Die große wahre Geschichte vom ... (2.Teil)

Sven Glückspilz 16.08.2001 01:23
siehe Zusammenfassung 1.Teil
2.Teil der "großen wahren Geschichte des 'Black Block'"

Der Tag verlief ähnlich chaotisch wie der Freitag. Die Rote Zone war für die Militanten noch unerreichbarer geworden als zuvor, was aber letztlich unwichtig war: denn was hätte denn geschehen sollen, wenn tatsächlich ein paar versprengte Häufchen dort durchgebrochen wären? Sie wären massakriert worden. Das politische Ziel der Militanten war bereits mit dem Freitag erreicht worden. Es war bewiesen worden, daß ein Gipfeltreffen der Mächtigen nur militärisch durchgesetzt und geschützt werden konnte, daß die GAPO-Bewegung eine starke militante Option hatte. Eine oppositionelle Bewegung hat nur dann eine Chance, politisches Gewicht zu bekommen, wenn die HERRschenden diese Option befürchten müssen. 500.000 FriedensdemonstrantInnen beeindrucken keinen Machtpolitiker oder Großbankier, solange gewiß ist, daß sie friedlich bleiben werden. Erst die Möglichkeit, daß sie sich ja auch radikalisieren könnten, macht die Bewegung gefährlich und damit stark.

Der Preis dafür, und das zeigte sich schon im Vorfeld, besonders aber am Samstag, ist die Spaltung innerhalb der Bewegung. Die gemäßigten Kräfte und die radikalen liegen zu weit auseinander, um ihre jeweiligen Aktionsformen einfach so nebeneinander auf der Straße durchführen zu können. Militante sind naiv, wenn sie behaupten, es genüge ja, sich gegenseitig zu akzeptieren. Unsere Militanz wirkt sich auf andere ganz konkret aus. Es stimmt zwar, daß die Polizei auch ohne Straßenkämpfe zu Übergriffen neigt, aber es stimmt auch, daß die Gewalt der Polizei - auch gegen Unbeteiligte - im Zuge von Straßenkämpfen erheblich zunimmt, daß sie brutale Rache nimmt, oft an Schaulustigen und Unerfahrenen (denn die Militanten wissen am besten, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen).

Am Samstag Abend schien es, als ob ein politisches Unentschieden anstünde. Die Militanz hatte der GAPO die Aufmerksamkeit verschafft, die sie brauchte. Anstatt daß die ihre politischen Inhalte in der Öffentlichkeit von der "Gewaltberichterstattung" überlagert worden wäre - wie die liberalen Linken es stets behaupten - war das Gegenteil der Fall. Die Militanz hatte die Berichterstattung über das Fest der HERRen der G8 verdrängt, und viele Medien beeilten sich, die "eigentlichen" Anliegen der GAPO-Bewegung zu erläutern, die von den "Gewalttätern" gerade diskreditiert würden. Andererseits waren die Gräben innerhalb der GAPO, schon in Göteborg deutlich, nun noch offener aufgebrochen, hatte es Schlägereien untereinander gegeben, waren tausende verletzt und zerschunden und ein Mensch tot. Der Preis für den augenblicklichen politischen Erfolg war hoch und würde erst in der Zukunft erkennbar werden. Der politische Druck von oben und von den Medien, der auf die gemäßigten Kräfte zum Zwecke der Spaltung ausgeübt wurde und noch werden würde, war enorm. Und viele schienen nur zu gerne bereit, ihm nachzugeben oder gar vorauseilend zu gehorchen.
Dann kam der nächtliche Überfall auf die Diaz-Schule und das Medienzentrum IMC.

Die Situation in Genua schwankte Samstag Abend für viele zwischen "es ist überstanden" und "was wohl jetzt noch nachkommt". Es war abzusehen, daß die Polizei weitere Angriffe auf Camps und Unterkünfte starten würde. Viele Militante wechselten das Quartier, aufgrund von Gerüchten über bevorstehende Razzien oder einfach aus Unsicherheit; es mußte immerhin davon ausgegangen werden, daß die Polizei im Laufe der Tage mitbekommen hatte, wo die Militanten zu suchen waren, und es hatte ja auch schon entsprechende Angriffe gegeben (etwa auf das Camp von griechischen Anarchisten, soweit ich weiß).
Manche, die an Auseinandersetzungen beteiligt waren, suchten den Schutz von Einrichtungen, die aufgrund ihrer Nähe etwa zum GSF als sicherer galten. Dazu gehörten auch die Diaz-Schule und das IMC. Die Polizei ist nicht allwissend, sie kriegt manches mit und manches nicht. Und sie hat ihre eigenen Verschwörungstheorien und wittert gerne geheime Bündnisse zwischen Militanten und Gemäßigten. Sie hatte sich bereits vor der nächtlichen Attacke stark auf die Deutschen als angebliche Haupt-Randalierer eingeschossen, und sie hat vermutlich mitbekommen, daß viele Deutsche in die Diaz-Schule überwechselten oder bereits dort waren. Es scheint daher sehr wohl möglich, daß sie anfangs wirklich der Meinung war, hier ein Zentrum der Militanten ausgemacht zu haben. Die unglaubliche Brutalität des Angriffs ist anders kaum zu erklären (schlugen sie den friedlichen Sack und meinten den ausschlagenden Esel?). Es ist durchaus lebensnah (aber nicht so prickelnd verschwörerisch), zu vermuten, daß die Sondereinheiten ganz konkret Rache für die Vortage nehmen und die deutschen Militanten zusammenschlagen wollten, daß sie in ihrem (faschistoiden?) Haß und der über die Tage gewachsenen Anspannung unkontrollierbar wurden und die Deckung von oben dabei hatten: keine Sorge, das bügeln wir schon aus, die Medien haben wir im Griff, wer hört schon auf ein paar Schreihälse aus dem "Black Block"? Und dann trafen sie (überwiegend?) die ganz "falschen"... Die Möglichkeit, daß bewußt nicht auf die Militanten, sondern auf bekanntermaßen Friedfertige losgedroschen wurde, besteht nichtsdestotrotz. Dahinter müßte dann eine politische Strategie vermutet werden, die zum Ziel hat, die gemäßigte Linke durch Terror einzuschüchtern und zur Isolation der Militanten zu zwingen, nach dem Motto: trennt euch vom schwarzen Block, sonst schlagen wir euch tot. Ich halte aber die erste, banalere Erklärung für die wahrscheinlichere. Es sind meistens die banaleren Geschichten, die wahr sind.

Der Überfall auf die Schule und das IMC ging auch deswegen politisch nach hinten los für die Täter, weil es einige "unpassende" ZeugInnen und Betroffene gab. Geprügelte JournalistInnen lassen in fast allen Medien die staatstreuen Zügel lockerer werden, eine Senatorin als Zeugin ist auch ungünstig. Die Erschießung von Carlo Giuliani war noch mit einem Schulterzucken durchgegangen, die Polizeigewalt vom Samstag auch noch, der Überfall auf die Schule war dann der Tropfen zu viel, der etliche Medien kippen ließ und das politische Patt vorerst zugunsten der GAPO drehte. Ich schreibe "vorerst", weil ich mir durchaus nicht sicher bin, ob nicht langfristig die einschüchternde Wirkung des Terrors stärker sein wird als die mobilisierte Wut und Trotzreaktion. Werden nicht viele vor der nächsten anstehenden Großaktion sich fragen, ob sie sich das nach Genua noch einmal zumuten? Werden die gemäßigten Gruppen nicht letztlich wieder in ihre vertraute Spaltungsposition zurückkehren und, ausgesprochen oder nicht, die Militanten für den Terror der Polizei verantwortlich machen?

Die ersten Signale, etwa aus Richtung des GSF, klangen leider ganz danach. In jüngster Zeit gab es aber auch ermutigende Zeichen, etwa aus Richtung von ATTAC Deutschland. Eine Diskussion über die Möglichkeit gemeinsamer Aktionsformen ist nötig, und eine Einigung ist nicht zu erwarten. Aber vielleicht ist es wenigstens möglich, sich darüber zu verständigen, was in Genua geschehen ist und was als Gerücht, Einbildung, Erfindung oder Spekulation zurückgewiesen werden muß. Von einer solchen Basis aus kann dann versucht werden, zu diskutieren, wie weitere Aktionen in Zukunft aussehen könnten.

Ich möchte zusammenfassend mein Fazit aus den Tagen in Genua ziehen.
- Die Eskalation der Straßenkämpfe in Genua war spätestens nach Göteborg absehbar.- Es hat keinen "Black Block" gegeben.
- Militante sollten den Begriff des "Black Block" nicht akzeptieren, denn er kann - gerade in Italien - Assoziationen an unheimliche Gewalttäter und (faschistischen) Terror hervorrufen.
- Die Militanten waren schlecht bis gar nicht organisiert.
- Die Straßenkämpfe wurden von Militanten begonnen und maßgeblich geführt, nicht von Provokateuren.
- An den Straßenkämpfen beteiligten sich tausende, viele davon waren weder schwarz gekleidet noch vermummt, waren weder Militante noch Provokateure.
- Die Polizei ging brutal gegen alle vor, ob militant oder friedlich.
- Die Polizei hatte am Freitag ein teils defensives Konzept, weshalb viele militante Aktionen zeitweise unbehelligt blieben.
- Am Samstag schaltete die Polizei auf Offensive um und griff alle an, die ihr vor die Knüppel kamen - wiederum Militante ebenso wie Friedliche.
- Es gab vermummte Zivilpolizisten, vor allem als Schläger- und Greiftrupps.
- Es beteiligten sich auch einige getarnte Polizisten und Faschisten an den Krawallen; wenn sie dabei eine politische Strategie verfolgten, dann höchstwahrscheinlich die, durch asozialen Terror die Militanten in Mißkredit zu bringen.
- Es gab daneben aber auch Fehler von Militanten und unverantwortliche Aktionen.
- Der Überfall auf die Diaz-Schule war von oben gedeckt, wenn auch nicht von langer Hand geplant; er sollte vermutlich die deutschen Militanten treffen.
- die massive Brutalität der Polizei verfolgte das Ziel, die gemäßigten Teile der Bewegung einzuschüchtern und von den radikaleren Teilen zu spalten. Ob dieses Konzept erfolgreich war, wird sich erst in der Zukunft erweisen.
- Genua war ein politischer Erfolg für die gesamte GAPO-Bewegung, der teuer erkauft wurde und keine Gewißheit für den weiteren Verlauf bringt; ein Rückschritt ist ebenso wahrscheinlich wie eine verstärkte Mobilisierung.
- Genua wird sich in dieser Form nicht so bald wiederholen. Das Jahr 2001 war möglicherweise das letzte Jahr, in dem die Weltstrategen Ort und Form ihrer Gipfel kaum unter Rücksichtnahme auf mögliche Proteste planten. Gipfeltreffen in den Rocky Mountains, in Saudi-Arabien oder auf Flugzeugträgern werden anders verlaufen.

Zentral steht für mich eine Erkenntnis: Genua hat eine Grenze der Mobilisierung und politischen Aktionsfähigkeit aufgezeigt. So viele Menschen, aus so unterschiedlicher (politischer) Heimat, mit verschiedenstem Organisierungsgrad und verschiedensten Aktionsformen, werden zu einem unkontrollierbaren Pulverfaß. Alles, Gutes wie Schlechtes, wird immens vestärkt und intensiver erlebt. Niemand kann mehr den gesamten Verlauf der Ereignisse überblicken, geschweige denn kontrollieren: kein GSF-Funktionär, kein Tute Bianche, kein Militanter, kein Provokateur, kein Polizeiführer.
Militante Straßenkämpfe einer wachsenden Bewegung sind schon früher - auch in Italien - an eine Grenze gestoßen, die zu überschreiten den Weg in die militärische Auseinandersetzung bedeutet. Die Folge ist, unter den heutigen Bedingungen ebenso wie etwa 1977 in Italien (bewaffnete Demos der Autonomia-Bewegung), daß die Eskalation zurückgenommen werden muß oder die Bewegung zerschlagen wird. Denn die Machtfrage stellt und beantwortet derzeit in Europa der Staatsapparat und nicht die revolutionäre Bewegung. Die Eskalation von Seiten der Polizei, die bereits in Seattle begann, verfolgt genau dieses Ziel: uns einen immer härteren Kampf aufzuzwingen, dem wir auch strukturell nicht gewachsen sind. Denn, wie erwähnt, es gibt nicht nur keinen organisierten "Black Block" (was sogar die italienische Justiz inzwischen zuzugeben scheint), es gibt überhaupt keine Struktur der Militanten, die einer ernsthaften staatlichen Repression auch nur ansatzweise standhalten könnte.
Daher müsste für alle Militanten eine Einschätzung der Kräfteverhältnisse stets am Anfang ihrer Aktionen stehen, und der mögliche Verzicht auf Eskalation müsste bewußter Teil der Strategien sein. Das ist aber nur sehr selten der Fall, denn - wie oben schon angedeutet - "die" Militanten sind ein strategienloses Sammelsurium, in dem völlig unterschiedliche Motivationen zusammenkommen. Wer jung und wütend ist, sich sehr stark und wichtig fühlt, halb noch gegen die Eltern, halb schon gegen das Gesellschaftssystem rebelliert, wird sich kaum mit strategischen Überlegungen aufhalten. Das Ergebnis ist, bedauerlicherweise, daß nicht etwa die militante Bewegung bewußt Strategie und Taktik entwickelt, sondern daß zur militanten Bewegung immer genau die Menschen gehören, die die momentane Praxis gut finden. Wer seine Meinung ändert, verläßt meist die Bewegung, anstatt sie zu verändern.
Daher ist es fast unmöglich, mit anderen Kräften der GAPO-Bewegung verbindliche Absprachen über ein zukünftiges Nebeneinander der Aktionsformen zu treffen. Niemand kann den militanten Flügel wirklich repräsentieren.
Wir als Militante können nicht auf das Umfeld der vielen tausend verzichten, die unsere Aktionsformen zumindest tolerieren; die GAPO-Bewegung allgemein kann nicht auf ihre militante, umstürzlerische Option verzichten, will sie nicht in der sozialdemokratischen Umarmung ersticken. Künftige Mobilisierungen der GAPO kommen nicht darumherum, sich sowohl auf mögliche (nicht: zwangsläufige!) militante Aktionen wie auch auf brutale Polizei einzustellen.
Es ist klar, daß es unter diesen Voraussetzungen schwer ist, gemeinsame Aktionen durchzuführen mit denen, die an Reformkonzepte noch glauben und auf Einfluß, gar Beteiligung an der Regierung (oder gar der Macht?) hoffen. Für sie sind wir eine zukünftige Bedrohung, und sie für uns. Dieses Mißtrauen zieht sich mehr oder weniger unterschwellig stets durch die Gewalt-Debatte. Welche Politik wird durch Gewalt diskreditiert? Wenn es die Politik ist, die auf Teilhabe an der heutigen Macht zielt, ist sie in unseren Augen bereits selbst diskreditiert. Diese Sichtweise führt viele Militante in die Sackgasse, die gemäßigte Linke an sich für verloren an den Reformismus zu halten, besonders die Organisationen. Sie verlieren den Respekt vor den Beteiligten und sehen sie geringschätzig als die nützlichen Idioten der Sozialdemokratie an, so wie andersherum manche uns als nützliche Idioten der Polizei betrachten.
Die GAPO-Bewegung kann nur stärker werden (bzw. überleben), wenn sie dieses Spannungsverhältnis aushält. Sonst wird sie sich zwangsläufig aufspalten in einen radikalen Teil, der isoliert, unterdrückt, zerschlagen wird und einen reformistischen Teil, der mit den üblichen Lippenbekenntnissen, Bestechungen und Lügen abgespeist wird. Aushalten läßt sich das Spannungsverhältnis nur, wenn es für alle Fraktionen die Möglichkeit gibt, ihre Aktionsformen durchzuführen. Das bedeutet aber auch, daß es für Gewaltfreie möglich sein muß, so zu demonstrieren, wie sie es wollen, ohne daß unsere Militanz und der darauf folgende Polizeieinsatz sie daran hindert. Militante Aktionen, soweit sie organisiert sind, müssen darauf achten, nicht andere Leute schwerwiegend in Mitleidenschaft zu ziehen. Wenn die Polizei von sich aus angreift, so soll sie das nicht uns in die Schuhe schieben können. Andererseits sollten wir von den Gewaltfreien erwarten können, daß sie einen differenzierten Blick entwickeln und nicht über jedes Distanzierungsstöckchen springen, das ihnen hingehalten wird von Medien und Staatspolitik. Wenn die Polizei sagt, sie müsse die DemonstrantInnen leider verprügeln, weil sie sich nicht distanzieren von denen, die ganz woanders Krawall machen, erwarte ich den von den Gewaltfreien den Mut, zu sagen: Nein, warum soll ich mich distanzieren, ich habe das nicht zu verantworten!
Die Gewaltfrage innerhalb der GAPO-Bewegung ist nicht "lösbar". Um zu überleben, muß sie Formen des akzeptierenden Nebeneinander entwickeln, die sich gegenseitig nicht ausschließen.
Wir als Militante können dazu beitragen, indem wir für die anderen Gruppen und Strömungen innerhalb der GAPO erkennbarer, ansprechbar und einschätzbar werden; indem wir Absprachen eingehen und auf deren gegenseitige Einhaltung achten; indem wir nicht jede Möglichkeit militanten Agierens nutzen, sondern uns taktischer verhalten.

Tja, es gäbe noch viel zu schreiben... aber vorerst lass ich es mal bei diesem Text.
Kurz zu mir: Seit zwanzig Jahren in der Berliner radikalen Linken aktiv, sozialrevolutionär, autonom, subversive Kommunikations-Guerilla. Checkt meine älteren Texte, z.B. in der "Interim".

Sven Glückspilz, 13.08.01
e-mail:  glueckspilz@so36.net
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Ergänzungen

Ein paar Worte... (auch hier noch mal)

36er 16.08.2001 - 05:14
.. sollten mir gestattet sein: Es lässt sich nicht von der Hand weisen, daß eine Militante Strategie, die über 30 Jahre gleich geblieben ist (obwohl die Erfolge immer häufiger ausblieben - allein wegen Kräfteungleichgewicht) nun einmal leicht auszunutzen ist. Den meisten ist schon klar, daß viele Black Block- Leute "echt" waren. Nur ist es bei dieser Strategie leicht, mit 5 Provokateuren, die "Arbeit" von 500 Leuten zu "zerstören". Zum Beispiel, indem Wohnhäuser mi Menschen angezündet werden. Das wiederum hängt auch mit der Unreflektiertheit einiger (Antifa-Kiddies) zusammen, die auch jegliche Diskussion, die in eine "unangenehme" Richtung geht abblocken (und blind aktionistisch sind). Aus den Lehren vieler Rückschläge haben sich die Tute Bianche entwickelt. Hier in Dumpfland wird dagegen Nicht-Gewaltfetischimus als reformistisch verunglimpft - was es natürlich für viele Pazifisten schwer macht sich zu solidarisieren. Wie also auf einander zugehen?

verschwörungstheorien

hägar 16.08.2001 - 06:00
erstmal glückwunsch zu dieser gelungenen analyse der abläufe. sie ist zumindest von den fakten her besser als das meiste, was hier vorher geschrieben wurde.

aber auch du verfällst einigen verschwörungstheorien. daß die schüsse von göteborg irgendeinen einfluß auf die ereignisse von genua hatten, kannst du durch nichts begründen. der 20(!)-jährige bulle, der carlo erschossen hat, hat das sicherlich nicht getan, weil ihm das nach göteborg opportun erschien. mir persönlich erscheint es wahrscheinlicher, daß er aus einer mischung aus panik, haß und einer erwarteten straffreiheit schoss. auch die tatsache, daß sein name nach stunden bekannt war, spricht nicht dafür, daß die schüsse von oben gewollt waren. seit 1967 (kurass/ohnesorg) ist in deutschland kein bulle mehr geoutet worden, der einen demonstranten gekillt hat.

auch die gründe, warum die diaz-schule überfallen wurde, scheinen mir an den haaren herbeigezogen zu sein. für die bullen war das gsf der grund allen übels. und eine stürmung des stadions oder anderer camps wird auch bei insgesamt 20.000 bullen zu diesem zeitpunkt für nicht durchführbar befunden worden sein. auch in d gab und gibt es zeitpunkte, wo die bullen sich zurückzogen bzw. nicht mehr klarkamen (1.5.87, chaostage 96, aber auch castor 01).

wir dürfen die bullen nicht unterschätzen, aber überschätzen sollten wir sie auch nicht.

aber schluss mit der kleinlichen kritik. den wichtigsten punkt an deiner analyse finde ich die klarstellung, daß militanter protest weder geplant noch im einzelnen vorhersagbar ist. ob das gut oder schlecht ist, steht auf einem anderen blatt, aber es widerspricht substantiiert dem allgemeinen blackbloc-gelaber.

zukunftsprognosen möchte ich hier nicht wagen, aber die bisherigen reaktionen der mächtigen (egal ob die rocky mountains oder cohn-bendits interview) geben mir etwas hoffnung, daß eine bewegung wie 68 oder 81 entsteht. (ja, ich weiß, was aus vielen 68igern geworden ist, aber wo sind die 81iger?)

Sehr, sehr guter Artikel (o.T.)

Korn 16.08.2001 - 11:32

anm. zu hägar

36er 16.08.2001 - 13:44
ich denke, daß Genua tätsächlich die "Folge" von Götborg war. Aber nicht weil ein Bulle es jetzt legitim fand zu schiessen, sondern weil europaweit systematisch Spannung aufgebaut wurde. Das Vorgehen in Götebor, Salzburg und Genua wurde ja durch die EU-Innenminister vorbereitet. Aber auch diese BBehauptung muss natürlich blegt werden. Ich kann hier im Kommentar daher nur empfehlen die guten Texte bei telepois zur EU-Innenpolitik zu lesen....

kurze Anmerkung

felix_kon 16.08.2001 - 13:57
Sehr gelungener Text, der sich von den vielen Kurz- (und teilweise auch längeren) Analysen durch Fehlen von Verschwörungstherorien und Image-Pflege positiv absetzt.
Zu Hägar wollte ich noch zwei Dinge sagen:

1. Die Schüsse in Göteborg (ähnlich die Mißhandlungen auf den Wachen und in den Knästen in Praha) waren sicher auch ein Signal an die taktische und politische Polizeiführung, entsprechende Mittel mit ins Repertoire aufzunehmen. Gerade der Fakt, daß sich in Schweden kaum ein Pressemedium oder eine bürgerliche Institution über den Schußwaffeneinsatz gegen Menschenansammlungen ausgesprochen hat (und gerade Schweden galt vormals nicht nur im sozialen Bereich als liberales Musterland!), hat in Italien sicherlich auch die Hemmschwelle zu deren Einsatz gesenkt. Dazu kommt natürlich eine historische Dimension, daß in Italien in den 70er Jahren Schußwaffeneinsätze bei Demos gebilligt wurden (s. auch Svens Passus zur Autonomia-Bewegung im Text). Vielleicht fällt der Griff zur Schußwaffe auch leichter, wenn a) das entsprechende reaktionäre (oder gar faschistische) Bewußtsein vorhanden ist, b) die militärische Ausbildung an der Waffe zum üblichen Training gehört (die Carabinieri unterstehen schließlich dem Verteidigungsministerium) und c) durch Vorgesetzte und gewisse traditionelle militärische Grundvorstellungen ein Schußwaffeneinsatz auch legitim erscheint.

2. Es stimmt nicht so ganz, daß die Namen von polizeilichen Todes- bzw. Mord-Schützen nicht veröffentlich werden, ich erinnere da nur an den Mord an Halim Dener 1994 (oder 1993?) in Hannover, wo der SEK-Schütze namentlich bekannt war. Aber es stimmt schon, daß der Polizeiapparat und die staatlichen Stellen eher blocken, wenn es um die Preisgabe von polizeilichen TäterInnen geht.

Was hat dich aufgehalten?

Reisekader 16.08.2001 - 14:35
Endlich mal nicht einer von den erlebnis-verarbeitungs-berichten aus genua! Es tut wirklich gut, wenn mal nicht die eigene betroffenheit eine politische herangehensweise völlig verdrängt. hättest du das bloß früher geschrieben, wäre uns vielleicht einiges an postings hier erspart geblieben (obwohl ich befürchte fast nicht). Jedenfalls ein meilenstein an sinvollem beitrag hier !

antwort für annäherung

16.08.2001 - 15:32
ich finde die beiden lager sollten sich annähern, weil man in die selbe richtung will.

"black Block": lehnt gesamte Globalisierung ab

andere(friedensgruppen,...) wollen z.b. nur schuldenerlass.
ist also deren hauptziel.

meiner meinung nach ist aber der komplette gipfel das problem, das viele schweinereien beinhaltet.

ich finde solche gipfel schon im anfang falsch.
warum soll ich mich dann um folgeerscheinungen aufregen(schulden,...)
am anfang anfangen ist am efektivsten...

sehr gut

frühlingssturm 16.08.2001 - 15:48
wirklich ein sehr guter artikel...einer der besten zu Genua den ich bisher gelesen habe ! an den kommentator über mir : die schüsse von götheborg haben den Mord von Genua insofern angestachelt, als sie nämlich "austesteten" wieweit die polizei gehen kann, und auf welches exkalationsniveau die auseinandersetzung gebracht werden kann, und wie die öffentlichkeit reagiert. Der Mord von Genua war nur die folgerichtige weiterentwicklung resp. eskalation von verhältnissen, die bereits in götheborg [und früher] gesteckt wurden......aber du hast recht dass dahinter keine "verschwörung" steckt...aber eine logik der repression

das geht aber schnell

frühlingssturm 16.08.2001 - 15:52
mit "kommentator über mir" meinte ich "hägar"

Ein lange erwarteter Beitrag

Tigerente 16.08.2001 - 21:59
Danke Sven für diesen guten Beitrag ! Endlich kann man hier mal eine Einschätzung von Seiten der Militanten erfahren, die über die Rechtfertigung von Gewalt hinausgeht zu dem eigentlich wichtigen: welche Folgen sind damit für die Bewegung abzusehen und wie weiter ? Und Deiner Einschätzung kann ich nur zustimmen. An dieser Stelle sollten wir alle weiterdiskutieren.

Phantastisch!

Armin Reich 17.08.2001 - 02:45
Aber weiter:
ich denke, wir sollten selbst das angehen, was wir (u.a.) global fordern, dezentral agieren. Es war wirklich sonnenklar, daß sich die Ereignisse in Genua bei einem derartigen Massenandrang wie gehabt abspielen. Der Global Action Day ist daher eigentlich schon die folgerichtige Konsequenz und ein gut großer Schritt in die richtige Richtung.
In Deutschland sehen wir bei der Anti-AKW-Bewegung (schon anhand der Logistik der Castor-Transporte), wie so etwas aussehen kann. Hier zeigt sich auch, daß wir das reformistische Gerede der Polit-Karrieristen nicht so ernst nehmen müssen, denn die politische Lage hat sich im Lauf der letzten Jahre schwer geändert (die Folgen kapitalistischer Politik hageln auf die Bevölkerung) und die Glaubwürdigkeit von halbroten oder grünen Politikern zerbröselt wie eine alte Semmel.
Den Bullen sollten wir ausweichen, wo es nur geht. Als 1987 an der Startbahn die Schüsse fielen (als Konsequenz von Einzelnen auch jetzt gut denkbar), zerfiel die ziemlich erstarkte autonome Bewegung schnell. An "Schlachten" kann wirklich nur die Gegenseite profitieren - der Tod eines Genossen hat mich wirklich geschockt und anstatt von Ohnmacht und Wut hab´ ich lieber andere Gefühle als Motivation für den Kampf. Am sinnvollsten dürften Kleingruppenaktionen auf einem niedrigen Level sein und unsere Präsenz überhaupt. Nach dem, was in Genua abgelaufen ist, sollten wir jede weitere Eskalation vermeiden.
Dabei brauchen wir nix und niemanden strategisch auszugrenzen. Svens Beitrag gefällt mir daher so gut, weil er ehrlich und sehr menschlich ist und sich daher von dem Blabla der Etablierten und Dogmaten abhebt. Aus meinen Erfahrungen seit ´79 habe ich gelernt, daß Strategiedebatten nicht nur ermüdend sind, sondern auch völlig nutzlos. Mein Slogan daher: es gibt nichts Gutes, außer man tut es!
Wenn wir all unsere Energie reinhängen, schaffen wir schon eine Spaltung zwischen Ausgrenzern und Aktiven.

also

anders 17.08.2001 - 15:26
dieser artikel ist wirklich gut,da ersich klar gegen die momentan versuchte konstruktion eines organisierten schwarzen blocks wendet.diese konstruktion einer international agierenden organisierten terroreinheit stellt für mich eigentlich das gravierenste ergebnis von genua dar,so versuchen die staaten ihre repression auf die militante bewegung rechtlich abzusichern,da so die ganzen mechanismen der antiterrorismusgesetzte angewandt werden können.der versuch über eine kriminalisierung,auch von symphatisanten,die die bewegung zu spalten ist offentsichtlich.es wird versucht eine zuspitzung zu erreichen in der hoffnung dasss es wirklich zu der neu auflage von terrroritischen maßnahmen kommt,da diese eine bewegung so effektiv wie nichts spalten.diese situation hat man in deutschland seit dem" deutschen herbst " schon mal erleben dürfen.hoffentlich hat man dazu gelernt und aktionen wie der anschlag in venedig bleiben nur die ausnahme

an die superrevolutionären weltverbesserer

mc 21.08.2001 - 14:39
an alle die in den momentanen protesten die revolution sehen.

es gibt ja leider marxens in der linken szene sehr viele verwirrte köpfe, die in auseinandersetzungen mit der polizei eine revolution sehen.

ein paar dinge zur klarstellung:
ich bin mir vollkommen bewußt das unter dem schwarzen block sehr viele provokateure der polizei waren, aber eben auch verwirrte anarchokidis, die sich anscheinend vorstellen das anzünden von autos würde das system ins wackeln bringen

ich bin kein pazifist, bin mir bewußt das es auch zu gewalt kommen kann, allerdings nicht mit dieser loosen eoinzelkämpfertaktik der autonomen, sondern nur durch organisierters vorgehen

die bewegung wird erst schlagkräftig wenn massiv arbeiter mitmarschioeren, und nicht nur verwirrte individuen

die gipfel können nur ausdruck des protests sein, der widerstand muß allerdings in der schule, dem betrieb und der uni erfolgen

barrikaden durchbrechende individuen werden nichts erreichen es sind organisierte blöcke gefragt

also ihr superrevolutionären linken macht weiter so und kauft euch später einen bauernhof und macht euch unabhängig von der gesellschafft, die se einfach nicht verstehen will

interessant

sw 23.08.2001 - 15:12
Viele deiner Einschätzungen teile ich nicht, aber insgesammt finde ich deinen Artikel interessant. Bezüglich Überfall des GSF Zentrum ist m.E. das Wichtigste, dass dort alles Beweismaterial (Festplatte, Video, Fotos) zu Polizeiwillkür zerstört/konfisziert wurde. So unorganisiert und "banal" war die Strategie der Polizei nicht.
sw