich die AktivistInnen für die nachmittägliche Demo Richtung zona rossa, dem von der Staatsmacht abgesperrten Bereich rund um den alten Hafen und dem Palazzo Ducale. Aus alten Autoreifen, Fahrradschläuchen, leeren Plastikflaschen, Isomatten und verschiedenen Schaumstoff- und Styroporteilen basteln sie sich in spielerischer Kreativität Rüstungen, um Arme. Beine, Brust und Rücken zu schützen. Für den Kopf werden meist Motorradhelme verwendet. Die tute bianche haben 100 rollbare Großschilde sowie 200 Langschilde (für Einzelpersonen) aus einem milchigen Plexiplastikzeugs gefertigt. Es werden sogar elektrische Bolzenschneider und ähnlich schweres Werkzeug mitgeführt, um die Barrikaden der zona rossa zu überwinden. Ziviler Ungehorsam, der sich durch defensive Militanz manifestiert. In vier Sprachen wird eindringlichst darauf hingewiesen, daß keine Angriffswaffen (Steine, Mollies, Eisenstangen o.ä.) verwendet werden sollen. Die Prozedur zieht sich über Stunden hin. Die tute bianche organisieren ihre Blöcke aus zahlreichen Städten Italiens. Wir sonnen uns, staunen und genießen den Anblick. Gleichwohl sind wir unsicher und fühlen uns angesichts der gepanzerten Frauen und Männer um uns herum seltsam nackt - wir haben nur unsere normale Kleidung an. Es wird sich für eine Straßenschlacht gerüstet, gleichzeitig werden Witze erzählt, es wird gelacht, Rotweinflaschen und Joints machen die Runde.
Irgendwann nach 14.00 Uhr setzt sich der Demonstrationszug endlich in Bewegung. Vom Krankenhaus auf der rechten Straßenseite winken und jubeln uns viele Pfleger, Schwestern und Ärzte zu. Wenig später kommen wir an einem Gebäude der öffentlich-rechtlichen RAI vorbei, auch dort beklatschen uns einige aus den geöffneten Fenstern. Wir laufen zunächst im hinteren Teil der Demo mit, wo es auch viele Nichtgepanzerte gibt. Um uns herum wehen Rifondazione Comunista-Fahnen, schwarze Fahnen, rote Fahnen aber auch die baskische Flagge der Euskal Herria-Leute. Ich bin noch nie mit ethnisierenden NationalistInnen zusammen gelaufen und fühle mich irgendwie beschissen dabei. Diese werden allerdings geduldet und so bleibt uns nichts anderes, als etwas weiter nach vorne zu gehen, damit wir die Basken nicht direkt neben uns ertragen müssen.
Es wird zwar auch Musik aus der Konserve gespielt, insgesamt werden jedoch deutlich mehr Slogans skandiert und gesungen, als auf einer x-beliebigen BRD-Latschdemo. Der Protestzug (ca. 8000 Menschen) bewegt sich durch eine breite Hauptstraße, die sich allmählich einen Hügel hinunterschlängelt, so daß wir - rechterhand die Eisenbahnschienen, linkerhand Häuserschluchten mit vielen kleinen Seitenstraßen - bald eine gute Aussicht auf einen Teil der Stadt haben. Wir erblicken in einiger Entfernung dichte, schwarze Rauchwolken. Unsere Neugier befriedigend laufen wir vor. In den Seitenstraßen und weiter unten an einem Tunnel (Eisenbahnunterführung) erblicken wir erste Ergebnisse der Militanz der Autonomen. Schwelende Autowracks, umgestürzte Container, aus unterschiedlichen Baumaterialien aufgeschichtete Barrikaden am Tunnel, entglaste Geschäfte, ein gefährlich nahe einer Tankstelle brennender Trümmerhaufen. Alles sehr zufällig und willkürlich, wie uns scheint. Fällt eher unter die Kategorie ;;Panne-Aktionen;;. Keine Autonomen in Sicht. Aber auch keine Bullen. Eine surreale Szenerie. Angesichts des völligen Fehlens von Spuren einer Straßenschlacht zwischen Bullen und Autonomen sind wir einigermaßen ratlos, was sich hier kürzlich abgespielt hat. Offenbar haben sich die Staatsbüttel aus dem ganzen übrigen Stadtgebiet zurückgezogen und überlassen das Feld den Autonomen. Auch bei den tute bianche sind Polizeiuniformen nicht zu sehen.
Die Robocops lassen allerdings nicht mehr lange auf sich warten. Kaum nachdem wir uns von der Demo wieder einholen ließen, greifen sie in voller Kampfmontur, mit Räumpanzern und haufenweise in die Menge geschossenen Tränengasgranaten an. In dem ersten Chaos was entsteht, gelingt es nur mühsam, uns nach hinten zu verdrücken. Wir haben nicht den Mut, völlig ohne passive Bewaffnung vorne mitzumischen. Die Demo insgesamt wird nach hinten gedrückt. Auf italienisch, griechisch und französisch kommen nervös gerufene Anweisungen: ;;nach hinten weichen;;, ;;langsam;;! Die Tränen vom Gas sind getrocknet, trotzdem können wir nicht erkennen, was an der Spitze des Zuges geschieht. Dichte, weiße Schwaden umnebeln das Scharmützel. Die Zeit vergeht. Die Demo löst sich allmählich auf, die Menschen stehen sehr locker und in Grüppchen herum, während vorne anscheinend nicht mehr allzuviel passiert. Ein Durchkommen gab es nicht. Wieder steigen sehr dicke, schwarze Rauchsäulen in die heiße Luft. Ein Genosse aus Wien teilt uns mit, daß dort wahrscheinlich die Autonomendemo ist. Er steht per Mobiltelephon mit seinen Leuten in Kontakt.
Wir beratschlagen, ob es einen Sinn hat, dorthinzugehen. Wladi und Tara sind eher dafür, die anderen drei nicht. Letztlich entscheiden wir konsensual, zum protzigen Benz zurückzugehen, aus Genua rauszufahren und den nächstbesten Strand anzusteuern. Müde und kaputt trotten wir die Straße wieder bergauf. Den ganzen Weg bis zu unserem Auto fährt ein Krankenwagen nach dem anderen an unserer Kleingruppe vorbei. Alle 30 Sekunden! Tara und ich gucken uns vielsagend an. Mir schwant nichts gutes.

Freitag, frühabends, in einem kleinen Küstenort zwischen Genua und Rapallo: Nach dem geplanten kurzen Bad mit Tara im Wasser und der ungeplanten, harten Bekanntschaft meinerseits mit den hiesigen Felsen (habe auch ohne Baywatch überlebt), gehen wir in ein Ristorante. Es ist kurz vor 19.00 Uhr als Wladi per SMS die Botschaft kriegt. Es gibt einen Toten! Wir sind geschockt. Sprachlos. Wenig später ruft Paul im IMC an. Es wird von riots und Schießereien am Convergence Centre berichtet. Ein Gebäude brennt. Die Rede ist nunmehr von mindestens zwei Toten! Wir sind alle wie paralysiert und schweigen uns an. Kaum ein paar Worte fallen, endlose Minuten lang. Ich habe Tränen in den Augen. Wut. Hilflosigkeit. Sie schießen auf uns. Jetzt ist es also passiert. Die Maske ist unten, das wahre Gesicht kommt zum Vorschein. Ich kämpfe mit meinen schwarzen, fatalistischen Neigungen sich einfach ohne Rücksicht auf Verluste in das Getümmel zu stürzen und versuche, zu unserer Entscheidungsfindung beizutragen. Wir diskutieren eine gute Stunde. JedeR ist sehr offen und ehrlich. Wir kommen überein, nach Genua reinzufahren, die Lage so vorsichtig wie möglich zu sondieren, zum IMC zu fahren und dort zu helfen und Infos zu sammeln.
In Genua hat sich die Lage anscheinend beruhigt. Im IMC braucht mensch uns nicht unbedingt. Paul bleibt allerdings da. Wir sehen die Bilder des erschossenen Demonstranten. Aus nächster Nähe zweimal in den Kopf. Den Körper vom Jeep der Carabinieri überfahren. Das viele Blut, langsam in die rauhe Oberfläche des Asphalt sickernd. Ich fühle mich ekelhaft, so lange auf die Bilder stieren zu müssen, aber es geht nicht anders, das Unfassbare zu begreifen. Die Nachricht von der zweiten Toten war glücklicherweise falsch.
Wir sind alle sehr müde und haben noch keinen Platz zum Schlafen. Kurzzeitig überlegen wir, in der Schule gegenüber zu pennen. Angesichts des Toten halten wir die Atmosphäre in Genua jedoch für derart angespannt, daß es uns am besten scheint, aus Genua rauszufahren. Total erschöpft fahren wir zum Campingplatz Genua-Ost: überfüllt. Wild Zelten geht auch nicht, wir quälen uns durch unzählige Kurven die Berghänge rauf und runter. Alles zu dicht bebaut, die Hänge zu steil. Schließlich finden wir in Rapallo, 30 km von Genua entfernt, einen guten Zeltplatz mit freien Plätzen. Einige Antifas aus Göttingen und Berlin sind auch da. Mensch wechselt noch einige Sätze, dann schnell das Zelt aufgebaut und hingelegt. Sekunden später kommt der erlösende Schlaf.

Samstag (21/07), mittags an der Piazza Sturla: Der Tag der Großdemonstration. Wir parken den Benz recht weit außerhalb, mensch kann ja nie wissen. Es ist noch heißer als gestern. Bereits hier sammeln sich viele Menschen und wandern Richtung Demonstration. Die ganze - ziemlich lange - Küstenstraße ist voll von Menschen. Die Demo scheint überall zu sein, so groß ist sie. GewerkschafterInnen, vor allem von der FIOM (italienische Metaller) und den COBAS (autonome Basisgewerkschaften), Mitglieder sozialistischer und kommunistischer Parteien aus halb Europa, Autonome, ;;Normalos;;, Kinder und Alte, eine beeindruckende Manifestation von 200.000 Menschen gegen den Neoliberalismus.
Wir sammeln Paul beim IMC auf und gehen an den Rand einer Straße, an der sich eine dichte Menschenmenge versammelt hat. Von dort hat mensch eine wundervolle Aussicht auf die Küstenpromenade, das Convergence Centre und die Bucht. Was sich uns jedoch darbietet, ist alles andere als wundervoll. Tausende Menschen sind auf der breiten Promenade. Auf Höhe des Convergence Centre sind Tretgitter und diverse Bauteile zu kleineren Barrikaden aufgebaut. Dichte Tränengasschwaden liegen dort träge in der Luft. Vereinzelt fliegen Steine durch die Luft, die mit massivem Granatenbeschuß beantwortet werden. Selbst vom Wasser her schießen Polizeiboote ihre Munition ab. Ganz hinten spiegelt sich die Sonne auf den vielzähligen Helmen und Visieren der Carabinieri, die in dichter Phalanx stehen. Eine fette Straßenschlacht ist im Gange. Die Beteiligten auf Seiten der DemonstrantInnen sind nicht etwa nur schwarzgewandete und vermummte Autonome. Diese sehe ich zwar vereinzelt auch, die meisten gehören aber eher zum Typ ‚normale Protestierende;;.
Langsam gehen wir die steile Treppe und die gewundene Seitenstraße nach unten. Vor uns die Straßenschlachtszenerie, von links kommen viele AktivistInnen die Küstenstraße entlang und biegen rechts in eine breite Allee ab, die nach Norden Richtung Innenstadt führt. Ihre Gesichter spiegeln die Ereignisse auf der Promenade wider. Angst, Verwirrung und Unsicherheit. Sie gehen sehr hastig, werfen nervöse Blicke hin und her und versuchen, die Reihen geschlossen zu halten. Viele AnhängerInnen von Rifondazione Comunista und den COBAS-Gewerkschaften sind hier, aber auch französische SozialistInnen und TrotzkistInnen. Wir gehen mit. Zunächst scheint unsere Teildemo (die Großdemo ist spätestens an der Promenade eh schon zerschlagen) keinen Streß mit den Bullen zu kriegen, wenig später hingegen wird sie von hinten angegriffen. Es gibt keinen objektiven Grund dafür. Dies scheint hier und jetzt eh alles egal zu sein. Der hintere Teil der Demo wird von den Carabinieri mit bewährten Mitteln (auf alles sich Bewegende draufknüppeln und Tränengas bis zum Abwinken) offenbar abgespalten. Wir können von diesen Geschehnissen nicht viel sehen, da wir so ziemlich in der Mitte des Demozuges sind und außerdem das CS mal wieder viel Sicht nimmt. Um uns herum herrscht Aufregung, einige versuchen zu beruhigen. Anweisungen werden gebrüllt, die Leute haken sich fest einander unter, das Bild von kleinen Kindern, die vor Angst im dunklen Wald Händchen halten, kommt mir in den Sinn.
Die Nervosität legt sich allmählich und macht einer zornigen Stimmung Platz. Gestern wurde viel ;;genova libera!;; skandiert, jetzt kommt den Protestierenden vieltausendfach das Wort ;;assassini!;; über die Lippen. Die Atmosphäre entspannt sich zusehends und wird locker, ja euphorisch, als wir die Solidarität der daheimgebliebenen Bevölkerung in Form von herabregnenden Wasserkaskaden spüren. Es ist heiß und in der ganzen Stadt ist kaum ein Geschäft auf, in welchem mensch Wasser kaufen kann. Viele AnwohnerInnen stehen jedoch an ihren Fenstern, Balkonen und Dachterassen mit Schläuchen und Eimern pausenlos Wasser auf uns herabgießend. Es ist herrlich. Die Demo bejubelt diesen Akt frenetisch und ein vielkehliger Chor singt immer wieder ;;acqua! acqua!;;. Irgendwann erreicht der Protestzug einen kleinen Platz, auf welchem eine Bühne aufgebaut ist. Es werden Redebeiträge gehalten. Wir ruhen uns etwas aus und überlegen, wie wir am besten zu unserem Wagen gelangen.
Der Platz hat sich schon merklich gelichtet als wir beschließen zurückzugehen. Dies gestaltet sich als äußerst schwierig, denn auf der Allee und in den Seitenstraßen kommt es immer wieder zu Hetzjagden von Bullentrupps. Die DemonstrantInnen reagieren insgesamt recht panisch. Es wird erst davongerannt und hinterher geguckt, weswegen eigentlich. Wir sind angespannt und schnauzen uns teilweise an. Es ist schwierig zu antizipieren, was Leichtsinn und was Panik ist. Nach einer halben Ewigkeit und einem langen Umweg schaffen wir Fünf es dann doch, uns abzusetzen und als ;;unverdächtige Touri-Gruppe;; auf die andere Seite der Schienen zu gelangen. Wir gehen am Finanzamt vorbei, ein klassizistischer Prunkbau direkt an der Grenze der zona rossa. Die Straßen in die verbotene Zone sind mit schweren Hafencontainern verbarrikadiert. Martialische Panzerwagen und die schwarzen Ritter der Carabinieri bewachen sie. Mir kommen Assoziationen zum Mittelalter hoch. Draußen tobt der Aufstand der armen Bauern und Bäuerinnen, während sich der reiche Adel in seiner protzigen Burg verschanzt, das Fallgitter runtergelassen und die Zugbrücke oben hat!
Apropos austoben - auf dem Weg zur Karre gehen wir die Straße runter zur Promenade und begutachten die Spuren der Wut der DemonstrantInnen. Die Geldautomaten und Scheiben praktisch jeder Bank sind zertrümmert. Kleine Geschäfte sind größtenteils verschont geblieben, während Ladenketten viel abgekriegt haben. An der Promenade ist eine Bank vollkommen verwüstet und abgefackelt worden. Nur noch der Tresor steht wie ein Fels in der Brandung. An der Wand bei einem zerstörten Reisecenter steht fett ;;stop deportation class;;. Einige Kleinwagen stehen (leider auch) ausgebrannt auf dem Asphalt. Überall riecht es nach Verbranntem. Wir Empfinden mehr als nur klammheimliche Freude. Vielleicht ist es auch eher das billige Gefühl von Rache. Jedenfalls sind die Symbole des Kapitals weitaus besser ausgewählt, als das, was wir am Tag zuvor gesehen haben.
Glücklich bis hierhin alles überstanden zu haben finden wir zunächst den Benz nicht, dann aber doch, fahren aus Genua raus und kehren in ein kleines Ristorante irgendeines Kaffs ein. In jenem Ort gibt es sogar Bars, die auf haben. Was für ein Segen, in diesen Tagen mobil zu sein!

Sonntag (22/07), mittags am Bahnhof von Rapallo: Wir verabschieden uns herzlich von Tara, die in Richtung Rimini weiterfährt. Per SMS erreichen uns die Schreckensberichte vom nächtlichen Überfall eines Sonderkommandos auf die Diaz-Schule. Wir können noch gar nicht das wahre Ausmaß erfassen. Nunmehr zu viert fahren wir zurück nach Genua. Im IMC hören wir die Geschichte von einer Berliner Indymedia-Aktivistin. Sie zittert und ist bleich, während sie mit belegter Stimme von den nicht mehr menschlichen Schreien erzählt, die mensch lange, endlos lange durch die geschlossenen(!) Fenster hören konnte. Wir gehen aus dem Gebäude und wechseln die Straßenseite. Draußen ist wieder ein so wunderschöner Tag, kein Wölkchen am Himmel der strahlendblau ist. Das getrocknete Blut auf dem Holzfußboden der Turnhalle, die sich im Erdgeschoß der Diaz-Schule befindet, ist rot. Ein rostiges Rot. Schlafsäcke, Isomatten, Rucksäcke, die ausgeschütteten Inhalte derselbigen, Plastikflaschen, Zeitungen, alles liegt in einer chaotischen Zufälligkeit verstreut auf dem Boden. Und Blut. Keine Spritzer, sondern immer große Lachen. Im Schnitt 30-50 cm im Durchmesser. Dasselbe an den Wänden. Auf der Steintreppe. An den Rippen einer Heizung. Auf den Marmorfußböden im 1. und 2. Obergeschoß. Die Blutlachen auf dem Stein befinden sich fast alle direkt an den Wänden. Im getrockneten Blut liegen persönliche Kleinigkeiten: Spielkarten, Tabletten, Tampons, ein kleines Maskottchen... Ich wende mich ab und stolpere die Treppe wieder hinunter, da erblicke ich an den dem Treppengeländer gegenüberliegenden Wänden breite rostrote Schlieren in unregelmäßiger Wellenform. Die Blutschlieren sind über das ganze Treppenhaus zu sehen. Ich trete hinaus, wische Tränen aus meinem Gesicht und zünde mir ungeschickt eine Gitanes an. Die anderen sind ähnlich geschockt.
Wir fahren durch Genua. Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Kaum Leute auf der Straße, dafür umso mehr Polizia Municipale. Stehen an vielen Ecken, wahrscheinlich um Leute wegzuheften. Wir fühlen uns im Benz mit Touri-Klamotten am Leib halbwegs sicher. Die Küstenpromenade ist etwas belebter. Wir hören die Nachricht, daß eine Gruppe von 10 Personen, schwarzgekleidet, einfach so von der Straße weg festgenommen wurde. Später hören wir auch von Festnahmen auf Campingplätzen. Spätnachmittags verlassen wir die ligurische Hauptstadt und kommen nicht mehr wieder. Es ist uns zu heiß geworden.

Montag (23/07), in Rapallo: wir fahren irgendwann um die Mittagszeit durch das Örtchen und treiben einige deutsch- und englischsprachige Zeitungen auf. Lesen, diskutieren, am Pool abhängen, entspannen, sich freuen, daß mensch noch in einem Stück ist. Viel mehr passiert diesen Tag nicht.

Dienstag (24/07), in Rapallo: morgens kriegt der Campingplatz Besuch von zwei Carabinieri-Wannen. Wladi ist zufällig am Counter und sieht sie. Diese fahren aber unverrichteter Dinge wieder weg. Keine Durchsuchung, Schwein gehabt! Die Campingplatzbetreiber lesen ihre Il Manifesto weiter. Denen haben wir bei unserer Ankunft gesagt, daß wir in Genua demonstrieren. Vielleicht haben sie uns ja gedeckt. Eine sympathische Vorstellung, die ich mir da zurechtbastele. Vormittags bauen wir ab, bezahlen und brechen auf. In Mailand machen wir eine mehrstündige Pause. Abends an der italienisch-österreichischen Grenze sind keine Carabinieri zu sehen. Mit einiger Erleichterung fahren wir etwas später wieder in die BRD rein. Die Nacht verbringen wir bei Freunden von Freunden in Ingolstadt. Diese erzählen uns von der Solidemo anläßlich des erschossenen Demonstranten in München. Carlo Giuliani aus Rom, lebte seit Jahren in Genua, ist 23 Jahre alt geworden. Assassini!

Mittwoch (25/07), spätnachmittags in Berlin-Mitte: Angekommen, geben wir unseren ;;Tarnwagen;;, den wir eigentlich gar nicht haben wollten (den bestellten Fiat Bravo hatte Sixt nicht da), letztlich aber echt froh drum waren, ab. In den nächsten Tagen lese ich viele verschiedene Zeitungen, gucke so oft wie möglich Nachrichten/Nachrichtenmagazine und hänge stundenlang im Netz (u.a.) auf der Indymedia-site rum. Ich lese von den Folterungen und Demütigungen in der Kaserne von Bolzaneto. Ich sehe die Bilder von der Erschießung des italienischen Demonstranten. Die schwerverletzten AktivistInnen, wie sie aus der Schule herausgetragen werden. Die Massendemonstrationen in Italien und die vielen Menschen, die auf der ganzen Welt auf die Straße gehen.
Drei Polizeichefs sind bisher zurückgetreten worden. Bauernopfer! Die Kommerzmedien, und andere schießen sich auf den ;;Schwarzen Block;; ein. Es ist nicht alles Hetze, was geschrieben wird, aber es gibt genug Hetze, um das was bezweckt wird, in die Tat umzusetzen. Spaltung und Entsolidarisierung. Guckt Euch doch einmal linke Widerstandsgeschichte genauer an. Ihr findet genügend Beispiele.
In Genua wurde ein Stück aufgeführt mit dem Namen ;;Strategie der Spannung;;. Hat schon einmal ganz gut geklappt, die Linke war diskreditiert und Italien kurz vor einem Militärputsch. Die Öffentlichkeit muß so tief verunsichert werden (z.B. durch Bombenanschläge, zusätzliche Leichenhallen oder einer ;;internationalen terroristischen Vereinigung namens Schwarzer Block;; - was für ein Hirnwichs!), daß sie der Aufhebung von Grundrechten zustimmt. In Genua wurde Faschismus inszeniert, aber zum Glück widersprechen die Leute massenhaft und überall. Hoffentlich auch beim nächsten Mal und zu kleineren Anlässen.
In Genua wurde ein Demonstrant erschossen und viele schwerstverletzt. Hier wurde eine Schwelle eklatant überschritten, eine Grenze gebrochen. Welche Auswirkungen diese Ereignisse haben werden, weiß ich nicht. Werden sich künftig einige mit Schußwaffen ausrüsten? Auge um Auge, Zahn um Zahn? 1977 in Italien wurde schon einmal eine derartige Eskalationsstufe erreicht, die Autonomia Operaia ist daran zerbrochen. Ich habe meine Befürchtungen aber auch meine Überzeugungen - trotz alledem...
La Lotta Continua!!!

[bis auf Carlo G. sind alle Eigennamen geändert]
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Ergänzungen

brandneue erkenntisse?

díeter derm 23.08.2001 - 13:18
danke für den artikel. so toll.
ich bitte alle anderen 200.000 leute auch noch einen zu schreiben.

ps.:echt schön das wir mal drüber geredet haben, du.

nich so pissig

ausgleichendes element 23.08.2001 - 14:07
schoener artikel, wirklich. und gar nicht sozialpaedagogischselbsthilfegruppenmaessig angehaucht, sondern von vorneherein persoenlich gehalten... ich kenn euch! ;)

x

sigried 23.08.2001 - 14:17
halt doch die klappe, dieta, wenn de kein plan hast. erstens fand ich den artikel ganz gut, zweitens kann ich als auchingenuagewesene es 100% nachvollziehen dass die leude das bedürfnis haben die dortigen unglaublichen erlebnisse niederzuschreiben, zu veröffentlicehn und damit zu verarbeiten. die meisten die dort waren sind echt "traumatisiert" und wenn dann eine wie du kommt und dumm rumpost ist das bestimmt nicht sehr hilfreich.
NO JUSTICE_NO PEACE

ganz gut

blah 23.08.2001 - 15:23
der artikel ist sehr cool. Als ebenfalls-auchingenuagewesender freue ich mich immer wieder solche Berichte zu lesen weil sie mir sehr dabei helfen über meine eigenen erlebnisse klarzukommen. und wenn sie so gut geschrieben sind wie dieser hier zumals!

sehr guter artikel

leftwing 23.08.2001 - 16:18
ein wirklich sehr gut gelungener artikel.

gegenüber den ganzen pseudo-checker-artikeln endlich mal einer, der beschreibt wies war!!

ich könnte auch mehr solche artikel vertragen...

vor allem wladi hat es mir angetan, ich glaube ich kenn die gruppe auch!

Dinge zu verstehen....

Sonnenschein 23.08.2001 - 23:30
... die ich in Genua aus meinem Blickwinkel nicht sehen konnte. Das ist für mich das, was an dem Artikel gut ist. Ich habe, als ich wieder in D-land war, einfach nicht verstehen können was in G. passiert ist. Mit dem Schreiben an meinem Bericht ist es besser geworden.Und mir ist klar geworden, was für ein Glück ich hatte. Ich hätte genauso in DIAZ-Schule gewesen sein können. Oder wo anderes.Aber ich bin auch noch sicher darin geworden, diesem Schwexxesystem die Zähne zu zeigen!

Alles scheiße

Herm 24.08.2001 - 09:47
Ich finde den Artikel total beschissen, mal wwieder einer der mArke Heulsuse, nichts gesehen nichts mitbekommen,, dann aber den Leuten vom Black Block vorwürfe machen, ihr gehört doch alle ins Gulag ihr blöden Hippies!!!

Ihr seit die Menschen über die ich lache!!

Master of desaster 24.08.2001 - 10:16
Tja, wenn ihr alle ne Krankenkasse habt, könnt ihr ja ne Gruppentherapie machen um eure schlimmen erlebnisse die ein Hippie so in Genua gehabt hat, wo es die Hippies ja besonders schlimm erwischt hat in Genua, Stimmt ja, ihr wart ja an der ersten Front als Carlo ermordet wurde. Ihr seit wirklich bürgerlicher Abschaum, zieht euch doch alle nen Rock an

Master of desaster......

Sonneschei 24.08.2001 - 15:04
... Du hast wohl das totale Rad ab in Deinem kranken Hirn. Wenn Du behaupten willst die Leute in der DIAZ-Schule wären "selbst schuld" dann ist das was vom miesesten was ich seit langem gehört habe. Hast Du schon mal was davon gehört, daß eine Bewegung solidarisch und unterstützend mit seinen Gefangenen um zu gehen hat? Wahrscheinlich nicht!Also sollche Sprüche würde ich eigentlich von "der anderen Seite" erwarten. Aber nicht von jemand der gegen die Globalisierung kämpft!

Naja, aber eigentlich richtig

24.08.2001 - 15:19
Da muß ich meinem Vorredner recht geben, die Ökos sind doch die, die sich jetzt ihr Maul zerreissen über etwas wo sie nicht dabei waren weil sie ja tanzen, trommeln, singen, Straßenthater aufführen müssen (die Albernheiten haben kein Ende). Naja gut, für Kannonenfutter eignen sie sich schon noch aber mehr auch nicht.

Ökos den Krieg erklären

Thung, you know who I`am 24.08.2001 - 15:23
Da muß ich meinem Vorredner recht geben, die Ökos sind doch die, die sich jetzt ihr Maul zerreissen über etwas wo sie nicht dabei waren weil sie ja tanzen, trommeln, singen, Straßenthater aufführen müssen (die Albernheiten haben kein Ende). Naja gut, für Kannonenfutter eignen sie sich schon noch aber mehr auch nicht. Deshalb die Bitte, haltet doch eure blöden Müslifressen.

AHAB (all hippies are bastards)

an Sonnenschein

icke 24.08.2001 - 15:29
lass dich doch nich von den kranken faschos provozieren. die haben halt ein prblem damit, daß die bewegung wächst und wächst. arme irre sind das.

Lucrezia Borgia 24.08.2001 - 16:34
Wir sind total erschrocken über manche Beiträge im Forum. Wir sind doch alle Globalisierungsgegner und sollten uns nicht gegenseitig runtermachen. Jede(r) sollte doch über die Form seines/ihres Protestes selbst entscheiden können, ob das nun Trommeln oder der Einsatz an vorderster Front ist. Laßt euch von Provokateuren nicht auf die Palme bringen.

Lange nicht mehr so gelacht "Icke"

MOD 24.08.2001 - 17:01
Darf ich mal bitte kurz einspruch einlegen. Der sogennate Globalisierungsprotest besteht doch zu 90% aus armen gehirnspastis. ATTAC geht es zum Beispiel darum die Nationalstatten zu stärken anstatt sie abzuschaffen, was ja nun mal wirklich revolutionär wäre. Aber nein, die müssen ja einen demokratischen Nationalismus wie Oskar Lafontaine machen, der übrigens auch bei ATTAC ist. Oder Linksruck, stellt sich auf reformistische Forderungen hoch 10 nur um Teil deiner beschiossenen Bewegung zu werden lieber "Icke".
Euch gehts doch auchallen nur ums wohlergehen euer Nation ihr blöden Penner. Ihr solltet einfach ne Partei der moralisch pikierten Gründen, bin ziemlich sicher, daß ihr ne erreciht. Heulsusen unter sich Quasi. geht doch alle kacken. Deutschland+die Deutschen verrecke!!!

Stimmt!

Einz 24.08.2001 - 18:53
Wenn wir uns von ein paar Faschos oder Sektieren (die abkotzen, daß die Bewegung sich nicht vereinahmen lässt) oder staatsfreundlichen Assimilieren (Die Borg-grins) fertig machen lassen, dann war die Bewegung es noch nicht wert. Aber ich denke, die meisten sehen eh darüber hinweg. Schliesslich gehen die Provokationen hier von ein oder zwei Leuten aus.

WIe bei Winnetou

MOD 24.08.2001 - 19:41
werden wir euch blöden Nationalistenhippies die Haare skalpieren, freut euch schon mal. AHAB

Globalisierung - was ist das? Gibts das? #01

umberto 24.08.2001 - 22:09
Die Globalisierungsgegner und die Globalisierungs-Ideologie


Bei denjenigen, die sich selbst die "Gegner der Globalisierung" nennen, gibt es die unterschiedlichsten Auffassungen und Strömungen. Da gibt es Gewerkschafter aller Couleur, ziemlich viele kirchliche Organisationen, alternative Professoren der Volkswirtschaftslehre, Freunde der Bewahrung indigener Kulturen, Kritiker des Kapitalismus, die auf Marx-Zitate zurückgreifen, Umweltaktivisten, Schwule und Lesben usw. usf. Die "Bewegung" ist stolz darauf, dass all diese Auffassungen, die oft genug recht gegensätzlich sind, in der "Bewegung" nebeneinander existieren können – denn auf die je einzelne Auffassung kommt es ja gar nicht an. Geeint sind sie nämlich darin, dass sie alle einen Beitrag leisten wollen zum Widerstand gegen ihren gemeinsamen Feind: gegen die weltmächtige und "menschenverachtende" Allianz von IWF, Weltbank, WTO und den sogenannten Transnationalen Konzernen.

1.

Die Institutionen, die die Globalisierungsgegner für die Durchsetzung der "Globalisierung" verantwortlich machen, existieren schon sehr lange. IWF, Weltbank und GATT – aus dem später dann die WTO geworden ist – sind staatliche Schöpfungen und es gibt sie seit 1945. Wenn man "Globalisierung" einmal schlicht nimmt, nämlich als: Weltweit-Machen von Handel und Kapitalverkehr, dann gibt es sie, seit es den Kapitalismus gibt, und seit 1945 unter besonderer Betreuung durch die genannten Institutionen. Die Staatenwelt – früher noch mit der großen Ausnahme der Sowjetunion und ihrer Verbündeten – weiß als zwingendes Gebot ihrer Wirtschaftsweise, dass der grenzüberschreitenden Tätigkeit des Kapitals immer mehr Möglichkeiten und Freiheiten verschafft werden müssen – die nationale Kapitalmacht bedarf zu ihrer Entfaltung der Be- und Ausnutzung des Weltmarkts. Das hat die "Multis", die es auch schon ziemlich lange gibt, so richtig in Schwung gebracht und wachsen lassen, denn die Tätigkeit der Institutionen war ja gerade darauf berechnet. Umgekehrt ist klar, dass kapitalistische Staaten nicht einfach bloß so für die Internationalisierung des Kapitals sind, sondern sie selbstverständlich mit der Berechnung betreiben, dass sie zum nationalen Vorteil ausschlagen soll. Der Ort, an dem dieser Widerspruch – der zwischen dem gemeinsamen Interesse an weltweiter Kapitalisierung und den konkurrierenden Interessen am Ertrag daraus – auf der höchsten diplomatischen Ebene ausgetragen wird, sind eben IWF, Weltbank und GATT/WTO. Diese Institutionen sind also Agenten des weltweit agierenden Kapitals, sind es aber nur in dem Maße, auf das, und in dem Rahmen, auf den sich die Staaten einigen. Genauer gesagt: Die Macht dieser Institutionen ist gar nicht ihre eigene; sie wird ihnen vielmehr von ihren Auftraggebern, den Weltwirtschaftsmächten, verliehen. Von deren Einigung sind nämlich die Regeln der Weltmarktkonkurrenz abhängig, an die sich diese Institutionen zu halten haben.. Klar, dass dieser Kampf um Einigung – an der formell zwar weiterhin alle Staaten beteiligt sind – nur von einigen wenigen, den kapitalmächtigen, bestimmt und entschieden wird, was wiederum ihrer Kapitalmacht zugute kommt. Immer mehr Staaten sind im Zuge dieser "Globalisierung" in die wirtschaftliche und politische Bedeutungslosigkeit versunken, während die mächtigen Staaten eben in und mit ihrer Konkurrenz in der Zurichtung der Welt für ihre Bedürfnisse und ihren Reichtum vorangeschritten sind. – Das wurde aber 40 oder mehr Jahre lang niemals, genauso wenig wie das staatlich gestiftete und begleitete Wachstum der Multis, als "Globalisierung" bezeichnet.

Globalisierung - was ist das? Gibts das? #02

umberto 24.08.2001 - 22:11
2.

Eine Neuheit ist dagegen die Erfindung und Verbreitung des Schlagworts "Globalisierung". Bekanntlich sind darauf nicht die Globalisierungsgegner gekommen, sondern die Staaten, die als "Weltwirtschaftsmächte" die Maßstäbe der Konkurrenz auf dem Weltmarkt setzen. Was die über Jahrzehnte betrieben haben, nämlich den ganzen Globus mit ihren Kapitalverwertungsinteressen zu überziehen, bezeichnen sie nun mit dieser Modevokabel – aber mit einem entscheidenden und alles verdrehenden Zusatz. Sie behaupten nämlich, sie seien der "Globalisierung" ausgesetzt. Da gibt es jetzt also das international agierende Kapital, dessen sich – ausgerechnet die kapitalstärksten – Staaten angeblich erwehren müssen. Sozusagen reihum bezeichnet sich jeder dieser Staaten als Opfer der Konkurrenz, die er über Jahrzehnte vorangetrieben hat. Diese Lüge ist zu der Ideologie der heutigen Macher geworden. Mit dieser Ideologie ziehen sie eine Maßnahme nach der anderen durch, die von nichts anderem zeugen als dem unbedingten Willen, in der Konkurrenz der Nationen zu bestehen und andere Nationen zu den wirklichen Opfern, also Konkurrenzverlierern zu machen. Damit wird der nationalen Arbeitskraft in der Konkurrenz der Nationen ein neuer Status aufgezwungen: Sie soll als Waffe in dieser Konkurrenz eingesetzt werden, indem sie verbilligt wird. Was das für die beschäftigten und beschäftigungslosen Arbeitskräfte bedeutet, kennt jeder: Unter Titeln wie "Modernisierung des Sozialstaates" und "Standortsicherung" spricht der Staat erstens klipp und klar aus, dass er den Zugriff auf alle Lebensumstände seines Arbeitsvolkes hat und dass er es zweitens als Material im Kampf gegen andere Nationen beansprucht und einsetzt. Deswegen befindet er es drittens als zu teuer. Dies führt er viertens darauf zurück, dass er ihm in der Vergangenheit zu viele "Besitzstände" zuerkannt habe, die nicht mehr "in die heutige Zeit der globalen Konkurrenz passen" sollen. Daher "muss" er fünftens diesen Fehler schleunigst korrigieren und dem Volk diese "Besitzstände" wieder aberkennen. Natürlich wird das sechstens immer von einem "leider" begleitet: Nur auf Grund der äußeren Zwänge der Globalisierung "müsse" sich der Staat so verhalten. Mit dieser Globalisierungsideologie rechtfertigt der Staat das, was er als führender kapitalistischer Staat will, als unabänderlichen "Sachzwang".

Globalisierung - was ist das? Gibts das? #03

umberto 24.08.2001 - 22:11
3.

Wie anfangs gesagt, bezeichnen die Globalisierungsgegner die Allianz von IWF, Weltbank, WTO und Transnationalen Konzernen als ihre gemeinsamen Gegner und finden sich darin zusammen. Damit machen sie den Fehler, dass sie die "Globalisierungs"-Ideologie der Staaten bitter ernst nehmen. Statt zu kritisieren, was ihre Staaten zu Hause tun, um sich in der globalen Konkurrenz durchzusetzen, melden sich die Globalisierungsgegner am entgegengesetzten Ende, auf der obersten Ebene der internationalen Konkurrenz, zu Wort. Hier erst fällt ihnen das "Unsoziale" des Kapitalismus überhaupt so richtig auf, und zwar als Folge dessen, dass der Kapitalismus es mit seiner Internationalisierung zu weit getrieben haben soll. Dass die Staaten das, was sie ihren Völkern zumuten, als Folge des angeblichen "Sachzwangs" der "Globalisierung" bezeichnen, glauben ihnen die Globalisierungsgegner; sie glauben, dass die Staaten – auch die führenden – der "Globalisierung" tatsächlich unterworfen sind. Alle Länder kommen ihnen so als Opfer der Globalisierung vor. Das "Unsoziale", das sie ihren Völkern und dem Rest der Welt antun, erscheint ihnen dann als deren unausweichliche Folge.

Eine Kritik an den führenden Nationen haben sie dabei schon: Sie hätten doch bei dieser internationalistischen "Übertreibung" selber mitgewirkt – sei es, indem sie sich von den Multis und internationalen Institutionen entmachten ließen, sei es, dass sie einer "neoliberalen Ideologie" verfallen seien und die Internationalisierung – von dieser Ideologie verblendet – vorangetrieben haben. Aber wie sie nun selbst sagen, sind sie Betroffene dessen, was sie mit sich haben machen lassen oder selbst angezettelt haben – und nach Auffassung der Globalisierungsgegner müssten sie daraus die Lehre ziehen, dieser Verselbständigung der internationalen Kapitalmacht Einhalt zu gebieten.

Wenn die – neu entstandene – Protestbewegung sich ausschließlich zu hochrangigen internationalen Treffen einfindet und dort viel Leidenschaft und Empörung an den Tag legt, hat das also seine Logik. Sie nimmt die "Globalisierungs"-Lüge ernst und glaubt, dass Staaten unter der Internationalisierung des Kapitals leiden und sich von daher zu den "sozialen Härten" gezwungen sähen, die sie ihren Völkern zumuten. Damit ist ein Gegensatz zwischen ‚national‘ und ‚international‘ eröffnet, der besagt: Wenn man der internationalen Betätigung des Kapitals freie Bahn verschafft, dann führt das aufgrund von dessen "räuberischer" und "profitgieriger" Natur zu einem einzigen Auswuchs. Der wäre aber nicht eingetreten, wenn die Staaten die nationale Kontrolle über das Kapitalgeschehen behalten hätten. Und dieser Auswuchs ließe sich wieder zurückstutzen, wenn die Staaten sich gemeinsam darauf einigten. Der nationalen Politik wird so der "Schutz des Sozialen" zugewiesen. Die Pflicht des Nationalstaates sei die Zähmung des Kapitalismus, der als "globaler" hemmungslos ist. Gerade weil der Staat sich diese Aufgabe aus der Hand hat nehmen lassen, kann man an den unheilvollen Wirkungen sehen, wie sehr sie seine eigentliche Aufgabe ist. Daher wissen sich die Globalisierungsgegner zu ihrem Protest berechtigt, denn sie sind ja beseelt von der staatsbürgerlichen und demokratie-idealistischen Überzeugung, dass der Staat dafür da ist, seinen Bürgern – insbesondere den sozial schwächeren – zu dienen und ihre Wohlfahrt zu mehren. Diesen Glauben an den eigentlich guten Zweck des Staates lassen sie sich durch die "Globalisierungs"-Ideologie der Staaten noch einmal bestätigen: Die politische Sonntagspredigt, dass der Staat selbstverständlich für das Wohl seiner Bürger da ist und sie vor "sozialen Härten" zu schützen hat, wird selbst dann nicht aus dem Verkehr gezogen, wenn derselbe Staat nun "soziale Härten" verordnet, – er ist ja angeblich dazu gezwungen. Damit sagt er ja zugleich, dass er das eigentlich nicht will, dass er eigentlich weiterhin nur für seine Bürger da ist.

Wenn die 7 führenden Industriestaaten auf ihren G7-Treffen überhaupt keine Anstalten dazu machen, die vermeintlichen Übertreibungen der Globalisierung rückgängig zu machen; wenn sie vielmehr in ihrer "neoliberalen Verblendung" betonen, so recht eigentlich sei die Globalisierung noch gar nicht Wirklichkeit und das sei der Grund für die "sozialen Härten" zu Hause und für das Elend in der "Dritten Welt", dann fühlen sich die Globalisierungsgegner zu Widerstand berechtigt. Die G7-Staaten, die gemeinsam doch dazu die Macht hätten, weigern sich in ihren Augen ihrer eigentlichen menschenfreundlichen Aufgabe – dem Schutz ihrer Bürger und der gerechten Verteilung des Reichtums auf dem Globus – nachzukommen. Daher fordert ein Teil der Globalisierungsgegner die G7-Führer auf: Wenn ihr eigentlich das Wohl der Menschheit wollt und wenn ihr doch eigentlich auch die Macht dazu habt, dann haltet euch doch endlich an die gute Meinung, die wir von euch – oder zumindest von den demokratischen Institutionen haben, denen ihr vorsteht! Ein anderer Teil bezichtigt die Staatschefs des Verrats an ihren eigentlichen Pflichten und bezieht daraus die Berechtigung, den staatsbürgerlichen Gehorsam bei Anlässen wie Genua demonstrativ aufzukündigen.


Die gute Meinung über sich hören die Staatenlenker durchaus gerne, und sie sind durchaus auch "dialogbereit", aber dann müssen sie auch darauf hinweisen, wo die Grenzen sind – und zwar mit aller Schärfe. Einen Appell an ihren guten Willen nehmen sie allemal entgegen, dafür muss die "Bewegung" aber den Nachweis erbringen, dass sie mit denen, die den Gipfel mit zivilem Ungehorsam stören, nichts zu tun haben wollen. Es heißt, ihre "berechtigten Anliegen" würden "durch die Vermummten diskreditiert". Das ist ein starkes Stück: Bis zum Zeitpunkt der Straßenkämpfe von Seattle usw. haben die G7-Staatschefs und ihre Sachverständigen in Wissenschaft und Publizistik den bis dato "friedlichen Demonstranten" nie bescheinigt, "berechtigte Sorgen" zu äußern, da wurde sie einfach als weltfremde Spinner abgetan. Seit es Störer gibt, schmeicheln die Politiker und ihre journalistische Öffentlichkeit den nichtmilitanten Teilen der Globalisierungsgegner, sie hätten ja so bedenkenswerte Einwände …

aggressive poebler

ausgleichendes element 26.08.2001 - 20:55
ich finde den ton einiger kommentare hier wirklich erschreckend und frage mich, was dieses sinnlose rumgepoebel eigentlich bewirken soll. koennen diese kommentatoren ihre aggressivitaet nicht bei irgendwelchen ballerspielen, die ihrem intellektuellen niveau angemssen sind, ablassen?